Fortunatus’ Glückssäckel
oder:
Die Kunst reich zu sein
Für Kinder und ihre Eltern

frei nach Motiven des alten Volksbuches
erzählt von Andreas Schreinert

LP LITERA 8 65 272
Covertext:
Um zwei Dinge geht es in dieser Geschichte vor allem: um Geld und um Glück. Und darum, wie beide miteinander zusammenhängen.
Wem fallen da nicht gleich Sprichworte ein?
„Geld allein macht nicht glücklich“ sagen die einen. „Aber es beruhigt ungemein!“, halten die anderen entgegen. „Glück und Glas, wie leicht bricht das!“, erklären jene skeptisch: aber: „Jeder ist seines Glückes Schmied!“, widersprechen optimistisch diese. Wir sagen von einem Menschen, er sei ein Glückspilz wenn ihm etwas besonders Gutes und Schönes sozusagen von allein in den Schoß fällt, ein Lottogewinn zum Beispiel – aber wir bezeichnen ihn noch nicht als einen glücklichen Menschen, nur, weil er über Nacht reich geworden ist.
Jeder möchte glücklich sein und glücklich werden, aber ein jeder stellt sich unter Glück etwas anderes vor: es gibt soviele verschiedene Arten von Glück, wie es Menschen gibt. Andererseits haben diese vielen unterschiedlichen Arten von Glück sicher auch etwas Gemeinsames. Es ist bestimmt für alle Menschen ein Glück, im Frieden leben zu können; es gibt immer noch sehr viele Kinder auf der Erde. für die es ein Glück wäre, wenn sie sich einmal richtig sattessen könnten. Jede Frau ist glücklich, wenn sie ein gesundes Kind zur Welt bringt. Und für manche Menschen ist Glück eben auch ein Reimwort auf Geld. Auf viel Geld.
Ein solcher Mensch ist Fortunatus. Jedenfalls denkt er so in den ersten Kapiteln des alten Volksbuches, das als Vorlage und Anregung für unsere Schallplattengeschichte diente. Das Buch heißt nach seiner Hauptfigur: Die Geschichte von Fortunatus – und damit ist im Titel schon vom Glück die Rede. Denn Fortunatus ist eigentlich kein richtiger Name. Der Begriff kommt aus dem Lateinischen und ist abgeleitet vom Namen der römischen Glücksgöttin Fortuna, die sich die alten Römer übrigens als eine sehr launische und unberechenbare Dame dachten, und er bedeutet auf deutsch: der Glückliche.
Das Volksbuch ist alt, wie gesagt, etwa fünfhundert Jahre alt, es wurde in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts geschrieben und 1509 zum ersten Male gedruckt. Seinen Verfasser kennen wir nicht genau; manche meinen, es sei der Augsburger Chronist Burkhart Zink gewesen. Aber die Klärung dieser Frage ist für uns vielleicht gar nicht so wichtig; wichtiger ist, daß dieser Verfasser das Leben in seiner Zeit, daß er ihr Tun und Treiben, ihr Handeln und Wandeln auf das Genaueste kannte und mit dieser Fülle an Kenntnis und Erfahrung, an Welterlebnis und Menschenbegegnung sein Buch so prall und rund machte, daß wir eine bessere Vorlage und Anregung für unsere Schallplattengeschichte über Geld und Glück kaum finden konnten.
Und eine Geschichte über Geld und Glück wollten wir aufnehmen, wir meinten, eine solche Geschichte würde auch heute vielleicht nicht ganz nutzlos sein.
Dabei ist das Wort „Geschichte“ ja doppeldeutig! Es bezeichnet ein erzähltes Vorkommnis zwischen Menschen – aber es meint auch den historischen Entwicklungsprozess im Ganzen oder in seinen einzelnen Teilen, als Geschichte einer Nation etwa oder in einer bestimmten Entwicklungsepoche. Beide Bedeutungen des Begriffs Geschichte haben einen gemeinsamen Ursprung: das Tätigkeitswort „geschehen“. Geschichte ist nicht denkbar ohne Tätigkeit: Geschichte ist, was geschehen ist in der Vergangenheit – und eine Geschichte erzählen heißt zu berichten, was geschehen ist zwischen bestimmten Menschen und mit ihnen. Und von der Geschichte im historischen Sinne wissen wir: sie hat Jahreszahlen als Wegmarken; sie wird bestimmt von den Kämpfen der Klassen und vorangetrieben von der Entwicklung der menschlichen Produktivkräfte – aber sie setzt sich zusammen doch nur aus Geschichten, aus Menschengeschichten.
Und so erzählt auch die Volksbuch-Geschichte von Fortunatus nicht bloß schlechthin etwas über Geld und Glück, was uns, zugegebenermaßen, auch heute noch bewegt und beschäftigt – sie erzählt dies alles, indem sie gleichzeitig ein Stück Geschichte erzählt: Wie ist das also mit Geld und Glück und wie verhielt es sich damals mit beidem?
Damals also, als ein Mann, der vielleicht Burkhart Zink hieß, die Fortunatus-Geschichte aufschrieb, damals entdeckten die Menschen merkwürdige Eigenschaften am Geld. Es vermehrte sich wie von allein, wenn man es nur erst einmal besaß. Man verborgte es – und es warf Zinsen ab. Man kaufte hier Waren – und konnte sie dort ums Doppelte weiterverkaufen, man mußte nur reisen. Man legte es an in Landbesitz – und kassierte dann den Ertrag für die Ernten. Man mietete Arbeitskräfte – was sie produzierten, gehörte dem Mieter und wurde von ihm verkauft mit Gewinn.
Das Geld trug Profit.
Wenn Geld Profit bringt, nennen wir’s Kapital. Es war kein Wunder, daß damals, als die Fortunatus-Geschichte entstand, alle Welt Geld, viel Geld besitzen, es anhäufen und umwandeln wollte in Kapital. Daß jedes Mittel recht war, Kapital zu erlangen.
Nichts anderes bewegt auch den Fortunatus. Nichts anderes erlebt er. Denn „der Glückliche“ heißt er zunächst nur zum Spott. Skrupellos, rauh, mit Ellenbogenstößen und schließlich mit einer Mordwaffe gar, versucht er ans große Geld zu gelangen – und erntet doch nichts als Unglück und Armut. Vor’m Sheriff von London flieht er endlich in den Thüringer Wald, der war damals ein Urwald, und dort zuguterletzt muß er noch vor einem hungrigen Bären auf einen Eichbaum fliehn.
An diesem Punkt, an dem für ihn alles zuende scheint, seine Geld- und Glücksjagd, sogar sein Leben – an diesem scheinbaren Ende beginnt des Fortunatus wurdersames Schallplattenleben.

Mägdelein und Knaben, faltet
Brav die Hand’, die Ohr’n macht weit,
Auf daß ihr im Sinn behaltet
Fortunati Herzeleid:
Wie im Eichbaum er gesessen.
Und in böser Not gewesen.

Er erlebt alle die Wunder des Geldes, die seine Zeitgenossen damals erlebten. Das Geld verwandelt ihn. Er ist schnell wie ein Pferd, denn er kann zahlen für ein Pferd. Er wird zum Edelmann, denn er kauft die Kleidung, den Geruch und Schmuck eines solchen. Er wird geliebt, weil sein Reichtum geliebt wird. Er hat Freunde, denn er begleicht ihre Schulden. Und er wird betrogen, bedroht und bestohlen von denen, die auch reich und schnell und geliebt sein wollen: Er muß sein Geld verteidigen mit dem Messer gegen die, die es mit dem Messer erobern wollen, so, wie er selbst das einst wollte.
Dies alles wird dem Fortunatus von der Jungfrau des Glückes beschert. Sechs Gaben bietet sie ihm zur Wahl – er wählt das Glückssäckel. Es spuckt immer und überall unendlich viel Geld aus. Dabei hätte die Jungfrau sicher eine andere Gabe viel lieber an den Mann gebracht: die Weisheit. Aber so sind die Menschen: sie wollen, die Weisheit nicht geschenkt, die wollen sie schon selber erobern.
Wenig später gar erwirbt Fortunatus (auf die unlautere Art, mit der man damals vieles erwarb) das Wunderhütlin und damit die Fähigkeit über Meere und Kontinente hinweg jeden Punkt der Erde mit Gedankenschnelle zu erreichen.
Nun könnte er der Glückliche sein.
Denn indem der Verfasser seinen Helden mit Säcken und Hütlin beschenkt, schenkt er ihm das, wonach damals alle Menschen sich sehnten, wonach ihre Zeit sie sehnsüchtig machte: unendlicher Reichtum; gefahrlose Handelsreisen über die große Entfernung hinweg. Woraus wir sehen, daß die Träume der Menschen immer mit der Wirklichkeit zu tun haben.
Aber die Träume haben ein Doppelgesicht – und das haben auch die Zaubermittel des Fortunatus. Das Säckel macht ihn nicht nur zum Reichsten in einer Welt, in der auf Reichtum alles ankommt – es macht ihn gleichzeitig auch unabhängig vom Gelderwerb, von dem doch alle Welt damals abhing. Das Säckel ist erträumte Freiheit von Lebenszwängen. Und mit dem Hütlin verhält sich’s ähnlich. Zwar ist es ein ideales Transportmittel für profitable Handelsreisen – gleichzeitig befreit es den Menschen von der Fessel der Schwerkraft, auch einem Lebenszwang und einem sehr grundsätzlichen und alten!
Und im Lauf seines wundersamen Schallplattenlebens entdeckt Fortunatus dieses Doppelgesicht seiner vermeintlichen Glücksgüter, und er entdeckt es mit Staunen. Er besitzt Säckel und Hütlin und erfährt doch Leid, Kummer und Not. Er begibt sich mit diesem Besitz tiefer hinein in die Zwänge seiner Welt und bekommt durch sie gleichzeitig die Sehnsucht nach der Freiheit von allen Zwängen. Denn was es nicht gibt in dieser Welt, das kann er auch mit dem Säckel nicht kaufen, und mit dem Hütlin kann er nur zu den Menschen fliegen, wie sie nun einmal sind, nicht wie sie sein sollten. Die Welt, wie sie ist, machen Säckel und Hütlin ihm untertan – aber sie verändert sie nicht. Sie machen sie nicht besser, doch so, wie sie ist, ist in ihr schlecht leben!
So sorgt sich Fortunatus mehr und mehr um sein Glück.

Mägdelein und Knaben, zehn
Jahre sind ins Land, seit wir
Fortunat zuletzt geseh’n.
Er war weit. Jetzt ist er hier.
Seht sein Schiff und hört sein Barmen:
Sorge quält den reichen Armen.

Der Verfasser des Volksbuches muß von dieser Sorge auch gequält worden sein. Er läßt seinen Fortunatus schließlich nur noch höchst vorsichtig und insgeheim von Säckel und Hütlin Gebrauch machen und erzählt dann, wie böse und kläglich des Fortunatus Söhne enden, weil sie dieser Vorsicht sich nicht befleißigen.
Sich von der Welt zurückzuziehen wenn’s in ihr Schwierigkeiten gibt, ist jedoch unsere Sache nicht. Deshalb muß unser Fortunatus das Schicksal der Volksbuch-Söhne selbst mit bestehen und doch zu einem anderen Ende kommen als sie. Zu einem Ende, das gleichzeitig ein Anfang ist. Frei von Erdenschwere und materieller Not ist unser Fortunatus zu einem geworden, der nun nach dem Glück fragt und nach ihm sucht. Und der schließlich ahnt, daß er es nur finden wird in der Art und Weise, wie die Menschen zusammen arbeiten und zusammen leben.
O ja, sie ist schon höchst erzählens- und bedenkenswert, diese Geschichte vom Fortunatus. Sie steckt voller Wunder und voller Wahrheit. Und das eine wie das andere gehört zum Geschichtenerzählen dazu. Früher konnten Geschichte wie Geschichten überhaupt nur überliefert werden, indem sie erzählt wurden. Heut’ haben wir dazu unendlich viele Bücher, wir haben Zeitungen, Fernsehen und Kinos – und erzählen ist fast überflüssig geworden, wie’s scheint.
Wenn da nicht die Schallplatte wäre. Mit ihr kann man nur eins tun: man kann ihr lauschen. Denn auch sie kann nur eines: erzählen, erzählen.
Diese hier erzählt die Geschichte vom Fortunatus. Und weil sie dabei viel Wahres und viel Wunderbares erzählen muß, so erzählt sie mit Worten und mit Musik. Beides gehört hier zusammen, so wie das Wahre allemal auch das Wunderbarste zugleich ist.

So, nun schwatzt und tut nicht blöde!
Aus ist Fortunatus Geschicht’.
Nur das Unglück macht Gerede
Und vom Glück erzählt man nicht.
Mägdelein und Knaben, drum
Schaut nach Glück euch selber um!

Andreas Scheinert
Fortunatus: Winfried Glatzeder
Jungfrau des Glücks: Franziska Troegner
Wirt: Jochen Thomas
Knecht: Rainer Büttner
Waldgraf: Helmut Müller-Lankow
Pferdehändler: Uwe-Detlef Jessen
Marquis: Peter Dommisch
Lord: Ralf Borgwardt
Baron: Peter Bause
schöne Andalusia: Jutta Wachowiak
häßliche Berta: Ursula Staack
Lüpoldus: Ernst Kahler
Sultan: Günter Junghans
Offizier der Leibwache: Lothar Tarelkin
Agrippina: Barbara Schnitzler
Prinz von Frankreich: Jaecki Schwarz
König: Dietrich Körner
Königin: Helga Labudda
Einsiedler: Friedrich Richter
Waffenknechte, Folterknecht, Badeknecht, Schneider,  
Goldschmied, Perückenmacher, Feldwebel, Söldner,  
Volk von London, Ärzte:
Lutz Dechant, Helmut Geffke,
Hans-Jürgen Gruner, Hans Kusnik, Manfred Struck,
Elke Brosch, Helga Koren, Karin Reif


Für Kinder und ihre Eltern frei nach Motiven des alten Volksbuches
erzählt von Andreas Scheinert.

Musik von Wolfgang Thiel
Sopransoli: Ingrid Thalheim
Drei Solo-Soprane
Siegfried Weinberger, Harfe
Mitglieder der Staatskapelle Berlin
Musikalische Leitung: Manfred Rosenberg

Regie: Andreas Scheinert
Dramaturgische und regieliche Mitarbeit: Jürgen Schmidt
Tonregie: Karl Hans Rockstedt

(ab 12 Jahren)