Erinnerung an Theo Lingen

LP LITERA 8 65 336
Covertext:
Im Akademietheater Wien, der Filiale des berühmten Burgtheaters, spielte Theo Lingen 1971 seine letzte Rolle am Theater – einen alten Junggesellen, der von der Familie gezwungen wird, zu heiraten und dem damit sein Wunsch, endlich Ruhe zu haben, nicht in Erfüllung geht. „Ein unausstehlicher Egoist“ hieß das Stück von Francoise Dorin, und mit dem Lionel verkörperte Lingen eine Rolle, die für ihn gemacht schien und ganz im Einklang stand mit dem Bild, das sich viele von ihm gemacht hatten. Dieses Bild entspricht dem Schauspieler und Menschen Theo Lingen aber nur sehr begrenzt.

Wenn Lingen jeder kennt, dann hat das mit den Filmen der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre zu tun. Es mögen 150 oder mehr gewesen sein, in denen der Schauspieler als Typ ausgeschlachtet wurde, in immer wieder neuen Abwandlungen denjenigen zu spielen hatte, für den die Prügel bestimmt waren, der alles auszubaden hatte oder als Diener, Kellner, dämlicher Freund die Kastanien aus dem Feuer holen mußte, bei vornehmer Haltung, bei äußerer Exaktheit, mit vollendeten Formen. Der Mittelscheitel, die abstehenden Ohren, die merkwürdigen ein wenig steif und unharmonisch wirkende Motorik der Bewegung, die näselnde Stimme, das hörbare Luftholen, ein schnelles Tempo des Sprechens prägten diesen Typ des komischen Zuspätkommers liebenswert ein. Besonders im Zusammenwirken mit Hans Moser gelangen dabei Szenen von einer großen artistischen Brillanz, in der Gestik, in der Komposition des Dialogs ausgefeilt auf bewundernswerte Weise. Dennoch lag in der Filmarbeit die große Gefahr, eine einzigartige Begabung verschleißen zu lassen. Lingen wußte das, und er machte keinen Hehl daraus, daß es ihm um die finanziellen Vorzüge dieses Kunstmarktes ging. Zugleich aber versuchte er, durch Rollen auf dem Theater immer wieder neu, und oft sehr überraschend auf sich aufmerksam zu machen.

Seine erste Theaterrolle spielte Lingen noch als Schüler des Goethe-Gymnasiums seiner Geburtsstadt Hannover – es war eine Väterrolle. In Hannover trat er 1921 auch sein erstes Engagement an, und selbst das Pseudonym hat mit dieser Stadt zu tun: Mit bürgerlichem Namen heißt Lingen Theodor Schmitz, und er wurde am 10. Juni 1903 in Lingen bei Hannover geboren. Über Halberstadt, Münster Recklinghausen und Frankfurt am Main kam er dann nach Berlin, wo er an verschiedenen Theatern spielte, von 1936 bis 1944 am Staatstheater. In den frühen zwanziger Jahren traf er mit Brecht zusammen, spielte in den ersten Stücken des Dramatikers, unter anderem auch auf der Bühne des Theaters am Schiffbauerdamm, des heutigen Berliner Ensembles. Theo Lingen heiratete Marianne Zoff, nachdem die Ehe der Sängerin mit Bertolt Brecht geschieden worden war.

Lingen hat einmal von sich gesagt: „Ich turne Ausdruck“. Hinter diesem Satz steckt das Bekenntnis zu einer gestischen Perfektion, die einen menschlichen Charakter über die Körpersprache groß und verfremdend an den Zuschauer bringen will. In der Exaktheit dieses körperlichen Ausdrucks aber, diesem radikalen Verzicht auf emotionale Drücker, dieser bewußten „Ausstellung“ einer Figur war vieles schon angelegt, was der junge Brecht von einem Schauspieler neuer Art verlangte. Auch Reinhardt holte Theo Lingen – so spielte er einen der beiden Ajaxe in der „Schönen Helena“ Offenbachs. Unter Gustav Gründgens am Staatstheater verkörperte Lingen den Malvolio in Shakespeares „Was ihr wollt“ – er wird beschrieben „als ein wahrer Tollhans der Eitelkeit und Verliebtheit, ein Täuberich und girrender Truthahn mit Sonnenschirm und breit grinsender Larve“.

Seit 1948 hatte Theo Lingen dann seine Heimat am Burgtheater Wien. Gerade ein Dutzend Rollen spielte er hier bis zu seinem Bühnenabschied im Jahre 1971. Darunter waren der Wehrhahn in Hauptmanns „Biberpelz“ der Begriffenfeldt in Ibsens „Peer Gynt“, der Riccaut in Lessings „Minna von Barnhelm“ und der Krull in Sternheims „Kassette“. Nicht zuletzt aber gestaltete Theo Lingen bei der Uraufführung von Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“, 1962 in Zürich, den Ernst Heinrich Ernesti, genannt Einstein – und das Komische gewann dabei einen so tragischen Untergrund, daß die Figur sich auf eine geradezu erschreckende Weise einprägte. Hier blieb nichts vom Faxenmacher, hier stand ein in tiefe Konflikte gestürzter Mensch auf der Bühne, den Irrsinn in komischen Verrenkungen spielend, ihm zugleich gefährlich nahe und schließlich auch erliegend.

Deshalb also stimmt das Bild von Theo Lingen als dem ungelenken Filmhelden mit dem lieben, zu Ohrfeigen geradezu herausfordernden dümmlich-arroganten Gesicht eben nur zu einem kleinen Teil. Der Schauspieler hat Stücke und Geschichten geschrieben, er hat sich sehr erfolgreich als Regisseur versucht, er zeichnete Karikaturen und geriet, je älter er wurde, immer mehr zu einem Sonderling, der alles Gehabe um seine Person haßte, zurückgezogen leben wollte, auch in seinem privaten Dasein auf Exaktheit hielt, auf Würde und Geradheit. Wer sich die Mühe macht, genau zu beobachten, wird feststellen, mit welcher Besessenheit Theo Lingen jede seiner schauspielerischen Aufgaben erarbeitet hat. Zufälle gibt es bei ihm nicht. Und was da scheinbar so leicht, so widerstandslos herunterschnurrt, ist bis in jede Kleinigkeit durchdacht. Gerade auf dem Theater konnte Lingen dabei immer wieder zum Ereignis machen, was ihm der Film vorenthielt – Bitterkeit hinter der Komik zu zeigen, tragische Schicksale zu gestalten, die nur spaßhaft kostümiert sind, die Analyse individueller und gesellschaftlicher Gebrechen gerade über die Maske des Lustigen, scheinbar Harmlosen vorzunehmen.

Die „Erinnerungen an Theo Lingen“, auf dieser LP zusammengestellt, können natürlich nur wenige Einzelheiten aus einer jahrzehntelangen künstlerischen Wirksamkeit ins Gedächtnis rufen. Theo Lingen starb am 10. November 1978 in Wien. Wie viele bedeutende Schauspieler versuchte er, sein Leben und seine Erfahrungen, seine Erfolge und seine Ängste in Erinnerungen festzuhalten, aus denen hier einige Proben geboten werden. Daneben steht der Ausschnitt aus einer „Biberpelz“-Aufführung, in der Lingen den Wehrhahn spielte, stehen Lieder, die sich großer Popularität erfreuen. Offenbar wird dabei nicht nur die Virtuosität, sondern auch die tiefe Menschlichkeit Lingens. Schon wie er Sätze formt, aus Vokalen ganze Melodien macht, in einer geradezu gemächlichen Atemlosigkeit so zu plaudern versteht, daß das Ich des Erzählers immer liebenswert anwesend bleibt, hat einen ganz eigenartigen Reiz. Als Wehrhahn kann Lingen seiner Stimme ein höhnisches Meckern entlocken, und, ungeduldig auf das Pult klopfend, hat er eine dümmliche Freundlichkeit, hinter der es gefährlich hervorleuchtet – nicht das Schneidige des, preußischen Beamten wird hörbar, eher das Verbindliche, Wohlige eines Menschen, der die Macht wie selbstverständlich auf seiner Seite weiß. Lingen zeigt auch, daß er selbst Genuß an seiner Wirkung empfindet. Wie das Ironische bei ihm mit einem vibrierenden Ernst hervorkommt, wie er aus den Monologen richtige Theaterszenen baut, sozusagen mit sich selbst ins Gespräch gerät, wie er das Tempo wechselt, die Stimme in die Höhe schnellt und wieder tiefer wird, vermittelt ungetrübte Freude. Als Liedgestalter offenbart Lingen wiederum seine große Genauigkeit, seine musikalische Intelligenz.

Selbst schon sehr ausgelaugte Texte vermag er auf den Punkt zu bringen. Rührseliges serviert er mit leise ironischem Charme, er regt ein öffentlich-verschmitztes Nachdenken an, weicht dem Gefühligen aus, ohne auf Steigerungen zu verzichten.

Christoph Funke
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Theo Lingen liest aus seinem Buch
„Ich bewundere ...“... das Theater


Theo Lingen als „Wehrhahn“ in „Der Biberpelz“
von Gerhart Hauptmann (Schlußszene)
Frau Wolff: Lucie Mannheim; Rentier Krüger: Eduard Wandrey; Dr. Fleischer: Michael Chevalier; Wulkow: Erich Dunskus; Mitteldorf: Herbert Weissbach. Regie: Rudolf-Günter Wagner

Theo Lingen liest aus seinem Buch
„Ich bewundere ...“... den Kritiker



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Theo Lingen liest aus seinem Buch
„Ich bewundere ...“... das Publikum



Theo Lingen singt:

„Gnädige Frau, wo war’n Sie gestern“
(Friedrich Schröder/Hans-Fritz Beckmann) Ufa-Ton

„Ach, Luise!“
(Ralph Benatzky) Dreimasken

„Ich wollt’ ich wär ein Huhn“
(Peter Kreuder/Hans-Fritz Beckmann) Ufa-Ton

„Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben ...“
(Peter Kreuder/Hans-Fritz Beckmann) Ufa-Ton

„Haben Sie den neuen Hut von Fräulein Molly schon geseh’n?“
(Leo Leux/Hans Hannes/Bruno Balz) Beboton

„Was kann der Sigismund dafür, daß er so schön ist?“
(Robert Gilbert) Ufa-Ton

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Leser, Gesang: Theo Lingen

Übernahme von der Deutschen Grammophon Gesellschaft mbH, Hamburg, BRD
Mit Genehmigung der Verlage: R. Piper und Co, München (1., 2., 4.); Felix Bloch Erben, Berlin-West (2.)