Die Grünstein-Variante

von Wolfgang Kohlhaase
LP LITERA 8 65 432
Covertext:
Paris 1939. In der Zelle eines Untersuchungsgefängnisses sitzen drei Männer in Abschiebehaft. Der deutsche Seemann Lodek, ein begeisterter Schachspieler, ein Grieche von der Insel Korfu, der zu dem ehemaligen deutschen Kaiser nach Doorn will, um für ihn zu kochen, und der jüdische Schlächter Grünstein aus Polen, der wegen einer Erbschaft nach Paris gefahren ist. Man hat ihnen mit einem Trick ihre Pässe abgenommen, um sie dann durch den nächsten Beamten als nicht identifizierbare Personen verhaften und ausweisen zu können. Über die Dauer von mehreren Wochen sitzen die drei Männer, zur Untätigkeit gezwungen und ohne zu wissen, was mit ihnen geschehen wird, in der Zelle.
Aus Langeweile bringt Lodek dem Juden Grünstein das Schachspielen bei. Die Figuren werden aus Brotteig geformt, das Brett in den Zellentisch gekratzt. Grünstein, ein zurückhaltender, aber kluger und gewitzter Mensch, gewinnt nach vielen Niederlagen endlich gegen Lodek mit einem genialen, selbstentwickelten Zug, den Lodek die „Grünstein-Variante“ nennt.
Eines Tages verläßt Lodek für immer die Zelle. Allein er wird den Krieg überleben. Sein Leben lang wird er nach dem genialen Schachzug Grünsteins suchen, der ihm entfallen ist.

„Man kann das Andenken eines Menschen auf sehr verschiedene Weise ehren. Die Bildenden Künstler sprechen von einer Hommage, wenn sie dem Werk eines Kollegen Reverenz erweisen. Als ,Hommage eines Schriftstellers‘ darf Wolfgang Kohlhaases Hörspiel „Die Grünstein-Variante“ gelten, das den Untertitel trägt: „Eine Geschichte in Erinnerung an Geschichten, die Ludwig Turek erzählt hat“. Turek, der in seinem bewegten Leben als Buchdrucker und Schriftsetzer, als Konditor, Landarbeiter, Zigarrenhändler und Seemann gearbeitet hat, ist zwei Dingen immer treu geblieben: Er war Kommunist und Schriftsteller. Sein Buch „Ein Prolet erzählt“ (1930) gehört zu den schönsten Zeugnissen der proletarischen-revolutionären Literatur in Deutschland.“

Wolfgang Kohlhaases Hörspiel erhielt 1977 den international renommierten Preis „Prix Italia“. Der Henschelverlag brachte den Text 1980 in seiner „dialog-Reihe“ zum Nachlesen heraus und der bekannte Filmregisseur Bernhard Wicky verfilmte den Stoff 1985 in einer Koproduktion Berlin West/DEFA mit bekannten Schauspielern für das Kino. Den Freunden des anspruchsvollen Hörspiels geben wir hiermit eine Platte zum Wiederhören des preisgekrönten Werkes in die Hand.
Lodek: Kurt Böwe
Grünstein: Wolfgang Greese
Grieche: Horst Hiemer
Gefängnisdirektor: Harald Hauser
Wärter: Rudolf Christoph

von Wolfgang Kohlhaase
Eine Geschichte in Erinnerung an Geschichten, die Ludwig Turek erzählt hat

Regie: Günther Rücker und Barbara Plensat
Musik: Wolfgang Bayer
Dramaturg: Wolfgang Beck
Toningenieur: Jutta Kaiser

Aufnahme des Rundfunks der DDR