Die Gerechten von Kummerow

von Ehm Welk

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LP LITERA 8 60 114
Cover:
Allein der Titel sagt es: Die Gerechten folgten dem berühmten Bestseller-Beispiel, fünf Jahre später zwar, doch mit vollständigem Figurenensemble und vertrauter landschaftlicher Kulisse: Der naiv-kluge Martin Grambauer – ein Abbild wohl des jungen Ehm Welk -, der ewig hungrige Nachtwächterenkel Johannes Bärensprung, Krischan Klammbüdel, liebenswerter Hirte für junge Menschen und Tiere, Superintendent Sanftleben, Pastor Breithaupt, der geistliche Herr und schließlich Kantor Kannegießer und Vater Grambauer: freundlich – weise der eine, atheistischer Dorfphilosoph der andere, sie alle Gestalten aus den „Heiden von Kummerow“, Millionen von Lesern wohl bekannt. Sie agieren wiederum vor dem derweil historisch gewordenen Hintergrund eines norddeutschen Dorfes vor dem ersten Weltkrieg, wo sich im Bewußtsein der Menschen trotz aller Verdikte aus der Kirche und aus dem Schloß die Überlieferunge der heidnischen Ahnen erhalten haben, so daß die Kinder in ihrem Paradies Scheinsiege davontragen: so etwa, wenn ein Junge, Bärensprung nämlich aus dem Armenhaus bei der Heidentaufe – einem wagemutigen Wettstehen im frühlingskalten Mühlbach - König wird, ohne daß sich eine Königin findet, oder wenn der heimatlose Kuhhirte und phantasiebegabte Schnurrenerzähler Krischan vor obrigkeitlichen Übergriffen beschützt werden soll. Kummerow hinter dem Bruch, eine in der deutschen Literatur spezifische und unverwechselbare poetische Landschaft, von dem Dichter Ehm Welk gefertigt aus Erlebnis und Erinnerung. Dennoch: wie in allen Büchern Welks wird keinem zeronnenen Traum nachgegangen. Vielmehr variiert er sein Thema.
Obwohl von kleinlicher Mißgunst umgeben, in Jahrhunderten von Nachbarn und guten Freunden geschürt, begrenzt und zugleich diskreditiert von herkömmlicher Gewohnheit, das sind die Heiden von Kummerow, die unbequemen Frager nach dem Warum in der Welt. Und wenn Ehm Welk an einer Stelle seines Buches sagt, es sei wahrlich nicht so, daß die Gerechten nun die gleichen wären wie die Heiden, dann auch deshalb, weil ihr Wissen von den Kräften, welche den Gang der Welt bestimmten, sehr unzulänglich war. Insofern neigt Ehm Welk zu jener Theorie, die da sagt, objektive Maßstäbe liefere die Zeit, und wer das Gestern und Vorgestern vergleiche, neige weniger zu Uberschätzung. So und nicht anders sind die seltsamen Anschauungen des Gottlieb Grambauer zu verstehen, der da meint, wer für die Armen stiehlt, tut nichts Böses. Damit entschuldigt er nicht nur den Armenhausjungen Johannes Bärensprung, sondern auch sich selbst. Von dort her wird auch verständlich daß Pastor Breithaupt und Junker Runkelfritz trotz anmaßenden Auftretens zur Einflußlosigkeit verurteilt sind. Religiöse und gesellschaftliche Ketzerei, Heidentum und Gerechtigkeit gehören eben zusammen. Und Kummerows Dorfjugend hütet das Prinzip der Gerechtigkeit. Bei den Kindern wiegen Intelligenz und Mut schwerer als Besitz und Herkommen. So werden alle Vorgänge von menschlicher Güte geprägt, nicht nur die großen heiteren Partien, sondern auch die dunklen Teile; lächelndes Verständnis für die schein bar unabwendbaren Gegebenheiten. Wichtiges davon bringt diese Schallplatte: Vaterschaft und der schönste Monat des Jahres, die Austköst im mit Girlanden und Kränzen geschmückter Malzkeller, das auf Leben und Tod gehende Kartoffel-Duell bis zur Kampfunfähigkeit, ein Kinderchor mit „Kommt ein Vogel geflogen“ zu Pastor Breithaupts Geburtstag und endlich Gottlieb Grambauers eigenwillige Darstellung von der linken Hand, die nicht wissen darf, was die rechte tut.
Ehm Welk hat einmal viel später, in unseren Tagen, davon gesprochen, daß er die Kummerows schrieb als eine Art individuellen Protests gegen Ungemach, Niedertracht und Sorge, als eine scheinbare Übermacht, die Gegenwart zu zerrütten und Zukunft zu verstellen drohte. Und er sagte: „Ich ließ die Ünzulänglichkeiten stehen und ging den Weg zurück ins Land meiner Kindheit.“ Verständlich denn die „Gerechten von Kummerow“ wurden 1942/43 geschrieben. Welk, am 29. August 1884 in diesem Land seiner Kindheit geboren, im uckermärkischen Dorf Biesenbrow, kannte Landschaft und Menschen. Deshalb war es nicht anders denkbar, daß sich Autobiographisches mit Kritischem vermischte. Ehm Welk, ab 1928 Chefredakteur der „Grünen Post“, damals Deutschlands auflagenstärkstes Wochenblatt, kritisierte 1934 öffentlich den Faschismus: Er wird verhaftet und ins Konzentrationslager Oranienburg gebracht. Proteste ausländischer Journalisten führen seine Entlassung herbei, doch striktes Schreibverbot ist die Folge. Jahre später gestattet man ihm das Schreiben belletristischer Bücher. So entstehen die „Kummerows“.
Als Protest.
Als Möglichkeit.
Und wenn Sie auf dieser Schallplatte noch einmal die Stimme Ehm Welks hören können, der Journalist, Stückeschreiber und Erzähler starb am 19. Dezember 1966 im 83. Lebensjahr, dann ist dies nicht nur eine neue persönliche Begegnung mit dem Dichter, vielmehr hören Sie auf diesem inzwischen historisch gewordenen Dokument sein literarisches und menschliches Bekenntnis, das da lautet: Im Ungemach hat er sein Herz befragt und ein Echo vernommen. Das Paradies der Menschen hat immer nur dort gelegen, woher der unzerstörbare Zauber weht, der stark genug ist, die Hoffnung auf ein besseres Morgen zu erhalten und das Leben bis an sein Ende zu beglänzen, also an den Stätten, wo unser Herz jung war. Mit dieser Hoffnung schrieb er „Die Heiden von Kummerow“, damals ein Anfang für ihn. Die Gerechten folgten.

Konrad Reich
Erzähler: Hanns Anselm Perten
Grambauer: Erwin Geschonneck
Superintendent: Adolf-Peter Hoffmann
Pastor: Kurt Böwe
Pastorin: Brigitte Lindenberg
Kantor: Karl Brenk
Dübelkow, Kapellmeister: Detlef Witte
Graf: Horst Preusker
Gräfin: Else Sanden
Martin: Peter Groeger
Hermann: Horst Buder
Johannes: Wolfgang Ostberg
Eberhard: Wolfgang Hübner
Maximilian: Gerd Andreae
Ulrike: Ruth Schröder
Jutta: Ursula Genhorn
Junge: Harald Popig


von Ehm Welk
Auswahl, Bearbeitung: Dieter Scharfenberg, Konrad Reich

Musik: Gerhard Bautzmann
Instrumentalgruppe
Leitung: Gerhard Bautzmann

Regie: Theodor Popp
Regie-Assistenz: Manfred Täubert