Deutschland. Ein Wintermärchen

von Heinrich Heine

LP LITERA 8 60 300
Covertext:
Ein Dichter – ein Schauspieler
Berlin, Schumannstraße 13a: „Deutsches Theater“ – ein Zuschauerraum, der schon durch Form und Farbe Lust macht, zu sehen und zu hören; die Bühne, seit 100 Jahren geliebt von allen Schauspielern, die je auf ihr spielen durften, weil sie frei macht und spielerisch, Wahrheit verlangt und ermöglicht, weil man auf ihr dem Publikum ganz nahe sein kann, ohne jene Grenze zu verwischen, die zum Theater gehört.
Auf dieser Bühne spielt der Schauspieler Eberhard Esche seit 1961 Hier spielt er den Lancelot in der Besson-Inszenierung von Jewgenij Schwarz’ „Der Drache“; er spielt Schillers Wallenstein und, vor allem, Hauptrollen in den Hacks-Aufführungen des Deutschen Theaters.
Wenn Heinrich Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“ auf dem Spielplan steht, ist das weite Halbrund der Bühne, begrenzt durch den festen weißen Rundhorizont, leer bis auf ein kleines Tischchen links vorn, nahe der Rampe, auf ihm ein Glas, eine Karaffe (der Tee in ihr sieht aus wie guter Kognac); neben dem Tisch ein schöner Sessel, eins jener Möbelstücke, die Schönheit und Nützlichkeit noch in sich vereinen. Das Wenige hat Stil, Kultur, Atmosphäre – der Dichter, der hier zu Worte kommen soll, forderte „Rosen und Myrthen, Schönheit und Lust / Und Zuckererbsen nicht minder“ und in seinen glücklichsten Lebensmomenten feierte er die enge Verbindung der Revolution mit der Partei der Blumen und der Nachtigallen“ …
Auf der Bühne gleichmäßiges, klares Licht – keine Effekte; der Zuschauerraum bleibt gedämpft beleuchtet – kein Zauber. In der Mitte des Rundhorizonts öffnet sich eine Tür, aus der Bühnentiefe geht der Schauspieler bis zur Rampe, er begrüßt die Souffleuse in ihrem Kasten in der Rampenmitte, er begrüßt die Zuschauer, beglückwünscht sie zu ihrem Entschluß, sich an diesem Abend diesen Dichter anzuhören. Er hat „seinen“ Heine mitgebracht, ein altes Exemplar; er zeigt es, ehe er es auf dem Tischchen ablegt, wohin er in den folgenden achtzig Minuten immer wieder zurückkehren wird, nachschauend, auch lesend, Zäsuren setzend oder einfach die Anwesenheit jenes wunderbaren Buches erinnernd. In all dem ist kein Trick aus der Kiste der „Vortrags- und Redekunst“. Diese persönliche Ansprache der Zuschauer schafft Nähe, Intimität, aber sie orientiert und fordert auch: An diesem Abend ist nicht nur bequem, belustigt oder gerührt zuzuhören. Immer dann, wenn eine Mehrheit des Publikums bereit, offen und fähig ist, diesem Angebot des Schauspielers zu folgen, den Dichter Heine und in seinem deutschen „Wintermärchen“ Vergangenheit und Gegenwart, Geschichte und eigene Erfahrung zu entdecken, funktioniert dieser Abend ganz, entsteht eine elektrisierende Atmosphäre, ein Klima des Miteinander-Denkens, der Freude über die Schönheit und Schärfe der Gedanken, Bilder und Formulierungen, über neu gewonnene Einsicht und Souveränität. Der Assoziationsreiz, der von vielen scharfsichtigen und bissigen Texten nationaler Kritik ausgeht, verendet nicht in der belachten Pointe und Anspielung, sondern wirkt in selbstkritischer Betroffenheit weiter, die wach macht.
In diesem Miteinander von Dichter, Schauspieler und Zuschauer werden Kraft und Klugheit, Schmerz und Hoffnung, empfindliche Subjektivität und enorme Welthaltigkeit dieser eigenartigen Dichtung – Reisebericht, lyrische Selbstäußerung und Epos in einem – erschlossen, erlebt, umgesetzt in unmittelbare und nachwirkende Produktivität. Daß dabei Fragen des heutigen Selbst- und Geschichtsverständnisses bis hin zur Problematik Politik und Kunst, Position und Möglichkeit des Künstlers ins Spiel kommen, versteht sich dann bei Heine von selbst. An solchen Abenden wird auf praktische Weise eine Frage gestellt und, im Rahmen der Möglichkeiten des Theaters, beantwortet, die der Literaturwissenschaftler Hans Kaufmann bereits 1972 so formulierte: „Ohne Zweifel: Der Sozialismus wird in seiner Stellung der Geschichte der menschlichen Kultur durch Heine bestätigt und bekräftigt. Aber werden wir nur bestätigt? – Nicht auch aufgefordert? – Ist Heines Erbe geeignet, harmonisches Selbstgefühl zu verbreiten? – Was kann Heine für uns leisten – oder: Was können wir, gestützt auf ihn, besser leisten?“ Eberhard Esche fordert jenes Miteinander heraus, aber dessen Zustandekommen hängt nicht allein vom Schauspieler ab. Denn Esche hat sich das „Wintermärchen“ nicht ausgesucht, weil es ein Lieferant für rezitatorische Glanznummern ist. So überrascht er sein Publikum auch nicht mit raffinierter Kunstfertigkeit, überrennt es nicht mit Bravourstücken. In gewisser Weise reproduziert er an jedem „Wintermärchen“-Abend den Prozeß der Annäherungen, Entdeckungen, des Sich-selbst-Findens im Dichter und des Über-sich-Hinauswachsens durch den Dichter, der die Arbeit am „Wintermärchen“ für ihn und alle, die helfend daran beteiligt waren, so aufregend und anregend, ja lebenswichtig gemacht hatte. Natürlich ist diese „Reproduktion“ verkürzt und komprimiert – Umwege z. B. sind im Ergebnis aufgehoben, werden nicht nachvollzogen. Und natürlich – diese Schallplatten-Aufnahme, die im Studio entstand, weist es aus – ist Esches Vortrag eine sicher grundierte, präzise und virtuose Kunstleistung, bestimmt von seiner Persönlichkeit, seinem Können und seiner ganz eigenen Fähigkeit, allein eine Bühne und einen Saal zu beherrschen. Aber daß diese Kunstleistung Ergebnis eines leidenschaftlichen persönlichen Denkprozesses ist, daß die Auseinandersetzung mit dem Heine von 1844 eine polistische, künstlerische, „private“ – wer kann das trennen! – Auseinandersetzung mit sich selbst 1974 und darüber hinaus war, das durchdringt seinen Vortrag und macht ihn immer wieder neu zu einem exemplarischen Vorgang. Der Schauspieler vollzieht stellvertretend (und auffordernd), was der Zuschauer tun möchte (und muß) – Selbst-Bestimmung in der Zeit im Umgang mit Kunstwerk und Geschichte. Hier ist eine „Rückblende“ nötig. „Deutschland. Ein Wintermärchen“ steht seit dem Oktober 1974 auf dem Spielplan des Deutschen Theaters, also seit fast sieben Jahren. Wie kam es dazu? Warum Heine? Warum dieses Werk? Warum 1974? Im Frühsommer regte ein Regisseur (Adolf Dresen) Eberhard Esche an, sich mit dem „Wintermärchen“ zu beschäftigen. Aus den Ferien kam der Schauspieler mit einem gründlich durchdachten Vorschlag, sechs Wochen später war die Premiere. Es gab eine Vorgeschichte: Im Dezember 1972 hatte eine kleine Gruppe von Schauspielern (Eberhard Esche, Jürgen Holtz, Hans Peter Minetti, Klaus Piontek, Lissy Tempelhof) und Dramaturgen (Alexander Weigel, Klaus Wischnewski) gemeinsam mit dem Komponisten Reiner Bredemeyer ein Programm erarbeitet, das für die Heine-Ehrung der Deutschen Kommunistischen Partei in der BRD zum 175. Geburtstag des Dichters bestimmt war. (Später wurde es auch im Deutschen Theater gezeigt.) Die Arbeit daran und die Aufführungen gerade im anderen, dem bürgerlich-kapitalistischen deutschen Staat der Gegenwart hatten etwas von einer „Offenbarung“: Sie erbrachten die Neuentdeckung des Dichters als Kronzeuge unserer Geschichte, als Partner bei der Entschlüsselung ihrer nachwirkenden Probleme, als Zeitgenosse – mit anderen und doch unseren Hoffnungen und Ernüchterungen, Aufbrüchen und Schmerzen, Liebe und Haß und, nicht zuletzt die Entdeckung Heines als Anwalt der Kunst in den komplizierten Kämpfen der Zeit. Da war das, was Hegel auf den Begriff brachte „Denn der Mensch ist dies: den Widerspruch des Vielen nicht nur in sich zu tragen, sondern zu ertragen und darin sich gleich und treu zu bleiben.“
„Deutschland. Ein Wintermärchen“ lag danach als Aufgabe nahe: dieses Epos der Abrechnung und Siegessicherheit, der Liebe und des Zorns, geschrieben 1844 in der letzten glücklichen Lebensphase des Dichters – eins mit den praktischen Männern der Revolution, deren Ausbruch und Sieg zum Greifen nahe schien, das Reich der Zuckererbsen und der „Gottesrechte des Menschen“ sicher und das Ende der Preußenadler und Kokarden, der Dunkelmänner und Teutonen und allen altdeutschen Gestanks gewiß; doch in all dem die nüchterne, aktive Skepsis angesichts französischer Bürgerwirklichkeit und deutscher Bürgerfeigheit. Was, wenn nicht dies, soll für einen deutschen Schauspieler 130 Jahre später als aufregendes, forderndes, Blicke und Sinne öffnendes Erbe empfunden und, arbeitend, begriffen werden!
In einer Zeit, da die politisch-soziale Entwicklung in der Welt und in beiden deutschen Staaten für die sozialistische deutsche Gesellschaft ein entschieden revolutionäres, dialektisch fundiertes nationales Selbstverständnis und -bewußtsein zur Forderung des Tages machte – was ein tieferes und differenzierteres Geschichts- und Erbeverhältnis einschließt! –, wurde Heine für Schauspieler und Zuschauer zum „Mann dieses Tages“. Und bleibt es. Dieser Heine mit seiner Zartheit und scharfen Ironie, seinem Schmerz über verlorene und seiner Hoffnung auf jene kommende Revolution, mit seinem Zorn und Spott und Haß auf Reaktion und nationale Mystik, aber auch auf Servilität und Arroganz, Empfindungslosigkeit und Borniertheit jeglicher Couleur und Richtung; dieser Heine, der die „nationalen Erbübel“ namhaft machte als politisch-soziale und sehr persönliche Gebrechen, der schon 1828 schrieb, „… es gibt jetzt in Europa keine Nationen mehr, sondern nur Parteien“; dieser engagierte Dichter, der bekannte: „Denn da das Herz des Dichters der Mittelpunkt der Welt ist, so mußte es wohl in jetziger Zeit jämmerlich zerrissen werden. Wer von seinem Herzen rühmt, es sei ganz geblieben, der gesteht nur, daß er ein prosaisches weitabgelegenes Winkelherz hat. Durch das meinige aber ging der große Weltriß …“
Was wir in Heine 1972 entdeckten, was Eberhard Esche in der Arbeit am „Wintermärchen“ 1974 erlebte und erfuhr, formulierte Hans Kaufmann 1972 so: „Die Revolution bedurfte – so sah es Heine – der Kunst, um gewahr zu werden, wie gründlich und tief sie zu menschlicher Freiheit und Selbstverwirklichung vorstieß, und die Kunst bedurfte der Revolution, um wesentlich, um mehr als müßige Belustigung zu sein. Aber diese Einheit faßte Heine nicht als ein für allemal gültige Weltformel. Bekanntlich hat der Dichter viel Ärgernis erregt durch die Rücksichtslosigkeit, mit der er seine Verhältnisse besprach. Er sah und zeigt sich als einen in Kämpfe Verwickelten und durch Kämpfe Geformten. Er stellte seinen Charakter einschließlich seiner Gebrechen zur Schau und provozierte so den Anstoß, der daran genommen wird. Es handelt sich hier um nichts Beiläufiges, das man am besten mit Stillschweigen übergeht. Denn die Fähigkeit, sich illusionslos zu sehen, ist eine Bedingung der Größe Heines. Was über ihn Nachteiliges zu sagen ist, wissen wir von ihm, er hat es selbst gesagt und auch die Kriterien, es zu beurteilen, mitgeliefert. In der Fähigkeit, sich selbst als historisch bedingtes Individuum, als Schauplatz von Kämpfen zu sehen, bewährt sich sein außerordentlicher historischer Sinn. Dieses Vermögen setzt ihn instand, die jeweils historisch bestimmten Möglichkeiten, Kunst zu schaffen und in den gesellschaftlichen Prozeß einzubringen, theoretisch und praktisch wahrzunehmen. Durch die illusionslose Sicht auf die Gunst und Ungunst der Verhältnisse das Mögliche zu leisten, die durch Zeit, Ort und Gelegenheit gesetzten Grenzen zu erkennen und eben deshalb ideell-ästhetisch weit zu überschreiten – darin war Heine Meister, darin kann und sollte er Lehrmeister sein.“
Der Schauspieler entdeckte im Dichter den Meister und er gibt die empfangene Lehre (= Welt-, Geschichts- und Lebenserfahrung), aufgehoben in der Arbeit, der Kunst und der Persönlichkeit des Schauspielers Eberhard Esche, weiter. Das ist das Geheimnis, das Ereignis dieses „Wintermärchen“-Abends.

Klaus Wischnewski (1981)
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Sprecher: Eberhard Esche

Regie: Cox Habbema
Tonregie: Karl Hans Rockstedt