Die Toten bleiben jung

von Anna Seghers

LP LITERA 8 60 149
Covertext:
Lieber L. T.
Sie stellen mir in Ihrem Brief einige Fragen über Anna Seghers.
Hier finden Sie meine Antwort:
„Sie kennen A. S.? Was für ein Mensch ist sie eigentlich?“
„Ich kenne sie, wie viele sie kennen. Ich glaube, alle Leute, die, wie ich, nicht nur mit ihren Arbeiten, sondern auch mit ihr selber bekannt sind, versuchen sich darüber klarzuwerden, was sie an der Gegenwart von A. S. fasziniert, was sie in einem Gespräch mit ihr rührt und erschreckt. Manche, für die das Poetische ein bewußt erlebtes, immer gegenwärtiges Element des Daseins ist, reagieren da nicht anders als die vielen, die vom Poetischen gehört haben, aber daran nicht recht glauben können, es vielleicht für etwas Erledigtes oder einen Luxus oder eine Marotte halten. Die einen fühlen sich bestätigt, die anderen erfahren, daß ihnen bisher etwas gefehlt hat. Sie wundern sich vielleicht auch, daß sie vom Poetischen so lange falsche Vorstellungen haben konnten.“
„Wie meinen Sie das?“
„Sehr viele Leute verbinden mit ihrer Idee vom Poetischen Begriffe wie Wolkenkuckucksheim, Subjektivismus, Pose. Hier finden sie genau das Gegenteil, im Werk und in der Person: Vertrautheit mit dem Leben, ich würde sagen, eine ungeheure Neugier auf alle Äußerungen des Lebens, Einfachheit, Disziplin. Außerdem kommen sie bald dahinter, daß die Poesie, die wirkliche Poesie natürlich, nicht die pseudo-poetische Pose, die genaueste, die ergiebigste Haltung der Realität gegenüber ist. A. S. spricht auf Kongressen und Straßen, in Wohnungen und Cafés mit Lehrern, Arbeitern, Hausfrauen, Schriftstellern, Wissenschaftlern, Kindern. Sie hat nicht für den einen den und für den andern jenen Ton. Sie spricht zwar über verschiedene Gegenstände, aber zu jedem immer mit dem gleichen Interesse, mit der gleichen Leidenschaftlichkeit. Die Leute haben das Gefühl, von ihr belehrt zu werden, sie aber auch zu belehren (was zutrifft, denn A. S. macht ja ständig Notizen, wenn sie etwas hört, in eines der vielen Notizbücher, die sie mit sich herumträgt).
Mancher wundert sich über ihre Fragen, die merkwürdige Mäander beschreiben; er begreift erst später, daß diese Fragen, ihre Reihenfolge, ihr manchmal indirekter Charakter dem genaueren Verständnis einer Sache dienen. A. S. ist eine große, eindringliche Fragerin.“
„Ist sie beliebt?“
„Ich kenne niemand, der sie nicht liebhat. Immer wieder erstaune ich darüber, wie ähnlich die Empfindungen der verschiedensten Menschen für sie sind: man bringt ihr großen Respekt entgegen, gleichzeitig empfinden alle ihr gegenüber eine Art Hilfsbereitschaft, als fürchte man, sie könne sich aus irgendeinem Grund bei uns nicht zurechtfinden. Ihr Reich, so empfindet wohl jeder mehr oder weniger deutlich, ist durchaus von dieser Welt, aber nicht allein von dieser Welt … Die Poesie ist wie die Träume, die Märchen von hier, aber … auch von dort. Es handelt sich um jenes ,Dort‘, das noch kein ,Hier‘ ist. Lassen wir das. Zu ihrer Frage, ob A. S. beliebt sei, noch eine Erklärung. Leute, die einander spinnefeind sind, sind bereit, unter ihrer Leitung miteinander zu arbeiten. Sie ist sehr berühmt und hat mehr Begabung als wir alle. Aber ich kenne niemand, der sie beneidet, ihr Mißgunst entgegenbringt. Das hängt wohl auch damit zusammen, daß sie niemals von ihrer Arbeit spricht, wenn man sie nicht dazu drängt, dafür um so mehr von der Arbeit anderer. Sie scheint immer alles zu lesen, was in ihrer Umgebung erscheint. Sie wissen ja, da es eine ganze Menge Schriftsteller gibt, die nur sich selber zu lesen scheint. Sie schmeichelt nie, beschämt darum auch niemanden, aber sie bemüht sich, die besondere Leistung eines jeden zu erkennen. Sie ist traurig, wenn jemanden etwas mißlingt. Solange ich sie kenne, hat sie mich ein einziges Mal nach meiner Meinung über eines ihrer Bücher befragt, an dem ihr die Arbeit vielleicht besonders schwer geworden war. Ich teilte ihr meine Ansicht mit, wobei ich darauf bedacht war, jedes übertriebene Lob zu vermeiden. Ihre Antwort zeigte, da sie unzufrieden mit mir war; sie beurteilte das Buch weitaus härter als ich. Übrigens ist sie insofern wie jeder andere, als sie sich freut, wenn man ihrer Arbeit Aufmerksamkeit schenkt; sie arbeitet ja nicht für sich selber.“
„Hat das Werk der A. S. Sie beeinflußt?“
„Es hat mich beeinflußt wie Tausende ihrer Leser, deren ich einer bin und die allesamt durch dieses Werk enger an die Sache gebunden wurden, der Anna Seghers’ Werk dient; die durch ihr Werk erfuhren, wie groß, wie streng, wie notwendig diese Sache ist; die sich außerdem sagten: ,Wie nobel ist diese Sache, die so noble Kunst hervorbringt!‘
Wie ich als Schriftsteller davon beeinflußt wurde, kann ich nicht sagen, aber wie sehr es mich beeinflußte, weiß nur ich allein.“
„Ich verstehe Sie nicht.“
„Ich will sagen, daß ich mir dieses Einflusses bewußt bin, aber nicht sagen kann, ob er Auswirkungen gehabt hat. Ein Schriftsteller mag imstande sein, den Einfluß eines anderen Schriftstellers auf die eigene Arbeit deutlich wahrzunehmen. Andererseits empfindet er manche Schriftsteller als exemplarisch. Er sagt sich, beim Lesen des anderen: ,Das möchte ich geschrieben haben …‘, es ist, als sagte er: ,Welch ein Glück bereits, daß ich sein Zeitgenosse bin!‘ Ich will jetzt gar nicht von den Romanen der A. S. sprechen, die zu meinen Lieblingsbüchern gehören ,Aufstand der Fischer‘, ,Transit‘, ,Das siebte Kreuz‘ (ich müßte noch mehr nennen), sondern nur ein Beispiel geben. Als Gymnasiast las ich in der ,Linkskurve‘ eine kurze Erzählung, eher eine Anekdote von A. S., die den Titel ,Der Führerschein‘ trägt; darin wird geschildert, wie die japanischen Eroberer von Schanghai im Jahre 1932 einen chinesischen Chauffeur zwingen, einige von ihnen zu fahren. Die ganze Sache wird auf zwei Seiten berichtet.
Und dann folgt der Schlußsatz, auf den es ankommt.
Er lautet:
„Er fuhr das Auto mit den zwei Generalstäblern und ihrer Ordonnanz und den zwei Zivilpersonen und sich selbst in einem kühnen, dem Gedächtnis des Volkes für immer eingebrannten Bogen in den Fluß.‘ Es klingt vielleicht merkwürdig, wenn ich sage, daß mich dieser Satz seither in meinem Leben begleitet hat. Er erzählt einen ungeheuren Inhalt, eine Todes-, eine Lebensentscheidung; der Bogen, von dem er spricht, spannt ihn selber bis zum Bersten. (Vielleicht entsinnen Sie sich, daß die gleiche Handlung, ein ähnlicher Satz, wenn auch in einem ganz anderen Zusammenhang, viele Jahre später in ,Die Toten bleiben jung‘ erscheint.)
Auch wenn jener andere Schriftsteller gar keinen ähnlichen Satz zustande bringt, kann ein solcher Satz direkt oder indirekt unablässig in seine Arbeit hineinwirken. Er ist das Exemplarische; er hängt auf rätselhafte Weise mit dem ewig Angestrebten, nie Erreichten zusammen, das einem Schriftsteller als jene Literatur vorschwebt, qui vaut la peine. Natürlich ist ein solcher Satz bei A. S. keine Ausnahme; ihr Werk ist voll von solchen Sätzen. Die Leute erbebten schon, als die Achtundzwanzigjährige im ,Aufstand der Fischer‘ den Satz schrieb von dem Aufstand, der ganz ruhig in der Sommerhitze auf dem Marktplatz sitzt, weil er weiß, was für die Seinen gut ist. (Ich zitiere sinngemäß, nach dem Gedächtnis). Und denken Sie nur an die Erzählungen. Eine ist schöner als die andere. Manchmal stelle ich mir vor, ich müßte eine Anthologie der schönsten deutschen Prosa zusammenstellen. Natürlich dürfte ich nur eine einzige Sache von A. S. hineinstellen.
Aber welche?
O schöne Qual der Wahl!

Mit besten Grüßen Ihr

Stephan Hermlin
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Hanns Eisler
Andante aus: Fünf Orchesterstücke 1938

Die Toten bleiben jung

Paul Dessau
2. Satz „Es ist ein Ros’ erblühet“
aus: Quartettino (1955)
Quartett der Deutschen Staatsoper:
Egon Morbitzer, 1. Violine
Wilhelm Martens, 2. Violine
Werner Buchholz, Bratsche
Bernhard Günther, Cello


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Die Toten bleiben jung (Fortsetzung)

Hanns Eisler
Allegro aus: Fünf Orchesterstücke 1938
Rundfunk-Sinfonie-Orchester Leipzig
Dirigent: Walter Goehr

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Leserin: Anna Seghers