Faustus Junior

von Heinz Kahlau

LP LITERA 8 65 305
Covertext:
Zu Fausten
Bei einem der Bankette, auf denen ich manchmal stehe, gab es ein Gerede über Genie und also über Goethe und Faust; und irgendein Brite, dem auch schon die Füße schmerzten, fragte perfid, was eigentlich so besonderes dran sei, an diesem Faust. Ein germanisches Edelhirn gab ihm spontan diese Antwort: „Wir sind Deutsche, Goethe ist ein deutsches Genie und Faust war ein Deutscher!“ Jemand fragte verblüfft: Wieso? – aber dann hielt einer eine öffentliche Rede, die angehört werden mußte.
Was mich verblüffte an dieser Antwort: Warum war Faust, wir aber samt Goethe sind? Das übrige kannte ich, ich komme da her.
Ich hatte natürlich meinen Goethe gelesen, meinen Faust gesehn und war vorbereitet, als mich LITERA aufforderte, einen Faust zu schreiben. Jeder deutsche Dichter sollte darauf vorbereitet sein. Ich fuhr also ins Gleimhaus nach Halberstadt, ließ mir von den freundlichen Gleimhaushütern alles heraussuchen, was auch Goethe gelesen haben konnte und las es. Und erschrak. Natürlich hatte ich niemals die Absicht, ein Werk zu schaffen, das in eine Beziehung zu Goethes Faust treten könnte. Ich erschrak also nicht über die Größe meiner Aufgabe und auch nicht über die Mene des Materials. Ich erschrak über das Jahrhundert, in dem Faust gelebt haben soll. Die ersten Bücher wurden gedruckt, Amerika wurde entdeckt, die Inquisition wütete, die Reformation war. Hunderte von großen und klugen Leute schufen eine neue Vorstellung vom Menschen, entdeckten phantastische Dinge, die für immer die Welt des Menschen veränderten und hunderttausende wurden sinnlos geschunden und vernichtet. Die Größe und der Schrecken dieser Zeit prägen bis heute unsere Welt. Und neben all den Geistern, die mit ihren Werken auf uns gekommen sind und deren Namen wir mit Ehrfurcht aussprechen, ist ein einziger zu einem Mythos geworden. Ein Mythos, für dessen reale Existenz es keine gesicherten Beweise gibt, von dessen Werken uns nicht eines dokumentiert wird, dessen Legende aber, nicht nur dank Goethe, unsterblich ist. Faust. Man weiß in England, in Spanien, in Dänemark, in Polen, in Frankreich, in Deutschland und sogar in Italien von ihm, denn seine merkwürdigen Zaubereien sind von Zeitgenossen berichtet worden. Es ist nicht mehr wichtig, zu erforschen, wie viele Fauste in einem aufgegangen sind. Es gab eine Zeit, da brauchten die Menschen Europas einen Faust und schufen ihn so, wie sie sich immer ihre Götter und Teufel schaffen.
So lernte ich durch meine Lektüre denken und entschied mich für den jungen Faust, der vor der Legende gelebt haben kann, vor dem Volksbuch von Doktor Faustus, den ein Kollektiv zusammenschrieb, um das unruhige Volk mit seinem bösen Beispiel zu erschrecken.
Erfüllt sich meine Absicht, so könnte Faust Junior den Eintritt in Goethes Faust erleichtern, für manchen, der seinen Goethe noch nicht gelesen, seinen Faust noch nicht gesehen hat.
Goethe war und wir werden einmal gewesen sein – aber Faust ist. Zwar kaum als Deutscher, denn zum Ende dieses Jahrtausends ist die ganze Menschheit seiner Legende bedürftig.

Heinz Kahlau (1981)
Jörg Faust: Frank Lienert
Abt: Rolf Hoppe
Bischof: Arno Wyzniewski
Muhme: Helga Labudda
Therese: Barbara Schnitzler
Mephistopheles: Dieter Mann
Bauer: Jochen Thomas
Klaus Wagner: Gerald Schaale
Ablaßhändler: Günter Sonnenberg
Sänger: Rolf Ludwig
1. Magister: Rudolf Christoph
2. Magister: Peter Dommisch
Kapuziner, Mönch: Helmut Geffke
Volk auf dem Markt zu Wittenberg: Monika Bielenstein,
Elke Brosch, Karin Reif, Rainer Büttner,
Manfred Struck, Walter Wickenhauser

Gesang: Joachim Vogt, Klaus Silber, Günther Beyer, Siegfried Hausmann, Karl-Heinz Schmiedel

von Heinz Kahlau

Musik: Wolfgang Thiel
Musiker der Staatskapelle, Berlin
Musikalische Leitung: Manfred Rosenberg
Dramaturgie und Regie: Jürgen Schmidt
Tonregie: Karl-Hans Rockstedt

Für Literaturfreunde ab 14 Jahren.