Die Aula

von Hermann Kant

LP LITERA 8 60 129
Covertext:
Hermann Kant wurde am 14. Juni 1926 in Hamburg geboren. Seine Mutter war eine Fabrikarbeiterin, sein Vater Gärtner in einem städtischen Park, bis er 1933 aus politischen Gründen zum Straßenfeger degradiert wurde. Hermann Kant besuchte die Volksschule. Als er zur faschistischem Wehrmacht eingezogen wurde, hatte er gerade seine Prüfung als Elektromonteur hinter sich gebracht. Im Januar 1945 geriet er in sowjetische Gefangenschaft. Im Lager begann seine politische Erziehung; er wurde Lehrer an der Antifa-Zentralschule in Warschau. Von 1949 bis 1951 erlangte er an der ABF Greifswald die Hochschulreife und studierte anschließend in Berlin Germanistik. In dieser Zeit veröffentlichte er seine ersten Zeitungsartikel und Erzählungen. Er lebt jetzt in Berlin. Für seine publizistischen Arbeiten wurde er mit dem Heinrich-Heine-Preis, für seinen Erzählband „Ein bißchen Südsee“ mit dem Literaturpreis des FDGB und der Erich-Weinert-Medaille und für seinen ersten Roman „Die Aula“ mit dem Heinrich-Mann-Preis ausgezeichnet.



Wir: „Herr Kant, ist ,Die Aula‘ ein Roman?“ Kant: „Zumindest bin ich mit Hilfe eines bestimmten Ausscheideverfahrens zu der Vermutung gekommen: Ja, es wird wohl einer sein.“
Wir: „Dieses Ausscheideverfahren ...“
Kant: „... ist ganz einfach: ,Die Aula‘ ist kein Gedicht, denn erstens ist sie stellenweise geradezu lyrisch, und zweitens ist sie allgemeinverständlich. Für eine Kurzgeschichte ist sie zu pointiert. Wenn sie eine Anekdote wäre, hätte der ,Sonntag‘ sie schon mindestens viermal gedruckt. Ein Bühnenstück kann sie auch nicht sein, denn sie ist ziemlich gegenwartsbezogen. Fernsehspiel entfällt auch – sie hat ja keine Folgen, Fortsetzungen, meine ich, vier, fünf, sieben. Was bleibt uns also, außer dem Roman?“
Wir: „Vielleicht eine Autobiographie? Sehen Sie, dieser Robert Iswall in Ihrem Buch und der Autor desselben haben Lebensläufe, die fast identisch miteinander sind. Sind Sie Robert Iswall?“
Kant: „Zu einem Freund von mir kam ein Germanistikstudent und sagte: ,Guten Tag, Herr Sowieso, Sie sind doch die Figur-Gerd Trullesand aus der Aula, nicht wahr?‘ Mein Freund antwortete, dies sei er keineswegs, er sei vielmehr der Mensch Sowieso aus dem wirklichen Leben. Der Student zog ein Blatt Papier und stellte recht scharfe Fragen: ,Sie waren in China?‘ – ,Nein, ich war niemals in China.‘ – ,Aber Sie haben Sinologie studiert?‘ – ',Nein, Philosophie und Biologie.‘ – ,Und Ihre Frau, ist die Ihnen von der Partei verordnet worden?‘ – ,Nein, die hab ich mir selbst ausgesucht, und die Partei hab ich mir auch selbst ausgesucht.‘ – ,Hm‘, sagte der Student und ging, aber, so sagt mein Freund, in seinem Gesicht stand deutlich zu lesen: ,Zumindest hat dieser Kerl so schwarzes krauses Haar wie der Trullesand in der Aula!‘“
Wir: „Die Handlung des Romans ist also pure Erfindung?“
Kant: „Kann man auch wieder nicht sagen. So erzählt das Buch die Geschichte von der Eroberung der Universität, der Wissenschaft, der Bildung, der Kultur durch die Kinder der Arbeiter und Bauern, und das ist keine von mir erfundene Geschichte, das ist Geschichte, glanzvolle Wahrheit und Wirklichkeit, und ich war dabei, und da haben Sie auch Ihr Autobiographisches. Es ist ein bißchen wie mit meiner ersten Erzählung und dem Urteil meiner Mutter.“
Wir: "Sie sprechen von ,Krönungstag‘?“
Kant: „Ja, im ,Krönungstag‘ geht es um kaum mehr als um ein Kinderfest und die von ihm ausgelöste Turbulenz in einer Arbeiterfamilie. Dies und das in der Geschichte hatte ich wirklich erlebt, aber im ganzen war es schon so, wie meine Mutter mir schrieb, nachdem sie die Erzählung gelesen hatte. Sie schrieb: ,Doch, das ist ganz nett, das hat mir schon gefallen, nur eines ist ja ganz schrecklich: Du bringst ja alles durcheinander!‘ Sie bewies mir, daß ich Örtlichkeiten durcheinander gebracht hatte, Zeiten, Figuren gar, aus drei Leuten eine Figur gemacht oder drei Figuren aus einem Menschen, den wir beide gekannt hatten. So hatte sie recht. Ich glaube, Literatur ist eine Art von produktivem Durcheinanderbringen, De- und Remontage von Wirklichkeit und Entwurf von Wirklichkeit, und was hier abgerissen, was verworfen, was wiederverwendet, was neu gefertigt wird, das wird bestimmt von den Erfahrungen und Überzeugungen, von Charakter, Disziplin, Bildung, Bindungen, Narben und Träumen des Autors.“
Wir: „Dürfen wir noch einmal auf die ,Aula‘ und damit auf die Schallplatte, auf der Sie aus dem Roman lesen, kommen? Sie lesen verschiedene Stücke. Warum gerade diese, und müßte man nicht zum Verständnis doch wenigstens im groben die Gesamthandlung erzählen?“
Kant: „Ich glaube nicht, daß es viel Sinn hätte. Die Platte will ja nicht das Buch ersetzen. Aber immerhin, soviel könnte man sagen: Der Roman erzählt die Geschichte eines Mannes, Robert Iswall, der anläßlich der Schließung jener Arbeiter-und-BauernFakultät, deren Absolvent er dreizehn Jahre zuvor gewesen ist, eine Rede halten soll, eben über die ABF und seine Zeit an ihr. Die Frage lautet nur: Was sagt man denn über jene Zeit in dieser Zeit, über jene Menschen vor diesen Menschen, über Leute mit jenen Problemen vor diesen Leuten mit diesen Problemen; wie sagt man es; was hebt man hervor, was drückt man beiseite; was müßte unbedingt, was sollte auf keinen Fall gesagt werden; wie bringt man die Wahrheit in diese Rede, die Siege und die Niederlagen; ist Stolz erlaubt; darf es ein bißchen witzig sein? Ein Rednerproblem. Und indem Robert Iswall sich mit ihm plagt, entsteht eine Geschichte. Es ist eine von mir erdachte Geschichte, und erzählt habe ich sie so und so, und was auf dieser Platte zu hören ist, sind Proben von diesem So und von jenem.“
Leser: Hermann Kant

von Herman Kant
Auswahl für die Schallplatte von Uwe Kant

Regie: Renate Thormelen
Der Roman erschien im Verlag Hütten & Loening Berlin