Die letzten Tage der Menschheit
Ausgewählte Szenen

von Karl Kraus
LP LITERA 8 60 230
Covertext:
Stephan Hermlin über Karl Kraus
Karl Kraus wurde 1874 in einem kleinen böhmischen Städtchen geboren, er starb mit zweiundsechzig Jahren in Wien. Dieser Tod war mild, er kam rechtzeitig. Er verhinderte, daß Karl Kraus in die Hände derer fiel, die er am meisten haßte und deren scheußliches Abbild sein letztes Werk zeigt, die „Dritte Walpurgisnacht“.
Eine Weile wollte er Schauspieler werden, er brach ein Studium der Rechtswissenschaften ab, fast wäre er in die Redaktion der „Neuen Freien Presse“ eingetreten, die er später die „Neue Feile Presse“ nannte, 1899 gründete er seine Zeitschrift „Die Fackel“, an der Wilhelm Liebknecht, Franz Mehring, aber auch Heinrich Mann, Arnold Schönberg, Erich Mühsam, Strindberg, Wedekind mitarbeiteten, die er aber vom Jahre 1911 an ganz allein schrieb, 922 Nummern der Fackel entstanden im Laufe von siebenunddreißig Jahren in einsamer, allnächtlicher Arbeit, an die vierzig Bücher: ein Leben, ein Lebenswerk, neben dem man nur noch seine Rezitationsabende erwähnen müßte, denn Kraus war einer der größten Vortragskünstler seiner Zeit, der, außer dem eigenen Werk, jene Dichter und Musiker dem Zuhörer nahebrachte, die er für exemplarisch hielt, Shakespeare und Goethe, Matthias Claudius und Jean Paul, Raimund und Nestroy, Offenbach, Liliencron und Wedekind und, als neuesten, einen jungen Dichter namens Brecht.
Ein Einzelgänger? Gewiß. Hinter der ungeheuren Leistung dieser „Fackel“, die so bald schon zu einer Einmann-Zeitschrift wird, steht ein Lebensgefühl, demzufolge jeder seinen Schmerz hat, an dem kein anderer entbrennt, Lebensleid, das, wie Kraus’ Freund Heinrich Fischer sagt, verletzte Lebensfreude ist.
Aber die Einzelgängerei des Karl Kraus, die ihn sicherlich zu Fehleinschätzungen und in Irrtümer trieb, wenn sie nicht von diesen gefördert wurde, war alles andere als Eitelkeit, Ästhetizismus, Menschenfeindschaft, Hermetik. Nicht Weltfremdheit ist hier am Werk, sondern ein verbissenes Befaßtsein mit Welt und Gesellschaft. Man muß sich erinnern, daß die Fackel keineswegs nur ein Organ der „happy few“ war, sondern ständig in einer Auflage von 30 000 bis 40 000 Exemplaren erschien, daß Kraus’ Bücher bis zur Machtergreifung der Nazis alle mehrere Auflagen erreichten. Und es ist kein Zufall, daß dieses von manchen, die es nicht kennen, für esoterisch gehaltene Werk seit einigen Jahren an Wirkung und Verbreitung unaufhaltsam wächst. Kraus’ Einzelgängerei formuliert sich nicht politisch – sein Werk ist das Ergebnis seines Zusammenstoßes mit der Politik, nämlich mit der Zeit. In bestimmten Momenten zeigt er Sympathie mit dem Standpunkt einer Partei. Er unterstützt die Arbeiterbewegung nach dem Jahre 1918, ebenso während der Kämpfe im Wien des Jahres 1927. In seinen letzten Lebensjahren erblickt er irrtümlicherweise in den Dollfuß-Leuten eine wirkende Kraft gegen Hitler. Die prinzipielle Haltung seines Werks ist die großer tragischer Satire. Es gewinnt immense Spannung und Dauer aus dem Gegensatz zwischen einem Gefühl der Verlorenheit und der Zuversicht zur Schöpfung. Kraus kennt keinen Nihilismus, Im Hintergrund einer Szenerie der Verzweiflung wartet die Natur des Menschen, wartet der natürliche Mensch, wartet die ihn verheißende Kunst auf das Zeichen zum Auftritt.
Der Fall, aus dem ein Buch wie „Die letzten Tage der Menschheit“ kommt, ist einzigartig. Das, was hier inmitten der blutigen Geräusche von Wehr und Wucher entsteht, im Wien des ersten Weltkriegs begonnen und geduldig zu Ende geführt, ein, wie Kraus es nennt, Stück für ein Marstheater, achthundert Seiten lang, eine von Greueln triefende Operette, die Larven und Lemuren, Henker und Opfer versammelt, ist das Produkt eines Mannes, der, allein auf sich gestellt, dem imperialistischen Krieg nicht einen Tag lang auf den Leim ging. Die merkwürdigen Voraussetzungen des vielleicht furchtbarsten Buches des Jahrhunderts liegen nicht so sehr in der Tatsache, daß Kraus zu der winzigen Minderheit gehörte, die vom 1. August 1914 an den verbrecherischen Charakter des Krieges begriffen hatten, sondern vielmehr darin, daß er von dieser Minderheit isoliert war. Er wußte weder von den Bolschewiki noch von Liebknecht. Er hatte weder mit den Barbusse und Rolland noch mit den Stefan Zweig oder Leonhard Frank Fühlung, also jenen europäischen Schriftstellern, die entweder an der Front oder im Schweizer Exil an ihren ersten pazifistischen Manifesten arbeiteten. Gewiß hat Kraus den eigentlichen gesellschaftlichen Hintergrund des Krieges nie erfaßt, gewiß haben sekundäre Faktoren solche erster Größe aus seinem Gesichtsfeld verdrängt, und doch haben nicht die am meisten erleuchteten unter seinen Kollegen, weder zu jener Zeit noch im Nachhinein, die poetische Entsprechung zu den großen Zeitanalysen Lenins und der Verfasser der „Spartakusbriefe“ geschrieben, sondern er, und das ist gewiß ein Anlaß zum Nachdenken über das Verhältnis von individuellem Bewußtsein und dichterischer Darstellung eines gesellschaftlichen Zustands. Nachdenken ließe sich hier über die „Letzten Tage der Menschheit“, freilich auch über das Dichterische, woher Kraus es bezieht. Die Grundlage ist minutiöse Notierung, ist die zitierte Phrase, die ihren Hervorbringer erst entlarvt, dann an seine Stelle tritt. Inmitten patriotischer Tobsucht, während die Truppen über die Ringstraße zur Front abmarschieren, harangiert ein Betrunkener von einer Ruhebank herab die jubelnden Massen: „Mir führ’n an heilinger Verteilungskrieg führ’n mir …“ Und er ruft seine Landsleute auf, sich „wie a Phalanx“ aus der Asche zu erheben, jetzt, wo alle miteinander wie „a Phönix“ zusammenstehen müssen. Daß eine alkoholisierte Zunge das Wort „Verteidigungskrieg“ nicht mehr aussprechen kann, daß erst Alkoholisierung imstande ist, den Krieg bei seinem wahren Namen zu nennen, ist die Entdeckung des Karl Kraus.

Aus dem Essay „Karl Kraus“, erschienen bei
Aufbau-Verlag Berlin und Weimar in „Lektüre“. 1975
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Erster Akt
1. Szene: Wien 1914. Ringstraßen-Korso
11. Szene: Ein Patriot und ein Zeitungsleser vor dem Café Sacher.
14. Szene: In der Wohnung der Schauspielerin Elfriede Ritter, die soeben aus Rußland zurückgekehrt ist.
24. Szene: Zimmer des Generalstabschefs Conrad von Hötzendorf.


Zweiter Akt
1. Szene: Wien. Ringstraßen-Korso. Ein Jahr später.


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Zweiter Akt, 1. Szene (Fortsetzung )
4. Szene: Standort des Hauptquartiers. Ein Journalist und ein alter General.
7. Szene: Bei der Batterie. Der Feldkurat feuert ein Geschütz ab.
13. Szene: Florianigasse. Hofrat i. P. Dlauhobetzky v. Dlauhobetz und Hofrat i. P. Tibetanzl.


Dritter Akt
6. Szene: In der Viktualienhandlung des Vinzenz Chramosta.

Vierter Akt
11. Szene: Divisionskommando. Ein Kommandant und der General der Kaiserjäger, genannt Kaiserjägertod.
38. Szene: Winter in den Karpaten. Ein Mann an einen Baum gebunden.


Fünfter Akt
34. Szene: Im Dorfe Postabitz. Eine Frau schreibt an ihren Mann.
35. Szene: Spital in Leitmeritz.
50. Szene: Schweizer Bergbahn. Eine strahlende Schneelandschaft mit tiefblauem Himmel.


Epilog
Zwei Generale auf der Flucht in einem Automobil.
Ein sterbender Soldat.


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In der Matinee wirkten mit: Mathilde Danegger,
Amy Frank, Erika Pelikowsky, Hortense Raky,
Lilly Schmuck, Gerhard Friedrich, Herwart Grosse, Wolfgang Heinz, Paul Richard Henker, Heinz Hinze, Adolf Peter Hoffmann, Wolfgang Langhoff,
Georg Lhotzky, Fritz Links, Karl Paryla,
Georg Peter-Pilz, Emil Stöhr, Peter Sturm,
Hans Wehrl, Rudolf Wessely


von Karl Kraus
Matinee des Deutschen Theaters Berlin im April 1957

Klavier: Peter Fischer
Toningenieur des Mitschnitts am 19. 4. 1957: Hans Rudnick
Auswahl und Einrichtung für die Schallplatte: Hans Bunge