Die betrunkene Sonne
Ein Molodram für Kinder für Sprecher und Orchester

von Tilo Medek
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Drei Tierfabeln

für kleine und große Kinder für Sing-,
Sprechstimmen und Orchester

von Joachim Turm
nach Dichtungen von La Fontaine
LP NOVA 8 85 019
Covertext:
„Natürlich bekam die Sonne einen Schluck Bier in den Mund. Noch nie in ihrem Leben hatte die Sonne Bier gekostet! Immer wieder trank sie einen Schluck, und nach dem fünfundzwanzigsten fing sie an zu singen:
Spaß muß sein,
Bier schmeckt fein!
Schlafengehn ist nicht schön.
Lieber bin ich munter
und gehe noch nicht unter.“

Die reizvolle Auseinandersetzung des kleinen Paul mit der betrunkenen Sonne, das märchenhafte Bezwingen auf seltsame Weise durcheinandergeratener Naturgegebenheiten, die reiche Poesie dieser Geschichte von Sarah Kirsch haben Tilo Medek zu einem Melodram für Kinder angeregt.
Das Werk entstand im Auftrage des Theaters der Stadt Brandenburg und wurde dort am 15. Januar 1969 uraufgeführt.
Mit Wort und Musik wird „der Vorabend des 1. Mai auf eine phantastische Spielebene gehoben und gezeigt, daß auch die Phantasiewelt unserer kleinen Bürger eine andere geworden ist – geborgen vor Furcht und Elend lassen sie die Sonne am 30. April ein über mütiges Spiel treiben.“ (Tilo Medek)
Etwas von dem Wunderbaren, das die Märchenwelt in sich birgt, ist die Bewältigung von Hindernissen. Unmögliches wird hier möglich – so – wie für uns heute Unvorstellbares einmal Wirklichkeit werden wird.
Mit seiner heiteren Tonsprache erreicht Medek den kleinen wie den erwachsenen Hörer. Er verwendet eine Fülle musikalischer Bilder, seien es die Bierwellen, das Vorfahren der Feuerwehr, das Hinunterrutschen der Sonne auf der Feuerwehrleiter oder das beinahe grotesk gestaltete „Hurra!“ der aufatmenden Bürger des Städtchens.
Er schildert musikalisch die Klage der Eule (in Flöte und Klarinette), den Professor von der Wetterwarte (in Baßklarinett und Holzbläsern und das aufgeregte Gespräch Pauls mit dem Professor (Flöte).
Tilo Medek möchte zeigen, wie verschieden bestimmte Vorgänge durch die Musik gestaltet werden können. So erscheinen die Fahrten Kutscher Silberschaums mit seinem Bierwagen immer wieder in anderem Gewand, An anderen Stellen benutzt Medek gleiche musikalische Wendungen für verschiedene Situationen.
Wenn beim Durcheinander in der Stadt das ganze Orchester musiziert, wird an die Musik erinnert, die erklang, als Silberschaums Pferde durchgingen.
Ähnlich ist es bei dem von lustigen Einfällen sprühenden Galopp, der zuerst beim Munterwerden der Sonne (in den Holzbläsern), später zum Herbeirufen der Feuerwehr, (in den Streichern) gespielt wird. Thematisch verwandt ist das Fanfarensolo Pauls (Trompete) mit dem Lied der Sonne (Flöte) Das Klarinettenduo, das sich nach und nach mit Holzbläser und Streichern vereint, deutet bereits das freundliche Gespräch Pauls mit der Sonne und den guten Ausgang der Sache an.
Deutlich heben sich die Soloinstrumente von den übrige Instrumentengruppen ab, dabei verwendet der Komponist häufig Verbindungen einzelner Holzblasinstrumente mit den Streichern.
Liebevoll zeichnet er die Poesie der Geschichte nach, zum Beispiel, wenn die Sonne zum ersten Mal in ihrem Leben vom Bier nippt, und wenn sie sich später deswegen schämt und untergehend von den Wellen zugedeckt wird. Mit einer zarten, feierlichen Melodie bringen Flöte und Streicher die Freude über den geretteten Festtagsvorabend zum Ausdruck.
Was der Erzähler so beschaulich schildert, wird in den beschwingten Klängen des Blasorchesters lebendig:
„Aber das Schönste am Abend war das Trompetensolo vom kleinen Paul, So schön hatte er noch nie gespielt. Denn er spielte für die Lampions, die im Wind schaukelten, für die Sonne, die morgen wieder aufgehen würde für den Mond, der bequem in weißen Wolken saß, für die Eule, die Kinder und die Erwachsenen ...“
Tilo Medek, 1940 in Jena geboren, ist freischaffend in Berlin tätig. Er studierte Musikwissenschaft und Psychologie an der Humboldt-Universität und Komposition als Meisterschüler bei R. Wagner-Regeny. Medek schrieb neben seiner Kurzoper „Einzug“ (nach I. Babel) und dem Singspiel „Icke und die Hexe Yu“ (M. Streubel) überwiegend Stücke für Orchester, Kammermusik, Klavierwerke und etwa 150 Lieder. Ein Teil seiner Hörspielmusiken ist für Kinder bestimmt.

Warum lesen wir so gern Märchen? Weil sie am Beispiel von Menschen, Tieren und Zauberwesen zeigen, wie sich das Gute durchsetzt und alles Unrechte bestraft wird.
Ähnlich geht es in Tierfabeln zu.
Sie zeigen an typischen, aber kurzen und geradlinigen Handlungen falsches Verhalten und lassen den Klügeren das letzte Wort sprechen.
Zu den Meistern der Fabel gehört der französische Klassiker Jean de La Fontaine (1621 -1695), dessen „Fables“ die französische Gesellschaft des 17. Jahrhunderts satirisch widerspiegeln.
Diese Fabeln vor allem Jugendlichen in einer amüsanten Musikform nahezubringen, ist das Anliegen Joachim Thurms in seinen „Drei Tierfabeln nach La Fontaine für kleine und große Kinder“.
1964 wurde dieses Werk vom Orchester des Hans-Otto-Theaters Potsdam unter Leitung von Günther Herbig uraufgeführt.
Joachim Thurm, Dozent für Musiktheorie und Gehörbildung an der Franz-Liszt-Hochschule in Weimar, wo er selbst von 1948 bis 1954 Komposition (bei O. Gerster und J. Cilensek) sowie Klavier und Kirchenmusik studierte, ist bereits durch viele Kinder- und Jugendlieder, Kammermusik und Orchesterkompositionen wie die „Sinfonia piccola“, die „Orchestermusik 1965“ und „Moments musicaux für elektronische Klänge und Musikinstrumente“ bekanntgeworden.
Um die lebhafte, geistreich-witzige Dialogführung und die Prägnanz in der Aussage La Fontaines hervorzuheben, läßt Thurm die Fabeln von zwei sehr variabel eingesetzten Sprech- und Singstimmen (Mezzosopran und Bariton) und Orchester interpretieren.
Der Komponist schreibt über die Musik:
„Sie soll den Scharfblick, die Weltkenntnis und die Liebenswürdigkeit des Dichters unterstreichen; sie tut es, indem sie den Text illustriert, kommentiert und parodiert. Gelegentlich auftretende gassenhauerische Melodiebildungen, Anklänge an vorklassische Musik, opernhaft anmutende Passagen können nur ironisch verstanden werden. Es ging mir darum, einen der Leichtigkeit, Verständlichkeit und Treffsicherheit La Fontaines entsprechenden Ausdruck zu finden.“
Über La Fontaines Fabeln wurde einmal gesagt, daß die ganze Natur ..., Tiere und Menschen in ihnen lebendig werden. Thurms Musik nun veranschaulicht nicht nur das Geschehen, sondern durchleuchtet jede Zeile und läßt ihren Gehalt deutlich werden.
So finden wir in der ersten Fabel eine klare Gegenüberstellung der beiden Streitenden. Mit einer frechen Melodie wird das Wiesel, mit steifen Rezitativfloskeln und pathetischem Überschwang das etwas dümmliche Kaninchen charakterisiert.
Aus den gleitenden Akkorden und der wiederholten Einleitungsmusik klingt das nachsichtige Schmunzeln des Überlegenen.
Diese Haltung bestimmt auch die Musik zur Fabel „Der Wolf als Schäfer“.
Während im Märche der gefräßige hinterhältige Wolf im Schlafe doch noch von der „Geiß“ und ihrem jüngsten Kind überlistet wird, kommt er in dieser Fabel erst gar nicht dazu, Unheil zu stiften, weil er sich durch seine Dummheit selbst verrät.
Die Posauneneinwürfe inneihalb der friedvollen Pastorale (Hirtenweise) deuten die Aussichtslosigkeit des Unternehmens, den Widersinn der Verstellung schon an. Wieviel gutmütiger Spott liegt zum Beispiel in dem falschen Dudelsackspiel des Wolfes, in der Textuntermalung „Und wenn er je gehabt im Schreiben Unterricht ...“ und in musikalischen Bildern wie dem des schlafenden Herrn Guillot! Ein furchtbarer Orchestertumult setzt ein, wenn der Wolf gehörig verprügelt wird, und nach der Moral von der Geschicht“ scheint die Posaune nur noch zu sagen: „Da hast du’s!“
Sicher und treffend wird die Musik auch in der dritten Fabel eingesetzt: Während sich der gernegroße Frosch mehr und mehr aufbläst, crescendiert das Orchester bis zum trocken markierten Knall, um in zwei klägliche Töne der gedämpften Trompete zu münden.
Zum moralisierenden Kommentar La Fontaines schlägt Joachim Thurm wieder den Gassenhauerton der ersten Fabel an und weist damit auf die Überwindbarkeit solcher Erscheinungen hin.
Es ist eine Musiksprache, die sich anspruchsvoller Bezüge bedient und durch ihre textliche Gebundenheit zugleich verstehen hilft. Zum geistreichen Spaß gesellt sich höchstes Vergnügen an der künstlerischen Gestaltung.

Hannelore Gerlach (1972)
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DIE BETRUNKENE SONNE
Ein Melodram für Kinder für Sprecher und Orchester

Sprecher: Gerry Wolff

Melodram von Tilo Medek
Text: Sarah Kirsch
Verlag: VEB Edition Peters, Leipzig
Wortregie: Albrecht Surkau


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DREI TIERFABELN
für kleine und große Kinder nach Dichtungen von
La Fontaine für Sing-, Sprechstimmen und Orchester

Das Wiesel, das Kaninchen und die Katze
Der Wolf als Schäfer
Der Frosch und der Ochse


Musik: Joachim Thurm
Berliner Rundfunk-Sinfonie-Orchester
Dirigent: Günther Herbig
Ingeborg Springer, Mezzosopran
Siegfried Lorenz, Bariton
Verlag: Internationale Musikbibliothek, Berlin

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Musikregie: Reimar Bluth
Tonregie: Eberhard Richter