Fredmans Episteln
an diese und jene aber hauptsächlich an Ulla Winblad

LP LITERA 8 65 137
Covertext:
Carl Michael Bellmann
Von allen großen Nationaldichtern – mag man an Cervantes oder Dante denken, an Shakespeare oder Goethe, Meliere oder Tolstoi – ist keiner so wirklich populär geworden wie Schwedens Dichtersänger, Schauspieler und Musiker Carl Michael Bellman (4. 2. 1740 - 12. 2. 1795), von dem Ernst Moritz Arndt gesagt hat, daß er einer der außerordentlichsten Menschen gewesen sei, die jemals gelebt haben. Bellmans Lieder kennt in Schweden jedes Kind, viele werden heute – fast hundertfünfundsiebzig Jahre nach seinem Tod – gesungen wie Volkslieder, und alljährlich am 26. Juli feiert die Bevölkerung jeden Alters und aller Schichten im Stockholmer Vergnügungspark den Tag, an dem für Bellman ein Denkmal errichtet wurde. Aber über die Grenzen seiner Heimat ist der Ruhm Bellmans kaum hinausgedrungen. Zwar verzeichnet die Wissenschaft auch Bellmans Namen respektvoll im Buch der Weltliteratur, doch außerhalb Schwedens gelten die Werke seiner Landsleute August Strindberg und Selma Lagerlöf oder anderer skandinavischer Autoren wie Holberg und Ibsen als repräsentativer für die nordische Dichtung. Dieser Umstand mag zum Teil damit zu erklären sein, daß Bellmans Lieder und Gedichte stets als schwer übersetzbar galten und daß kein Enthusiasmus seiner ausländischen Verehrer ausgereicht hat, den unwiderstehlichen aber auch schwer zu definierenden Reiz der Kunst Bellmans in all ihrer Natürlichkeit und gleichzeitig mit ihren komplizierten und kapriziösen Formen sowie Redeweisen, die hinsichtlich Grammatik und Wortwahl nur der gesprochenen Sprache angehören, kongenial umzusetzen.
Auch in Deutschland ist dieses mehrmals in Angriff genommene Experiment zum ersten Mal mit der 1965 im Leipziger Reclam Verlag erschienenen Auswahl von Nachdichtungen durch Peter Hacks, Heinz Kahlau, Hartmut Lange und Hubert Witt gelungen. Es war zunächst literarisch gelungen, denn das Buch konnte wohl den Namen Bellmans bekanntmachen, nicht aber unmittelbar die geheimnisvolle Wirkung ersetzen, die erst von der Interpretation seiner Lieder ausgeht. Es muß als besonderes Glück angesehen werden, daß dem VEB Deutsche Schallplatten für diese Aufnahme ein Bellman-Typ par excellence zur Verfügung stand: Manfred Krug. Er beherrscht die Lieder souverän, zeigt viele Nuancen von saftiger Derbheit bis spröder Zurückhaltung strahlt Sinnlichkeit aus, ist humorvoll überlegen und sachlich beteiligt, wechselt von polterndem Schimpfen in Zärtlichkeit und schwelgt im Genuß des Genießens. Ihm gelingt sogar, was nie für möglich gehalten wurde: einige Texte so zu deklamieren, daß das Fehlen der zugehörigen Musik nicht als Mangel festgestellt wird. Man empfindet die frohe und gleichzeitig schwermütige Menschlichkeit Bellmans, seine unbefangene Feude an aller Erscheinung, die Innigkeit der Gefühle, die Naturverbundenheit, seine Dankbarkeit für alles Empfangene und die verschwenderische Hingabe an den gegenwärtigen Augenblick – eine olympische Heiterkeit, mit der die Unzulänglichkeitet des eigenen Daseins erkannt, aber ohne düstere Reflexion oder gar Verzweiflung besungen wird.

Daß Bellmans hinreißende Gesänge – die von seinen Landsleuten als „teuerstes und heiligstes Werk der schwedischen Poesie“ gepriesen werden – so haltbar sind und dennoch nur nationale Anerkennung gefunden haben, findet eine weitere Erklärung in der Begrenztheit der Themen, Stoffe und Motive, von denen Bellman sich anregen ließ. „Dieser lachende Verkünder der Seligkeit leiblicher Wonnen und eines unlöschbaren Durstes“ beschrieb das zeitgenössische Leben der unteren Gesellschaftsschichten Stockholms in episch-dramatisch-lyrischen Genrebildern. Es sind Wein, Weib und Gesang in den Schenken der Mälarstadt, Landschaftsschilderungen, Bootsfahrten, Eislauf, Kegel- und Kartenspiel, Serenaden und Prügeleien das Stadtleben im Königspark, Ausflüge, eine nächtliche Feuersbrunst, Taufen, Hochzeitsfeiern, Leichenprozessionen, alles meist in mutwilliger Travestie. Die Personen – außer Bellman selbst als Uhrmacher und Dichter Fredman hauptsächlich die zauberhaft liederliche Ulla Winblad, Straßen- und Schankmädchen, Gardekorporal Mollberg und Artilleriekonstabler, Maler und Musikvirtuos Movitz – haben ihre Urbilder in damaligen Stockholmer Stadttypen. Auch die Auswahl auf dieser Schallplatte (auf der die Melodien Bellmans von Hermann Anders und Bernd Wefelmeyer instrumentiert wurden) macht überzeugend klar, daß es sich wohl um wunderbare Poesie, aber um kleine Gegenstände handelt, die Neigung und Geschmack für Intimes voraussetzen. Die in dunstigem Kneipenbrodem von Bellman kunstvoll komponierten, zur Zither gesungenen und von Oboe, Violine, Laute, Flaschengeklirr und Weinkannenscheppern begleiteten Lieder, in denen sich Grelles, Herbes, Beizendes, Wildes mit sensibler Einfühlsamkeit mischt, sind in dem Sinne volkstümlich daß sie unverwechselbar und kaum transportierbar sind und zum Nacherleben auch der näheren Kenntnis von Ort, Zeit und Menschen bedürfen.

Carl Michael Bellman, der sich als Dichter Fredman – Mann des Friedens nannte –, lebte und wirkte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Als die schwedische Bourgeoisie nach Karls XII. Tod ihren Freiheitssinn entdeckt hatte und im Zeitalter des aufgeklärten Despotismus unter Gustav III. – Bellmans großem Gönner – gewisse politische Rechte erringen und zu einigem Wohlstand kommen konnte, fiel ein Abglanz auch auf Stockholms Kleinbürgertum. Seine Versuche, es den Großen im Sich-Ausleben gleich zu tun, beschrieb Bellman, der selbst aus privilegierten Kreisen stammte, eine gründliche Erziehung und vielseitige Ausbildung erhielt, Umgang mit hoheren Regierungsbeamten, Wissenschaftlern und Künstlern hatte, allseitige Verehrung genoß Ansehen beim Hof besaß, Unterstützung und Freundschaft beim König fand – und der am Ende seines Lebens selbst das Leben der untersten Schichten führte, mittellos wurde, im Schuldgefängnis landete, vereinsamte, an Schwindsucht erkrankte und im Alter von 55 Jahren völlig verlassen starb. Die Zeit hat viele Legenden gewoben. Aber was macht es, genau zu wissen, ob er ein nach Branntwein stinkender Kneipenkunde war, ein Wüstling, lüstern nach Orgien – oder in Wirklichkeit doch eher scheu, wortkarg und beinahe ein Antialkoholiker? Er war ein urwüchsiges, phänomenales Talent, und die den „Brüdern und Schwestern in Bacchi“ gewidmeten Lieder sind unvergänglich.

Hans Bunge
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Epistel Nr. 1
Mit freiem Arm wie ein Reh

Epistel Nr. 2
Vater Berg macht große töne

Epistel Nr. 7
Schön Ulla schlief, die Hand unterm Ohr

Epistel Nr. 19
Portugal, Spanien

Epistel Nr. 9
Ich bin da, und ich will leben

Epistel Nr. 6
Mach Bier warm und Brot

Epistel Nr. 13
He Movitz, was stehst du du und jammerst


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Epistel Nr. 14
Seht ihr, Vater

Epistel Nr. 8
He Musikanten, das Waldhorn soll wettern

Epistel Nr. 21
Satan, zerwühle, zerrase

Epistel Nr. 16
Wenn ich Geld hab

Epistel Nr. 25
Raste an dieser Quelle

Epistel Nr. 26
Kerl du bist alt, das Uhrwerk läuft ab

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Gesang, Sprecher: Manfred Krug

In Übersetzungen von: Peter Hacks, Heinz Kahlau, Helmut Lange, Hubert Witt

Musik: Hermann Anders / Bernd Wefelmeyer
Instrumentalgruppe
Leitung: Bernd Wefelmeyer

Regie: Renate Thormelen

Das Buch Carl Michael Bellmann „Fredmanns Episteln an diese und jene, aber hauptsächlich an Ulla Winblad“ erschien im Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig.