Frühlingssonate
Eine Novelle

von Willi Bredel

LP LITERA 8 60 022
Covertext:
Die Novelle „Frühlingssonate“ ist eines der aufwühlendsten Kunstwerke unserer jüngsten deutschen Literatur und einer der Höhepunkte im gesamten schriftstellerischen Schaffen Willi Bredels. In ihr wird seine Fabulierkunst auf einer neuen, höheren Ebene deutlich, zeigen sich Realismus und Parteilichkeit seiner dichterischen Schaffensmethode in beglückender Weise. Daß der Autor die Novelle durch seine Stimme lebendig werden läßt, erhöht beträchtlich den Reiz und den Wert dieser kleinen literarischen Besonderheit.

Die „Frühlingssonate“ hat Willi Bredel dem vierten Teil seines Buches „Ein neues Kapitel“ vorangestellt. Sie ist aber nur lose mit den Hauptlinien des stark autobiographischen Buches verknüpft und besitzt literarisches Eigenleben als selbständiges Kunstwerk. Das Buch, das den Männern der ersten Stunde ein Denkmal setzt, die den schweren Anfang wagten, aus einem vollendeten Chaos ein neues Deutschland zu errichten, spielt im Jahre 1945 in Rostock.

Und so beginnt die „Frühlingssonate“: „Der Offizier vom Dienst meldete dem Kommandanten, die Militärpolizei habe Hauptmann Nikolai Pritzker arretiert. In betrunkenem Zustand habe der sowjetische Offizier die Wohnungseinrichtung eines deutschen Professors demoliert und die Familienmitglieder bedroht.“

Dem leichtfertigen Leser und Hörer mag es scheinen, daß der Schriftsteller hier ein „heißes Eisen“ anpackt, und der böswillige Kritiker wird sicher in seiner Kurzsichtigkeit frohlocken. Doch die im tatsächlichen wie im novellistischen Sinne „unerhörte Begebenheit“ rührt jeden ehrlichen Zeitgenossen tiefer, macht Ursachen und Wirkung eines gewaltigen gesellschaftlichen Prozesses in einer Weise deutlich, wie sie sich nur im großen Kunstwerk offenbaren. Die durch die Kunst des Schriftstellers aufs Äußerste verdichtete Erzählung von Professor Rinberger rekonstruiert das ungewöhnliche Geschehen.

Die fünfköpfige Familie des Professors pflegt sehr die Hausmusik und läßt auch in schwerer Notzeit nicht von dieser liebgewonnenen Gewohnheit. Eines Abends klopft es an der Tür. Ein sowjetischer Offizier bittet schüchtern, zuhören zu dürfen. Die Bitte wird ihm gewährt, darauf kommt er öfter, schließlich wird er zum ständigen gerngesehenen Gast der Familie. Ihm zu Ehren spielt man sein Lieblingsstück, Beethovens Sonate in F-dur, opus 24, die Frühlingssonate. Und an jenem Abend geschah dann, was eingangs berichtet wurde. Bis dahin war der Familie Rinberger verborgen geblieben, daß Pritzker, der kunstliebende jüdische Offizier, in seiner Heimatstadt Kiew Musikpädagoge war und selbst auch die Hausmusik pflegte. Aber Pritzkers Frau und beide Kinder waren 1942, wie zehntausende andere Juden, von den Faschisten erschossen worden. Und am Abend bevor Pritzker zur Armee einrückte, hatte man in der Familie Beethovens Frühlingssonate gespielt ...

Es ist kaum vorstellbar, wie dieses Nacherleben auf einen so leidgeprüften Sowjetmenschen gerade im Kreise einer deutschen Familie, die unversehrt den Krieg überstanden hatte, wirken mußte. Die Novelle macht aber – wesentliches Merkmal realistischer Gestaltungskunst – vor allem den tiefen Wandel deutlich, den Rinberger und seine Familie durch dieses Ereignis in seinen Beziehungen zu den Sowjetmenschen erfuhr. Zuerst, heißt es, „starrten alle erschrocken auf den Eindringling“ und dann „Man erzählt soviel Unerfreuliches von den Russen“. Bis zu jenem „die Schuldigen sind doch eigentlich wir ... ich meine, wir Deutschen“ ist es für Rinberger eine schwere Wegstrecke. Doch jenes überraschende Ereignis und die Kenntnis der Ursachen dafür läßt in ihm die Erkenntnis reifen, die damals für Millionen unseres Volkes zu der Grundlage wurde, auf der die Freundschaft zu den Sowjetmenschen erwachsen konnte, eine Erkenntnis, die entscheidend dafür wurde, daß überwunden werden konnte, was unbewältigt zwischen unseren Völkern stand.

Professor Hans Koch gibt eine in ihrer Prägnanz zutiefst überzeugende Definition für Wert und Wirkung der Bredelschen Novelle. „Die Frühlingssonate“ ist beste realistische Prosa, weil sie an einem einzelnen, in seiner Art unwiederholbaren Fall das Schicksal und die Beziehungen zweier Völker abspiegelt. In der Schilderung Pritzkers, eines scheuen, gebildeten, schlichten Menschen, der oft verwundert, mitunter auch traurig auf das Leben der deutschen Familie blickt, der aber auch witzig und schlagfertig ist und gern lacht: an dieser Gestalt wird die Tiefe des Leids, das über ihn und sein ganzes Volk gebracht wurde, gerade durch die Sinnlosigkeit seines trunkenen Ausbruchs schmerzhaft sichtbar. So gestaltet Bredel gerade in der Unwiederholbarkeit aller Umstände dieses ,Falles‘ in höchstem Grade Typisches. Die historische Schuld des vom Faschismus beherrschten Deutschland wird an deren scheinbarem Gegenteil, dem Übergriff eines sowjetischen Soldaten, behandelt. In dieser äußersten Zuspitzung eines Konflikts, dessen Dimensionen weit über die erzählte Begebenheit und deren Akteure hinausgehen und dennoch – durch die Kunst des Autors – in ihr sichtbar werden, bewährt sich die Kraft realistischer künstlerischer Verallgemeinerung besonders eindrucksvoll.“

Beim wiederholten Hören werden sich erst alle Details in der im besten Sinne ergreifenden Erzählung Rinbergers ganz erschließen. Die knappe Beschreibung der Situation läßt durch die sorgsame Wahl der Worte und Bilder Raum genug für eine tiefgründige Charakterisierung der Gestalt Pritzkers und für die aus Unsicherheit und Gleichgültigkeit allmählich erwachsene immer tiefere Bindung des deutschen Professors und seiner Familie zu dem sowjetischen Offizier, die schließlich dazu führt, daß er mit einem Brief an den Kommandanten offen für den Arretierten Partei ergreift. Dieses Bewußtwerden der eigenen Mitschuld an den Verbrechen des Faschismus, dieses innige Mitfühlen mit dem schweren Leid des anderen ist aber der Grundstein für das neue geschichtsbestimmende Verhältnis zur Sowjetunion, das in einem Teil Deutschlands Allgemeingut geworden ist.

„Im Schoße der bürgerlichen Klasse, nicht ihrem bergenden Schoße, sondern in ihrem verborgenen Folterkeller, wuchs der untersetzte, zähe Metallarbeiter Willi Bredel zum nationalen deutschen Schriftsteller heran. Druck erzeugt Gegendruck. Das hat Bredel dem Klassenfeind gedruckt gegeben.“ So lautet eine Charakteristik aus der Feder von Max Schroeder. Und in der Tat, das ganze Leben Willi Bredels ist folgerichtiger Kampf in den Reihen der deutschen Arbeiterklasse. Sein literarisches Werk wurde zum Spiegel dieses oft bitter-schweren Lebens, zu einer Chronik der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung in unserem Jahrhundert, zum Lehrmaterial für Hunderttausende.

Dies gilt vor allem für Bredels Hauptwerk, die Trilogie „Verwandte und Bekannte“, jene außerordentliche Geschichte dreier Generationen des Proletariats, mit der Bredel ein Panorama deutscher Geschichte vom Sozialistengesetz bis zum Vorabend der Deutschen Demokratischen Republik malt. Dies gilt ebenso für den Roman „Die Prüfung“, den ersten dichterischen Dokumentarbericht, der in der Welt Kunde gab von den faschistischen Konzentrationslagern. Es gilt auch für all seine anderen Werke, nicht zuletzt auch für „Ein neues Kapitel“.

Zeit seines Lebens hat Willi Bredel in der vordersten Front des Kampfes gestanden: Häftling im KZ Fuhlsbüttel, Emigrant in Prag und Paris, Kommissar in den Internationalen Brigaden, Redakteur und Rundfunkkommentator in Moskau, Frontbeauftragter und Agitator während der Schlacht an der Wolga. Parteifunktionär des schweren Anfangs 1945 und 46 in Rostock und Schwerin, Mitglied des Zentralkomitees und immer wieder und vor allem Schriftsteller. Das aus dem starken Erlebnis geformte literarische Werk, das Bredel bei Millionen Lesern in vielen Ländern zu einem der beliebtesten deutschen Schriftsteller der Gegenwart werden ließ, erfuhr durch den sowjetischen Freund und Schriftstellerkollegen Konstantin Fedin diese Einschätzung: „Dem Arbeiter, dem Proletarier, dem Menschen der Revolution gehört nicht nur Bredels unbeirrbarer Glaube, sondern auch seine ganze Liebe. Willi Bredels Schaffen ist seinem inneren Sinne nach ein Lied auf seine Überzeugungen. Dadurch erhalten seine chronikhaften Romane ihre Stärke, dadurch packen sie den Leser. Man darf ihn nicht nur einen Berichterstatter nennen, der sich begnügt, auf den Spuren unserer Zeit zu gehen. Bredel dringt ein in die Ereignisse, er formt sie aus der leidenschaftserfüllten Kraft seiner Anschauungen.“

Dietrich Liebscher
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Ludwig van Beethoven
Adagio aus der Sonate für Klavier F-dur op. 24 (Frühlinssonate)

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Leser: Willi Bredel

Manfred Scherzer, Violine
Amadeus Webersinke, Klavier