Ein Menschenschicksal

von Michail Scholochow
LP LITERA 8 60 006
Covertext:
Der Autor unserer Erzählung gilt heute als einer der größten Epiker unserer Zeit. Bereits vor mehr als dreißig Jahren begründete Michail Scholochow, dessen Name gerade erst in der jungen Sowjetliteratur aufgetaucht war, mit dem ersten Teil des Romanepos „Der stille Don“ seinen Weltruf. Als nach Beendigung des Bürgerkrieges Scholochows erste Erzählungen in Moskauer Zeitungen abgedruckt wurden, war er erst achtzehn Jahre alt. Der Schriftsteller ist am 24. Mai 1905 in der Kosakenstaniza Wjoschenskaja am Don geboren. Sein Vater war Viehhändler, Bauer, Kaufmann; seine Mutter eine Halbkosakin. Als Gymnasiast erlebte Scholochow die heftigen Bürgerkriegskämpfe in seiner Heimat, bis die Weißen endgültig vom Don verjagt wurden. Der Siebzehnjährige wandte sich noch Moskau, wo er als Maurer, Schauermann und Journalist sein Brot verdiente. Bald hatte der angehende Schriftsteller sich mit den „Erzählungen vom Don“ (deutsch unter dem Titel „Flimmernde Steppe“) die ersten literarischen Sporen verdient. Er kehrte 1925 in seine Heimat am Don zurück – wo er auch heute noch lebt – und setzte die Arbeit an dem großen historischen Romanwerk aus der Zeit des Bürgerkriegs fort. 1932 veröffentlichte er den ersten Teil des Romans von der revolutionären Umgestaltung des Dorfes „Neuland unterm Pflug“ (Der zweite Teil dieses Buches erschien 1960.) Während des zweiten Weltkrieges war der Schriftsteller an der Front. Kapitel seines unvollendeten Kriegsromans „Sie kämpften für die Heimat“ kamen 1960 in deutscher Übersetzung heraus.
Scholochows gesamtes künstlerisches Schaffen ist dem Schicksal seines Volkes gewidmet. Die große Kunst des sowjetischen Autors offenbart sich darin, daß er das Allgemeine und das Besondere zugleich und untrennbar voneinander darstellt. So wird das Geschehen im Werk des Dichters immer durch die Ereignisse im ganzen Sowjetland und in der Welt bestimmt und durch entscheidende Motive der gesellschaftlichen Revolution geprägt.
Die Erzählung „Ein Menschenschicksal“ führt uns zurück in den ersten Nachkriegsfrühling. Am erlenbestandenen Ufer eines überschwemmten Flüßchens herrscht eine „Stille, wie man sie selbst in menschenleeren Gegenden nur im Spätherbst oder im Vorfrühling kennt“. Hier begegnet der Erzähler einem Mann namens Sokolow und einem Jungen.
Während sie auf das Fährboot warten, kommt Sokolow ins Erzählen und berichtet nun von seinem Leben:
Andrej Sokolow war ein sowjetischer Bürger wie jeder andere auch. Er nahm als Angehöriger der Roten Armee am Bürgerkrieg teil, arbeitete als Zimmermann und Kraftfahrer, heiratete, erzog seine Kinder und lebte glücklich.
Über Nacht kommt der Krieg. Sokolow wird Soldat, nimmt Abschied von seinen Lieben. An der Front gerät er in deutsche Gefangenschaft. Nach seinem ersten Fluchtversuch wird er von Spürhunden der SS gestellt und dann blutüberströmt ins Lager zurückgebracht. Bittere Jahre verbringt er als Arbeitssklave in Deutschland, im sächsischen Silikatwerk, in der Kohlengrube im Ruhrgebiet, in Bayern und Thüringen. Sokolow hatte schon mit seinem Leben abgeschlossen; aber es ist den Faschisten nicht gelungen, ihn „in ein Tier“ zu verwandeln. Der sowjetische Soldat ist seinen Peinigern moralisch überlegen. Sein zweiter Fluchtversuch gelingt. Er befindet sich in Frontnähe und kann die eigenen Linien erreichen. Bald erhält er einen Brief aus seiner Heimatstadt Woronesh. Sein Nachbar teilt ihm mit, daß 1942 eine Bombe Sokolows Haus getroffen und Frau und Kinder unter sich begraben habe. Nur der älteste Sohn, der sich während des Bombenangriffs nicht zu Hause aufhielt, sei noch am Leben. Er habe sich inzwischen freiwillig an die Front gemeldet. Auch Andrej Sokolow kommt wieder an die Front und erlebt die Kämpfe um Berlin. Am Tage des Sieges erfährt er, daß sein Sohn Anotoli von einer deutschen Kugel getroffen wurde. Als die Kameraden Anatoli in der deutschen Erde begraben, ist sein Vater dabei. Er hört die Salutschüsse und sieht die Tränen in den Augen der anderen – doch seine Augen bleiben trocken. Er fühlt, wie etwas in ihm zerbricht, wie sich die Tränen in seinem Herzen stauen.
Wohin soll Sokolow nach seiner Entlassung aus dem Heeresdienst gehen? Nach Woronesh möchte er nicht zurück. Er fährt mit einem Freund nach Urjupinsk und arbeitet wieder als Kraftfahrer. Doch das Alleinsein zermürbt ihn. Mitunter findet er im Trinken Trost und Vergessen. Eines Tages trifft er einen kleinen Jungen, der durch den Krieg Vater und Mutter verloren hat. Er nimmt das zerlumpte Kerlchen zu sich ins Auto und beschließt, den kleinen Wanja an Kindesstatt anzunehmen. Er will ihm Vater sein und spürt, daß der Kleine ihn wieder ans Leben kettet, fühlt, daß sein von Gram und Leid versteinertes Herz zu schmelzen beginnt. Noch hat Sokolow das Erlebnis des Krieges nicht überwunden. Noch immer träumt er Nachts von seiner Frau Irma und seinen Kindern, dann preßt sich sein Herz zusammen und „das Kissen ist naß von Tränen“. Aber Sokolow weiß jetzt, daß dem kleinen Wanja solches Leid erspart bleiben wird und die heißen Tränen des Mannes sind keine Tränen der Schwäche, sondern Tränen, die den Menschen die Gewißheit geben, daß das Leben der Kinder glücklicher sein wird.
Was macht Scholochows Erzählung so bedeutungsvoll?
Warum wird ihr Held allen, die ihn kennenlernten, stets unvergessen bleiben?
Gewiß liegt die ergreifende Wirkung, welche die Erzählung hinterläßt, im Talent des Künstlers begründet, der in die geheimsten Winkel des menschlichen Herzens zu dringen vermag, der immer von tiefem Humanismus, von lichter und mutiger Liebe zum Menschen erfüllt ist, auch wenn seine Feder unerbittliche, wahrheitsgetreue Bilder des Lebens voll bitterster Tragik zeichnet.
Dieses kleine Kunstwerk nimmt uns aber vor allem deshalb gefangen, weil Scholochow hier mit unvergleichlicher lyrischer Kraft ein Thema anklingen läßt, daß die Menschheit heute mehr denn je bewegt, das Thema Krieg und Frieden. Was Krieg bedeutet, welche Leiden er den Menschen bringt, hat uns der Schriftsteller in der Darstellung eines Menschenschicksals vor Augen geführt. Es ist die Lebenserzählung eines einfachen Sowjetbürgers, eines friedlichen, arbeitsamen Mannes, der den Krieg haßt, der aber mit beispielhafter Standhaftigkeit, als unbeugsamer Kämpfer Heroisches vollbringt, wenn der Feind ihn zwingt, die Waffe. in die Hand zu nehmen. Dieser Mann bewahrt sich durch alle Scheußlichkeiten des Krieges, durch die ungeheuerlichen Grausamkeiten, durch alle Folterungen und moralischen Prüfungen seine reine, große, allem Guten offenstehende Seele. Der schlichte, tapfere Andrej Sokolow repräsentiert auch als einzelner die besten Eigenschaften seines Volkes. Es war das Volk der Sokolows, das in der Oktoberrevolution die alte Ordnung zerbrach und dann unter unsäglichen Schwierigkeiten die gewaltigen Leistungen vollbrachte, die der Aufbau des Sozialismus erforderte. Dieses Volk hat dem Ansturm der faschistischen Armeen standgehalten und sie zerschlagen. Dieses Volk geht unbeirrt seinen Weg in die lichte Zukunft des Kommunismus weiter, entschlossen, den Frieden in der Welt zu bewahren und für das Glück der Menschheit einzustehen.
Sokolows Geschichte ist die von Hunderten Menschen, denen der Schriftsteller Scholochow begegnet sein mag, Er hat die Tragödie eines Menschenschicksals bis zu ihrem läuternden, erhabenen Ende aufgezeichnet als eine optimistische Tragödie. Neben Andrej Sokolow wächst ein neuer Mensch heran. Die Gestalt dieses Jungen mit Augen „klar wie die Sterne am Himmel nach einem Regen“, seine zutrauliche Freude, seine Zärtlichkeit demjenigen Menschen gegenüber, an den er glaubt wie an seinen Vater, das ist der erhebende Abschlußakkord der tragischen Symphonie, mit der man die Erzählung Scholochows wohl vergleichen kann. Dieses kleine Meisterwerk sowjetischer Prosa ist ein großartiges Bekenntnis zum Leben. Im künstlerischen Aufbau der Rahmenerzählung greift der Dichter mehrfach das Motiv des Frühlings als eines Sinnbilds des sich ewig erneuernden Lebens auf. Die Erzählung „Ein Menschenschicksal“ wurde erstmalig zur Jahreswende 1956–57 in der Moskauer Zeitung Prawda veröffentlicht. Seitdem fand sie in der ganzen Welt Verbreitung und wurde in viele Sprachen übersetzt. Sowjetische Künstler schufen ein hervorragendes Filmkunstwerk nach Scholochows literarischer Vorlage, in dem Sergej Bondartschuk die Gestalt des Andrej Sokolow verkörpert.
Nicht nur das Leid des Einzelnen und die Schrecken des Krieges bleiben aus dem Lebensbericht des einfachen sowjetischen Arbeiters und Soldaten als unvergeßliche Eindrücke in unserem Gedächtnis haften. Aus Scholochows Erzählung erwächst auch das Bewußtsein, daß im Sozialismus echte menschliche Größe, wahres Menschentum jederzeit über alle Angriffe antihumaner, barbarischer Kräfte den Sieg davontragen wird.

Ernst Dornhof
Leser: Waldemar Schütz

von Michail Scholochow
Bearbeitung: Ursula Püschel