Ein Bertolt Brecht Abend mit Therese Giehse
2. Folge

LP LITERA 8 65 214
Covertext:
Brecht Die ausserordentliche Therese Giehse

Gorkis Wassa Schelesnowa 1949
Wie jedes schauspielerische Ingenium, hatte sich die Giehse eine Vorstellung erarbeitet, die das Gesamte der Aufführung betraf. Die Darstellung der Schelesnowa durch die Giehse ist dialektisch und aufschlußreich. Bei undialektischen, formalistischen Darstellungen wird nur das Äußerliche einer Figur abgebildet, und das Resultat ist etwas Formelhaftes, Unlebendiges. Der realistische Schauspieler verschafft dem Zuschauer durch seine Kunst einen tiefen Einblick in die menschliche Natur, wie der wissenschaftliche Forscher in sein Objekt.

Mutter Courage 1950
In der Münchener Aufführung nach dem Berliner Modell zeigte die Giehse, die die Rolle der Courage während des Weltkriegs in Zürich kreiert hatte, wie ein großer Schauspieler das Arrangement und theatralische Material einer Modellaufführung zur Ausgestaltung einer eigenen und unverwechselbaren Figur benutzen kann. Sie erfand dabei immerzu schöne Änderungen, die auch für das Modell Bereicherungen darstellen. So, wenn sie, den Gulden, den sie für ihren Kapaun erzielt hat, indem sie den Triumph ihres Sohnes ausnutzte, in der erhobenen Faust, einen kleinen Triumphmarsch ausführte.
Oder wenn sie dem in die Küche stolpernden Eilif, der sie offenbar in der Art der Fierlings, mit einem barbarischen Gebrüll begrüßt, mit einer mißlaunigen Abart dieses Lautes antwortet. Die Ohrfeige ist so vorbereitet. (Die Weigel hatte Wiedersehensfreude gespielt und, sich plötzlich an Eilifs Unvorsichtigkeit erinnernd, ihn geohrfeigt.) Der Schweizerkas ist weggeführt worden. ,Und renkt ihm nicht das Schulterblatt aus!‘ brüllend, vollführt die Courage der Giehse neben ihrem Wagen und gedeckt durch diesen, wild den Boden stampfend, einen wahren Verzweiflungstanz. Sie muß ihre Verzweiflung verstecken und kann selbst ihren Appell an die Quäler ihres Sohnes nur pro forma äußern.
Vor der Verleugnung, wenn die stumme Kattrin, geschickt von der Lagerhure, sich unwillig neben sie stellt, lehnt sie sich in einem Augenblick der Schwäche an die Tochter und faßt nach ihrer Hand. Sie läßt sie schnell fahren, wenn die Landsknechte mit der Bahre des Schweizerkas kommen. Ihr Gang vom Faß zur Bahre und zurück ist wiegend und frech, und an der Bahre steht sie kerzengerade, in einer herausfordernden, ja eitlen Haltung, als folge sie lediglich einer beleidigten Zumutung. Wenn die Bahre weggetragen ist, fällt sie ohne Übergang und lautlos vornüber vom Hocker.
Dem Lied von der Großen Kapitulation gab die Giehse eine aggressive Wendung, indem sie beim letzten Refrain das Publikum mit einbezog – sie trat auf in der ,Stadt der Bewegung‘ und der Remilitarisierung. Ihr Zürcher Szenenschluß, mit dem in militärischer Zu-Befehl-Haltung gesprochenen ,Ich beschwer’ mich nicht‘, gab sie für den Münchener Szenenschluß auf; die Courage ging mit gesenktem Kopf die Rampe entlang am Schreiber vorbei ob, wodurch die Niederlage betont wurde. In der Szene, wo die Courage die stumme Kattrin von der Flucht zurückhält, fütterte die Weigel sie mit dem Löffel. Die Giehse setzte eine schöne Erfindung hinzu: Während sie, en Holzteller umkehrend, die letzten Tropfen der Suppe in den Löffel laufen ließ, zeigte sie durch Betonung und Heraushebung des Wortes ,Wagen‘ – von ihr bayrisch ,Woogen‘ ausgesprochen – die unbeholfene Höflichkeit vieler kleiner Leute, welche den Opfern, die sie bringen, eigensüchtige Motive unterschieben, um anderen die Demütigung zu ersparen, die Opfer annehmen zu müssen.
Mühselig hochhumpelnd, verbeugte sich die Courage tief auf halber Treppe, als stünde die Tür ins Pfarrhaus offen. Auch als sie den Teller zurück auf die Treppe stellte, verbeugte sie sich noch einmal tief. Das mühselige Hochklimmen zeigte, wie alt sie war, die da eine Bleibe ausschlug: die Bettlerverbeugung, was für ein Leben sie auf der Straße zu erwarten hatte. Die Weigel übernahm die Verbeugungen. Bei dem Zudecken des Leichnams, bevor sie die Blache endgültig über das Gesicht der stummen Kattrin fallen ließ, steckte die Giehse den Kopf unter sie, die Tochter noch einmal betrachtend.
Und bevor sie mit dem Ziehen des Planwagens begann, blickte sie, eine andere schöne Variante, in die Ferne, sich zu orientieren, wohin sie gehen mußte, schneuzte sich, bevor sie loszog, mit dem Zeigefinger.

Die Mutter Wolffen 1951
Es war die Konzeption der Giehse, die Komödie und die Tragödie der Waschfrau Wolffen zu einer Tragikomödie auszugestalten.
Wenn die Giehse an einem Abend die Mutter Wolffen im „Biberpelz“ und die Frau Fielitz in „Der rote Hahn“ spielt, tut sie etwas sehr Kühnes: sie verzichtet für ihre Waschfrau auf die bedenkenlose schmunzelnde Anerkennung, die ihr das erste Stück, und auf das Mitleid, das das zweite ihr verschaffen könnte. Sie erregt widersprechende Gefühle beim Zuschauer. Eben noch hat er über harmlose Gaunereien gelacht, da soll er der schon ins Herz geschlossenen Gaunerin ein Verbrechen nachsehen, das andere Menschen tief schädigt. Er hat über einen Pelzdiebstahl gejubelt, weil er gegen eine dumme und tyrannische Polizei auf ihrer Seite ist, da muß er sie an der Seite der Polizei gegen einen Sozialisten sehen. Sie scheint im ersten Stück gegen die faule Gesellschaft zu rebellieren, im zweiten verfliegt der Schein, denn sie trifft auf einen wirklichen Gegner der faulen Gesellschaft, den Arbeiter Rauert. Ein Schauspieler hat völlige intellektuelle Selbständigkeit und technische Meisterschaft nötig, wenn er gegen eine sympathische Figur Stellung zu nehmen hat; denn er muß ja weiterhin den Zuschauer erfreuen. Die Giehse entwickelte die Figur – von der Gaunerin zur Verbrecherin – und zugleich die Gefühle und Gedanken des Zuschauers.

Aus: Bertolt Brecht, Schriften zum Theater,
Aufbau-Verlag Berlin und Weimar

Daten aus: Therese Giehse, „Ich hab nichts zum Sagen“, Gespräche mit Monika Sperr, C. Bertelsmann Verlag, München – Gütersloh – Wien 1973


Therese Giehse – Stationen einer Entwicklung
1898 – 6. 3. geboren in München
1918/20 – Auf Empfehlung von Albert Steinrück Schauspielunterricht bei Tony Wittels-Stury.
1920/25 – Der Lernweg durch die Provinz: Siegen/Westf. – Gleiwitz – Landshut Breslau.
1925/26 – Schauspielhaus München
1926 – 19. 9. Otto Falckenberg eröffnet mit ,Dantons Tod‘ die ,Kammerspiele im Schauspielhaus‘.
1926/33 – An den ,Kammerspielen‘ in vielen Ur- und Erstaufführungen zeitgenössischer Dramatik zwischen Sternheim und Brecht. mit Regisseuren wie Falckenberg. Piscator, Hans Schweikart, Karl Heinz Martin.
1927 – Erste Begegnung mit Thomas Mann nach der Uraufführung von ,Das gastliche Haus‘ seines Bruders Heinrich Mann.
1929 – Erste Begegnung mit Brecht bei den Endproben zur ,Dreigroschenoper‘; Rolle der Frau Peachum.
1933 – 1. 1. Eröffnung des ,Literarischen Cabarets Die Pfeffermühle‘ in der Münchner Bonbonniere am Hofbräuhaus. Gründer: Klaus und Erika Mann, Therese Giehse, der Musiker Magnus Henning. Programm: der Kampf gegen Hitler.
1933 – 13. 3. Flucht aus München und Emigration aus Hitler-Deutschland.
1933 – 30. 9. Neueröffnung der ,Pfeffermühle‘ im ,Hirschen‘ zu Zürich.
1934/36 – Mit der ,Pfeffermühle‘ quer durch Europa: Schweiz, Belgien, Niederlande, Luxemburg, Österreich, Tschechoslowakei.
1936 – 26. 4. Die 1000. Vorstellung der ,Pfeffermühle‘ in Amsterdam.
1937 – 5. 1. Premiere mit der ,Pfeffermühle‘ in New York.
1937/66 – Als festes Ensemblemitglied und als Gast am Zürcher Schauspielhaus. – Im künstlerischen Format und der politischen Haltung wesentlich bestimmt durch namhafte emigrierte Theaterleute wie Ernst Ginsberg, Wolfgang Heinz, Kurt Horwitz, Erwin Kaiser, Wolfgang Langhoff, Leopold Lindtberg, Teo Otto, Karl Paryla, Leonard Steckel, vertrat dieses von Oskar Wälterlin geleitete Theater zwischen 1938 und 1945 mitten in dem vom Faschismus okkupierten oder bedrohten Europa die Position einer humanistischen und antifaschistischen Kunst. Uraufführungen mehrerer Stücke Brechts.
1941 – 19. 4. Titelrolle in der Uraufführung von ,Mutter Courage‘.
1943 – 4. 2. Rolle der Mi Tzü in der Uraufführung von ,Der gute Mensch von Sezuan‘.
1947 – 11. 12. Titelrolle in der deutschen Erstaufführung von Gorkis ,Wassa Schelesnowa‘. In der Premiere Brecht, Helene Weigel, Fritz Kortner.
1948 – 23. 4. Lesung mit Brecht und Weigel.
1948 – 5. 6. Rolle der Schmuggler-Emma in der Uraufführung von ,Herr Puntila und sein Knecht Matti‘.
1949/52 – Berliner Ensemble. Titelrolle in ,Wassa Schelesnowa‘ 1949. Schmuggler-Emma in ,Puntila‘ 1950, Mutter Wolffen und Frau Fielitz in Hauptmanns ,Biberpelz und Roter Hahn‘ 1951, Regie und Rolle der Marthe Rull in Kleists ,Der zerbrochene Krug‘ 1952.
1949/73 – An den ,Kammerspielen‘ München.
1950 – 8. 10. Titelrolle in ,Mutter Courage‘. Regie Brecht.
1952/62 – Titel- und Hauptrollen In Ur- und Erstaufführungen von Stücken Eduardo de Filippos, Max Frischs und Friedrich Dürrenmatts in München und Zürich.
1966 – 27. 6. Brecht-Abend I im Münchner Cuvilliéstheater.
1968 – 10. 2. Brecht-Abend II in den Münchner Kammerspielen.
1970 – 8. 10. Titelrolle in ,Die Mutter‘ von Brecht nach Gorki in der Inszenierung der Westberliner Schaubühne.
1971 – 3. 9. Brecht-Abend III in den Münchner Kammerspielen.
1973 – 11. und 15. 2. Zu Brechts 75. Geburtstag mit dem Brecht-Abend im Berliner Ensemble.
1973 – 6. 3. Der 75. Geburtstag der Giehse.
1974 – 13./14. 10. Zu den XVIII. Berliner Festtagen mit dem Brecht-Abend im Berliner Ensemble.
1975 – 3. 3. gestorben in München
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An die Nachgeborenen

Deutsches Miserere
Musik: Harms Eisler

Epilog aus: Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui

Lied einer deutschen Mutter (1942)
Musik: Hanns Eisler

Kinderkreuzzug 1939
Ich, der Überlebende
Das Waschen (für C. N.)
Rückkehr
Der Rauch
Der Blumengarten
Tannen
Da das Instrument verstimmt ist


Die Krücken
Musik: Peter Fischer

Der Radwechsel
Auf einen chinesischen Theewurzellöwen
Vergnügungen
An meine Landsleute



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Der Spitzel aus „Furcht und Elend des Dritten Reiches“


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Gesang, Leserin: Therese Giehse

Musikalische Leitung: Peter Fischer