Diaeklektische Liedersprüche

von Jürgen Eger
LP LITERA 8 65 415
Covertext:
Irgendwann ging es mir auf: diese Welt ist voller LiederSprüche! Man kann hinkommen und -schauen, wohin man will. Sie sind überall, in allem sind sie, aus allem werden sie. Schon Marx erkannte, daß die Geschichte eine Geschichte von Sängerkriegen war. Oder so ähnlich. Jedenfalls machen auch wir Geschichte. Tagtäglich.
Unsere heutigen LiederSprüche sind zumeist nicht antagonistisch – wo kämen wir da hin! Früher brachte manchen die Zunge um den Hals (falls Sie verstehen, was ich meine), heute leisten wir uns dies und das, weil wir (uns) etwas leisten wollen und müssen. Apropos Leisten. Dichtersänger, bleib bei dem Deinen! fordert gebieterisch die Stimme der Vernunft, und hüte dich davor, dich selbst allzu ernst zu nehmen. Denn die anderen tun es auch nicht, und da würde man schnell eine komische Figur in der Landschaft des realexistierenden sozialistischen Kulturbetriebes, falls man es nicht schon ist.
Aber zurück zur Welt. Wir wollen und müssen sie erfassen, und jeder, der es schon einmal versucht hat, wird bemerkt haben, daß sie für so kleine Händchen wie die unseren doch ganz schön groß ist. Auch kommt man schnell außer Puste. Aber der Mensch ist erfinderisch. Er neigt von Hause aus dazu, sich das, was er nicht tun kann, wenigstens zu denken. Mit großen Gedanken und einem historisch langen Atem werden wir’s schon schaffen! Und da haben wir rasch noch etwas entdeckt, was uns unbedingt dabei hilft: die Diaeklektik!
Was tun, sprach Zeus – und schrieb Lenin. Was dem einen sein Gott, ist dem anderen sein Klassiker; es kommt in dieser und einigen anderen gewichtigen Fragen auf’s selbe heraus: Was tun müssen wir, denn wer sonst? Aber was? Hier hilft die Diaeklektik! Mit ihr zeigen wir die epochale Tiefe der Verworrenheit und die himmelstürmende Bravheit unseres Alltags auf. Mit ihr machen wir die historische Größe unseres Verssammlungswesens deutlich. (Wie sonst wäre unsere Zeit angenehmer und bedeutender verbracht als mit Verssammlungen?) Mit ihr erkennen wir erst so richtig, wie gut und besser wir schon sind. Und das ist wichtig. Wir wollen keinen Zweifel aufkommen lassen darüber, wer und wie wir sind.
Wollte man freilich von mir eine Definition wissen, würde ich ganz schön dumm aus der Wäsche gucken, denn es gibt keine in den einschlägigen Nachschlagewerken. Und wer weiß schon, ob ich befugt bin, selbst eine zu erfinden? Soviel ist mir aber klargeworden bei meinem jahrzehntelangen Tun: die Klassiker (der Literatur) haben auch nur mit Wasser gekocht, was heißt, daß sie auch nur aus dem ein Kapital schlagen konnten, was sie wußten und hatten, daß sie ganz schön was geleistet haben, sich aber einiges, was wir uns zuweilen leisten, nicht leisteten: Selbstzufriedenheit, Pausenüberziehungen, Eigenlob. Bequemlichkeiten für Kopf und Hintern, diplomatische Freundlichkeiten an die Adressen unserer Gegner (die wir uns leisten müssen!), Unfreundlichkeit gegen uns selbst.
Nicht nur von seinen Freunden kann man lernen, was gut für einen selbst ist; wir schauen uns um in der Welt. Soweit die elektronischen Augen der Nachrichtenagenturen unsere Blicke verlängern. Wir nehmen wahr, was uns fremd ist, und übersehen das Bekannte. Wir wünschen das Begehrte und neigen dazu, das Unerfreundliche nicht zur Kenntnis zu nehmen; man sieht nur, was man weiß!
Wer lehrt uns wissen, was wir haben?
Die Diaeklektik der LiederSprüche dieser langen Platte will genußvoll erkennen machen, wozu wir fähig sind, will treffen, die es betrifft, will teilen und einen, provozieren und versöhnen. Voraussetzung ist, daß sie auf sensible Ohren und Denkapparaturen trifft. Auf den kooperativen dynamischen aufgeschlossenen progressiven Käufer und Genießer, der ein Einsehen hat und haben will in die Läufte dieser Welt und für den ein Angebot an ihn nicht erst dann eines ist, wenn ferne und nahe fremdländische Stimmen es ihm wie beiläufig aufdringlich zuraunen. Warum in die Ferne schweifen …
Wir wissen schon, was wir an uns haben. Und so werden wir auch weiterhin den Umgang miteinander meistern, so oder so, unsere Pläne und Wünsche erfüllen, das Machbare machen. Mal früher, mal später. Der Künstler freilich ist so vermessen, zu meinen, daß ausgerechnet ohne sein Produkt dieses Leben im Hier und Heute schlechthin nicht mehr zu meistern ist und schon gar nicht besser.

Ihr Dichtersänger
|  Seite 1  |

Sicher, wir kamen alle (1980)
Wenn ihr (1983)
Seit Jahr und Tag (1981)
Das Volk möchte belogen werden – Das Volk will nicht belogen werden (1983)
Großer kleiner Trost (1983)
Die Hämmer (1984)
Unbequemer Rückblick ohne Schluß (1983)
Mai, im Jahre IV (nach Brüssel) (1983)
Weißt du noch (1984)
Freunde, gewiß (1983)
Das Jahr 2000 (1983)


|  Seite 2  |

Lied vom Marsch durch die Mühen der ebengegenwärtigen Zukunft (1986)
Ich bin dagegen (1983)
Rose Rose (1986)
Philosophisches Märchen (1985)
Lied eines Stehaufmännchens (1985)
Lob des Sozialismus (1984)
Ballade (nebst einigem notwendigen Kommentar) von der Köchin Simone, die auszog, das Regieren zu lernen (1985)
Morgen (1981)

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Gesang: Jürgen Eger

An diesem LITERA-Produkt wirkten mit: Jürgen Schmidt (Redaktion, Wortregie und Gesamtleitung), der produktiv-kritisch den Finger auf jeden Posten legte

Karl Hans Rocksledt (Ton- und Musikregie), der sein unerbittliches Musikohr mit großer Toleranz gegen den Komponisten und Arrangeur gebrauchte

Christa Blaumann (Schnitt), die mit allen Tricks zur Hand war, die Schwächen des Interpreten auszubügeln, und gerade deshalb mit ihren Meinungen nicht hinterm Berg hielt

Siegfried Jablonski (Digitaleffekte), zuverlässig und einsatzfreudig wie immer

Christian Seidel (Schlagwerk), der freundlicherweise kurzfristig aushalf

Henry Butschka (Percussion), der den Takt schlug, daß sich die ehrwürdigen Studiowände vor lauter Lachen bogen

Alex Procop (Baß, Computerprogrammierung), der liebenswürdig-nachdrücklich darauf hinwies, daß das wichtigste der Baß sei

Lutz Gerlach (Keyboards), der noch nachdrücklicher dem entgegensetzte, daß natürlich die Keyboards das wichtigste seien

Kollektiv (Musikalische Leitung, Diskussionen, Beratungen, Einstudierung), das sich fand und festigte und erfolgreich das Plattenziel erreichte

und

Jürgen Eger (Texte, Kompositionen, Arrangements, Gesang, Gitarre, Step, Ratsche, Sprecher), der sich natürlich bedankt und empfiehlt, voll eitler Hoffnung und zermürbender Ungewißheit …