Everblacks
Wiener Chansons, 1955–1967

von Georg Kreisler
LP LITERA 8 65 354
Covertext:
Ein Mann am Klavier. Singend. Texte und Musiken schreibt er sich selbst. Seine Chansons nennt er „Lieder zum Fürchten“, „Seltsame Gesänge“ oder „Nichtarische Arien“. Virtuose Beherrschung des musikalischen Handwerks – virtuoser Umgang mit der Sprache. Ein Musiker? Ein Dichter? Georg Kreislers Universalbegabung erinnert an die Allroundmen des Kabaretts der zwanziger Jahre, insbesondere an den Tausendsassa Friedrich Hollaender, der als Komponist, Texter, Pianist und Kabarettleiter ideenreich und genialisch die Kabarettszene jener Periode inspirierte. Freilich: Was das Spezifische der Kreislerschen Vorträge anbelangt, ihre Weltsicht, ihre Durchleuchtung der Dinge, so ist es von einer verblüffenden Eigenart, eine originäre Erscheinung, die – trotz mancher „Vorläufer“ – nur mit sich selbst vergleichbar ist. An Kreislers Biographie haben die Vor- und Zwischenfälle der Zeit kräftig mitgewirkt. Geboren 1922 in Wien als Sohn eines Rechtsanwaltes. Frühzeitiger Entschluß, Musiker zu werden. Neben dem Besuch des Realgymnasiums Klavier-, Violin- und Musiktheorie-Studien. Kreisler: „Als ich knapp 16 Jahre war, machte Hitler meinem sechzehnstündigen Arbeitstag ein Ende. Da wir Juden waren, mußten wir Wien verlassen, wanderten nach Hollywood aus, wo ich einen Vetter beim Film hatte.“ In den USA verdiente sich der Emigrant durch Klavierstunden, Korrepititionen und Filmmusikarrangements seinen Lebensunterhalt. 1942 zur amerikanischen Armee eingezogen, schreibt er ein Soldaten-Musical, das er mit einer Truppe in Militärlagern vorführt. Nach dem Kriegsende arbeitet er in Hollywood als musikalischer Berater, Dirigent und Arrangeur an Filmen mit. Solch unkünstlerischer Tätigkeit überdrüssig, geht er nach New York, wo er in Nachtlokalen groteske Lieder voll schwarzen Humors singt. Der Erfolg bleibt auf einen kleinen Kreis beschränkt. Kreisler: „Als ich auf eine längere Tournee durch die Vereinigten Staaten ging, stieß ich allenthalben auf Unverständnis: Die Zuschauer lärmten, Funk und Fernsehen zensurierten meine Texte, bis nichts Originales übrigblieb, alles Makabre wurde gänzlich abgelehnt.“
1955 kehrte Kreisler nach Wien zurück. Im folgenden Winter beginnt er – jetzt in deutscher Sprache – in der Marietta-Bar seine Chansons vorzutragen. Gemeinsam mit Gerhard Bronner, Helmut Qualtinger und Carl Merz tritt er im Wiener „Intimen Theater“ auf. Dann kommen die Soloabende auf Tourneen in Österreich, der BRD und der Schweiz, jahrelange gemeinsame Auftritte mit Topsy Küppers, die Schallplatten-, Rundfunk- und Fernsehaufzeichnungen, die die weiteren Etappen seiner europäischen Karriere markieren.
Kreislers Anfänge in der 50er Jahren stehen im Zeichen dessen, was er selbst „humour noir“ „schwarzen Humor“, nennt, Die Ahnenreihe des „schwarzen Humors“ im Chanson und im kabarettistischen Gedicht läßt sich über Ringelnatz und Wedekind bis zum Montmartre-Kabarett der Belle époque zurückverfolgen.
Oskar Panizza, der wegen seiner provozierenden Satire auf Kirche und Staat meistkonfiszierte Dichter Ende des vorigen Jahrhunderts, hat einmal die Gestalt des englischen Clowns auf das Abbild des Todes zurückgeführt und auf die Dialektik von Komischem und Makabrem hingewiesen: „Der Clown, dieser angegipste Mensch, dieses bleiche Gespenst, ist eigentlich der Mensch gewordene second sight, der leibhaftige Tod; man glaubt an ihn, an das Erscheinen des Gespenstes und stellt es mitten in den Zirkus, damit die geängstigte Menschheit sich einmal gründlich auslachen kann und so vom Druck befreit.“
Ähnlich verhält es sich mit dem schwarzen Humor bei Kreisler: Die Monstrosität des Verbrechens, die Übersteigerung des Grausigen schlägt um ins Lächerliche. Kreisler geht es jedoch um mehr als das Verlachen der Ängste und des Todes. Hinter seiner makabren Komik verbirgt sich die Kritik pervertierter menschlicher und gesellschaftlicher Verhaltensweisen. Der Mann, der (in „Bidla buh!“) die Frauen dutzendweise um die Ecke bringt, und der Liebhaber, der (in „Machs dir bequem, Lotte!“) seine Folterinstrumente an der Geliebten ausprobiert, demonstrieren Wahnsinn mit Methode, praktizieren in Hausmacherart, was bekannte Massenmordpraktiken ihnen vormachen, bleiben mit ihren individuellen Methoden freilich hinter deren Perfektion weit zurück. Auch der Voyeur, der sich an dem in Flammen stehenden Zirkus ergötzt, ist kein Individualfall für die Nervenheilanstalt, sondern ein gesellschaftliches Produkt, wie nicht nur die gut und gern besuchten öffentlichen Hexenverbrennungen und Hinrichtungen vergangener Zeiten, sondern heute mancherorts die Schaulustigen bei schweren Verkehrsunfällen, Terroranschlägen und ähnlichen Sensationen beweisen. Mit Vorliebe kleidet Kreisler seinen „humour noir“ in das Gewand des Wienerliedes. Wien als Inkarnation des Schrecklichen. Da geht das herzige Liebespaar in den Frühling hinaus, „die Sonne ist warm und die Lüfte sind lau“, „die Bäume sind grün und der Himmel ist blau“ – in der Tasche aber hat es das Zyankali zum Taubenvergiften. Oder da gibt es das Lied vom „guaten, alten Franz“, dem buchstäblich alles abverlangt werden kann – treu bis zum Tod –, und an dessen Beispiel solcherart Freundschaft als Infamie enthüllt wird. Die Heurigenseligkeit bringt etwas hervor, das so gar nicht zur gepriesenen Wiener Gemütlichkeit passen will: die vom Zuckerguß verborgene Nachtseite der Kleinbürgerseele. Diese Lieder sind Kriegserklärungen gegen die Mentalität des „Wien bleibt Wien“ und des „Solang der Wein a bissel schmeckt, solang ist alles mir egal“. Kreisler tritt damit in die Fußstapfen eines anderen Wieners wider Willen: Karl Kraus, unterdessen antiwienerischen Sentenzen sich ein Ausspruch findet, mit dem man auch Kreislers Leiden an Wien charakterisieren könnte: „Nichts da, ich bin kein Raunzer, mein Haß gegen diese Stadt ist nicht verirrte Liebe, sondern ich habe eine völlig neue Art gefunden, sie unerträglich zu finden.“
Kreisler geht es um die Durchleuchtung der Bürgerwelt. Was verbirgt sich hinter der Fassade ihrer Lebensweise, ihrer Moralnormen und Phrasen? Auf dem Röntgenschirm der Kreislerischen Lieder wird es sichtbar: das „Warenhaus“, in dem alles zu haben ist – eine „unübersehbare Anzahl unnötiger Notwendigkeiten mit eingebautem Verblödungseffekt“, „Epedemien zum Vorzugspreis“ und „außerdem natürlich Särge“.
Wie in einem Panoptikum sind bei Kreisler alle vertreten, die Chefs und Subalternen dieser Warenhauswelt: der Politiker, der Kapitalist, die Polizei, der Künstler, der große und der kleine Bürger. Letzteren vor allem, den Spießer, läßt er an der Pinzette seines Hohnes zappeln und in seinen Varianten Revue passieren: Da bekümmert sich einer unter dem Damoklesschwert drohender Weltkatastrophen um nichts als das Wohl seines Hundes, und da ist die „Frau Schmidt“, Prototyp kleinbürgerlicher Beschränktheit, die nur über andere spricht und ihre Meinung aus den Illustrierten bezieht. Nicht vergessen ist der „Kämpfer“, das Musterbeispiel der Verwandlung vom lautstarken Revoluzzer zum geschmeidigen Konformisten. Und dann kommt ein ganzes Sortiment Zukurzgekommener, ins Abseits Gedrängter. Wie kann menschliche Entfremdung greller beleuchtet werden als durch das Lied von dem Manne, der von der Fülle der Töne auf seinem Triangel immer nur einen einzigen Ton hervorbringen darf, oder durch das Lied über den, der dazu verdammt ist, im Zirkus stets nur das Hinterteil des Pferdes zu spielen? Wo wird nichtgelebtes Leben pointierter dargestellt als in dem Selbstbekenntnis jenes Mannes, der sein ganzes Leben mit dem Mädchen „Barbara“ führt, das nur ein Produkt seiner Phantasie ist? Die Komik all dieser in ihrer Menschlichkeit Reduzierten ist gleichzeitig ihre Tragik, und ihre Deformation sind die Deformationen vieler.
In den letzten Jahren attakiert Kreisler in seinen Chansons immer öfter die Protagonisten der politischen Bühne mit Namen und Hausnummer, etwa wenn er Franz Josef Strauß um Mitternacht als Gespenst der Vergangenheit erscheinen läßt oder wenn er die lächelnde Regierungsprominenz der westlichen Hemissphäre mit Nazigrößen von einst vereint – zu einer Musik, deren gläserne Traurigkeit nicht einmal mehr Galgenhumor aufkommen läßt.
Kreisler ist ein Arrivierter. Der bürgerliche Kulturbetrieb versucht, ihn zu integrieren, indem er ihn mit dem Markenzeichen „schwarzer Humor“ versieht und so in einen Modetrend einordnet. Kreisler: „Wie verachtet man die eigenen Bewunderer? Wie entgeht man seinem Schatten, solange man in der Sonne steht? Man wird Säufer, Sonderling oder Selbstmörder. Letzteres kann auch heißen, daß man sich totlacht.“
Was ist Kreisler? Zeitkritiker? Moralist? Zyniker? Fest steht: Hier ist einer, der sich über die Gesellschaft, in der er lebt, keinen Illusionen hingibt. Allerdings: Ratlos ist er, wenn es um die Veränderung dieser Gesellschaft geht. Er erkennt die Gegner, aber nicht die Verbündeten. Das erklärt seine Resignation, das erklärt, weshalb bei ihm immer wieder untergründig Trauer und Verzweiflung mitklingen, das erklärt, weshalb seine Lieder zum Fürchten die Furcht nicht überwinden. Dennoch vermögen diese Lieder etwas sehr Wichtiges: nachdenklich zu machen.

Walter Rösler
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Taubenvergiften
Bidla Buh
Mütterlein
Opernboogie
Frühlingsmärchen



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Der guate alte Franz
Die Wanderniere
Das Mädchen mit den drei blauen Augen
Das Triangel
Max auf der Rax


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Text, Musik und Interpretation: Georg Kreisler

Veranstaltungsmitschnitt, entstanden 1955–1967
Aufnahme von Intercord, Stuttgart