Fred Düren
Ein Schauspielerportait
LP LITERA 8 65 199
Covertext:
Wer über den Schauspieler Fred Düren spricht, spricht meist über die Rollen, die er durch ihn im Theater erleben konnte. Das ist nicht darin begründet, daß Fred Düren überwiegend auf der Bühne spielte. Er war an zahlreichen Fernsehabenden und in mehreren Filmen in großen Rollen zu sehen. Öffentliche Urteile über seine Film- und Fernsehfiguren sind gut ausgefallen. Man schätzt Fred Düren als hervorragenden Schauspieler aus der Generation, die mit dem Wachsen der DDR-Kunst zu Wirkung und Ruhm gekommen ist. Aber man spricht über ihn vornehmlich in seinen Theaterrollen.
Fred Düren spielt bereits über 20 Jahre an Berliner Bühnen. 1953 kam er in das Berliner Ensemble, das gerade in das Theater am Schiffbauerdamm einzog. 1958 ging er an das Deutsche Theater in der Schumannstraße.
Der Anfang des 1928 in Leverkusen Geborenen, ist dem Anfang in vielen Schauspielerbiographien ähnlich: Der Lehrer weissagt den Zirkus, nach dem Krieg wirbt ein Plakat Schauspielerschüler. Die meisten Prüfer schlafen ein, als er seine Rollen vorspricht, einer findet ihn als Mortimer komisch. Dann lernt er das Handwerk für den Beruf und schaut als Kleindarsteller am Deutschen Theater Berlin auf Vorbilder.
1948 ist Potsdam erste Station des Weges durch die sogenannte Provinz; Ludwigslust. Wismar und Schwerin folgen, Fred Düren spielte viele Rollen, sehr früh auch große, 1948 zum ersten Mal den Woyzeck Büchners und zweimal in den ersten Berufsjahren den Mephisto in Goethes „Urfaust“. 1949 gestaltete er in Wismar die erste Brecht Rolle, den Feldprediger in „Mutter Courage und ihre Kinder“.
Später hat der junge Schauspieler bei Brecht wertvolle künstlerische Erfahrungen gesammelt. Im Berliner Ensemble wirkte Fred Düren in berühmt gewordenen Aufführungen mit: der „Mutter Courage“, der „Mutter“, dem „Kaukasischen Kreidekreis“. Er bekam sehr verschiedene Aufgaben, nicht nur sein komisches Talent wurde benutzt, sondern auch andere Fähigkeiten gefordert, so beim Pawel Wlassow in der „Mutter“. Düren weiß um den Wert dieser ersten Jahre in Berlin:
„Kompliziert war der Pawel in der ,Mutter‘. Vorher hatte ich immer Rollen gespielt, die sehr zwielichtig oder komisch waren. Der Pawel war für mich die erste Rolle, die nicht einen Knacks hatte und eine Rolle, in der auch ein politisches Engagement nötig war; sie erforderte einfach andere Mittel, eine andere Art von Disziplin, und das alles war für mich ein bißchen schwierig.“
Ihn beeindruckte, daß Brecht den Schauspieler ermutigte, eigene Anregungen einzubringen, seine Figuren großzügig anzulegen, und nicht kleinlich korrigierte oder konstruierte.
Am Deutschen Theater spielte Fred Düren zuerst den Woyzeck in der Inszenierung Wolfgang Langhoffs. 10 Jahre übrigens nach der Begegnung mit der Büchnersen Figur in den Anfängerjahren. Mit Wolfgang Langhoff erarbeitete Fred Düren wesentliche Rollen: den fremden Gagler in Orffs „Astutuli“, den Riccaut de la Marlinière in Lessings „Minna von Barnhelm“.
Auch mit dem Regisseur Wolfgang Heinz kam es zu fruchtbaren künstlerischen Begegnungen in Inszenierungen von Stücken Tschechows, Shaws und Gorkis. Mit Wolfgang Heinz und Adolf Dresen erarbeitete Fred Düren später eine der großen deutschen Theaterrollen, den Faust in der Goetheschen Tragödie. Die Konzeption dieser Aufführung ist umstritten. Düren gewinnt aber aufschlußreiche Züge der Figur, so wenn er Faust im Studierzimmer konkret forschend, entdeckend zeigt, dabei keine Möglichkeit läßt, Faust als Übermenschen, titanischen Denker oder utopischen Schwärmer zu verstehen. Eine klare, deutlich ablesbare Sicht zeichnen den Faust, wie die anderen Bühnenfiguren Fred Dürens aus.
Die Rollen, durch die Fred Düren vielen bekannt wurde, entstanden mit dem Regisseur Benno Besson: Don Juan, Captain Plum, Trygaios, Lanz. Tartüff, Paris, Ödipus. Mit dem Trygaios wurde zum ersten Mal das Besondere seines Talents voll deutlich: Düren drückt den Gestus einer Figur durch sensibles, phantasievolles, klares und kluges Spiel mit dem ganzen Körper aus, charakteristisch für ihn sind sinnfällige Gesten der Hände. Sein Ödipus wird über das Spiel mit einem Detail konkret, anschaubar: Ödipus trägt groß die Schwellfüße, das Mal der Aussetzung, nach dem die Figur ihren Namen hat, das Mal, das er mit seinem Intellekt überwinden will und dessen volle Entdeckung er ständig sucht. Die Phantasie des Schauspielers erweist sich als so produktiv und reich, daß über das wechselnde Nutzen eines Details – die Schwellfüße –, über wechselnde Haltungen zu ihm alle Phasen einer Fabel sinnvoll und deutlich erzählt werden können.
Fred Dürens besonderes, sein gestisches Spiel, ist in keinem anderen Medium so überzeugend eingesetzt und vom Publikum genossen worden, denn auf der Bühne. Darum redet man wahrscheinlich meistens über den Schauspieler des Theaters, wenn man über Fred Düren redet.
In Proben bietet Fred Düren viele voneinander verschiedene Konzeptionen einer Figur an. Über einen Vorschlag redet er nicht. Es stört ihn, wenn andere mehr als unbedingt nötig eine Anregung diskutieren; er zeigt im Spiel, wie er einen Vorschlag verstanden hat, was er aus ihm machen kann oder will. Dabei schöpft er scheinbar mühelos unterschiedliche Lösungen extrem aus. Er verlangt von seinen Partnern, daß ihm immer wieder extrem Neues abverlangt wird, denn es reizt ihn, das Äußerste in einer Sache zu versuchen. Und er weiß um die Gefahr der Langeweile bei der Arbeit an einer Rolle für das Ergebnis in den Vorstellungen. Die Proben sind ihm wichtig, um Text, Rolle in gegensätzlichen Versuchen und unterschiedlichen Varianten zu entdecken.
„Ich bin sehr neugierig. Das eigentlich ist eine große Seite meines Berufes, man muß einfach neugierig sein. Wie sollte ich arbeiten, wenn ich nicht Menschen kenne. Ich kann mich nicht abkapseln, nicht bloß zu Hause sitzen. Ich kann nicht altes aus Büchern beziehen. Es ist gerade die Wechselwirkung mit anderen, die für mich als einen Schauspieler da ist, dasein muß. Kompliziert ist, daß auf dem Theater vorgeführt, gezeigt wird: wie sind gesellschaftliche Zusammenhänge, wie läuft etwas, warum ist etwas so und nicht anders, ich, der Schauspieler, darf nichts losgelöst vom Wesentlichen, vom Kern der Sache, zeigen. Ich muß mich der Fabel und auch der Figur unterordnen, um auf das Publikum orientierend wirken zu können.“
Fred Düren gehört zu den Theaterleuten, die es genau wissen wollen, Im Helden sucht er die komischen Seiten, den Komiker spielt er als ernsthafte Persönlichkeit. Vom Alleingang hält er nichts, bekennt sich zum Ensemble mit anspruchsvoller Partnerschaft. Theater ist für ihn sinnvoll, wenn es sich immer wieder mit dem Publikum neu auseinandersetzt.
Zum Publikum hat Fred Düren ein aufmerksames Verhältnis. Es geht ihm nicht bloß um Erfolg, Beifall; er will das Anliegen der Aufführung durchsetzen. Gegen falsches Lachen kämpft Fred Düren, er macht das Publikum auf Wichtiges oder Schönes durch betontes Spiel aufmerksam, wenn es an manchen Theaterabenden oberflächlich, leichtfertig reagiert. Und er hat den Mut und die Fähigkeit zu ändern, schnell zu ändern, wenn am Theaterabend ein Publikum mit anderen Mitteln als den festgelegten besser zum Verständnis der Fabel zu führen ist.
„Es gibt ja Schauspieler, die dem Publikum nachgeben, das sollte man in keinem Falle tun. Wenn man, wie in Wien, plötzlich wie vor einer Mauer spielt, ist das zunächst ein Handikap. Aber mich persönlich stört das nicht. Wenn ein Publikum schwer zu gewinnen ist, muß ich mich noch klarer, mit noch größerer Präzision behaupten. In keinem Falle darf ich, um einen Erfolg zu haben, den man so und so haben kann, ob die Leute lachen oder nicht, dem Publikum Konzessionen machen.“
Das Porträt auf der Schallplatte wird mit der Auswahl von charakteristischen Szenen aus Rollen, die den Weg des Schauspielers Fred Düren markieren, zu zeichnen versucht. Dabei konnte es nicht um eine bloße Dokumentation gehen, sondern um eine dem Medium Schallplatte und den heutigen Erfahrungen des Schauspielers entsprechende Gestaltung. An den Anfang Fred Dürens erinnert die Aufnahme des Mephisto aus dem Urfaust. Wesentliche künstlerische Aufgaben im Berliner Ensemble und im Deutschen Theater wurden Ausgangspunkt für Neuaufnahmen. Im angestrebten repräsentativen Überblick ist die Verwendung einiger bereits vorliegender Aufnahmen begründet. Die bisher durch die Schallplatte nicht vorgestellten großen Rollen Ödipus, Faust erhielten breiteren Raum. Mit den bekannten Theaterfiguren soll Begegnung oder Wiederbegegnung mit dem Schauspieler Fred Düren über die Schallplatte ermöglicht werden.

Karl-Heinz Müller
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Moritat aus
Der Held der westlichen Welt
Komödie von John Willington Synge
Übersetzung und Lieder: Anna Elisabeth Wiede und Peter Hacks
Komposition: Hanns Eisler
Musikalische Einrichtung: Reiner Bredemeyer
Instrumentalgruppe des Deutschen Theaters
Leitung: Reiner Bredemeyer
(Nach der Inszenierung des Berliner Ensembles)

Szenen aus
Odipus Tyrann
Tragödie des Sophokles
Bearbeitung nach Hölderlin von Heiner Müller
Musik: Reiner Bredemeyer
Odipus: Fred Düren
Chor: Rudolf Christoph, Uwe-Detlev Jessen, Ernst Kahler,
Volkmar Kleinert, Dietrich Körner, Günter Sonnenberg
Instrumentalgruppe des Deutschen Theaters
Leitung: Reiner Bredemeyer
(Nach der Inszenierung des Deutschen Theaters Berlin)

Lied der Panzerreiter aus
Der kaukasische Kreidekreis
von Bertolt Brecht
Musik: Paul Dessau
(Nach der Inszenierung des Berliner Ensembles)

Szene aus
Zwei Herren aus Verona
Komödie von William Shakespeare
Neu übersetzt von Elisabeth Hauptmann und Benno Besson
Lanz: Fred Düren
Schnell: Eberhard Esche
(Nach einer Inszenierung in den Kammerspielen des
Deutschen Theaters Berlin)

Zwei Herren aus Verona
Monolog des Lanz

Zwei Lieder aus
Der Frieden
Komödie des Aristophanes
in der Bearbeitung von Peter Hacks
Musik: André Asriel
a) Und wenn die Eicheln reif sind
b) Die Sonne hat dich schön gemacht
Trygaios: Fred Düren
Chor: Schauspieler des Deutschen Theaters
Jazz-Optimisten Berlin
Musikalische Leitung: André Asriel
(Nach der Inszenierung des Deutschen Theaters Berlin)

Monolog des Don Juan aus
Don Juan
Komödie von Moliere
Übersetzung und Bearbeitung des Berliner Ensembles:
Bertolt Brecht, Elisabeth Hauptmann, Benno Besson
(Nach der Inszenierung des Berliner Ensembles)

Siebzehn Gemeine von der Artill’rie
Lied aus
Pauken und Trompeten
Komödie von George Farquhar in der Bearbeitung von
Bertolt Brecht, Benno Besson und Elisabeth Hauptmann
Musik: Rudolf Wagner-Régeny
Captain Plume: Fred Düren
Victoria Ballance: Regine Lutz
Mitglieder des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters Berlin
Leitung: Rudolf Wagner-Régeny
(Nach der Inszenierung des Berliner Ensembles)


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Szene aus
Die schöne Helena
Operette für Schauspieler
von Peter Hacks
nach dem Libretto von Meilhac und Halévy
Musik von Jacques Offenbach, bearbeitet von Herbert Kawan und Reiner Bredemeyer
Helena: Elsa Grube-Deister
Paris: Fred Düren
Instrumentalgruppe des Deutschen Theaters Berlin
Leitung: Reiner Bredemeyer
(Nach der Inszenierung des Deutschen Theaters Berlin)

Monologe aus
Faust, der Tragödie erster Teil
von Johann Wolfgang Goethe
Nacht (Habe nun, ach, Philosophie)
Vor dem Tor (Osterspaziergang)
Abend (Willkommen, süßer Dämmerschein)

Aus
Urfaust
(Goethes Faust in ursprünglicher Gestalt)
Schülerszene (Ich bin allhier erst kurze Zeit)
Mephisto: Fred Düren
Student: Klaus-Peter Plessow

Flohlied (Aus: Auerbachs Keller in Leipzig)
Musik: Reiner Bredemeyer
Gitarre: Gundula Sonsalta

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Sprecher: Fred Düren

Auswahl, Zusammenstellung und Zwischentexte: Karl-Heinz Müller
Regie der Schallplattenaufnahmen: Benno Besson (Ödipus Tyrann, Der Frieden 1964, Die schöne Helena 1965)
Karl-Heinz Müller
Regieassistenz: Werner Schurbaum
Tonregie: Rolf-Dieter Gandert