Ernst Barlach

LP LITERA 8 60 175
Covertext:
„Ein bißchen Zeichnen oder Malen oder Schreiben mehr oder weniger fiel in der Familie nicht auf“, so erinnert sich Ernst Barlach in Ein selbsterzähltes Leben; und in einem Brief an seinen Freund, den Literaturwissenschaftler und Essayisten Friedrich Dusel, schreibt er bekennend am 15. und 16. Juni 1889, gerade neunzehn Jahre alt, „... als Bildhauer muß mir natürlich von den drei Arten, auf welche man das Leben und Treiben der Menschen abkonterfeit, der Plastik, dem Malen und Zeichnen und der Erzählung die erste natürlich am geläufigsten und liebsten sein ... Nun kann mir aber die Plastik nicht ganz genügen, deshalb zeichne ich, und weil mir das nicht ganz genügt, schreibe ich. Diesen Drang verspürt ich schon als Knabe, der glücklich lesen und schreiben gelernt hatte und nun immerfort las und dann das Gelesene in Spielen, in Erzählungen und zugleich in Niederschriften variierte.“

Außer Frage stand die Bedeutung Ernst Barlachs, geboren am 2. Januar 1870 in Wedel, Holstein, gestorben am 24. Oktober 1938 in Rostock, als eines der größten deutschen Bildhauer und Zeichner bereits in den frühen zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts. Es sind vor allem seine Antikriegswerke, die diesen Ruf begründeten: die „Kieler Ehrentafel“, das „Güstrower Ehrenmal“, „Der Geistkämpfer“ für die Universitätskirche in Kiel, das „Magdeburger Mal“ („Das verantwortungsvollste Stück Arbeit, das ich je unter meinen Händen hatte“), schließlich das „Hamburger Mal“, bei dem Barlach von sich selbst forderte, nicht nur die Geste des Muts zu zeigen, sondern auch die Umstände, „die ihn herausfordern, fühlbar machen“. Es sind zudem die Lithographien und Zeichnungen zum „Armen Vetter“, zu, Goetheschen Gedichten und die Holzschnitte zur Walpurgisnacht und zu Schillers Ode „An die Freude“, die den Bildhauer auch als überragenden Holzschneider und Zeichner auswiesen. Die Bildwerke, darunter unverwechselbare Gestalten aus dem Volke: „Mantelanzieher“ und „Spazierhänger“, „Frierendes Mädchen“ und „Flötenbläser“, „Sitzende“ und „Lachende Alte“, Bettler und Asketen, Wandernde, Singende, Zweifelnde und Schlafende bestätigen Ernst Barlachs individuell-künstlerische Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit jener ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts. Ich muß mitleiden können“ schrieb er 1911 und erklärt mit Nachdruck: „Mitleid braucht nicht kläglich zu sein.“

Wenngleich Barlachs Dramen („Der tote Tag“, „Der arme Vetter“, „Die echten Sedemunds“, „Der Findling“, „Die Sündflut“, „Blauen Boll“, „Die gute Zeit“, „Der Graf von Ratzeburg“) schon in den zwanziger Jahren von maßgebenden Regisseuren inszeniert wurden, und obwohl „Ein selbsterzähltes Leben“ bereits 1928 erschienen war („Seespeck“ und „Der gestohlene Mond“ 1948), war der Dichter lange Zeit nur einem relativ kleinen Kreis bekannt. Barlachs Dramen lassen seine Vorliebe für derben, volkstümlichen Humor, für die Darstellung landstädtisch-bäuerlicher Lebensformen erkennen. („– welcher Teufel reitet die Theaterleiter, daß sie aus meinen Dramen immer Oratorien und Mysterien machen wollen statt unterhaltende Stücke“, schreibt Barlach 1928 in einem Brief an den Verleger Piper.) Indessen, sie zu verstehen, ist überaus schwierig, weil der Künstler zwar wie viele seiner Zeitgenossen ein tiefes Unbehagen an der bürgerlichen Gesellschaft empfand, sich aber nicht aus seiner vergrübelten Isolierung befreien konnte. Er hoffte auf eine innere Läuterung und Umgestaltung des Menschen: „... es ist wohl nicht nötig, ein Kunstwerk ,restlos‘ zu erkennen, wenn es nur spricht, wenn es nur vielen etwas sagt – je vieldeutiger ein Werk, desto lebendiger, und am Ende ist es vor allem keine Lösung formulierbarer Gedanken und abgegrenzter Fragen“, und an anderer Stelle, kurz nach Beendigung des 1. Weltkrieges: „Meine Pflicht gegenüber dem Neuen kann ich einzig so ansehen, daß ich unablässig den Wert, die Qualität meiner Arbeit zu steigern suche. Alles andre können die anderen besser.“ Sentenzen, die die Widersprüchlichkeit und die Begrenzung Barlachscher Einsichten in den gesellschaftlichen Entwicklungsprozeß deutlich zeigen. Wohl glaubt der aus dem Bürgertum stammende Ernst Barlach an die unzerstörbare Würde des Menschen, wohl ist diese Ehre und Würde, Mensch zu sein oder zu werden, ein immer wieder variiertes Grundmotiv seiner Kunst – auch wenn mitunter seine Bildwerke und seine Dichtungen von tiefem, schwer deutbaren Symbolgehalt erfüllt sind; Barlachs großes Lebensthema, dem er mit unbeirrbarem Ernst nachging, war das Leid der Menschen in der dumpfen, geistfeindlichen Enge bürgerlicher Alltagswelt und ihre Sehnsucht nach menschenwürdigem Dasein. In den Augen Barlachs war diese Welt das böse Prinzip schlechthin, ihn erschüttern die kapitalistische Wirklichkeit, die jeden und alles unterdrücken will; Primitivismus und bourgeoise Kunstfeindlichkeit, eng miteinander verflochten, lassen ihn am Ende seines Weges fragen, ob er nicht bereits eine „kommende Epoche“ vorweggenommen habe. Wir können dieser Frage hier nicht nachgehen. Festzustellen bleibt uns, daß Barlachs subjektivistischer Humanismus gegenüber der Macht einer faschistischen Gesellschaft versagte. Isoliert von der progressiven Kraft der Arbeiterklasse war auch er zur Ohnmacht verurteilt. Der Realismus seiner Kunst indessen besteht darin, daß seine idealistischen Helden die Inhumanität der bürgerlich-kapitalistischen-faschistischen Gesellschaft bloßstellen, auch wenn in Barlachs dichterischem Werk die Auseinandersetzung mit diesen Mächten und Kräften individualistisch verengt geführt wurde. So ist es denn auch kein Zufall, daß lange vor 1933 von den reaktionär-faschistischen Organisationen und Personen gegen den Güstrower Meister Front gemacht wurde. 1929 schreibt er: „Ich bin den ganzen Sommer nicht von der Arbeit weggekommen, und es geht vermutlich bis in den Winter hinein, bis ich mal verpusten kann. Also gibt’s nichts Neues zu berichten, außer ich wollte von meinen Späßen mit Stahlhelm und andern Radikalen dicktun, die mir sämtlich nicht wohlwollen. Noch ein paar solcher Anrempelungen, dann ist’s allgemein bekannt, daß ich Jude und Kommunist bin. Das sind so probate Methoden, wenn’s nicht anders geht. Ich bilde mir ein, ich könnte es leicht vertragen, und versuch’ drauf zu pfeifen, aber man wird doch stutzig ...“ Nach 1933 sind Barlachs Plastiken in den Ausstellungen „entarteter Kunst“ zu finden, seine Dramen werden nicht mehr gespielt, Aufträge ihm entzogen, seine Kunst mit ihrer humanistischen Grundhaltung als „artfremd“ bezeichnet.

Barlachs Briefe sind nun, verstanden als autobiographisches Bekenntnis, der Schlüssel zum tieferen Verständnis seiner Plastiken, seiner Grafik, seines literarischen Werkes: Existenz, Entfaltung und Niedergang eines Lebens, gespiegelt in der Person eines Künstlers, der zu den stärksten und eigenwilligsten dieses Jahrhunderts gehört. Barlachs wortschöpferische und sprachgewaltige Briefe, die ebenso die Hand des Meisters erkennen lassen wie das bildkünstlerische Werk, sind dafür überzeugender Beweis. Oft seufzte er unter der Last seiner sich immer mehr ausweitenden Korrespondenz, er wollte allen antworten, mußte sich aber dennoch begnügen. „Ich war dereinst ein furioser Briefschreiber“, schreibt er ein halbes Jahr vor seinem Tode: die hier vorliegende Briefauswahl, Schlüsselbrief zumeist und Erstveröffentlichungen, bestätigen auch dies.

Ein akustisches Dokument von großer Seltenheit sind Barlachs Lesungen aus dem „Russischen Tagebuch“, den „Güstrower Fragmenten“ und aus dem Mittelstück seines Spiels in drei Stücken „Der Findling“. Aufgenommen im Oktober/November 1932, wurden sie niemals gesendet oder veröffentlicht: nach dem 30. Januar 1933 hatte niemand mehr den Mut dazu. So sind denn auch die danach geschriebenen Briefe erschütternde Zeugnisse für die Ohnmacht dieses Künstlers gegenüber Terror und Unterdrückung. Sie muten an wie ein Prolog, sie geben uns aber auch einen Begriff davon, was Barlach mit dem Satz meinte: „Deklassement ist kein Unglück, unwürdig nur die künstliche Aufrechterhaltung eines unhaltbaren Zustandes.“

Konrad Reich (1970)
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... an Friedrich Düsel
(1869–1945, mit ihm verband Barlach eine lebenslange Freundschaft) (15. und 16. 6. 1889)
... liest aus „Das russische Tagebuch“
– Historische Aufnahme –
... an Wilhelm Radenberg
(1877–1933, Dr. jur. Amtsrichter, kunstgeschichtliche Betätigung) (8. 8. 1911)
... an Reinhard Piper
(1879–1953, Verleger in München) (28. 12. 1911)
... liest „Güstrower Fragmente“
– Historische Aufnahme –
... an Karl Weimann
(1873–1960) Dr. phil. Seit 1924 Professor für geschichtliche Hilfswissenschaften, Universität Leipzig) (18. 12. 1919)
... an Johannes Friedrich Boysen
(11. 8. 1922)


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... liest aus dem Drama „Der Findling“
– Historische Aufnahme –
... an Boris Pines
(1884 in Moskau, Dr. phil. wurde wahrscheinlich in den letzten Kriegsjahren von den Nazis ermordet) (16. 1. 1926)
... Adolf Scheer
(1897, Kaufmann, seit 1945 freier Schriftsteller, Nordhausen) (26. 2. 1930)
... an Alfred Heuer
(1883–1947, Dr. phil. Studienrat. Freundschaftliche Beziehungen zu Barlach) (11. 9. 1932)
... an Max von Schillings
(1868–1933, Komponist, seit 1932 Präsident der Preußischen Akademie der Künste) (23. 2. 1933)
... an Hugo Sieker
(1903, Schriftsteller, Hamburg) (1. 1. 1934)
... an Otto Nagel
(1894–1968, Maler, Antifaschist) (6. 5. 1934)
... an Heinz Priebatsch
(1908–1952, Dr. phil. Verlagssekretär und Schriftsteller) (23. 10. 1937)
... an Karl Barlach
(1878–1968, Ernst Bariachs Vetter, teilte mit ihm die Doppelbegabung als Maler und Schriftsteller) (14. 1. 1938)

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Sprecher der historischen Aufnahmen: Ernst Barlach
Sprecher der Briefe: Gerd Micheel
Sprecher der Zwischentexte: Hans Rohde

Ernst Barlach (1870–1938)
– Aus Briefen und Dichtungen –
Für die Schallplatte ausgewählt und zusammengestellt
von Konrad Reich

Regie: Hanns Anselm Perten
Tonregie: Rolf-Dieter Gandert