Dr Saggse – Mensch un Miedos
Sächsische Impressionen und Miniaturen der 20er Jahre
LP LITERA 8 65 351
Covertext:
Sächsisch zu reden ist nicht nur in Sachsen opportun. Mit dem Sächsisch-Schreiben verhält es sich da anders. Heute so gut wie vergessen und selten gebraucht, wär das in den Jahren zwischen 1918 und 1933 gang und gäbe. Man konnte aufbauen auf dem, was solche Autoren wie Edwin Bormann und der Ringelnatz-Vater Georg Bötticher geleistet hatten, in ihren Büchern finden sich überraschend viele sächsische Texte. In den zwanziger Jahren wurden diese hauptsächlich in den humoristischen und satirischen Zeitschriften gedruckt und das waren nicht wenige. Allein in Leipzig erschienen „Der Drache“ (1919–1925), „Der gemütliche Sachse“ beziehungsweise nach Titeländerung „Der lustige Sachse“ (bis 1933), kurzlebiger waren „Die Pille“ (1919), „Das Glossarium“ (1921), das „Leipziger Allerlei“ (1925), das „Panoptikum“ (1928) und „Die Laterne mit dr Beilache de Funzel“ (1931). Womit außerdem bewiesen ist, daß die heutige „Funzel mit kostenloser Eulenspiegelbeilage“ ihren Ursprung hatte. Sächsische Texte blieben nicht auf den sächsischen Sprachraum beschränkt, selbst zahlreiche Berliner und sogar Münchner Zeitungen und Zeitschriften schmückten sich gelegentlich mit diesem puddingartigen Idiom. Hans Reimann (1889–1971) bezeichnete sich augenzwinkernd gern als den „Erfinder der sächsischen Schriftsprache“. Der Sohn eines Kohlenhändlers aus dem Leipziger Süden war eine Berühmtheit und in vielen literarischen Sätteln zu Hause, er konnte heitere Romane, Grotesken und Schnurren ebenso verfassen wie Kabarett-Texte, Zeitgedichte und, seine ganz besondere Stärke, entlarvende Parodien. Übrigens war Reimann der erste Humorist, der eine Schallplatte mit sächsischen Texten besprach („Die Reise nach Bitterfeld“, „Oswin, der ertrunkene Hering“ u. a.). Auch als Gründer hat der agile Mann seine Verdienste: die Zeitschriften „Der Drache“ und „Das Stachelschwein“ verdanken ihm ebenso ihr Entstehen wie das berühmte Leipziger Kabarett „Retorte“, in dem ein junger Mann namens Erich Weinert sehr schnell zum umjubelten Retortenstern avancierte. Reimanns Stärke war es, die sächsische Volksseele in kurzen, pointierten Szenen und Skizzen zu erfassen. Allein sein berühmter „Monolog eines Junggesellen“. „Wemmr ä Baar Bandoffeln hadd unn dähr eene iß weck unn mr hadd bloß dähn andern – da nudzn ehm alle beede nischd.“ spricht Bände. Von ähnlicher Güte sind seine Arbeiten „Gemütlichkeit“ und vor allem „Quo vadis“, ein beinahe schon philosophisch anmutender Dialog.

Er hatte Schüler, die es ihm gleich taten oder gar überflügelten. Fritz Hampel (1895–1932) wurde später unter dem Namen Slang als Redakteur der „Roten Fahne“ beliebt und berühmt. Zahlreiche sächsische Texte aus seiner Feder sowohl für den „Drachen“ als auch die satirische Arbeiterpresse liegen vor. Wir entschieden uns für den nahezu zeitlosen Dialog eines Pärchens „Au printemps“ (Im Frühling), eine erregend genau beobachtete Alltagsszene, die im „Wärschdjn“ (Würstchen) ihre indirekte Fortsetzung findet. In den Mittelpunkt des Programms „Dr Saggse – Mänsch un Miedos“ rückten wir eine Autorin, die uns zu Unrecht vergessen schien und von der niemand wußte, daß sie sich engagiert für die Linken einsetzte: Lene Voigt (1891–1962). „Dr Garsonghärre“ ist eines jener Beispiele, in denen sie kleinbürgerliche Verhaltensweisen, hier Angst vor Kommunisten, der Lächerlichkeit preisgibt. In anderen Texten gelingt es ihr, ein, manchmal auch ironisch gebrochenes, Heimatgefühl herzustellen. Auch sie ging aus dem Kreis um die Zeitschrift „Der Drache“ hervor, da hat sie ihre ersten Texte in hochdeutsch und sächsisch publiziert, aber sie sah sich später auch in den KPD-Zeitungen „Rote Fahne“, „Sächsische Arbeiter-Zeitung“, in Freidenker-Zeitschriften wie den Proletarischen Heimstunden“ und vielen anderen gedruckt. Von allen hier vereinten Autoren erreichte sie mit ihren Parodienbänden „Säk’sche Balladen“ und „Säk’sche Glassigger“ auf diesem Gebiet die größte Popularität. Sie mußte hart dafür büßen: am 10. Mai 1933 wurden ihre Bücher auf die von den Faschisten in vielen deutschen Universitätsstädten errichteten Scheiterhaufen geworfen und 1936 alle ihre Bücher verboten. Erst 1983 erschien unter dem Titel „Bargarohle, Bärchschaft un sächs’sches Ginsdlrblud“ ein erstes schmales Bändchen ihrer Texte aus dem Zeitraum 1921 bis 1955 sowie aus dem Nachlaß.

Walther Appelt veröffentlichte 1931 ein Büchlein „Muttersprache weiß und grün“, kurioserweise erschien das schmale Werk nicht einmal in Sachsen sondern in Plauen im Vogtland. Weitere Texte aus seiner Feder druckte das SPD-Zentralorgan „Vorwärts“ unter der Schlagzeile „Sächsisches – Allzu Sächsisches“. Über Erich Kästner (1899–1974) und Erich Weinert (1890–1953) braucht an dieser Stelle wohl nichts ausgesagt zu werden, sie sind in jedem Schriftstellerlexikon ausführlich gewürdigt. Daß sie sich allerdings auch des sächsischen Dialekts bedienten, das steht da meistens nicht – liefern wir es demzufolge als kleine Ergänzung.

„Sächsische Impressionen und Miniaturen der 20er Jahre“ verheißt der Untertitel dieses Programms. Kein aktuelles Kabarett wird geboten, es wird auf eigene Art Erbepflege betrieben, zum ersten Mal in dieser Art, denn einen Vorläufer gab es nicht. Das Leipziger Kabarett „academixer“, der vom Berliner Ensemble kommende Gastregisseur Christoph Brück und der Autor dieser Zeilen hatten damit Neuland betreten. Für die Kabarettisten vermischte sich dabei das, was der erfahrene Theaterregisseur einbrachte mit ihren bisherigen kabarettistischen Mitteln und ging eine glückliche Einheit ein. Nun war das Neuland nicht ganz so neu wie es scheint, Erfahrungen hatten wir bereits in der Zusammenarbeit mit Radio DDR, Sender Leipzig, gesammelt. Immer wieder wurden wir ermuntert, neue sächsische Texte ausfindig zu machen, weil die Publikumsresonanz auf die Sendung „a-Messe-ments“ unerwartet groß war und das keineswegs nur aus dem sächsischen Raum.

Sei es wie es sei: hören Sie sich gut ein, egal, ob Sie diese Scheibe in Rostock, Suhl oder gar in Leipzig beziehungsweise Dresden auf den Plattenteller legen. Denken Sie daran: „De Saggsn sinn gemiedlich und helle.“ Und nichts ist einfacher als Sächsisch zu lernen: Unterkiefer langsam fallen lassen, Unterlippe nach vorn schieben und nu de Worde eefach aus dr Gusche rausgullern Iassn. Es geht wirklich ganz prima. Versichert Ihnen der Wahlsachse

Wolfgang U. Schütte
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Entree
von academixer
Katrin Bremer-Hart, Gisela Oechelhaeuser,
Gunter Böhnke, Bernd-Lutz Lange


Als einer über den Dialekt lachte
von Erich Kästner
Katrin Bremer-Hart, Gisela Oechelhaeuser,
Gunter Böhnke, Bernd-Lutz Lange


Gemütlichkeit
von Hans Reimann
Gunter Böhnke, Bernd-Lutz Lange

Gunze aus Gonnewitz
von Hans Reimann
Gunter Böhnke

Dr Garsonghärre
von Lene Voigt
Katrin Bremer-Hart, Gisela Oechelhaeuser,

Wie’s Geschäft mit sich brinkt
von Edwin Bormann
Katrin Bremer-Hart, Gunter Böhnke

Quo vadis
von Hans Reimann
Gunter Böhnke, Bernd-Lutz Lange

Wenn der Strom versagt
von Lene Voigt
Katrin Bremer-Hart, Gisela Oechelhaeuser,
Gunter Böhnke, Bernd-Lutz Lange


Sächsisches Winteridyll
von Lene Voigt
Bernd-Lutz Lange


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Das Führerprinzip
von Erich Weinert
Katrin Bremer-Hart, Gisela Oechelhaeuser,
Gunter Böhnke, Bernd-Lutz Lange


Pflaumenkuchen
von Walter Appelt
Katrin Bremer-Hart, Gisela Oechelhaeuser

Au printemps
von Fritz Hampel (Slang)
Gisela Oechelhaeuser, Gunter Böhnke

Ich mechde Wärschdjn
von Fritz Hampel (Slang)
Katrin Bremer-Hart, Gunter Böhnke, Gisela Oechelhaeuser

Spaziergang im April
von Lene Voigt
Katrin Bremer-Hart, Bernd-Lutz Lange

Wo de Bleiße bläddschert
von Lene Voigt
Katrin Bremer-Hart, Gisela Oechelhaeuser,
Gunter Böhnke, Bernd-Lutz Lange


Leipziger Nachtbild
von Lene Voigt
Katrin Bremer-Hart, Gisela Oechelhaeuser,
Gunter Böhnke, Bernd-Lutz Lange


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Sächsische Impressionen und Miniaturen der 20er Jahre
Vorstellungsmitschnitt November 1982 im academixer-Keller Leipzig


Räschie: Christoph Brück
Auswaal und Dramadurschie: Wolfgang U. Schütte, Jürgen Hart, Bernd-Lutz Lange, Christoph Brück
Gombohsidzionen: Bernd-Lutz Lange, Andreas Peschel
Muhsiegalische Leidung un Arrangschemangs: Andreas Peschel
Muhsiggr: Andreas Peschel, Glawier; Stefan Reichelt,Schlachzeich; Rainer Kühn,Bassgidarre

Aufnahmeleitung: Jürgen Schmidt
Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Mit freundlicher Genehmigung der Verlage und Erben