Du bist min – ich bin din
Alte deutsche Liebeslyrik

LP LITERA 8 60 074
Covertext:
Du bist min, ich bin din
des solt du gewiss sin.
du bist beslossen
in minem herzen,
verloren ist das slüsselin,
du muost immer drinne sin.

Dieses kleine Liebesgedicht des Werner von Tegernsee, eines sonst unbekannten deutschen Dichters aus dem 12. Jahrhundert gehört auch heute noch zum Schönsten was je über Liebe gesagt wurde. Man kann es ebenso wie das heute noch bekannte „Kume, kum geselle min“ (Dichter unbekannt), das um 1200 von Walther von der Vogelweide geschriebene „Unter der Linden an der Heide“ und des von Kürenbercs „Ich zog mir einen Falken“ als Vorläufer der Liebeslieder vom 13. bis 16. Jahrhundert betrachten. Aus diesem Grund wurden sie auch in die Gestaltung dieser Platte mit einbezogen. Vieles ist leider heute zu Unrecht vergessen, obgleich es mit zum Besten gehört, was unsere alte Lyrik aufzuweisen hat. – Es ist Literatur, die wir auf dieser Platte hören, wenn sie auch zum Teil gesungen wird. Aus der liedhaften Lyrik des 15. und 16. Jahrhunderts, die sehr reich an Themen aus dem Leben und Schaffen des damaligen Menschen ist, wurde für diese Platte speziell das Thema Liebe in der Form der verschiedensten Liebesgedichte aus jener Zeit ausgesucht.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts war Deutschland seiner ökonomischen Struktur noch ein feudales Land mit den Anfängen einer sich entwickelnden bürgerlichen Gesellschaft und hatte eine noch sehr uneinheitliche Literatur. Die literarischen Genres begannen sich erst zu entwickeln. Aber zu dieser Zeit war es gerade das Volkslied, das schon eine ausgebildete literarische Form erreichte.

Das Lied war also die Lyrik jener Zeit und kann daher nur eng mit der Musik verbunden gesehen werden. Es gab Melodien, die mehrfach für die verschiedensten Texte verwendet wurden. Wenn der Dichter sein Lied vortrug, unter Angabe auf welchen „Ton“ es zu singen sei, konnten die Zuhörer die ihnen bekannten Melodien mitsummen und dabei leicht die neuen Gedichte lernen. Da die Kunst des Lesens noch nicht so verbreitet war, wurde das Lied für das Volk die Quelle und zugleich auch der einzige Zugang zu seiner Dichtung. Es wurde meistens mündlich überliefert. Die Anonymität vieler dieser Lieder bedeutet keineswegs, daß das Lied keine einmalige individuelle Schöpfung gewesen sei. Die einfachen Reime und der klare Strophenbau schließen sich, wie schon gesagt, an bekannte Melodien an oder neu erfundene. Statt des Reimes wird oft die Assonanz gesetzt. Typisch sind Wiederaufnahme bestimmter Bilder und Wiederholungen von Wortwendungen: das „Brünnlein“, als Sinnbild für Jugend, aus dem sich später der „Jungbrunnen“ entwickelte, der „lichte Morgenstern“ als Sinnbild für Abschied und Wiederkehr der Liebenden. Auffallend ist ein fast formelhaft wiederkehrender Ausdruck „dieweil ich hab das Leben“. Ein Beispiel für Wortwiederholungen: „Der Mond, der steht am höchsten, am höchsten, die Sonne hat sich untertan. Mein Feinslieb liegt in Nöten, in Nöten“. Aus der Natur bezogene Bilder sind symbolisch für einen bestimmten Gemütszustand oder eine Situation, wie z. B. „Es ist ein Schnee gefallen, wann ist es noch nit Zeit“. Diese liedhafte Lyrik ist gefühlsbetont und oft sehr ausdrucksstark. Die Sprachbilder sind meistens von einer großen und echten Naivität, Merkmal jeder wirklichen Kunst und daher für alle Zeiten verständlich. Darum berührt uns diese Lyrik auch heute noch sehr stark. So wie die altdeutschen Texte in unser Deutsch übertragen sind, werden auch die Melodien hier in einer rezitativischen und freieren rhythmischen Form so interpretiert, daß dem heutigen Hörer der Sinn und Worte ganz neu und damit auch deutlicher wird. Die Verwendung des Cembalos hat keinerlei historischen Bezug, sondern soll lediglich eine Assoziation von Klängen eines Saiteninstrumentes jener Zeit – Laute oder Gitarre – geben. Die begleitenden Instrumentalsätze sind daher keine Lauten- oder Gitarrensätze. Sie sind rhythmischer Unterbau für die Melodie, manchmal geben sie auch eine Gegenmelodie. Wir haben es hier also nicht mit streng historischen Klangflächen zu tun, sondern es ist der Versuch, moderne Klangbilder zu assoziieren, was durch die freie Verwendung der vielfältigen Cembalo-Registrierung unterstützt wird.

Deshalb kam es hier noch nicht darauf an, die Texte von Sängern interpretieren zu lassen, deren Gesangstechnik zu anspruchsvoll gewesen wäre. Die in unserer Zeit dem Ohr oft ungewöhnlich anmutende Melodie gewinnt ihre Eigenwilligkeit zurück, weil sie der Sprachlage des jeweiligen Schauspielers angepaßt wurde. Dadurch wird einer ganz persönlichen, unpathetischen Interpretation Raum gegeben, die die ursprüngliche Frische, Kraft, Naivität, Innigkeit, ja sogar Spott und Ironie, dem heutigen Hörer unmittelbar zugänglich macht. So ist versucht, eine Verbindung vom 14. bis ins 20. Jahrhundert herzustellen, genau wie einige in den Gedichten belassenen altdeutschen Worte die Wirklichkeit des 15. Jahrhunderts im 20. Jahrhundert verfremden wollen. Es sind dies die Worte wie: „ungefäll“ = schmerzlich, „Schimpf“ = Spott, Scherz; Wendungen wie: „Ich will mein Haar nit binden" = Ich will mich nicht verheiraten, oder: „Ich weiß, was mich immer irrt“ = was mich immer stört; „nur eines, daß der Wagen kirrt“ = der Wagen knarrt, oder: „halten sich in hute“ = hüten sich, oder: „küßt ihn an sein Mund" = auf seinen Mund, oder: „wohl unverdrungen“ = unvertreibbar, oder: „er tat kramen“ = er kaufte. Die Lieder wurden unter anderem aus folgenden berühmten Sammlungen des 15. Jahrhunderts ausgewählt: aus dem Glogauer Liederbuch, dem Schedelschen Liederbuch, dem Lochamer Liederbuch, aus der fünfteiligen Sammlung „Frische Teutsche Liedlein“ von Forster (16. Jahrhundert) und aus Hans Newsidlers
Lautenbuch (16. Jahrhundrt).

Lily Leder
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Du bist min, ich bin din
Werner von Tegernsee, 12. Jahrhundert

Elslein, liebstes Elselein
Glogauer Liederbuch, um 1480

Kume, hum geselle min
Carmina Burana, 13. Jahrhundert

All mein Gedanken, die ich hab
Melodie vor 1460, Text: Lochamer Liederbuch, 1460

Ich zog mir einen Falken
Der von Kürenberc, 12. Jahrhundert – Nachdichtung: Gottfried Keller

Unter der Linden
Walther von der Vogelweide, um 1220 – Nachdichtung: Lily Leder

Der Morgenstern ist aufgegangen
Michael Praetorius, 1609

Es geht eine dunkle Wolk herein
Werlins Liederwerk, 1646

Der Mond, der steht am höchsten
Anonym, um 1550

Ich sah einmal den lichten Morgensterne
Lochamer Liederbuch, 1480

Ob ich auch arm und elend bin
Forster, um 1550

Es steht ein Lind in jenem Tal
Melodie bei Forster, 1556, Text: Berg und Newber, 1550

Ich tät mir auserwählen
Schedelsches Liederbuch, 1460

Ich bin bei ihr, sie weiß nit drum
Lochamer Liederbuch, 1460

Hätt mir ein Espenzweigelein
Forsters „Schöne liebliche teutsche Liedlein“, 1549

Mir ist mein Pferd vernagelt sehr
Lochamer Liederbuch, 1460


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Es saß ein schneeweiß Vögelein
Flämisches Lied aus Nordfrankreich, E. da Coussemaker: Episode aus dem skandinavischen „Gudrun“-Gedicht, um 1600

Nach meiner Lieb viel hundert Knaben trachten
Jakob Regnort, 1577

Was will ich mehr von ihr
Anonym, um 1550

Bei meines Buhlen Haupte
Berg und Newber, 1550

Ein Fräulein fein
Schedelsches Liederbuch, 1460

So wünsch ich ihr ein gute Nacht
Hans Newsidlers Lautenbuch, 1536

Wach auf, wach auf
Reutterliedlein, 1535

Kein größer Freud auf Erden ist
Frankfurter Liederbuch, um 1580

Ach herzigs Herz
Heinrich Finck, „Schöne auserlesene Lieder“, 1536, entstanden vor 1500

Mit Lieb bin ich umfangen
Scandellus, Newe und lustige weltl. Deudsche Liedlein“, 1570

Ich bin erfreut aus rotem Mund
Glogauer Liederbuch, um 1480

Es gingen zwei Gespielen gut
Antwerpener Liederbuch, 1544. deutsch um 1570; Ambroser Liederbuch, 1582

Es ist ein Schnee gefallen
Berg und Newber, 1542

Ich weiß ein hübsches Fräuelein
Forsters „Frische Liedlein“, um 1530

Es wollt ein Meidlin Wasser holn
Text: um 1530, kürzerer Text: Reutterliedlein, 1535

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Sprecher, Gesang: Sabine Krug, Monika Lennartz,
Armin Müller-Stahl, Winfried Wagner



Eine Produktion mit dem Chansonstudio Berlin
Leitung: Chris Baumgarten
Auswahl, musikalische Bearbeitung und Einstudierung: Chris Baumgarten

Am Cembalo: Chris Baumgarten
Wortregie: Theodor Papp