Die Nusstorte / Der General kommt / Das Duell
Hörspiele 2
LP SCHOLA 8 70 036
Covertext:
Als Bertolt Brecht 1930 seine Erfahrungen aus der praktischen Hörspielarbeit aufschrieb, ging er im Gegensatz zu anderen Autoren nicht von dem neuen künstlerischen Phänomen Hörspiel, sondern vom Phänomen Rundfunk aus. Brechts „Radiotheorie“ ist der Versuch, das Feld abzuschreiten, das dem Schriftsteller durch den Rundfunk in der kapitalistischen Gesellschaft im äußersten Falle zur Verfügung gestellt wird. Dabei war sich Brecht von Beginn an darüber im klaren, daß sich dem Autor mit dem Rundfunk nicht schlechthin „neue Möglichkeiten“ eröffneten, da das neue Massenmedium die herrschenden Besitz- und Machtverhältnisse getreulich widerspiegelte. Als Schlußfolgerung seiner Überlegungen – „undurchführbar in dieser Gesellschaftsordnung, durchführbar in einer anderen“ – formulierte er: „Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen. Der Rundfunk müßte demnach aus dem Lieferantentum herausgehen und den Hörer als Lieferanten organisieren.“
Vieles von dem, was Brecht damals lediglich als Entwurf fassen konnte, hat der sozialistische Rundfunk seither verwirklicht. Das gilt vor allem anderen für das Verhältnis von Rundfunk und Hörer. Der Hörer ist auf vielfältige Weise aus seiner Konsumentenrolle herausgetreten und versteht sich in zunehmendem Maße auch als Produzent seines Rundfunks.
Auch im Hörspiel: Horst Dembny und Peter Löw – der Tischler und der ehemalige Freileitungsmonteur – sind Preisträger eines Wettbewerbs um Kurzhörspiele, durchgeführt 1972 unter dem Kennwort „Moment-Aufnahme“. Was an den „Momentaufnahmen“ zuerst auffällt, ist ihre Lebensnähe und die Genauigkeit der Details, worin sich die innige Vertrautheit der Autoren mit ihren Gegenständen zeigt. Sichtbar ist, daß etwas aus dem eigenen unmittelbaren Erfahrungsbereich mitgeteilt wird, den man auch sprachlich überschaut. Die Unmittelbarkeit der Darstellung widerspiegelt das persönliche Betroffensein der Autoren. Sie reden in eigener Sache. Und sie sehen im Rundfunk eine gesellschaftliche Institution, in der diese Sache verhandelt werden kann.
Überzeugend ist, wie beide Hörer-Autoren in ihren Szenen Arbeiter zu Worte kommen lassen. Löw schafft sich durch den Erzähler, der zum Korrespondenzpartner der beiden „Telefoner“ wird, die Möglichkeit, auf die Figuren und in die Figuren zu schauen, wobei der Arbeitsvorgang überaus plastisch wird.
Dembny benutzt das Grundmodell des Gogolschen Revisors, wobei die beiden Anstifter in komischer Umkehrung selbst die Betroffenen sind (und – anders als bei Gogol – durchaus nicht in starrem Erschrecken verharren, sondern sich lächelnd zu ihrer positiven Intrige bekennen).
Natürlich erschöpft sich der Brechtsche Gedanke, den Hörer produktiv zu machen, keinesfalls in der Möglichkeit, selbst für den Rundfunk zu schreiben. Auch sind schriftstellerische und journalistische Arbeit nicht einfach an den Empfänger zu delegieren, und ohne die entsprechende Begabung richtet gute Absicht wenig aus. Wichtig ist die Haltung, aus der heraus die Kurzhörspiele von Dembny und Löw entstanden sind. Sie kann sich im anderen Falle in der Mitarbeit als Hörerkorrespondent, in Zuschriften, auf einem Forum oder in Vorschlägen zur Programmgestaltung äußern. Wichtig ist auch, daß das Hörspiel von diesen und vielen anderen Einsendern als Ausdrucksmöglichkeit verstanden wird, die jedem offensteht Die beiden Hörszenen – und sinngemäß gilt das auch für das sowjetische Kurzhörspiel „Die Nusstorte“ von Mark Boguslawski – laden den Hörer ein, sich und sein Erleben zu dem Gehörten in Beziehung zu setzen. Sie zielen auf ein produktives Verhältnis zwischen Hörer und Rundfunkprogramm.
Wir glauben, daß dieses produktive Verhältnis auf sehr unterschiedliche Art entwickelt und erhalten werden kann. Das Hören setzt die Phantasie frei, da es – im Gegensatz zu den optisch-akustischen Kunstformen – nicht auf „vorgemachte“ Bilder fixiert. Die mitschaffende und nachschaffende Phantasie wird also stärker herausgefordert. Das wird besonders deutlich, wenn man beobachtet, wie sechs- bis zehnjährige Kinder Geschichten am Radio verfolgen und wie das Gehörte in ihnen weiterwirkt. Zwischen den Geschichten aus dem Apparat und ihren eigenen Geschichten besteht kaum eine Grenze. Das Hören versteht sich fast immer als ein Mitspielen. Sollte aber Mitspielen nur in diesem Sinne möglich sein?
Anschließend teilen wir den vollständigen Text eines Kurzhörspiels mit, das Anna Seghers vor 1933 geschrieben hat. Es scheint uns geeignet, die Freude der Schüler am Verfertigen eines Hörspiels, am Spiel überhaupt, zu wecken. Die angenommene Situation – ein Zwiegespräch – ist denkbar einfach und bedarf keinerlei äußerer Unterstützung; die Beschränkung auf das Gespräch schließt Schwierigkeiten des Arrangements und der akustischen Überschaubarkeit aus. – Was da verhandelt wird, das aber verdient unser Nachdenken. Ein welthistorischer Vorgang – die Entdeckung Amerikas – wird naiv befragt: Wie sicher war sich Kolumbus seiner Sache? Und: Hat er vielleicht Angst gehabt? Gefragt wird also nach dem Helden. Wie ist er beschaffen? Was unterscheidet ihn von anderen? – Jedoch Anna Seghers geht einen wichtigen Schritt weiter. Sie schließt die Frage an, ob dieser Held dem Kind auch Vorbild sein kann. „Möchtest du so sein, wie Christoph Kolumbus?“ fragt der Erzähler. Und die Antwort des Kindes verblüfft, weil sie in die Geschichte einen neuen Gedanken hereinbringt. – Auf engstem Raum – unausgeführt und lediglich als Gedankenstoß – kommen Lebensvorstellungen und Glücksanspruch zur Sprache: Was möchtest du einmal werden?
So zielt das kleine Hörspiel auf ein Problem, das junge, heranwachsende Menschen mehr als jeden anderen beschäftigt. In der Gestaltung der Szene durch die Schüler erscheint es als praktische Aufgabe: Wie gestalte ich den vorliegenden Text so, daß die Fragen des Kindes als bewegende Kraft des Gesprächs deutlich werden und daß die „Kippe“ am Schluß ihre überraschende, provozierende Wirkung erreicht. Wir wünschen allen großen und kleinen Interpreten viel Freude!

Dr. Peter Gugisch


Gespräch mit einem kleinen Jungen über die Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus
Kurzhörspiel von Anna Seghers

Der Erzähler: (kommt zum Schluß) Endlich, als sie schon vierzig Tage und Nächte gefahren waren, als schon alle verzweifelten und fluchten, am Abend des einundvierzigsten Tages, da rief der Mann im Mastkorb: Land! Alle liefen an Deck und erblickten bald eine Küste.
Der Junge: (nach langem, sichtbarem Nachdenken oder tiefem Atmen) Hat Christoph Columbus gewußt, daß Land kommt?
Der Erzähler: Nein, er hat es sicher nicht gewußt, weil er der allererste war, der überhaupt gefahren ist. Er hat sich nur gedacht, daß hinter all dem Meer einmal Land kommen muß.
Der Junge: ... hat sich gedacht, daß hinter all dem Meer einmal Land kommen muß. Aber er hat es nicht genau gewußt?
Der Erzähler: Nein, er hat es nicht genau wissen können.
Der Junge: Er ist aber trotzdem gefahren?
Der Erzähler: Ja, er ist trotzdem gefahren.
Der Junge: (denkt lange nach) War Christoph Columbus sehr mutig?
Der Erzähler: Du hast es doch selbst gemerkt, daß er sehr mutig war.
Der Junge: Aber die mit ihm gefahren sind, die waren auch mutig?
Der Erzähler: Ja, die waren auch mutig.
Der Junge: Aber so mutig, wie Columbus, waren sie doch nicht?
Der Erzähler: So mutig nicht. Sie waren bloß mitgefahren.
Der Junge: War Christoph Columbus sehr, sehr mutig?
Der Erzähler: (ein wenig ungeduldig) Du hast es doch schon oft gesagt, ja, er war sehr, sehr mutig.
Der Junge: (nach langem, ausgiebigem Nachdenken) Weil er es nicht ganz genau gewußt hat, ob Land kommt, und weil er doch gefahren ist – deshalb war Christoph Columbus so sehr mutig.
Der Erzähler: Du hast ganz recht. Genau aus diesem Grund war Christoph Columbus sehr mutig
Der Junge: Jetzt fahren auch viele nach Amerika, aber die sind nicht mutig.
Der Erzähler: Nein, die nicht.
Der Junge: Weil sie gar nicht zuerst fahren, weil sie schon alle wissen, daß Land kommt. (Pause)
Der Erzähler: Möchtest du so sein, wie Christoph Columbus? Der Junge: Ja, – doch – nein, doch, nein. – Ich möchte doch lieber jemand anderes aus dieser Geschichte sein.
Der Erzähler: (sehr verwundert) Ja, wer möchtest du denn sonst aus dieser Geschichte sein?
Der Junge: Ich möchte lieber der Mann im Mastkorb sein, der zuerst die Küste gesehen hat, und der laut gerufen hat (legt die Hände an den Mund und rennt weg) Land! Land!
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DIE NUßTORTE
Wichrew: Fritz Links
von Mark Boguslawski

Stationsvorsteherin: Jutta Wachowiak
Dimitri: Wolfgang Ostberg
Pachomow: Helmut Müller-Lankow
Elvira: Evamaria Bath

Aus dem Russischen von Tamara Schulze
Dramaturg: Tamara Schulze
Toningenieur: Helga Schlundt
Regie: Wolfgang Schonendorl
Erstsendung: 4. 1. 1975
Länge: 24'00"


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DER GENERAL KOMMT
von Horst Dembny

Ede: Ernst Kahler
Atze: Horst Weinheimer
Tippchen: Margit Bendokat
Meister: Hans-Joachim Hanisch

Dramaturg: Christa Vetter
Toningenieur: Jutta Kaiser
Regie: Albrecht Surkau
Erstsendung: 2. 7. 1973
Länge: 13'30"

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DAS DUELL
von Peter Löw

Erzähler: Dieter Wien
Klett: Peter Reusse
Quellmalz: Günter Naumann

Dramaturg: Siegrid Pfaff
Regie: Werner Grunow
Erstsendung: 3. 6. 1972
Länge: 15'05"

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Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Redaktion: Dr. Horst Dahm

Als Unterrichtsmittel zugelassen durch das Ministerium für Volksbildung der DDR,
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Entwickelt von der
Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR,
Institut für Unterrichtsmittel