Er rührte an den Schlaf der Welt
Lenin zum Gedenken

LP LITERA 8 60 154
Covertext:
1954 begann ein Film seinen Weg um die Welt, den mehr als eine halbe Milliarde Menschen sahen und dessen Kommentar sie in Arabisch, Japanisch, Tschechisch, Polnisch, Englisch, Russich, Spanisch, Deutsch, Chinesisch, Französisch und vielen anderen Sprachen hören konnten. Die Aufnahmen des vom VEB DEFA hergestellten Dokumentarfilmes waren am Amazonas, Mississippi, Nil, Ganges, Jangtse, an der Wolga und in vielen Ländern gedreht worden. Der Film heißt „Lied der Ströme“. Sein Hauptregisseur war Joris Ivens, den Text – in der deutschen Fassung von Maximilian Scheer gesprochen – schrieb Vladimir Pozner, die Musik komponierte Dmitri Schostakowitsch, das „Lied von den Strömen“ – gesungen von Paul Robeson und Ernst Busch – dichtete Bertolt Brecht, und Pablo Picasso schuf eine Zeichnung, in der für die sechs Ströme – Sinnbilder der Menschen, die an ihren Ufern arbeiten und darüber hinaus für die Arbeiter aller Länder, die Herren der Ströme schon sind oder sein werden – eine Blume steht, deren sechs Blütenblätter, dargestellt als Hände, aus einem roten Fruchtkelch herauswachsen. Hauptdarsteller des Filmes ist die internationale Arbeiterklasse. Der Film ist ein hoher Gesang auf den proletarischen Internationalismus und auf die Solidarität aller Unterdrückten, die überall aufstehen, um ihre Fesseln zu zerbrechen. „Lied der Ströme“ ist ein ernster, herber, beschwörender und doch optimistischer Film, weil er den siegreichen Vormarsch der Arbeiterklasse zeigt.

Die vom VEB Deutsche Schallplatten zum hundertsten Geburtstag Lenins zusammengestellten Aufnahmen stehen dem schon legendären Filmprojekt würdig zur Seite. Einmal von ihren Schöpfern her gesehen: die Texte schrieben Johannes R. Becher, Wladimir Majakowski und Bertolt Brecht, die Musik komponierte Hanns Eisler, es singt Ernst Busch, und es spricht Eberhard Mellies. Zum andern wird der Vergleich provoziert durch das Thema der Schallplatte: Lenin – die große historische Figur unseres Jahrhunderts, unter deren Führung 1918 der erste Arbeiter- und Bauernstaat errichtet wurde, seitdem das Fanal des proletarischen Internationalismus, Voraussetzung auch für ein „Lied der Ströme“. Wann und wo immer die Unterdrückten aufstehen – auch am Amazonas, Mississippi, Nil und Ganges –, oder wann und wo immer die Arbeiterklasse die Macht in Händen hält – auch am Jangtse und an der Wolga –, wirkt Lenins revolutionäre Tatkraft als Ansporn.

In dem berühmten Aufsatz „Über die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte“ schrieb G.W. Plechanow: „Ein großer Mann ist nicht dadurch groß, daß seine persönlichen Besonderheiten den großen geschichtlichen Geschehnissen ein individuelles Gepräge verleihen, sondern dadurch, daß er Besonderheiten besitzt, die ihn am fähigsten machen, den großen gesellschaftlichen Bedürfnissen seiner Zeit zu dienen, die unter dem Einfluß der allgemeinen und besonderen Ursachen entstanden sind. Der große Mann ist eben ein Beginner, denn er blickt weiter als die anderen und will stärker als die anderen. Er löst die wissenschaftlichen Aufgaben, die der vorhergegangene Verlauf der geistigen Entwicklung der Gesellschaft auf die Tagesordnung gesetzt hat; er weist die neuen gesellschaftlichen Bedürfnisse auf, die durch die vorhergegangene Entwicklung der gesellschaftlichen Beziehungen erzeugt worden sind; er ergreift die Initiative zur Befriedigung dieser Bedürfnisse. Er ist ein Held. Held nicht in dem Sinne etwa, daß er den natürlichen Gang der Dinge aufhalten oder ändern könnte, sondern in dem Sinne, daß seine Tätigkeit der bewußte und freie Ausdruck dieses notwendigen und unbewußten Ganges ist. Darin liegt seine ganze Bedeutung, darin seine ganze Kraft. Das ist aber eine gewaltige Bedeutung, eine ungeheure Kraft“.

Als große Männer, heißt es bei Plechanow weiter, bezeichnet man diejenigen, die mehr als die anderen zur Lösung großer gesellschaftlicher Aufgaben beitragen.

In diesem Sinne sind die Gesänge Bechers, Brechts, Majakowskis und Eislers Loblieder auf Lenin. Sie wollen das Beispiel zeigen. Denn „nicht vor den ,Beginnern‘/ allein, nicht allein vor den ,großen‘ Männern liegt ein breites Feld der Tätigkeit offen. Dieses Feld steht allen offen, die Augen haben, um zu sehen, Ohren, um zu hören, und ein Herz, um den Nächsten zu lieben“.

Bechers Gedicht mit der aufrüttelnden Musik von Hanns Eisler (1953) entstand 1929, fünf Jahre nach Lenins Tod. Seine glückliche Idee gründet sich auf die geniale Umkehrung eines Verses aus Friedrich Hebbels Tragödie „Gyges und sein Ring“. Kandaules rät: „Drum, Gyges, wie dich auch die Lebenswoge / Noch heben mag, sie tut es ganz gewiß / Und höher als du denkst vertraue ihr / Und schaudre selbst vor Kronen nicht zurück, / Nur rühre nimmer an den Schlaf der Welt!“ Diese Haltung Hebbels nach der gescheiterten Revolution von 1848 findet Becher widerlegt durch die Große Oktoberrevolution, und er überschreibt sein Gedicht: „Der an den Schlaf der Welt rührt – Lenin“.

Die „Kantate auf den Tod Lenins“ schrieb Brecht 1937. Im gleichen Jahr komponierte Hanns Eisler das Requiem für Gesangssolisten, Chor und Orchester. Der Inhalt ist von klassischer Einfachheit: Ein Soldat der Totenwache wollte nicht glauben, daß Lenin gestorben war und schrie ihm ins Ohr: „Iljitsch, die Ausbeuter kommen!“ Lenin rührte sich nicht. Da wußte der Soldat, daß Lenin, der sein Leben lang gegen die Ausbeuter gekämpft hatte, tot war. Das Land lag damals verwüstet. Aber die Massen waren aufgebrochen. Seitdem sind dreizehn Jahre vergangen, und ein Sechstel der Erde ist befreit von der Ausbeutung.

Das Herzstück der Schallplatte ist Majakowskis „Wladimir Iljitsch Lenin“, 1924, im Todesjahr Lenins, geschrieben und der Russischen Kommunistischen Partei gewidmet. Von der kongenialen (Übertragung Hugo Hupperts wurde etwa die Hälfte des Poems ausgewählt. Das Gedicht vereinigt in sich die Größe und den Fluß eines homerischen Epos, den geschichtlichen Weitblick und die Wucht des Kommunistischen Manifests und die revolutionäre Haltung und die Kraft eines Lenin. Majakowski fühlt sich – mit seinen Worten – als Mandatsvollstrecker, wenn er das Leben des irdischsten von allen Irdischen besingt und seine Dichterkraft der attackierenden Klasse mit ihrem bündig gerafften Sturm widmet. Er beschreibt den Weg der Arbeiterklasse über 200 Jahre, bis er einmündet in den kommunistischen Hochsommer, dessen wärmende Wucht der Oktoberblüten rotreifende Frucht zur Süße gigantischer Beeren vollenden wird. Beschwörend ruft Majakowski im Anblick der gesenkten Fahnen: „Sonne, steige! / Sonne, sei Zeuge! / Trauer, gib Kraft, / laß kein Bitteres da!“ Und aus der Trauer erwächst die frohe Erkenntnis: „Ich weiß: / heut fand / ihren ewigen Verbleib / in mir / diese tiefste von allen / Minuten. / Ich bin glücklich, / daß nun ein Teil / dieser Kraft ich bin, / des großen / Gefühls, / das da Klasse heißt!

Hans Bunge
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Johannes R. Becher/Hanns Eisler
Lenin
Rundfunkchor Leipzig
Großes Rundfunkorchester Leipzig
Dirigent: Adolf Fritz Guhl
Gesang: Ernst Busch

Wladimir Majokowski
Wladimir Iljitsch Lenin (gekürzt)
Deutsche Nachdichtung: Hugo Huppert
Regie: Christine van Santen
Sprecher: Eberhard Mellies


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Wladimir Iljitsch Lenin (gekürzt)
Fortsetzung

Bertolt Brecht/Hanns Eisler
Kantate auf den Tod Lenins
Irmgard Arnold, Sopran
Hermann Hähnel, Bariton
Solistenvereinigung des Berliner Rundfunks
Großer Chor des Berliner Rundfunks
Berliner Rundfunk-Sinfonie-Orchester
Dirigent: Helmut Koch