Die schwatzhaften Sachsen

von Renate Holland-Moritz

LP LITERA 8 65 302
Covertext:
Irgendwann im Tertiär oder noch ein paar Lichtjahre früher gefiel es holländischen Sitzfleischverächtern, aus den Niederlanden ins thüringische Steinbach-Hallenberg überzusiedeln. Der Ortswechsler gab es seinerzeit offenbar so viele, daß die meisten von ihnen dem Stammland- Familiennamen einen Zweitnamen hinzufügten, und so wimmelt es im aktuellen Steinbach-Hallenberg nur so von Leuten, die Holland-Cunz, Holland-Merten, Holland-Letz, Holland-Nell, Holland-Jopp oder gar Holland-Moritz heißen.

Zur Hälfte stammt Renate Holland-Moritz von einem Vater solcher Herkunft und dieses Namens ab, ohne im übrigen besonderen Wert auf mittelgebirgige Blutkörperchen zu legen. Die Autorin und Vorleserin der acht unter dem Titel „Die schwatzhaften Sachsen“ zur Schallplatte zusammengepreßten Geschichten fühlt sich als spreewassergetaufte Kiez-Göre ganz Berlinerin, wollte schon immer hoch hinaus und erkannte bereits Mitte der fünfziger Jahre: Wer sich an einen Stengel klammert, hat gute Aussicht, lebenslang mit ihm und durch ihn schönste Blüten zu treiben.

Damals saß ich hinterm Redaktions-Schreibtisch der beliebten Eulenspiegel-Zeitschrift. Ins Zimmer trat nach respektvollem Anklopfen jener angefangene Twen, der die historische Erstbegegnung mit mir, dem Trampolin steiler Holland-Moritz-Karriere, oft niedergeschrieben sowie über Rundfunksender und im Fernsehen artikuliert hat. Wie unser Gespräch damals verlief, verlaufen sein soll – ich kann das von meiner Dialogpartnerin Überlieferte weder bestätigen noch dementieren. So weit reicht mein Langzeitgedächtnis nicht. Doch es mag zutreffen, daß mir die ehemals schüchterne Kollegin schon deshalb willkommen war, weil sie endlich mal nicht – wie Tausende andere und ich selber – auf Versfüßen daherkam. Gedichter gab es, gibt es zuhauf. Verfasser vernünftiger Prosa waren und sind jedoch Mangelware.

Wie gut Renate Holland-Moritz mit Kurzgeschichten und Feuilletons zurechtkommt, wird der geneigte LP-Hörer unschwer feststellen. Sie kann aber noch mehr. Zwei Erzählungen der weltweit wohlinformierten und familär erfahrenen Dame („Graffunda räumt auf“ und „Das Durchgangszimmer“ ) gelangten, verwandelt als „Der Mann, der nach der Oma kam“ und„Florentiner 73“ im Kino und auf dem Bildschirm zu schönen Erfolg. Das war für Renate Holland-Moritz auch deshalb von Wichtigkeit, weil einer Person, die seit zwei Jahrzehnten als Eulenspiegels Kino-Eule scharfrichtert, vom lesenden Publikum um so eher ein Kompetenz-Bonus gutgeschrieben wird, je öfter der Beweis eigener Schöpferkraft erbracht werden kann.

Die Frau, von der ich hier rede, kann auch singen. Es gibt eine Schallplatte, die das beweist. Mit John Stave, dem artverwandten komischen Urberliner, singt Renate im Duett sowie mit schönem und tiefem Gefühl zu Herzen gehende Moritaten. Wer das hört, wird, ergriffen vom seidenzart tremolierenden Hauch, nimmer übler Nachrede trauen, die der stillen feinen Schriftstellerin das Etikett der Redseligkeit oder gar Geschwätzigkeit aufs Stimmband kleben möchte.

Aus Objektivität und aus Neigung erkläre ich: Was über Renate Holland-Moritz auch immer behauptet wird, trifft nicht zu, es sei denn, das zirkulierende Gerücht schmeichelt meiner Mandantin. Als Treuhänder und Förderer der mir ergebenen Autorin (sie lobte mich schon vor reichlich sieben Jahren unter der Uberschrift „Wenn wir alle Stengel wären ...“ im „Magazin“ durchaus angemessen über den grünen Klee) bin ich auch künftig fest entschlossen, auf Lob mit Gegenlob zu reagieren – schon aus Dankbarkeit für die schöne Geste der Schallplatten-Rezitatorin, die mit der telegrafischen Humoreske „Rote Augen, blauer Mund“ meiner Jüngsttochter Ulrike ein Denkmal setzte.

Renate Holland-Moritz wird, verkünde ich prophetisch, unaufhaltsam und immer höher himmelwärts steigen. Sie ist für diesen Flug bestens gerüstet. Sie hat Fürsprache und Freundschaft des aus vogtländischem Kosmonautenland stammenden Hansgeorg Stengel.
|  Seite 1  |

Ein äußerst zoologischer Nachmittag
Die Dichterlesung
Aufklärung
S-Bahn-Dialog



|  Seite 2  |

Mein Sohn, der Hypochonder
Henry Haschke ist schuld
Rote Augen, blauer Mund
Die schwatzhaften Sachsen


. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


Leserin: Renate Holland-Moritz

von Renate Holland-Moritz
Mitschnitt einer öffentlichen Veranstaltung 1980
Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Textrechte: Eulenspiegel Verlag