Du meine Seele, du mein Herz
Aus Briefen und Kompositionen
von Clara Wieck und Robert Schumann

LP LITERA 8 60 115
Covertext:
Der zwanzigjährige Robert Schumann, Student der Rechte in Heidelberg, schrieb am 30. Juli 1830 an seine Mutter: „... Jetzt stehe ich am Kreuzwege und ich erschrecke bei der Frage: Wohin? – Folg ich meinem Genius, so weist er mich zur Kunst, und ich glaube, zum rechten Weg ...“ Dieser Entschluß kam nicht von ungefähr. Schumann, der wie so viele bedeutende Künstler, die zur Entwicklung der deutschen Musik entscheidend beigetragen. haben, aus dem sächsisch-thüringischen Raum stammt und angeregt von seinem Vater, dem Zwickauer Buchhändler und Verleger Friedrich August Schumann (1773-1826), schon frühzeitig den Weg zur Kunst fand, äußerte später daß er während des Studiums der Rechte, das er auf Wunsch seines Vormunds und seiner Mutter aufnahm, oft schon an den Türen der Hörsäle leise kehrtgemacht und „ausschließlich in der Stille gearbeitet, das heißt Klavier gespielt“ habe.

Bereits 1828 hatte Schumann in Leipzig den Klavierpädagogen Friedrich Wieck (1785 - 1873) kennengelernt, bei dem er seine Kenntnisse im Klavierspiel weiter vervollkommnete. Weder er noch Wieck ahnten, zu welcher Verbindung es später zwischen Schumann und der damals erst neunjährigen Tochter seines Lehrers, Clara Wieck, kommen würde, die von ihrem Vater schon zu diesem Zeitpunkt zu einer ausgezeichneten Pianistin herangebildet worden war.

Die wachsende Intensität, mit der sich Schumann während seines sich anschließenden Heidelberger Rechtsstudiums der Musik zuwandte (er übte oft bis zu sieben Stunden am Tage Klavier und selbst bei Wagenausflügen trug er eine „stumme Klaviatur“ bei sich, um jederzeit die Möglichkeit zu haben, seine Fingerfertigkeit zu vervollkommnen), führte dazu, daß eine Entscheidung zwischen Jura und Musik nicht länger hinausgezögert werden konnte.

Schumanns Mutter wandte sich, einem Hinweis Roberts folgend, an Wieck und bat ihn, über Schumanns künstlerische Befähigung zu entscheiden: „Ich bitte, ich beschwöre Sie ... handeln Sie als redlicher Mann und sagen Sie mir unumwunden Ihre Ansicht, was er zu fürchten – oder zu hoffen hat.“ Und Wieck traf die Entscheidung. Er erklärte: „Ich mache mich anheischig, Ihren Herrn Sohn, den Robert, bei seinem Talent und seiner Phantasie binnen drei Jahren zu einem der größten, jetzt lebenden Klavierspieler zu machen.“ Schumann dankte Wieck aus vollem Herzen. Er schrieb ihm: „Ich vertraue Ihnen ganz; nehmen Sie mich, wie ich bin, und haben Sie vor allem Geduld mit mir. Kein Tadel wird mich niederdrücken und kein Lob soll mich faul machen. Etliche Eimer recht, recht kalte Theorie können mir auch nicht schaden und ich will ohne Mucksen hinhalten.“

Vom Herbst 1830 an studierte Schumann bei Wieck in Leipzig, in dessen Haus er auch wohnte. Hier konnte er die künstlerischen Fortschritte der jungen Clara Wieck verfolgen und zweifellos entwickelte sich schon damals eine tiefe Zuneigung zwischen den beiden der Musik ergebenen jungen Menschen.

Schumanns Wunsch, eine Virtuosenlaufbahn einzuschlagen, erwies sich jedoch bald als unerfüllbar. In dem Bemühen seine Spieltechnik rasch zu verbessern, verzerrte er sich den vierten Finger der rechten Hand, für den er heimlich eine mechanische Übungsvorrichtung angefertigt hatte. Das führte zu Lähmungserscheinungen der ganzen Hand, – ein Unfall, der Schumann erst veranlaßte, seiner kompositorischen Tätigkeit stärker nachzugehen, hatte er doch noch in seinem entscheidungsschweren Brief an die Mutter vom 30. Juli 1830 nur bescheiden geäußert: ... hier und da habe ich auch Phantasie und vielleicht Anlage zum eigenen Schaffen.“

In den folgenden Jahren wird der überzeugende schöpferische Beweis erbracht („Carnaval“ op. 9, 1834/35; Davidsbündlertänze op. 6, 1837; Phantasiestücke op. 12, 1838; Kinderszenen op. 15, 1838; u. a.). Zwischen „Träumerei“ und „Aufschwung“ bricht sich aber auch seine musikschriftstellerische, kritische Befähigung Bahn. Er gründete 1834 im Bunde mit anderen Gesinnungsfreunden die „Neue Zeitschrift für Musik“, um gegen musikalische und andere Philister anzukämpfen und eine „neue poetische Zeit vorzubereiten, beschleunigen zu helfen“.

Wieck, dem es nicht verborgen geblieben war, daß die Jugendfreundschaft zwischen Clara und Robert zu einer aufrichtigen, beiderseitigen Zuneigung geführt hatte, schickte seine Tochter für längere Zeit aus dem Hause. Er hatte sie dank seiner klavierpädagogischen Befähigung zur bedeutendsten Pianistin ihrer Zeit emporgeführt. Nun schien sie ihm zu schade, um an der Seite des unbekannten „Literaten“ Schumann ein ihrer Befähigung unangemessenes Dasein zu führen. Die Tatsache, daß die Einwände Wiecks zunächst durchaus sachlicher Natur waren und der berechtigten Sorge um die künstlerische Zukunft seiner Tochter entsprachen, vertiefte nur den Konflikt zwischen diesen drei Menschen, die zugleich drei eigengeprägte Künstlerpersönlichkeiten waren.

Im Sommer 1838 bittet Schumann bei Wieck um die Hand der achtzehnjährigen Clara. Aber Wieck, der immer deutlicher spürte, welch tiefe Liebe seine Tochter und Schumann verband, versuchte nun in verzweifeltem Trotz, die geknüpften Bande zu zerreißen. Er fährt mit Clara nach Prag und Wien, erlebt die Konzerttriumphe seiner umschwärmten Tochter und kann doch nicht verhindern, daß ein heimlicher Briefwechsel fortbesteht.

Auch Schumanns Versuch, 1838/39 in Wien Fuß zu fassen (dort entstand der „Faschingsschwank aus Wien“ op. 26, in den er der Metternich-Polizei zum Trotz die verbotene Melodie der Marseillaise einfügte), führte nicht zu einer Trennung der Liebenden. Im Gegenteil, in ihren Briefen kommen nicht nur ihre geheimsten Gedanken, ihre Wünsche und Träume zum Ausdruck, auch die durchaus konfliktreiche Entwicklung ihrer künstlerischen Anschauungen, ihres Urteilsvermögens und ihrer menschlichen Zielstellung ist deutlich zu verfolgen.

Wieck, der sich immer mehr in seiner Ablehnung versteifte, scheute schließlich vor groben Verleumdungen Schumanns nicht zurück. Es gab für Clara und Robert keinen anderen Weg, als eine gerichtliche Heiratserlaubnis zu erwirken.

Am 12. September 1840 fand ihre Liebe Erfüllung. Vor ihnen lagen sechzehn Jahre gemeinsamer künstlerischer Arbeit, die eingegangen sind in die Musikgeschichte.

Siegfried Köhler
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Robert Schumann

„Widmung“ (Rückert)
aus: op. 25 (1840)
Peter Schreier, Tenor
Walter Olbertz, Klavier

„Preambule“
aus : Carnaval, scenes mignonnes sur quatre notes (1834/35)
Gerhard Puchelt, Klavier

„Aveu“
aus : Carnaval, scenes mignonnes sur quatre notes (1834/35)
Gerhard Puchelt, Klavier

„Die Stille“ (Eichendorff)
aus op. 39 (1840)
Peter Schreier, Tenor
Walter Olbertz, Klavier

„Davidsbündlertänze“
op. 6 Nr. 1 (1837)
Siegfried Stöckigt, Klavier


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„Davidsbündlertänze“
op. 6 Nr. 18 (1837)
Siegfried Stöckigt, Klavier

„Träumerei“
aus: Kinderscenen op. 15 (1838)
Siegfried Stöckigt, Klavier


Clara Wieck

„Romance Variee pour le Pianoforte“
op. 3 (Robert Schumann gewidmet)
Siegfried Stöckigt, Klavier


Robert Schumann

„Mondnacht“ (Eichendorff)
aus: op. 39 (1840)
Peter Schreier, Tenor
Walter Olbertz, Klavier

„Aufschwung“
aus: Phantasiestücke op. 12 (1837)
Gerhard Mey, Klavier

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Sprecher: Christine von Santen, Gerd Micheel

ausgewählt und zusammengestellt: Dr. Siegfried Köhler
Regie: Hanns Anselm Perten