Erich Weinert spricht
Tondokumente
LP LITERA 8 65 437
Covertext:
Diese Zusammenstellung historischer Tondokumente läßt den politischen Dichter Erich Weinert (4. 8. 1890–20. 4. 1953) zu uns sprechen. Der lebendige Atem seiner Dichtung ist in Aufnahmen von Rezitationen und Ansprachen des proletarisch-revolutionären Künstlers, seiner Kampfgefährten und Zeitgenossen zu spüren. Mit der Weinertschen „Vers-Chronik“ wird Zeitgeschichte hörbar. Der Kampf in der Weimarer Republik, der Freiheitskampf während des Spanischen Bürgerkriegs und der Widerstand gegen Faschismus und Krieg ist bewahrt in unverwechselbaren Zeitdokumenten von kompromißloser Schlagkraft und satirischer Schärfe.
Weinerts Dichtung hat einen besonderen Charakter, erst gesprochen entfaltet sie ihre eigentliche Wirksamkeit. Der Kontakt mit seinen Zuhörern war wichtigster Bestandteil seiner Schaffensmethode. Bereits bei der Konzeption eines Gedichts bedachte er die akustische Rezeption und traf danach die Wortwahl und den Einsatz der Stilmittel. So erklärt sich die Wirkung seiner Sprechdichtung auf die Zuhörer. Zur Zeit der Weimarer Republik war Gedrucktes von Weinert nur spärlich vorhanden, Bücher waren für die Arbeiterklasse keineswegs einfach zugänglich; neben dem Vortrag gab es nur die linke Presse. Die Arbeiter erlebten ihn mit eigenen Liedern und Gedichten über 2000 mal in Revuen, Versammlungen und Demonstrationen. Seine ersten entlarvenden Gedichte sprach er im Kabarett, später führten ihn die „Weinert-Tourneen“ quer durch Deutschland und in die Nachbarländer. Gegen ihn wurde Rede- und Vortragsverbot verhängt, weil er zur „Gefahr“ für die Weimarer Republik wurde. Als er nicht mehr sprechen durfte, stand er schweigend am Rednerpult vor den überfüllten Versammlungssälen. Die Zuhörer hörten seine Stimme von Schallplatten des Arbeiter-Kultur-Versandhauses, bis diese Platten im Schallplattenprozeß im Herbst 1931 verboten wurden. Jetzt sprachen seine Kampfgefährten seine Gedichte.
In der Nazizeit war der Besitz von Weinert-Gedichten gefährlich. Meist hatten die Menschen die Gedichte jedoch im Kopf, einer der deutlichsten Beweise für die Volkstümlichkeit seiner Lyrik. Während des faschistischen Überfalls auf die Sowjetunion rief Weinert die deutschen Soldaten unmittelbar über die Schützengräben hinweg auf, den Krieg zu beenden. Seine aufrüttelnden Verse und mahnenden Worte gaben vielen Hörern Stärke und verhalfen zu größerer politischer Klarheit.
Wie Weinerts Gedichte, so sind auch seine Briefe bestimmt durch die Forderungen des Tageskampfes. In Briefen an seine Tochter Marianne wird wiederum deutlich, daß er an den Empfänger nicht schreibt, sondern mit ihm spricht:

Moskau, 30. August 1942
Mein geliebtes, einziges Kind! Bevor ich Dir erkläre, weshalb Du von uns so wenig gehört hast, nehme ich Dich in Gedanken erst einmal fest in meine Arme und drücke Dich in alter Liebe und Zärtlichkeit an mein Herz, … Als ich nun von unserer Partei erfuhr, daß sie Dich mit vorgesehen hatte für ihre Schule, war ich glücklich und dachte mir, daß Du auch glücklich sein wirst, da Du nun endlich aus dem nutzlosen Taschkenter Leben wegkommst und für eine Arbeit vorgesehen wirst, wie sie für einen jungen, deutschen Kommunisten nicht ehrenhafter sein kann … Ich bin überzeugt, daß Dich das neue Leben mit der lebendigen Perspektive mehr befriedigen wird als alles Studium. Du bist doch Vaters Tochter!
Nun noch ein paar Worte über unsere Moskauer Zeit. Meine Arbeit belebt und beseelt mich immer mehr, da sie nicht fruchtlos ist. Ich habe Hunderte von Gedichten, Aufrufen geschrieben, die bei den Faschisten im Land und an der Front abgeworfen wurden. Natürlich ist bei der moralischen und geistigen Verwahrlosung in den letzten zehn Jahren nicht damit zu rechnen, daß auch der flammendste Aufruf Aktionen in der faschistischen Armee hervorruft. Das haben wir auch nie erwartet. Aber daß die Millionen Blättchen, Broschüren und die Radioansprachen eine wenn auch langsame Entgiftung der Gehirne mit sich bringen, beweisen die zahllosen Aussagen der Gefangenen, die drüben sogar manchmal Gedichte von mir auswendig gelernt hatten. Das Eis ist noch nicht gebrochen. Die meisten haben die Hoffnung auf ihren Sieg noch nicht aufgegeben, daher schlagen sie sich noch und wollen die Waffen nicht strecken. Kommt aber der Augenblick, wo sie sehen, daß ihre Waagschale zu sinken beginnt (und der ist nicht mehr fern), dann wird es, glaube ich, zu einer raschen Zersetzung der Front und des Hinterlandes kommen. Eine Reihe meiner Gedichte und Erzählungen kommen in allernächster Zeit als Bücher heraus …

Moskau, 25. April 1943
Mein geliebtes und wirklich nicht in Vergessenheit geratenes Kind!
Gestern kam ein Briefchen von Dir zum 8. März. Das ist lange unterwegs gewesen. Als wir es gelesen hatten, konnte ich doch mein Gewissen nicht länger beschwichtigen. Ich muß mir heute die Zeit nehmen, Dir zu schreiben. Ich glaube, das ist das erste Mal seit einem halben Jahr. Von Dir haben wir ja mehrere Briefe bekommen, über die wir uns sehr gefreut haben. Was mich besonders glücklich macht, ist Deine Freude an Deiner Aufgabe. Früher hatte ich einmal die Besorgnis, Du würdest Dich in das stille literarhistorische Rosengebüsch verkriechen. Ich hätte Dir natürlich gegönnt, den Weg Deiner Neigungen zu gehen. Aber so, auf dem politischen Posten, bist Du mir tausendmal lieber. Was mich besonders freut, ist, daß Dir die materialistisch-dialektische Geschichtsbetrachtung den Blick für die Gesetze der Menschheitsentwicklung geöffnet hat. Ja, mit dieser Methode in der Hand bringt man bald Ordnung in das metaphysische Chaos, das die Historiker bisher uns als Geschichte der Menschheit serviert hatten. Mumien fangen an zu leben, wenn man sie mit diesem Zauberstab berührt. Was mich aber mit besonderer Genugtuung erfüllt, ist, daß ich mich in Dir fortgesetzt fühle. Mein Vater sagte immer, es sei das höchste Glück eines Vaters, sein Werk oder seinen Kampf von seinen Kindern auf einer höheren Stufe weitergeführt zu sehen … Wenn ich ein gerader und revolutionärer Mensch geworden bin, so verdanke ich das vorzüglich ihm. Und dasselbe Glück, das er empfand, als ich mein Schicksal mit dem Schicksal der erniedrigten und beleidigten Menschheit verband, empfinde ich jetzt, wo ich weiß, mein Kind ist in diesem harten Krieg, der uns noch bevorsteht, neben mir. Denn mit der Ausrottung des Faschismus beginnt in Deutschland unser Kampf erst … Meine politische Arbeit geht ohne Unterbrechung weiter. Leider sind die Tage zu kurz, um soviel zu schaffen wie ich möchte. Was meine Aufklärungsarbeit in der faschistischen Armee anbetrifft, so ist sie nicht ohne Erfolg. Von allen Frontabschnitten kommen Mitteilungen, daß die Gedichte, die ich in die vorderste Linie schicke, auf die Soldaten ihre Wirkung haben …
Ich habe etwas Interessantes festgestellt: Sehr oft sind mir unter den Papieren von gefallenen oder gefangenen Soldaten Abschriften von Gedichten von mir begegnet, in denen aber seltsamerweise nicht alle Zeilen mit dem Original übereinstimmen. Das ließ also darauf schließen, daß sie nicht vom Flugblatt abgeschrieben sein müssen, sondern daß sie einer dem anderen aus dem Gedächtnis diktiert hat. Das heißt: die Soldaten lernen sie auswendig. Auswendig aber lernt man nur, was einen bewegt oder ergreift. Jetzt bekam ich von Frontgenossen die Bestätigung: sie haben neue Gefangene Gedichte von mir auswendig repetieren hören. Das ist natürlich ein Erfolg.
Im November kam eine Unterbrechung in mein Schreibtisch-Dasein. Du weißt, daß bei Stalingrad die 6. Armee Hitlers abgeschnitten war. Ich fuhr zusammen mit Bredel und Ulbricht an die Front, um den Versuch zu machen, ob die Soldaten im Kessel nicht zur Kapitulation zu bringen wären, wenn Deutsche zu Deutschen sprechen. Wir schrieben nun viele Flugblätter in unseren Namen und erklärten ihnen, daß wir es für unsere Pflicht als Deutsche hielten, ihnen die Wahrheit zu sagen, daß sie alle gerettet werden könnten, wenn sie die Waffen streckten, daß ihr Kommando sie über ihre Lage belüge, daß sie aber rettungslos verloren wären, wenn die Rote Armee den Kessel mit Waffengewalt liquidieren müsse. Um sie aber zu überzeugen, daß wir wirklich da sind, gingen wir alle Nächte in die vorderste Linie und brüllten durch den Lautsprecher zu ihnen hinüber. Da sie gewöhnlich nicht auf uns schossen, solange wir sprachen, hofften wir, daß sie doch endlich Vernunft annehmen würden. Die Erfolge waren gering. Es kamen zwar einzelne, auch Gruppen, manchmal sogar Kompanien, aber größere Einheiten kapitulierten nicht …


Die Briefe Erich Weinerts stellte uns Frau Mariannne Lange-Weinert zur Verfügung. Die Zusammenstellung der Tondokumente erfolgte mit Unterstützung der Akademie der Künste und des Staatlichen Rundfunkkomitees.
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Gustav Kuhlkes seliges Ende –1929
(Auf den Höfen zu singen)
Bearbeitung nach volkstümlichen Motiven: Hanns Eisler
Gesang: Erich Weinert
Klavier: Hanns Eisler
Aufnahme für das Versandhaus „Arbeiter-Kult“ 1929

Ein teures Andenken – 1929
Li Weinert

Der Kaktusverein – 1932
Robert Trösch

Die große Zeit – 1924
Norbert Christian

Herr Chefredakteur spricht zum Stabe – 1929
Herwart Grosse

Sozialdemokratisches Mailiedchen – 1923
Musik und Gesang: Ernst Busch
Akkordeon: Norbert Lange

An einen deutschen Arbeiterjungen – 1933
Li Weinert

Das Lied vom roten Pfeffer – 1933
Robert Trösch

Das illegale Wort – 1934
Helene Weigel

Abschied von Spanien – 1939
(Letztes Lied der XI. Internationalen Brigade)
Musik und Gesang: Ernst Busch begleitet vom Männerchor


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An einen Soldaten der Roten Armee – 1942
Herwart Grosse

Erich Weinert spricht zu deutschen Soldaten über die Schützengräben hinweg: – 1943
Manifest des Nationalkomitees „Freies Deutschland“ an die Wehrmacht und an das deutsche Volk
Deutschland wird nicht verloren sein

Aus: Memento Stalingrad – 1951
Wolfgang Langhoff

Denk an Dein Kind – 1941
Helene Weigel

Der Führer – 1941
Herwart Grosse

Die Hakenrune – 1946
Ernst Busch

Erich Weinert spricht auf dem Schriftstellerkongreß Berlin 1947

Wir feierten den Sieg des 8. Mai – 1951
(Weinerts letztes Gedicht)
Robert Trösch

Der heimliche Aufmarsch – 1927
Musik: Hanns Eisler
Gesang: Ernst Busch
Rundfunkchor und das Große Rundfunkorchester Leipzig

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Historische Tondokumente
Zusammenstellung: Brigitte Walzer
Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Schnitt: Rita Seddig