Faust I – Szenen

von Johann Wolfgang Goethe

LP LITERA 8 60 060
Covertext:
(Historische Aufnahme)
Erfüllt vom Erlebnis Italien und froh über den Abschluß vieler Werke, die unter dem „heiteren Himmel“ dieses „formreichen“ Landes gediehen, schrieb Goethe am 16. Februar 1788 aus Rom, daß ihm nun „fast nichts als der Hügel ,Tasso‘ und der Berg ,Faustus‘ vor der Nase" stehe. „Ich habe zu beiden eine sonderbare Neigung und neuerdings wunderbare Aussichten und Hoffnungen. Alle diese Rekapitulationen alter Ideen, diese Bearbeitungen solcher Gegenstände, von denen ich auf immer getrennt zu sein glaubte, zu denen ich fast mit keiner Ahndung hinreichte, machen mir große Freude. Dieses Summa Summarum meines Lebens gibt mir Mut und Freude, wieder in neues Blatt zu eröffnen.“ Während Goethe sein Schauspiel „Torquato Tasso“ 1789 abschließen konnte, wurde „der Berg“ noch nicht bezwungen, und der Dichter mußte sich entschließen, seinen „Faust“ 1790 zunächst nur als Fragment zu veröffentlichen. Das war die erste Kunde, die die Öffentlichkeit von diesem Werk erhielt, denn die Erstfassung, seit 1769/1770 erdacht und dann nach und nach niedergeschrieben, was gut und von Bestand war (zu Eckermann, 10. Februar 1829), wurde nur den Freunden des Dichters bekannt. Erst 1887 wurde diese erste, ursprüngliche Gestalt des Werkes (der sogenannte „Urfaust“) in einer Abschrift aufgefunden. – Seinen Freunden Karl Friedrich Zelter und Wilhelm von Humboldt hat Goethe kurz vor seinem Tode bekannt, daß er mehr als sechs Jahrzehnte an seinem „Faust“ gearbeitet hat – so gewaltig war der Berg, so schwer der Gipfel zu erklimmen. Das Gesamtwerk mit seinen beiden Teilen (der Erste Teil wurde 1806 abgeschlossen und erschien 1808, der Zweite Teil wurde 1831 beendet) ist „Summa Summarum“ eines Lebens, das – wie Goethe selbst oft geäußert hat – durch Genie, Aneignung und Antizipation von Natur und Welt bedeutend wurde. Wer Goethes Werke, seine Tagebücher und seine Briefe studiert, wird gewahr, wieviel Seiten der Wirklichkeit, welch unterschiedliche, verschieden geartete Bereiche des Wissens er sich erschließen mußte, um zu dieser reichen, universellen Anschauung und Erkenntnis zu gelangen, die sich in der Ideen- und Gestaltungsfülle des „Faust“ ausgeprägt hat. Und wie ist es mit der Antizipation, der Vorwegnahme von Bewegungsgesetzen und Ereignissen? Ihr Fundament ist Goethes Weltbild, sein „Realism“, seine „positive Tatkraft“. Erst aus der Sicht unserer, der sozialistischen Gesellschaftsordnung wird die Größe und Zukunftsträchtigkeit dieses Goetheschen Denkens und poetischen Antizipierens vollkommen deutlich, weil im Leben des sozialistischen Menschen seinen Platz gefunden hat, wonach der Dichter, bedingt durch Zeit und Umwelt, seinen Helden Faust nur in Gedanken suchen, in Hoffnungen ahnen und in Visionen vorausdenken lassen konnte.

Auf die Gestaltung des Ersten Teils des „Faust“ sind die Erlebnisse und Erfahrungen der Leipziger und Straßburger Studienjahre von großem Einfluß gewesen. In den Jahren 1771 und 1772 hatte Goethe einige Erschütterungen zu überstehen, von denen er sich – wie üblich – durch dichterische Umformung befreite. So haben die Begegnungen mit Friederike Brion in Sesenheim und Charlotte Buff in Wetzlar (neben „Werther“) die Gretchen-Gestalt ebenso mitgeformt wie die Gretchen-Tragödie das Schicksal einer einfachen Magd widerspiegelt. In Frankfurt erlebte Goethe den Prozeß gegen die Magd Susanna Margaretha Brandt, die ihr eigenes uneheliches Kind getötet hatte, zum Tode verurteilt und am 14. Januar 1772 enthauptet wurde. Es war damals kein Einzelfall. Er zeigt die soziale Rechtlosigkeit der Frau, die sich religiösem Fanatismus, dem Aberglauben und der Unduldsamkeit, wie sie noch geltenden mittelalterlichen Vorstellungen entsprechen, ausgesetzt sieht. – Der Faust-Stoff geht historisch bis ins 16. Jahrhundert zurück. Im Bewußtsein des Volkes begann Faust, bereichert durch Wünsche und Hoffnungen, als revolutionäre Gestalt und als Befreier zu leben. Seit der ersten Niederschrift, dem Volksbuch vom Jahre 1587, mischten sich stärker Wahrheit, Sage und Aberglauben. In den zahlreichen weiteren Versionen von den Volksbüchern bis zu Christopher Marlowes Faust-Tragödie, stellte sich in der Faustsage der Kampf zwischen bürgerlichem Humanismus und antihumanistisch wirkender Kirche, zwischen Naturforschung und Aberglauben dar. Der Mensch löst sich aus den politischen und sozialen Fesseln des Mittelalters, aber noch ist die Neuzeit ein Zwitter: Wo der Mensch noch nicht in die Helle des Wissens getreten ist, wähnt er um sich ein geheimnisvolles Dunkel. Die Kirche versucht auch in den von ihr beeinflußten Volksbüchern – den nach Kenntnis der Natur und Gesellschaft strebenden Menschen in das Dunkel der Vergangenheit zurückzureißen; sie bezichtigt ihn höllischer Künste, der Magie und Zauberei, schildert ihn dem Volk als Abgesandten des Teufels. Goethe lernte die deutsche „Nationallegende“ bereits in seiner Jugend in Gestalt der „bedeutenden Puppenspielfabel“ vom Doktor Faust kennen („Dichtung und Wahrheit“, 10. Buch). In Goethes Gestaltung wurde der Faust, wie Ludolf Wienbarg in seinen „Ästhetischen Feldzügen“ schreibt, „... der Deutsche, der den Staub des Mittelalters von seinen Füßen schüttelt, um sich im Tau der neuen Zeit zu baden. Faust ist das nach Befreiung ringende Deutschland, ja, das befreite, das sich des Siegs seiner Freiheit im voraus bewußte Deutschland. Faust ist der erste Verkünder dieses Siegs und zugleich die Bürgschaft dafür“.

Die vorliegende Aufnahme vereinigt einige der bedeutendsten Szenen aus dem Ersten Teil von Goethes „Faust“, die der zugleich erschienenen Gesamtwiedergabe dieses Teils entnommen sind. Die Aufnahme entstand Anfang 1952. Nunmehr ist diese Inszenierung bereits zu einem bedeutenden Dokument der deutschen Theatergeschichte und im besonderen der „Faust“-Interpretation geworden, vor allem durch die Gestaltung des Faust und des Mephistopheles durch zwei der hervorragendsten Schauspieler der letzten Jahrzehnte. Horst Caspar (geb. 1913), der unvergessene Jüngling und Held in Goethes, Schillers, Kleists und Shakespeares Dramen, starb am 27. Dezember 1952, kaum neun Monate nach dieser Aufnahme des „Faust“, an einem Lungenleiden. Erich Ponto (geb. 1884), der drei Jahrzehnte in Dresden wirkte und in hunderten Vorstellungen als Mephisto auf der Bühne stand, ein Meister in den vielgestaltigsten großen und kleinen Charakterrollen, starb am 4. Februar 1957.

Da in dem gegebenen Rahmen eine nähere Erläuterung des Werkes und der einzelnen Szenen nicht gegeben werden kann, sei zur weiteren Orientierung verwiesen auf: Theodor Friedrich, Goethes „Faust“ erläutert, Verlag Philipp Reclam, Leipzig: Berliner Goethe-Ausgabe, Band 8, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar.

Siegfried Seidel
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Nacht (Monolog des Faust)
Vor dem Tor (Osterspaziergang)
Studierzimmer (Verlassen hab ich Feld und Auen ...)
Studierzimmer (Paktszene)



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Straße
Abend
Gretchens Stube
Marthens Garten
Zwinger
Trüber Tag. Feld.


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Faust: Horst Caspar
Mephistopheles: Erich Ponto
Margarete: Antje Weisgerber
Wagner: Ernst Hetting
Alter Bauer: Carl Brückel
Sprecher: Hermann Stein

von Johann Wolfgang Goethe

Für die Schallplatte ausgewählt und
zusammengestellt von Dr. Siegfried Seidel
Regie: Wilhelm Semmelroth