Die kluge Bauerntochter

nach Brüder Grimm
Cover 1 2
LP LITERA 8 65 205
Covertext:
Für viele Kinder mag die Begegnung mit dem Märchen, erstes großes Literaturerlebnis sein – so wie die Märchen zur Zeit ihrer Entstehung dem Menschen als erste Verständigung über sich und sein Verhältnis zur Umwelt dienten. Daß jener reiche Schatz phantasievoller Geschichten eigentlich für erwachsene Zuhörer gedacht war – wer erinnert sich heute noch daran? Umso mehr soll das vorliegende Märchen das eine gewisse Ausnahme unter der Grimmschen Sammlung darstellt, den alten Anspruch wieder lebendig machen.

„Komm zu mir“, fordert der König und ist neugierig, wie sich das Bauernmädchen dazu stellen wird, „komm zu mir – nicht gekleidet, nicht nackend. Nicht geritten, nicht gefahren. Nicht in dem Weg, nicht außer dem Weg.“ Unmöglich scheint des Rätsels Lösung. Doch liebt nicht das Märchen solch kunstvolle Proben, um Witz und Verstand seiner Helden unter Beweis zu stellen? Mein Leibpferd sollst du aus dem Stall entführen. Das Bettuch unter dem Leib wegstehlen. Dich verbergen vor mir, deren Augen alles finden. Nicht in dem Weg, nicht außer dem Weg ... Die Bauerntochter, die klug ist und gewiß auch sehr schön – wir wollen das nicht vergessen, wenn der junge König um sie wirbt – die Bauerntochter findet die Lösung. Sie üebertrifft die fünf Weisen, die in jahrelanger Arbeit eine solch knifflige Aufgabe ergrübelt haben. Die angekündigte Hochzeit findet statt. Das Märchen könnte eigentlich zu Ende sein. Es hat jedoch seinen Spaß noch längst nicht erschöpft. Was gewöhnlich als Schluß der Geschichte gilt: hier ist es Eröffnung. In vielen Märchen werden die Sehnsüchte des einfachen Volkes als Zielvorstellung fixiert, das Gute wird vom Bösen geschieden und die in der Realität fehlende Gerechtigkeit durch klaren Urteilsspruch ersetzt. Voller Mut, auch mit List, erwerben arme Handwerksburschen die Königskrone. Herrscher, die das Volk als habgierig, dumm oder betrügerisch erkannt hat, werden davongejagt. Das ist der gewöhnliche Gang. Selten genug aber erleben wir das Volk selbst in Ausübung seiner Regierungsgewalt – auch seiner Regierungsfähigkeit. So überrascht uns das Märchen von der klugen Bauerntochter in mehrfacher Weise: hier werden nicht Postulate erhoben, nicht nur Zielvorstellungen formuliert, hier wird uns mit Spaß und Phantasie erträumte Wirklichkeit vorgeführt. Als Modell gleichsam, in dem das Volk seine Kräfte ausprobiert. Es sind deshalb nicht zuerst die moralischen Verhaltensweisen, die das Spiel bestimmen, noch viel weniger sind es Zufall und Wunder – der innere Realismus der Figuren selbst ist es, der zur Auseinandersetzung treibt, entstammen die Haupthelden doch jeweils ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten. Mit Notwendigkeit müssen sie in Widerspruch geraten.

Hatte der junge König – eingesperrt in das höfische Zeremoniell – nicht nach einer Frau gesucht, die mehr vermochte als nur zu repräsentieren? Aber bedacht hatte er nicht, daß Klugheit nur dann lebendig bleibt, wenn sie sich entfalten kann! Wollte er wirklich, daß seine Frau neben ihm all ihre Klugheit entfaltet? Er hatte auch nicht bedacht, daß sich der kluge Rat der Königin eines Tages gegen seine eigenen Entscheidungen wenden könnte. Wie aber nicht? Waren ihre Beziehungen zum Leben des einfachen Volkes doch wesentlich reicher und vielfältiger als die seinen! Mehr noch. Der König war stolz darauf, das schöne Mädchen zur Frau zu gewinnen. Aber nie hatte er darüber nachgedacht, daß man die Schönheit eines Menschen nicht wie einen Edelstein besitzen kann. Auch darüber nicht, daß gerade das, was ihn bald zu peinigen begann, vielleicht eine der Quellen ihrer natürlichen Schönheit war: ihr Selbstbewußtsein, ihre fröhliche Unbekümmertheit, ihre Liebe zur Wahrhaftigkeit.

So führt das dialektische Spannungsverhältnis zwischen den Figuren zu immer wieder neuen überraschenden Wendungen. Dabei werden Erfahrungen gesichert und Erkenntnisse gewonnen. Meist sind Märchenfiguren nur mit einer, sie bestimmenden Eigenschaft ausgestattet: sie sind entweder gut oder böse, entweder faul oder fleißig, entweder klug oder dumm und einfältig. Hier aber erleben wir, wie sich die Figuren im Verlauf der Handlung verändern. Der Bauer, den man ins Gefängnis wirft, unterscheidet sich bereits von dem Bauern, der dem König den Mörser brachte. Der Pferdebauer, den die Königin mit ihrem Rat und wohl auch mit ihrem Beispiel ermutigt hat, tritt in der zweiten Szene wesentlich anders auf als in der ersten. Den weitesten Entwicklungsweg legt jedoch der König zurück. Und genau gesehen, beginnt er am Ende der Geschichte noch einmal von vorn, klüger freilich nun, hat er doch auf wenig sanfte Weise gelernt, sich der Weisheit des Volkes zu verbinden. Ja, er beginnt, sich den Beziehungsreichtum des schöpferisch tätigen Menschen zu erschließen. Wie viele Tausende von Autoren mögen an der Gestaltung jener frühen Ausformulierung eines demokratischen Regierungsprinzips mitgewirkt haben. Dem Verfasser der hier vorliegenden dramatischen Fassung des Grimmschen Märchens ist zu danken, daß er der überzeugenden Kraft des Volksmärchens vertraute und auf fremde Zutat verzichtet hat.

Helga Pfaff
Bauerntochter: Jutta Wachowiak
Ihr Vatter: Kurt Böwe
König: Klaus Piontek
Pferdebauer: Erik S. Klein
Ochsenbauer: Günter Naumann
Läufer: Winfried Glatzeder
Erzähler: Horst Hiemer


Schallplattenbearbeitung und Regie: Dieter Scharfenberg
Musik: Hans-Dieter Hosalla
Instrumentalgruppe
Leitung: Hans-Dieter Hosalla

Tonregie: Karl Hans Rockstedt