Deutschland, meine Trauer, Du, mein Fröhlichsein

von Johannes R. Becher
LP LITERA 8 60 148
Covertext:
Unsere Schallplatte vereint zwei anscheinend ganz verschiedene historische Aufnahmen, deren enge Zusammengehörigkeit dennoch offensichtlich wird, wenn man mit ihnen zwei Seiten einer großen Persönlichkeit erlebt, für die Poesie und öffentliches Wirken in der „Verteidigung der Poesie“ eins geworden waren.
Die Matinee des Deutschen Theaters, uraufgeführt 1959 zum 1. Todestag des Dichters, hat ein Jahrzehnt lang in zahllosen Veranstaltungen für den beispielhaften Entwicklungsgang gezeugt, der Johannes R. Becher aus dem reaktionären kaiserlichen Deutschland der Jahrhundertwende durch die Klassenkämpfe der Weimarer Republik und die Nacht des Faschismus in ein Vaterland führte, das er von ganzem Herzen bejahen konnte.

Bechers Verhältnis zu seinem Land ist nirgends schlichter und treffender gekennzeichnet worden als durch Brechts Worte über das Gedicht „Deutschland, meine Trauer, Du, mein Fröhlichsein“, das unserer Auswahl wie der gesamten Matinee den Namen gab. Brecht nannte das Gedicht „schön, weil die Empfindungen des Dichters tief und von edler Art sind, weil er seine Heimat liebt mit Trauer, wenn das Böse in ihr herrscht, und mit Fröhlichkeit, wenn das Gute zur Macht kommt.“ Trauer und Zorn erfüllten tatsächlich durch viele Jahre das Herz des Dichters auf der Suche nach Deutschland, die sein Leben bestimmte. Das Gedicht „Deutschland“ steht ganz am Anfang dieses Suchens. Es spricht von den ersten bitteren Erfahrungen des jungen Bürgersohnes, der sich gelöst hatte von seiner Klasse, unter deren Herrschaft die Heimat zu einem „kalten rechteckigen Raum“ geworden war. Die Sammlung expressionistischer Gedichte und Prosa von 1914, „Verfall und Triumph“, in die Becher das Deutschland-Gedicht aufnahm, ließ bereits ahnen, daß dieser Dichter nicht in der „literarischen“ Revolution steckenbleiben würde.
Der erste Weltkrieg fand ihn von Anfang an unter den Kriegsgegnern. In der jungen bürgerlichen Dichtergeneration, die mit ihm aufgebrochen war gegen die alte Welt, gehörte er zu den wenigen, denen der Übergang gelang von ziellosem Pazifismus zum Kampf um eine bessere Welt. Lenins Ruf „An alle“ erreichte ihn früh und führte ihn an die Seite der Arbeiterklasse. Die Verse „Einer in Deutschland stand aufrecht“ aus dem Gedichtband „Der Leichnam auf dem Thron“ von 1925 zeugen davon, wie kompromißlos Johannes R. Becher seine Poesie in den Dienst des Klassenkampfes stellte. Es steht für viele Gedichte, die den Haß des Gegners herausforderten und dem Dichter eine Anklage wegen literarischen Hochverrats einbrachten.
Seine und seiner Gefährten Kraft reichte nicht aus, die Gefahr des Faschismus zu bannen. Das Gedicht „Barbarenzug“ (veröffentlicht 1939) verrät in seiner erschütternden Vision des Unheils, das über Deutschland kam, wie nahe Becher das Schicksal seines Vaterlandes ging. Wie viele andere mußte er nach dem Reichstagsbrand die Heimat verlassen. Das Gedicht „Die grüne Wiese“ ist sein Abschiedsgruß, schon geprägt von Sehnsucht und Trauer, wie sie die Deutschlanddichtung Bechers während der Emigrationsjahre durchzogen. Das Doppelsonett „Tränen des Vaterlandes Anno 1937“ schuf bei allem Gefühlsgleichklang ein kämpferisches Gegenbild zur Klage des Barockdichters Andreas Gryphius’ über die Leiden des 30-jährigen Krieges. Auch die Verse „Die verlorenen Schätze des Volks“ aus dem Zyklus „Das Holzhaus“ von 1938 leben von der Entschlossenheit, nicht tatenlos in Sehnsucht und Trauer zu verharren, sondern mit Poesie Deutschland und deutsche Menschen gegen die Barbarei zu verteidigen. Der „Septembertag 1939“, mit dem der zweite Weltkrieg begann, und mehr noch der faschistische Überfall auf die Sowjetunion stellten Becher und seine Dichtung auf die härteste Probe seines Lebens: aus Liebe zu seinem Vaterland gegen sein Vaterland kämpfen zu müssen. Deshalb war jener Junitag 1945, an dem er heimkehren durfte, ein Glückstag, die Pforte zum Neubeginn unter Leid und Tränen, wie es das Gedicht „Abschied und Wiederkehr“ sagt. Johannes R. Becher gehörte zu denjenigen, die all ihre Kräfte einsetzten, um den Sinn des Liedes zu erfüllen, das unserer Gedichtfolge den Namen gab: daß aus der Dämmerung nach einer langen Nacht die Schönheit eines neuen Tages erblühen konnte. Das Jahr der Entstehung dieser Verse ist auch das Jahr der Gründung unserer Republik. Die beiden abschließenden Sonette „Es wurde Macht“ und „Wenn eines Tages“ aus dem Band „Deutsche Sonette“ von 1952 spiegeln das Glück, in dieser Republik an einer neuen Menschenordnung mitwirken zu dürfen, ebenso wie die Trauer und Wehmut über den langen Weg, der noch zu gehen ist, bis eines Tages ganz Deutschland befreit sein wird von der Gefahr des Alten, Überlebten.
Johannes R. Becher hielt den Dichter für verpflichtet, an diesem Prozeß tätig teilzuhaben und „die Poesie nicht nur innerhalb ihrer eigenen Grenzen, sondern auch außerhalb ihrer zu verteidigen. Der Dichter muß auch im öffentlichen Leben der Gesellschaft hervortreten und mitbeteiligt sein an der Veränderung der menschlichen Ordnung, damit sie eine solche wird, worin auch die Dichtung den ihr gemäßen Platz findet.“ „Außerhalb“ der Poesie und dennoch erfüllt von ihr, für ihre Interessen eintretend und ihren Geist atmend, so stellen sich Bechers Aufsätze und Reden neben seine Dichtung. Die „Rede über Richard Dehmel“ aus dem Jahre 1912 leitet eine lange Reihe ebenso kluger wie bewegender Ansprachen ein, in denen vor allem die Aufgaben von Kunst und Literatur und die Rolle des Schriftstellers in seiner Zeit zur Debatte stehen. Sei es die programmatische Rede zur Gründung des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller 1928, die der neuen sozialistischen Literatur in Deutschland ihre Richtung wies, sei es die von humanistischem Geist getragene Rede „Im Zeichen des Menschen und der Menschheit“ auf dem Internationalen Schriftstellerkongreß 1935 in Paris oder die erste Rede nach der Heimkehr 1945, „Deutsches Bekenntnis“ – stets geht es um „Verteidigung der Poesie“, um streitbares Engagement für eine neue deutsche Literatur und für eine neue Ordnung, in der diese Literatur gedeihen kann. Die Rede auf dem IV. Schriftstellerkongreß 1956, die unsere Schallplatte im Auszug wiedergibt, ist einer der Höhepunkte in dieser Reihe. Über ein Jahrzehnt zurückliegend und damit schon historisch geworden, wirkt sie so heutig wie kaum ein Wort in unseren Tagen. Wurzeln und Ziele unserer sozialistischen Literatur, ihr Platz in unserer neuen Menschengemeinschaft, ihre Verpflichtung gegenüber diesem Neuen sind gültig formuliert und mahnen, Zeit und Möglichkeiten zu nutzen, die ihr gegeben sind. Es ist nicht zuletzt die Stimme des Dichters, die diese Mahnung so eindrucksvoll werden läßt. Für Becher war jede Rede ein Kunstwerk, dessen sprachliche Gestaltung dazu beitragen sollte, die Menschen zu erreichen und sie zu aktivieren. Es ist kein Zufall, sondern bezeichnend für Becher, wenn auch diese Rede mit einem Gedicht schließt, das poetische und politische Verpflichtung als eine untrennbare Einheit sieht:
„Daß schön die Welt,
erkannte ich beizeiten,
Doch diese Schönheit
gilt es zu erstreiten.“

Ilse Siebert
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Deutschland, meine Trauer (1949)
Gisela May

Deutschland (1912/13)
Herwart Grosse

Einer aber in Deutschland stand aufrecht (1925)
Wolfgang Langhoff

Barbarenzug (1939)
Gisela May, Herwart Grosse,
Wolfgang Langhoff, Otto Mellies


Die grüne Wiese (1933)
Otto Mellies

Tränen des Vaterlandes Anno 1937
Wolfgang Heinz

Septembertag 1939
Inge Keller

Die unverlorenen Schätze des Volkes (1938)
Gisela May

Abschied und Wiederkehr (1946)
Wolfgang Langhoff

Es wurde Macht (1952)
Wolfgang Heinz

Wenn eines Tages … (1952)
Eduard von Winterstein


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Von der Grösse unserer Literatur
Aus der Ansprache zum IV. Deutschen Schriftstellerkongreß, gehalten am 14. Januar 1956 von
Johannes R. Becher

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aus einer Matinee des Deutschen Theaters Berlin