Die Gewehre der Frau Carrar

von Bertolt Brecht
LP LITERA 8 60 081
Covertext:
Das Stück, ein Einakter, wurde 1937, im ersten Jahre des spanischen Bürgerkriegs, für eine Schauspieltruppe deutscher Emigranten in Paris geschrieben, und dort, unter der Regie von Slatan Dudow, am 16. Oktober 1937 uraufgeführt. Die Teresa Carrar spielte Helene Weigel, und sie spielte sie wieder in der Aufführung einer Laienspielgruppe von Emigranten in Kopenhagen, fast auf den Tag genau ein Jahr danach, am 15. Oktober 1938.
Vierzehn Jahre später, am 16. November 1952, stand die Weigel in der Rolle der andalusischen Fischerfrau abermals auf der Bühne: in den Kammerspielen des Deutschen Theaters, mit Schauspielern des von ihr und Bertolt Brecht 1949 gegründeten Berliner Ensembles.
Die vorliegende Aufnahme (Bandaufzeichnung aus dem Archiv des Berliner Ensembles) basiert auf einer vom Berliner Rundfunk im Januar 1953 gesendeten Hörspielfassung dieser Inszenierung. Sie ist ein historisches Dokument: der Theaterarbeit Brechts in der Entwicklung des Berliner Ensembles und des künstlerischen Rangs der Schauspielerin Helene Weigel.

Die Fabel des Stücks, das in einer der Nächte des April 1937 in einem andalusischen Fischerhaus spielt, hat Brecht einmal folgendermaßen notiert: 1. Szene: Teresa Carrar, Witwe eines bei einem Aufstand gefallenen Fischers, überwacht beim Brotbacken und Netzflicken ihre zwei Söhne, die zur Front wollen, um gegen die Faschisten zu kämpfen. 2. Szene: Ein Arbeiter, Pedro Jaquéras, kommt von einem Frontabschnitt, wo gegen Francos Generäle gekämpft wird. Seine Schwester Teresa Carrar empfängt ihn mit Mißtrauen. 3. Szene: Eine Miliz-Soldatin, Manuela, Freundin von Teresa Carrars ältestem Sohn Juan, beschuldigt Frau Carrar, sie sei für Francos Generäle, weil sie Juan von der Front fernhält. 4. Szene: Pedro Jaquéras sucht Carlo Carrars Gewehre, wird aber unterbrochen durch die Ankunft des Dorfpfarrers den Frau Carrar in der Hoffnung geholt hat, er könnte ihren Bruder und ihren Sohn überzeugen, daß die verschont werden, die nicht kämpfen. Der Pfarrer enttäuscht Frau Carrar. Pedro bringt ihn zum Schweigen. 5. Szene: Der Arbeiter findet und prüft Carlo Carrars Gewehre. Frau Carrar verlangt ihr Eigentum zurück und versteckt die Gewehre wieder. Die Zerreissung der roten Fahne. 6. Szene: Frau Perez, deren Tochter gegen Franco gekämpft hat und gefallen ist, will Frau Carrar trösten, wird aber von ihr beleidigt. 7. Szene: Mit List und Gewalt sucht Frau Carrar ihren Sohn von der Front zurückzuhalten. 8. Szene: Fischerleute bringen Frau Carrar ihren Sohn in ihre Stube: Er ist beim Fischen von den Faschisten abgeschossen worden, Frau Carrar fordert jetzt ihren Bruder und ihren Sohn auf, die Gewehre herauszunehmen. Sie geht anstelle. Juans mit an die Front.


Die Schauspielerin im Exil

Jetzt schminkt sie sich. In der weißen Zelle
Sitzt sie gebückt auf dem ärmlichen Hocker
Mit leichten Gebärden
Trägt sie vor dem Spiegel die Schminke auf.
Sorgsam entfernt sie von ihrem Gesicht
Jegliche Besonderheit: die leiseste Empfindung
Wird es verändern. Mitunter
Läßt sie die schmächtigen und edlen Schultern
Nach vorn fallen, wie die es tun, die
Hart arbeiten. Sie trägt schon die grobe Bluse
Mit den Flicken am Ärmel. Die Bastschuhe
Stehen noch auf dem Schminktisch. Wenn sie fertig ist
Fragt sie eifrig, ob die Trommel schon gekommen ist
Auf der der Geschützdonner gemacht wird
Und ob das große Netz
Schon hängt. Dann steht sie auf, kleine Gestalt
Große Kämpferin
In die Bastschuhe zu treten und darzustellen
Den Kampf der andalusischen Fischersfrau
Gegen die Generäle.

Bertolt Brecht


Unter den Berichten über die Aufführungen, den Beschreibungen des Spiels finden sich bemerkenswerte Zeugnisse:

Anna Seghers – Helene Weigel spielt in Paris
Endlich in diesem Winter hat die Weigel wieder spielen können. Alles war da – nichts war vertan worden, nichts verloren gegangen von ihrer Begabung und ihren Kenntnissen. Immer noch diese genaue, nur einen einzigen unabwendbaren Schluß zulassende Stimme: „ Gott hat den Menschen Berufe gegeben, mein Sohn ist Fischer.“ Und als der Sohn sagt: „Wenn es nach mir ginge“, antwortet die Weigel mit ihren fünf einsilbigen Worten, wie man ein Nägelchen einschlägt: „Es geht nicht nach dir.“ Daß die Weigel das spielen konnte, das verdankt man nicht nur ihr und nicht nur Brecht, sondern vor allem auch der Truppe. Diesen paar jungen Genossen, welche vollständig verstanden, worauf es bei dieser Sache ankam. Brecht hatte für diesen Abend sein Stück geschrieben „Die Gewehre der Frau Carrar“. Diese Frau will nicht mit den Gewehren herausrücken, die ihr in den asturischen Kämpfen tödlich verwundeter Mann noch irgendwo im Hause versteckt hatte. Wie alle Mütter sträubt sie sich dagegen, daß Geborenes getötet werde. Weder will sie dem Bruder die Gewehre geben, noch die Knaben gegen Franco lassen. Bis ihr ältester Sohn, den sie vom Töten abhält und fischen schickt, von den anderen im Boot beim Fischfang getötet wird, bloß weil er ihnen durch seine armselige Mütze als Feind kenntlich ist. Brecht selbst sagt über sein Stück, es sei unexperimentelles, echtes, altes, handfestes Theater. Jedenfalls war es das Stück, das bitter nötig war. Endlich nämlich war ein Stück da. Man konnte es spielen, man konnte in Paris deutsches Theater hören. Es war unser Stück, gespielt für uns und von uns. Alle Menschen, die zuhörten, verstanden jedes Wort und jede Pause zwischen den Worten. Ich hörte jemand sagen: Und sogar der Kanonendonner – komisch, aber mir war genau so, als wie ich zum erstenmal als kleiner Junge auf der Bühne donnern hörte.“ Ein anderer erwiderte: „Lieber Freund, Paris ist gar nah von Spanien.“
1938

Martin Andersen Nexö – Die Gewehre der Frau Carrar
Brechts Stück ist einfach und geradezu wie ein Märchen von H. Ch. Andersen. Es enthält auf die gleiche Weise all das Wesentliche – das ganze Dasein, wie wir es heute erleben. Brecht, als der bedeutende Dichter, der er ist, besitzt die Fähigkeit, scheinbare Kleinigkeiten zu großen Symbolen umzuschaffen. Da ist die schäbige Mütze. Ihretwegen hat der Sohn das Leben lassen müssen. Es ist ihr Anblick, der Frau Carrar, aus einer „Hühnermutter“ zu einer Kämpferin macht. Es liegt ein großes Gewicht darin: die Mütze – Lenins Kopfbedeckung! Und die der Arbeiter der ganzen Welt! …
1939

Bertolt Brecht – Abstieg der Weigel in den Ruhm
Jedoch war es nicht ihre Absicht, ihre eigene Größe zu zeigen, sondern die derer, die sie darstellte. Sie geriet in Verlegenheit, als eimal einer, um ihr zu schmeicheln, sagte: „Du spielst nicht diese Mutter aus dem Volk, sondern du warst sie.“ „Nein“ sagte sie schnell, „ich spielte sie, und sie muß dir gefallen haben, nicht ich.“ Und in der Tat, wenn sie zum Beispiel eine Fischersfrau spielte, die ihren Sohn im Bürgerkrieg verliert und sich dann selber zum Kampf gegen die Generäle erhebt, so machte sie jeden Augenblick zu einem geschichtlichen Augenblick, jeden Ausspruch zu dem berühmten Ausspruch einer geschichtlichen Persönlichkeit. Dabei war alles völlig natürlich und einfach vorgebracht. Diese Einfachheit und Natürlichkeit war es gerade, was diese neuen geschichtlichen Persönlichkeiten vor den alten auszeichnete. Gefragt, wie sie es anstelle, die Unterdrückten, die sich zum Kampf erheben, so edel darzustellen, antwortete sie: „Durch genaueste Nachahmung.“ Sie verstand es, den Menschen nicht nur Gefühle, sondern auch Gedanken zu erregen, und dieses Denken, das sie erregte, war ihnen ganz und gar genußvoll, bald eine heftige, bald eine sanfte Freude …
1939/40

Die zitierten Texte sind Auszüge aus folgenden Veröffentlichungen: Anna Seghers, Helene Weigel spielt in Paris, „Internationale Literatur“, Heft 4/1938 – Martin Andersen Nexö, Fru Carrars Gevaerer, „Arbejderbladet“, 18. 2. 1939 – Bertolt Brecht, Abstieg der Weigel in den Ruhm, aus „Der Messingkauf“ (1939/40), Schriften zum Theater, Band 5, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main, und Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1964.

Das Gedicht „Die Schauspielerin im Exil“ ist Helene Weigel gewidmet. Es steht im Band 4 der „Gedichte“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main und Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1964. Die Fabel, Bertolt Brecht-Archiv, Berlin.
Frau Carrar: Helene Weigel
José – ihr Sohn: Ekkehard Schall
Pedro – ihr Bruder: Erwin Geschonneck
Ein Verwundeter: Erich Franz
Manuela: Regine Lutz
Der Padre: Norbert Christian
Die alte Frau Perez: Angelika Hurwicz
Erster Fischer: Friedrich Gnass
Zweiter Fischer: Harry Gillmann
Sprecher: Joseph Noerden

Regie: Egon Monk
Regieassistenz: Isot Kilian
Künstlerische Leitung: Bertolt Brecht

Redaktion: Joachim Tenschert