Für Anne Frank

LP LITERA 8 65 314
Covertext:
„Von meinem Lieblingsplatz auf dem Fußboden sehe ich ein Stück vom blauen Himmel, sehe den kahlen Kastanienbaum, an dessen Zweigen kleine Tropfen schillern …“.
Aus dem Tagebuch, 23. Febr. 1944.

„Der April ist tatsächlich prachtvoll … Unsere Kastanie ist schon ziemlich grün und hier und da sieht man eine kleine Kerze.“
Aus dem Tagebuch, 18. April 1944.

Geboren am 12. Juni 1929 in Frankfurt am Main: Anne Frank.
Im vierten Lebensjahr mit der Familie nach Holland geflohen,
weil sie als Deutsche in Deutschland
keine Heimat mehr haben sollte.
Aber im Mai 1940 wurde Holland von deutschen Truppen besetzt.
Da mußte sie in Amsterdam den Judenstern tragen.
Als sie dreizehn Jahre alt war, begann sie, Tagebuch zu führen:
es wurde ein Dokument solcher Menschen,
die den Stern tragen mußten,
die verfolgt wurden,
die sich noch verstecken konnten
zwei lange Jahre in einem Hinterhaus der Prinsengracht,
die entdeckt wurde durch Verrat
an einem Augusttag des Jahres 1944.
Mit ihren Leidensgefährten durch die SS verhaftet,
verhört,
deportiert:
Anne Frank.
Wir wissen: Sie ist still mitgegangen mit den andern.
Nach dem Verhör durch die Gestapo war die nächste Station
das Gefängnis von Amsterdam.
Von dort kam Anne in das Sammellager Westerbork …
… und weiter nach Auschwitz
und dann nach Bergen-Belsen.
Anne Frank starb in Bergen-Belsen
an einem Märztag des Jahres 1945,
wenige Tage nach ihrer Schwester Margot,
kaum einen Monat vor der Befreiung des Lagers.
Sie ist verhungert –
In Auschwitz war ihre Mutter ermordet.
Sie wußte das schon.
Sie waren dort getrennt worden, wie alle Familien.
Die SS hatte das genannt: Selektion.
Als Anne Frank starb, wurde ihr Vater
in Auschwitz befreit durch sowjetische Truppen.
Das war der Weg der Anne Frank,
der Weg eines Kindes.

Günther Deike
(aus „Ein Tagebuch für Anne Frank“, Berlin 1959)


Das Tagebuch der Anne Frank wurde unter dem Titel „Das Hinterhaus“ im niederländischen Originaltext 1947 erstmals veröffentlicht, seitdem in über vierzig Sprachen übersetzt und in nahezu vier Millionen Exemplaren verbreitet. Anne Frank wurde in aller Welt zu einem Symbol des Friedens und der Völkerverständigung. In der DDR tragen zahlreiche Brigaden der sozialistischen Arbeit, Oberschulen und Kindergärten ihren Namen.

Lin Jaldati über Anne Frank: „Anne, Margot und Millionen andere Menschen wurden aufs grausamste umgebracht. Anne war ein sauberes, mit sich selbst ringendes Menschenkind. Sie liebte das Leben, wie wir alle. Und sie hätte uns noch viel geben können. Wir müssen in ihrem Andenken zusammenstehen, damit nie wieder ein solches Massenmorden geschehen kann und alle Menschen, gleich welcher Nation, Rasse oder Religion, in friedlichem Nebeneinander bestehen können.“


Die Tageszeitung der Kommunistischen Partei Österreichs, „Volksstimme“, enthüllte im November 1963, daß der damalige Kriminal-Rayoninspekteur Karl Silberbauer in Wien zu dem Kommando der „Grünen Polizei“ gehörte, das am 4. August 1944 Anne Frank, deren Eltern und Schwester in Amsterdam verhaftet hatte. In einem Interview mit der „Haagse Post“ erklärte Silberbauer „Wir wußten alle nicht, was mit den Juden geschah. Ich verstehe überhaupt nicht, wie Anne Frank in ihrem Tagebuch behaupten konnte, die Juden werden vergast.“
1978 hatte der ehemalige Gestapomitarbeiter Ernst Römer in der BRD auf Flugblättern behauptet, das Tagebuch der Anne Frank sei eine Fälschung. Wegen übler Nachrede war er zu einer Geldstrafe von 1500 Mark verurteilt worden. Dagegen legte er Berufung ein. Zu der Berufungsverhandlung mußte Annes 89jähriger Vater von Basel nach Hamburg reisen und dem Gericht das Originalmanuskript vorlegen. In diesem Prozeß wurde Otto Frank mehrmals provoziert. Otto Frank starb 1980. Noch im gleichen Jahr zog der Bundesgerichtshof in Karlsruhe „aus rein verfahrenstechnischen Gründen“ ein Urteil zurück, nach dem es dem neonazistischen Verleger Heinz Roth verboten worden war, das Tagebuch der Anne Frank als „Schwindel“ zu diffamieren.
Eberhard Rebling
Amol is gewen a jidele
Jiddisches Volkslied
Es war einmal ein Jude. Er hatte eine Frau. Sie hatten einen Kaddisch, – einen Sohn, der das Totengebet (Kaddisch) für die Eltern sprechen muß. Aber der Sohn ist gestorben.

Schejn bin ich, schejn
Jiddisches Volkslied
Schön bin ich, auch mein Name, Schejndel, heißt schön. Ich habe viele gute Partien im Angebot: einen Melamet (Lehrer für Kleinkinder), einen Studenten oder einen Doktor oder besser einen einfachen Klausner oder gar einen Apotheker, der Fleisch mit Butter zubereitet (was die Vorschriften verbieten, denn Milchiges und Fleischiges gehören nicht zusammen). Ich will einen Chussid (einen Schüler des weisen Rebben) nehmen, er wird mir Weisheit bringen.

Motele
Worte und Melodie: Mordechai Gebirtig
Ein Gespräcli zwischen einem Vater und seinem Sohn Motele. Der Vater fragt vorwurfsvoll, wo das alles hinführen soll: Der Lehrer beklagt sich, Motele störe den Unterricht, die Nachbarn sagen, er treibe sich mit Tauben herum und habe sogar ein Fenster eingeschlagen. Aber Motele hat auf alles eine Ausrede: er habe sich nur mit seinem Mitschüler gezankt, der sein Buch zerrissen hatte, er schaue nur, wie schön die Tauben schweben, und von der Scheibe sei nur ein Stückchen heraus, man könne es zukleben. Schließlich meint er: „Der Großvater hat einmal erzählt, du hast auch Tauben gejagt, warst auch nicht viel besser als ich, dein Lehrer hat sich auch beklagt. Wenn ich einmal groß bin, werde ich wie du Geld verdienen und den Talmud lernen.“

Schtiller, schtiller
Worte: S. Katscherginski,
Melodie: Alexander Wolkowski (11 Jahre alt)
Ein Lied aus dem Wilnaer Ghetto. Stiller, stiller, laßt uns schweigen, dort wachsen Gräber. die Wege führen nach Ponar, dem faschistischen Vernichtungslager in Litauen, kein Weg führt zurück. Der Vater ist dorthin verschwunden und mit ihm das Glück. Verlassen steht eine Mutter, denn ihr Kind geht nach Ponar. Doch bald ist die Finsternis zerronnen, aus dem Dunkel leuchten Sonnen. Kommt erst der Frühling, sind die Feinde wie im Herbst das Blatt. Mit der Freiheit kommt der Vater, schlaf, mein Kindchen, schlaf. Wie die vom Eise befreite Wilja, wie die erneut grünenden Bäume strahlt bald Freiheitslicht auf dein Gesicht.

’s Is nischto kein nechtn
Chassidisches Volkslied
Es gibt kein Gestern und kein Morgen, es gibt nur ein Pünktchen Heute, stört das nicht mit Sorgen.

’s Dremlen fejgl ojf di zwajgn
Worte: Lea Rudnitzki
nach einer Melodie von Jamplonski.
Wiegenlied aus einem Konzentrationslager. Vögel träumen auf den Zweigen, schlaf, mein liebes Kind. An deiner Wiege, auf der Pritsche sitzt eine Fremde und singt. Deine Wiege stand irgendwo, von Glück umsponnen, doch dein Vater und deine Mutter kommen nicht mehr zurück, ich habe sie unter einem Steinhagel laufen sehen und ihr verwaistes Schreien gehört, aj lju lju.

Sog nischt kejnmal
Worte: Hirsch Glik, Melodie: Dmitri M. Pokras
Das jiddische Partisanenlied. Hirsch Glik fiel als Partisan im Kampf, er schrieb die Worte auf ein sowjetisches Soldatenlied. Sage niemals, du gehst deinen letzten Weg, wenn auch bleierne Himmel den blauen Tag hinwegfegen. Unsere ersehnte Stunde kommt, wie ein Paukenschlag wird unser Schritt ertönen: wir sind da! Vom grünen Palmenland bis zum Land voll Schnee sind wir mit unserer Pein hergekommen, und wo ein Blutstropfen von uns fiel, werden unsere Kraft, unser Mut entsprießen. Die Morgensonne wird unser Heute vergolden, die Nacht mit dem Feind verschwinden, und wenn für uns die Sonne nicht mehr aufgeht, wird dieses Lied eine Parole für unsere Nachkommen sein. Das Lied ist mit Blut, nicht mit Blei geschrieben, es ist kein Lied eines freien Vogels. Ein Volk zwischen fallenden Wänden hat das Lied mit den Waffen in der Hand gesungen.

Her nor, du schejn mejdele
Jiddisches Volkslied
Hör, schönes Mädchen, was wirst du auf dem weiten Weg tun? Wo wirst du schlafen, womit wirst du dich zudecken und was wirst du essen? Ich werde Wäsche waschen, auf Stroh schlafen, der Himmelstau wird mich zudecken, ich werde Brot mit Salz essen, Vater und Mutter vergessen, aber nur mit dir zusammensein.

Dos lid fun scholem
Worte: I. Kotliar auf eine populäre Melodie
Friedenslied aus einem Konzentrationslager. Laßt uns ein jiddisches Lied singen, das Freude erweckt, damit es alle Menschen verstehen und es von Mund zu Mund geht. Spielmann, spiel mir ein Lied über Scholem, Frieden, damit Scholem kein Cholem, kein Traum mehr sei, damit alle Völker, große und kleine, sich verständigen und Kriege verbannt werden. Laßt uns das Lied wie Freunde, wie Kinder einer Mutter zusammen singen. Mein einziger Wunsch soll frei und frank erklingen und aller Menschen Gesang soll mein Gesang sein.

Ich bezeuge
Worte: Pablo Neruda, Musik: Paul Dessau
Ich bezeuge, ich war dort.
Ich litt und halte mein Zeugnis aufrecht.
Sollte es auch niemanden geben, der sich erinnert:
Ich bin’s, der erinnert.
Auch wenn keine Augen mehr auf Erden sind,
Ich werde weiterhin sehen.
Und niedergeschrieben wird bleiben hier
Jenes Blut, jene Liebe wird hier weiterglühn.
Es gibt kein Vergessen, meine Herren und Damen,
Und durch meinen versehrten Mund
Weitersingen werden jene Münder.

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Gesang, Dokumentation: Lin Jaldati
Lesung, Gesang: Jalda Rebling
Flügel, Dokumentation: Eberhard Rebling

Aufnahmeleitung: Jürgen Schmidt
Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Mitschnitt einer öffentlichen Veranstaltung 1980

Auszüge aus „Das Tagebuch der Anne Frank“ mit Genehmigung des Verlages Lambert und Schneider, Heidelberg