Ein Bertolt Brecht Abend mit Therese Giehse
1. Folge

LP LITERA 8 65 213
Covertext:
Franz Förster, „Nationalzeitung“, Berlin
Bertolt Brechts Gedichte haben viele gute und einige sehr gute Interpreten gefunden, an ihrer Spitze die Schauspielerin Therese Giehse, die der Dichter einst „die außerordentliche“ genannt hat.
Was Therese Giehses Vortragskunst auszeichnet und in den Rang des Vorbildlichen erhebt, ist ihre allem Deklamatorischen abholde und aller rezitatorischen Effekte bare geistige Klarheit. Da wird in oft scheinbar nüchternem Vorlesen, bei dem kein grammatisches und erst recht kein Bedeutungskomma verloren geht, Brechts Dialektik transparent und sein revolutionäres Dichtertum offenbar. Ob im geschliffenen Aphorismus oder im Lehrgedicht, in Schauerballaden oder Kinderliedern, in vernichtender Anklage oder im Bekenntnis zu einer Welt der Menschenfreundlichkeit – immer trifft Therese Giehse mit ihrer fast prosaisch-sachlichen, jedoch auch der Pfiffs und Gags des Komödiantischen keineswegs entratenden Interpretation genau den Nervpunkt. Von Peter Fischer als Komponisten, musikalischen Begleiter und Mitspieler ist gleiches zu rühmen.

Elvira Mollenschott, „Neues Deutschland“, Berlin
Therese Giehses Vortrag wirkt einfach und klar. Sie sitzt ruhig am Tisch, auch wenn sie singt. Nur ihre Gesichtszüge sprechen mit, ab und an eine Bewegung der Hände. Jedes Wort klingt bei ihr so, als denke sie eben jetzt den gleichen Gedanken, den der Dichter zum Ausdruck bringt. Da ist künstlerische Meisterschaft zu bewundern, und da ist vor allem eine tiefe Übereinstimmung mit Brecht spürbar, mit seiner Haltung. Und diese Übereinstimmung ist wohl letztlich ausschlaggebend für die so starke, lebendige Wirkung ihres Vortrags. Gebeten, Aussagen über ihre künstlerische Arbeit zu machen, hat Therese Giehse 1943 einmal geschrieben: „Erst muß man mit sauberen Füßen auf der Erde stehen, auf der Seite der Gerechtigkeit mit unverschmiertem Gefühl und unegoistischem Sinn für das Reale,“ Diesem Grundsatz ist die Giehse treu geblieben, und auch darum wurde sie wohl zu der großen Interpretin Brechtscher Werke.

Christoph Funke, „Der Morgen“, Berlin
Therese Giehse liest genau, langsam, bedächtig, ohne jeden Effekt. Sie trägt so vor, als ob sie die Texte zum ersten Mal kennenlernen würde – da gibt es nicht die leiseste Routine, keine Glätte, sondern eine spürbare, oft fast „rauhe“, stockendstaunende Auseinandersetzung mit den Gedichten Brechts. Und die Giehse zwingt alle Zuschauer in diese Auseinandersetzung hinein, läßt sie an einem „Schöpfungsakt“ teilnehmen, erschließt auch bei oft gehörten Texten Brechts plötzlich eine neue Nuance, einen noch nicht bemerkten geistigen Zusammenhang. Sie gliedert Sätze nüchtern, sachlich, aber wenn dann ein Wort hervorgehoben wird, wenn die Stimme plötzlich umfärbt, wird Erkenntnis geradezu blitzartig befördert. Die große Schauspielerin weist nach, daß denkerisches Vergnügen keine glatte Sache, nicht eine Angelegenheit spaßhaften Nebenbeis ist, sondern eine „ernsthafte“, schöne Arbeit, geboren aus Versenkung und Konzentration, wechselnd aus der Sammlung aller geistigen Kräfte, um sie zu mehren und vielfarbiger zu machen.
Auch das Programm an Liedern und Gedichten, das sich die Giehse wählte, hat eine unverwechselbare Eigenheit. Der Frager Brecht ist bevorzugt, der tiefernst humorvolle und skurrile Denker, der scheue und kindliche Sonderling, aber auch der entschiedene, angriffslustige, bitter satirische Kämpfer in den Klassenauseinandersetzungen seiner Zeit. Therese Giehse liebt das Nachdenkliche, das Verhaltene. Zarte leise, verschmitzt, hingegeben hinterlistig singt sie von Mutter Beimlen mit dem Holzbein, erzählt sie vom Baum Griehn … Aber ganz genau so eindringlich steht ihr Härte zu Gebote, etwa im „Deutschen Miserere“ …
Bei Therese Giehse wird das Genießen geistsprühender Wendungen, spaßiger Einfälle und kritischer Durchleuchtung der Gesellschaft beobachtbar. Wie sie das Papier hält, wie sie sich in die Zeilen versenkt, dann plötzlich aufblickt, besonders deutlich das Entscheidende an ihr Publikum adressiert, ohne „Wirkung“ im herkömmlichen Sinne zu wollen, bringt dem Zuschauer zum Vergnügen am Text das Vergnügen am Vortrag. Kein Wunder, daß Therese Giehse, die „Wassa Schelesnowa“, des Berliner Ensembles im Jahre 1949, im Berliner Ensemble enthusiastisch gefeiert wurde, mit Jubelstürmen, die im Theateralltag nur alle paar Jahre einmal vorkommen. Eine Schauspielerin feierte diesen Erfolg, deren handwerklicher Adel, deren Genauigkeit und Versenkung ins dichterische Wort beispielhaft sind.

Daten aus: Therese Giehse, „Ich hab nichts zum Sagen“, Gespräche mit Monika Sperr, C. Bertelsmann Verlag, München-Gütersloh-Wien 1973


Therese Giehse – Stationen einer Entwicklung
1898 – 6. 3. geboren in München
1918/20 – Auf Empfehlung von Albert Steinrück Schauspielunterricht bei Tony Wittels-Stury.
1920/25 – Der Lernweg durch die Provinz: Siegen/Westf. – Gleiwitz – Landshut Breslau.
1925/26 – Schauspielhaus München
1926 – 19. 9. Otto Falckenberg eröffnet mit ,Dantons Tod‘ die ,Kammerspiele im Schauspielhaus‘.
1926/33 – An den ,Kammerspielen‘ in vielen Ur- und Erstaufführungen zeitgenössischer Dramatik zwischen Sternheim und Brecht. mit Regisseuren wie Falckenberg. Piscator, Hans Schweikart, Karl Heinz Martin.
1927 – Erste Begegnung mit Thomas Mann nach der Uraufführung von ,Das gastliche Haus‘ seines Bruders Heinrich Mann.
1929 – Erste Begegnung mit Brecht bei den Endproben zur ,Dreigroschenoper‘; Rolle der Frau Peachum.
1933 – 1. 1. Eröffnung des ,Literarischen Cabarets Die Pfeffermühle‘ in der Münchner Bonbonniere am Hofbräuhaus. Gründer: Klaus und Erika Mann, Therese Giehse, der Musiker Magnus Henning. Programm: der Kampf gegen Hitler.
1933 – 13. 3. Flucht aus München und Emigration aus Hitler-Deutschland.
1933 – 30. 9. Neueröffnung der ,Pfeffermühle‘ im ,Hirschen‘ zu Zürich.
1934/36 – Mit der ,Pfeffermühle‘ quer durch Europa: Schweiz, Belgien, Niederlande, Luxemburg, Österreich, Tschechoslowakei.
1936 – 26. 4. Die 1000. Vorstellung der ,Pfeffermühle‘ in Amsterdam.
1937 – 5. 1. Premiere mit der ,Pfeffermühle‘ in New York.
1937/66 – Als festes Ensemblemitglied und als Gast am Zürcher Schauspielhaus. – Im künstlerischen Format und der politischen Haltung wesentlich bestimmt durch namhafte emigrierte Theaterleute wie Ernst Ginsberg, Wolfgang Heinz, Kurt Horwitz, Erwin Kaiser, Wolfgang Langhoff, Leopold Lindtberg, Teo Otto, Karl Paryla, Leonard Steckel, vertrat dieses von Oskar Wälterlin geleitete Theater zwischen 1938 und 1945 mitten in dem vom Faschismus okkupierten oder bedrohten Europa die Position einer humanistischen und antifaschistischen Kunst. Uraufführungen mehrerer Stücke Brechts.
1941 – 19. 4. Titelrolle in der Uraufführung von ,Mutter Courage‘.
1943 – 4. 2. Rolle der Mi Tzü in der Uraufführung von ,Der gute Mensch von Sezuan‘.
1947 – 11. 12. Titelrolle in der deutschen Erstaufführung von Gorkis ,Wassa Schelesnowa‘. In der Premiere Brecht, Helene Weigel, Fritz Kortner.
1948 – 23. 4. Lesung mit Brecht und Weigel.
1948 – 5. 6. Rolle der Schmuggler-Emma in der Uraufführung von ,Herr Puntila und sein Knecht Matti‘.
1949/52 – Berliner Ensemble. Titelrolle in ,Wassa Schelesnowa‘ 1949. Schmuggler-Emma in ,Puntila‘ 1950, Mutter Wolffen und Frau Fielitz in Hauptmanns ,Biberpelz und Roter Hahn‘ 1951, Regie und Rolle der Marthe Rull in Kleists ,Der zerbrochene Krug‘ 1952.
1949/73 – An den ,Kammerspielen‘ München.
1950 – 8. 10. Titelrolle in ,Mutter Courage‘. Regie Brecht.
1952/62 – Titel- und Hauptrollen In Ur- und Erstaufführungen von Stücken Eduardo de Filippos, Max Frischs und Friedrich Dürrenmatts in München und Zürich.
1966 – 27. 6. Brecht-Abend I im Münchner Cuvilliéstheater.
1968 – 10. 2. Brecht-Abend II in den Münchner Kammerspielen.
1970 – 8. 10. Titelrolle in ,Die Mutter‘ von Brecht nach Gorki in der Inszenierung der Westberliner Schaubühne.
1971 – 3. 9. Brecht-Abend III in den Münchner Kammerspielen.
1973 – 11. und 15. 2. Zu Brechts 75. Geburtstag mit dem Brecht-Abend im Berliner Ensemble.
1973 – 6. 3. Der 75. Geburtstag der Giehse.
1974 – 13./14. 10. Zu den XVIII. Berliner Festtagen mit dem Brecht-Abend im Berliner Ensemble.
1975 – 3. 3. gestorben in München
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Ballade vom armen B. B.
Lied von meiner Mutter
Meiner Mutter
Aus den Weihnachtsgedichten: Maria
Die gute Nacht
Ballade vom Pfund


Wo soll das hin
Musik: Peter Fischer

Der Schneider von Ulm
Vom Kind, das sich nicht waschen wollte


Mutter Beimlen
Musik: Hanns Eisler

Der Pflaumenbaum
Mein Bruder war ein Flieger
Morgendliche Rede an den Baum Griehn (1927)
Vom Schwimmen in Seen und Flüssen
Vom ertrunkenen Mädchen
Untersuchung, ob der Mensch dem Menschen hilft



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Fragen eines lesenden Arbeiters

Der Wolf ist zum Huhn gekommen
Musik: Peter Fischer

Liturgie vom Hauch
Die Niederkunft der großen Babel
1940
Hollywood
Die Maske des Bösen
Legende von der Entstehung des Buches Taoteking
auf dem Weg des Laotse in die Emigration
Vom Sprengen des Gartens
Zeitunglesen beim Theekochen
Nach dem Tod meiner Mitarbeiterin M. S.


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Gesang, Leserin: Therese Giehse

Musikalische Leitung: Peter Fischer