Französischstunden

von Valentin Rasputin

LP LITERA 8 60 288
Covertext:
Friedrich Richter
„Französischstunden“ von Valentin Rasputin hat Friedrich Richter, fast fünfundachtzigjährig im Rahmen eines Abends mit heiterer russischer Prosa in der Kleinen Komödie des Deutschen Theaters in Berlin zum ersten Mal gelesen – das war im Februar 1979. Die Begeisterung seines Publikums galt da nicht nur einer bedeutenden Schauspielerpersönlichkeit und ihrer großen Kunst, sondern auch dem Phänomen einer nicht zu ermüdenden schöpferischen Kraft. Die hatte Friedrich Richter schon 1976 mit seinem erfolgreichen Joseph-Roth-Abend bewiesen – obwohl er seit seinem Fünfundsiebzigsten im (wie man hier sagen muß) „sogenannten“ wohlverdienten Ruhestande lebt. Denn nur formal zählt er nicht mehr zum Ensemble des Deutschen Theaters, dem er 1948/49 und 1954 bis 1969 ununterbrochen zugehört hatte – und das ihn noch heute verehrungsvoll als einen der Seinen betrachtet. Daß er sich mit diesen Lesungen in der Kleinen Komödie eine neue Dimension seiner schauspielerischen Arbeit erschloß und dafür auch bei zahlreichen Gastspielen, aufmerksame und begeisterte Zuhörer fand, schien tatsächlich nur eine Frage der Zeit gewesen zu sein. Denn mittlerweile war er immer „da“: als Schauspieler in Filmen und im Fernsehen, als interessierter und kritischer Beobachter der Arbeit „seines“ Theaters, voll von herzlichem Interesse vor allem für junge Regisseure und Schauspieler. Nicht selten aber konnte man ihm, überraschend, auch weit weg von Berlin, in einem der Theater der Republik begegnen, von deren Arbeit er besser informiert ist als mancher weit Jüngere.

Friedrich Richters „Französischstunden“ scheint mir, offenbaren etwas vom „Geheimnis“ seiner immer wieder erneuerten Produktivität. Das ist ja die Geschichte eines ganz Jungen, gelesen von einem sehr alten Mann. Skepsis, „ob das denn gehen würde“ löst sich bald in Nichts auf. In Richters Kunst sind Naivität und Spontaneität der Jugend einerseits und Weisheit und Erfahrung des Alters andererseits keine unvermittelbaren Gegensätze; unbezähmbare Neugier auf Leben und nicht nachlassendes Interesse für Menschen, vor allem eine hoffende Liebe für alles Werdende und Kommende, befähigten ihn, sich in die Freuden und Ängste dieses Jungen geradezu hineinzuversetzen, mit ihm zu denken und zu fühlen, und allen seinen Regungen mit feiner künstlerischer Sensibilität nachzuspüren. Fähigkeiten, die ihn auch in der Arbeit liebenswert machen: der viel weiß, will noch mehr wissen; der anderen raten kann, läßt sich auch raten. Es ist, als ob in seiner Altersklugheit noch ein gut Teil jugend- ...
(Anmerkung: Dieser Teil des Covertextes ist wegen eines abgerissenen Aufklebers nicht vorhanden.)
... Schauspieler des Düsseldorfer Schauspielhauses der Luise Dumont, die Unruhe darüber erfaßte, in einem „bürgerlichen Theater“ zu arbeiten, an das die sozialen und politischen Bewegungen der Zeit nur entfernt rührten; als sie erkannten, daß es draußen ein ganz anderes Publikum mit ganz anderen Ansprüchen gab: die Jugend vor allem, Arbeiter, Studenten. Diese Unruhe führte folgerichtig zu politischen Interessen und Erkenntnissen und 1928 in die KPD, zusammen mit dem Freund Wolfgang Langhoff. Zwei Jahre später wurde Friedrich Richter einer der Mitbegründer der linken „Truppe im Westen“, die mit Gastspielen vor allem im Rheinland und im Ruhrgebiet, zu den Massen ging und politisches Theater machte. Die da endlich von ganzem Herzen ihrer politischen und künstlerischen Überzeugung dienen konnten, sahen sich bald, Anfang der dreißiger Jahre, mit dem immer aggressiver werdenden Faschismus konfrontiert. Aber auch, nachdem gewalttätige Provokationen 1932 das Ende dieser Arbeit erzwungen hatten, spielten Friedrich Richter und Amy Frank, bis in den März 1933, Agitprop-Szenen gegen die Nazis. Es folgten Verhaftung und Ausweisung über Nacht, die lange und schwierige Zeit der Emigration; mit gefährlichen und abenteuerlichen Erlebnissen, aber auch mit Zeiten wichtiger menschlicher Erfahrung und künstlerischer Tätigkeit: in der Tschechoslowakei, in der Sowjetunion, wieder in der Tschechoslowakei und schließlich, nach abenteuerlicher Flucht vor den Faschisten durch mehrere Länder Europas, in England. Überall künstlerische und antifaschistische Tätigkeit unter schwierigen Bedingungen; im Land Shakespeares auch die Rolle, die Friedrich Richter heute als einen Höhepunkt seiner künstlerischen Laufbahn bezeichnet: der Shylock im „Kaufmann von Venedig“ in einer Inszenierung des Old Vic Theatre.

1948 endlich folgte die Rückkehr nach Deutschland, zum Deutschen Theater in Berlin und zu seinem Intendanten Wolfgang Langhoff. Dann Jahre wichtiger künstlerischer Arbeit im Deutschen Theater, aber auch im „Haus der Kultur der Sowjetunion“ (dem jetzigen Maxim-Gorki-Theater) und im „Theater am Schiffbauerdamm“. Friedrich Richter und seine Frau hatten ihre künstlerische Heimat wiedergefunden. Viele ihrer Gestalten leben weiter in der Erinnerung ihrer Zuschauer, wie die unvergeßlichen Brocklesby’s in der grotesken Kriminalkomödie „Inspektor Campbells letzer Fall“.

Indem ich dies schreibe, weiß ich, daß Friedrich Richter zu Hause in Hohen Neuendorf sitzt und an einem neuen Richter-Abend arbeitet, mit der alten Unruhe und der jugendlichen Begeisterung, die ich an ihm so bewundere, an einem neuen Abenteuer seines Lebens, auf das ich mich schon heute freue.

Alexander Weigel


Valentin Rasputin
Valentin Rasputin wurde 1965 in der ostsibirischen Stadt Tschita bei einem Seminar für junge Schriftsteller als Autor entdeckt, aber wohl niemand hatte damals die Voraussage gewagt, daß er zehn Jahre später weltweit als einer der bedeutendsten Vertreter der zeitgenössischen Sowjetliteratur gelten würde. Er hatte – als Korrespondent für Jugendzeitungen die Großbaustellen Sibiriens bereisend – zwar eine Menge Erzählungen und Skizzen geschrieben, die dann gesammelt herauskamen, doch verglichen mit dem Folgenden waren sie nicht mehr als handwerkliche Übungsstücke.

Dann erschien 1967 die Novelle „Geld für Maria“, die aufhorchen ließ. Da schrieb einer, der das Leben in den Dörfern seiner sibirischen Heimat sehr genau kannte und Fragen stellte, die produktive Unruhe auslösten. Es ging um Maria, Verkäuferin in einem Dorfladen, die sich unverschuldet mit einem Kassenmanko konfrontiert sieht. Sie soll das Geld ersetzen, wenn sie der Bestrafung entgehen will, und da sie keines besitzt, ist sie – zusammen mit ihrem Mann – zu einem entwürdigenden Bittgang bei den Dorfbewohnern gezwungen, bei dem sie wenig echter Solidarität begegnet. Wie konnte es dazu kommen? Mußte das wirklich so sein? Fragen, von Rasputin noch unbeantwortet, drängten sich auf.

Wie „Geld für Maria“ zu verstehen war, wurde alsbald klar, als Rasputin jene drei grossen Novellen schrieb, die sein bisheriges Hauptwerk bilden, und auch sein eigener Lebensweg, eingebettet in die tiefgehenden sozialen Umschichtungsprozesse, die mit den fünfziger Jahren in Sibirien begannen, vermag vieles zu erklären. Valentin Rasputin wurde 1937 in Ust-Uda geboren, einem Dorf im Irkutsker Gebiet, das nach dem Bau des Bratsker Wasserkraftwerkes ebenso von der Angara überflutet wurde wie jener Ort, wo er in schweren Nachkriegsjahren die Schule besuchte und seine Schwierigkeiten mit den „Französischstunden“ hatte, von denen in der autobiographischen Erzählung (1973) auf dieser Platte die Rede ist. Das alte Sibirien mit seiner noch weitgehend unangetasteten bäuerlichen Lebenswelt, im Guten wie im Bösen fest in sich gefügt und vom Strom der modernen Zeit lange ausgespart, mußte dem Fortschritt von Industrie und Technik weichen, und in den neu entstehenden Orten herrschten schon andere, eher städtische Bedingungen. Man lebte nun materiell besser, aber zugleich zerfielen die alten sittlichen Bindungen. Die Familie hörte auf, der unbedingte Hort der Gemeinsamkeit und des Zusammenhalts zu sein, die Unterordnunq der Kinder unter ihre Eltern lockerte sich, die Religion verlor an Einfluß als moralbestimmende Größe.

Eine neue sozialistische Moral aber tritt keineswegs automatisch an die Stelle der alten. Sie muß aus bewußter Einsicht erwachsen und setzt sich nur in einem langen Prozeß durch. Noch aber sind nicht einmal die neuen Wertvorstellungen immer kar umrissen, geschweige denn akzeptiert. Eine tiefreichende geistige und psychische Umschichtung findet im Volk statt, und in diese widersprüchliche moralische Landschaft leuchtet Rasputin mit seinen Novellen hinein.

Dabei durchlebt er diesen Prozeß nicht nur als kühler Beobachter, er will – gestützt auf das legitime Recht des Schriftstellers auf moralische Urteile – die Richtung mitbestimmen. Selbst aus der Tradition des sibirischen Dorfes stammend, weiß er, wieviel Bewahrenswertes dieses Dorf auszeichnete: Achtung und Ehrfurcht vor den Alten Arbeitsliebe, Hilfsbereitschaft untereinander, Verantwortungsbewußtsein in der Ehe. Und wenn auch – absolut formuliert – all diese Verhaltensweisen nicht ohne Bedenklichkeit sind, so steht es ihnen doch wohl an. in eine neue Moralität mit einzugehen.

In der Novelle „Die letzte Frist“ (1970) hat Rasputin das Sterben einer alten Frau, deren Leben nur Arbeit und Sorge für die Familie war und die nun von ihren erwachsenen Kindern wenig Dank erntet, auf eine berührende Weise nacherlebbar gemacht.

In „Leb und vergiß nicht“ (1974) gestaltet er die eheliche Treue einer Frau zu ihrem Mann – mag sie auch einem Deserteur gelten, der ihrer nicht mehr würdig ist – mit solcher Unbedingtheit und Größe des Gefühls, daß diese Nastjona heute bereits zu den klassischen Frauengestalten der russischen Literatur gezählt werden kann. „Abschied von Matjora“ (1976) schließlich – die Geschichte eines Dorfes, das in einem Stausee versinken wird – krönt diesen Dreiklang der Novellen, in dem Rasputin den Untergang des alten Sibirien in seiner Unausweichlichkeit und zugleich mit der Hoffnung, daß Bewahrenswertes erhalten bleibt, darstellt. All diese Werke liegen auch in deutscher Sprache vor.

Mit Rasputin trat die sibirische Literatur in die Weltliteratur ein. Mit seiner Heimat fest verbunden und ohne sie einfach nicht denkbar als schöpferischer Mensch, ist diesem Schriftsteller alles Provienzielle fremd, denn was er zu sagen hat, berührt in weiterem Sinne die Menschen überall in der Welt. Rasputin ist auf der Suche nach Formen des menschlichen Zusammenlebens bei denen der ökonomische und industrielle Fortschritt sich nicht auf Kosten der Sittlichkeit vollzieht, sondern von ihr getragen wird.

Herbert Krempien
Leser: Friedrich Richter

Regie der Schallplattenaufnahme: Jürgen Schmidt
Tonregie: Karl Hans Rockstedt