Emil Jannings & Käthe Dorsch
Ausschnitte aus den Filmen „Der blaue Engel“,
Robert Koch“, und „Komödianten“
LP LITERA 8 60 090
Covertext:
„Als ich anfing, mich mit der Gestalt Robert Kochs zu beschäftigen, stürzte ich mich in fachwissenschaftliche Bücher. Ich wollte genau wissen, um was es eigentlich ging. Damals sprach ich von nichts anderem mehr, und es ist bezeichnend für die Stimmung, die in dieser Zeit in meinem Hause herrschte, daß meine Frau mir zu Weihnachten ein Mikroskop mit allem Zubehör ... schenkte. So saß ich den Winter über mit einem befreundeten Arzt am Wolfgangsee, machte Schnitte, färbte, bettete in Paraffin ein und sah mir die Präparate unter dem Mikroskop an, wie es Robert Koch einstmals getan hatte. Jeden Handgriff wollte ich kennen, denn es ging wider mein Gewissen, mich im Film womöglich bei irgendeiner Gelegenheit wie ein Student im ersten Semester zu zeigen. Ich weiß, daß das Publikum nicht nur aus Ärzten und Bakteriologen besteht, so daß eine falsche Hantierung vermutlich nicht bemerkt werden würde, aber ich kann keinen Dilettantismus vertragen ...“

Diese Einstellung zu seinem Beruf ist charakteristisch für Emil Jannings, einen der bedeutendsten Charakterdarsteller, den die deutsche Bühne und der deutsche Film je besaßen. Der Ernst und die Hingabe, womit er sich der Arbeit an jeder seiner Rollen widmete, mochte sie noch so klein sein, sein künstlerisches Verantwortungsbewußtsein – das ist beispielgebend, auch heute noch.

Obwohl schon die ersten Theaterbesuche das „Etwas“ in der Seele des kleinen Jungen berührt hatten – die Schillerschen Dramen, die dem 12jährigen in die Hände gerieten, besiegelten sein Schicksal: Emil Jannings wollte Schauspieler werden. Da die Mutter ihm die Erlaubnis verweigerte, beschloß er, Seemann zu werden, um „wenigstens aufregende Abenteuer“ erleben zu können. Was er kennenlernte, war jedoch die harte Wirklichkeit eines Schiffsjungendaseins auf einem „schrecklichen alten Wanzenkasten mit zwölf Mann Besatzung“. Ein ganzes Jahr hielt er durch, ohne zu jammern und zu klagen. Dann, während seines Urlaubs, gestand er der Mutter sein Fiasko und bat sie: Ich möchte doch so gern Schauspieler werden!“ Diesmal gab sie nach. Emil Jannings wurde als Eleve ans Görlitzer Stadttheater engagiert. „Mein Fanatismus für die Bühne machte mich für das Leben völlig blind“, erinnert sich Jannings in seiner Autobiographie jener Zeit. „Wenn ich mir nicht irgendetwas im Theater zu schaffen machen konnte, saß ich zu Hause, lernte Rollen oder las Bücher ...“

So begannen seine wirklichen Lehr- und Wanderjahre eigentlich erst 1901, im Gasthaus „Zum Goldenen Lamm“ in Bürgstein bei Heida. Die schönste und wichtigste Erkenntnis, die er in den folgenden Jahren gewann, war, daß es „nicht schwer ist, Künstler zu sein, wenn es einem gut geht“. Das Berufsethos des Künstlers zeigt sich darin, begreift Jannings, ob er auch dann, wenn er sich „das bißchen Leben regelrecht zusammenbetteln muß“, eine „anständige Haltung bewahrt“ und sein Ziel nicht aus dem Auge verliert. Diese Maxime machte Emil Jannings zu seinem Lebensprinzip.

1914 erhielt er ein Engagement an das von Max Reinhardt geleitete Deutsche Theater in Berlin. Die männlichen Mitglieder des Ensembles waren damals Albert Bassermann, Paul Wegener, Rudolf Schildkraut, Eduard von Winterstein, Alexander Moissi, Paul Hartmann u. a.

Emil Jannings spielte zunächst – wie auch der gleichzeitig mit ihm engagierte Werner Krauß – „in der zweiten Reihe“. Er hat das nie als Nachteil empfunden: Ich glaube, es gibt überhaupt keine schlechten Rollen, nur schlechte Schauspieler! Man muß Nebenrollen nur mit der gleichen Liebe und Einfühlungskraft auf die Beine stellen, mit der sie der Dichter gestaltet hat! Man muß sie spielen, als ob sie Hauptrollen wären! ... Der Umfang einer Rolle war mir stets gleichgültig. Ich sah auch in der kleinsten Rolle eine vollgültige Aufgabe – vorausgesetzt, daß sie einen Menschen und nicht eine hohle Theaterfigur umriß.“

Jahre später – Jannings galt damals schon als einer der hervorragendsten Schauspieler seiner Zeit und war eben als erster Europäer mit dem Oscar“ ausgezeichnet worden – gab er seine glanzvolle Karriere in Hollywood auf: Die Paramount-Gesellschaft, bei der er unter Vertrag stand, stellte 1929 beinahe über Nacht ihre Stummfilmproduktion auf den Tonfilm um. Jannings hatte man eine „Bombenrolle“ angeboten. Er lehnte ab: „Meine Überlegungen zwangen mich, als verantwortungsbewußter Künstler nur dort zu spielen, wo ich in der Sprache sprechen konnte, in der ich dachte ... Ich brachte es leider nach drei Jahren immer noch nicht fertig, in der Sprache zu denken, die ich benutzte, und so mußte es für mich unmöglich bleiben, das Letzte, also das, was in tiefster Seele bewegt, zum Ausdruck zu bringen ... Wollte ich mich dieser Überlegung nicht beugen – nun, dann diente ich dem Geldbeutel und nicht der Kunst ...“

Jannings blieb seinen Prinzipien treu.

Er hat, nach Deutschland zurückgekehrt, noch oft auf der Bühne gestanden. Aber seine Liebe gehört dem Film. Er erzählt, daß er ihm in dem Moment „für alle Zeiten verfallen“ gewesen sei, als er erkannte, daß hier eine neue Kunstgattung mit eigenen Gesetzen und ungeheuren Möglichkeiten entstanden war, die es zu entdecken und auszuschöpfen galt. Mannigfaltig sind die Rollen, die Emil Jannings im Film mit Leben erfüllte; zwei von ihnen sind unvergessen geblieben: der tyrannische Gymnasialprofessor Rath im „Blauen Engel“ und der große Wahrheitssucher Robert Koch.

Aus welchem Stoffe schuf dich die Natur,
Daß tausend fremde Bilder in dir leben?
Sonst hat ein jeder nur sein fest Gesicht,
Doch du allein kannst Stoff für tausend geben!
(Shakespeare, 53. Sonett)

Diese Verse könnten auch für Käthe Dorsch geschrieben worden sein, eine Schauspielerin, wie es sie nur ganz selten gibt, bei der alle gewöhnlichen Maßstäbe zu versagen scheinen. Nicht nur das Publikum und die Kollegen, auch die Kritiker sprechen nur in Superlativen vom Wesen und Können der Käthe Dorsch. Der „Kritikerpapst“ Alfred Kerr nannte ihre erste Rolle im Schauspiel (Käthe Dorsch kommt von der Operette), das Evchen Humbrecht in H. L. Wagners „Kindsmörderin“ ein „Elementarereignis“ und feierte die neue blonde zarte Menschendarstellerin der deutschen Bühne in einem begeisterten Hymnus.

Erfolg folgte bald auf Erfolg. Die Parodie gehorchte der „bezaubernden Virtuosin“ (Jhering) wie der Ernst, der stille Humor wie die wirbelnde, quirlige Posse. Sie war Maria Stuart und Friederike Brion in der Lehar-Operette, sie spielte die Marguerite Gautier in der „Kameliendame“ und die Gräfin Orsina. Sie war „das anmutigste, das stillste und rührendste Gretchen“ (Jannings), eine wundervolle Minna von Barnhelm und bezauberte als achte Frau Ritter Blaubarts. Später erschütterte sie als Frau John („Die Ratten“) und als Elisabeth von England („Maria Stuart“), sie spielte die Mutter Wolffen im „Biberpelz“, Dürrenmatts „Alte Dame“ und vieles, vieles andere.

„Sie ist eine Königin der Herzenstöne und eine Virtuosin der Schlichtheit“, sagte Herbert Jhering einmal von ihr. Wie auch die anderen, die je über sie schrieben, rühmt er vor allem die Unbekümmertheit ihres Spiels, die Frische ihres Wesens, die „rasante Diktion, die sie über die Rollen wie ein Kostüm wirft, eine wirbelnde, silbrig helle Tonfolge, die ihre Gestalten blendend kleidet und umhüllt“. Der Film „Komödianten“, aus dem für unsere Platte einige Szenen ausgewählt wurden, ist der großen deutschen Schauspielerin Karoline Neuber gewidmet. Es sind nur wenige Minuten, in denen wir Käthe Dorsch als Neuberin hören können, aber in diesen wenigen Minuten entfaltet sich ihr ganzes Können. Tausend fremden Gesichtern hat sie Gestalt verliehen, aber hier ist sie sie selbst, kann sie aus ihrem eigenen Wesen schöpfen, ihre eigenen Beziehungen zur Kunst zum Ausdruck bringen: Käthe Dorsch beherrschte ein weites Gebiet – von der Soubrette bis zur leidenschaftlichen Heroine – und verwaltete es mit der Souveränität der großen Künstlerin und strahlenden Komödiantin – ähnlich, wie einst die Neuberin.

Hannelore Neumann
|  Seite 1  |

Ausschnitte aus dem Film
Der blaue Engel
Emil Jannings


|  Seite 2  |

Ausschnitte aus dem Film
Robert Koch
Emil Jannings

Ausschnitte aus dem Film
Komödianten
Käthe Dorsch

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



Sprecher der Zwischentexte: Renate Thormelen

Ausschnitte aus den Filmen „Der blaue Engel“,
„Robert Koch“ und „Komödianten“
(Historische Aufnahmen)

Für die Schallplatte bearbeitet und kommentiert
von Rudolf Böhm