Ganz Madrid steht unter Wasser
Theaterparodien

von Max Reinhardt

LP LITERA 8 65 342
Covertext:
Dieser Spaß auf Langspielplatte will anläßlich des hundertjährigen Jubiläums des „Deutschen Theaters“ 1983 mit zwei Szenen und der Originalaufnahme einer Rede von Max Reinhardt an einen seiner bedeutendsten lntendanten und Regisseure erinnern. Das hier Versammelte bezeichnet Anfänge und einen Höhepunkt seines Wirkens in Berlin.
Max, Reinhardt war 1884 in das von Otto Brehm geleitete Ensemble des Deutschen Theaters eingetreten und hatte Erfolg als Charakterspieler. Auch schon um die Jahrhundertwende fühlte der junge Schauspieler das Bedürfnis nach künstlerischer Selbständigkeit. Der über den offiziellen Theaterbetrieb hinausdrängende künstlerische Zeitgeist kam dem entgegen. Denn zugleich erlebte Berlin, angeregt durch Ernst von Wolzogens „Buntes Theater“, eine erste Blüte des literarischen Cabarets. Die 1901 massenweise entstandenden „Überbrettl“ waren Produkt des Großstadt- und Nachtlebens, Sammelpunkt von Bummel und Boheme, aber auch von unruhigen und suchenden Schriftstellern, Musikern und Schauspielern. Die Opposition gegen Kaiser und Militär, Pomp und Parade, gegen etablierte Macht und Kunst vermischten sich da mit höherem Sinn und Unsinn und mit wirklichem oder nur romantischem Interesse an sozialen Fragen. Reinhardt war zu dieser Zeit Mitglied eines Kreises junger Künstler, vor allem von Schauspielern des Deutschen Theaters, der sich „Die Brille“ nannte und dem außer ihm u. a. die Schauspieler Friedrich Kayßler und Richard Vallentin, der Regisseur Dr. Martin Lickel und der junge Dichter Christian Morgenstern angehörten. Treffpunkt war eine Kneipe in der Lessingstraße und eines der Vergnügen, außer nächtelangen Diskussionen über Gott und die Welt und Politik und Kunst, sich gegenseitig etwas vorzumachen.
Da lag, in der hitzigen und heiteren Kneipenlaune, die Parodie nahe, die komisch überzogene Darstellung dessen worüber man herzog. Das war natürlich nicht zuletzt das Theater selbst, seine Institutionen und Autoritäten, seine um die Jahrhundertwende heftig umstrittenen „Richtungen“ und die berühmteren Kollegen.
Zu Sylvester 1900 feierte der kreis parodistische „Jahrhundertwende-Weihnachtsspiele“ und hatte damit bei seinen Gästen großen Erfolg. Dies und die Nachricht, daß der Freund Christian Morgenstern, mit einem Lungenleiden in einem Schweizer Sanatorium liegend, in Geldschwierigkeiten geraten sei, ermunterte die Leute von der „Brille“ zur Öffentlichkeit. Man mietete den Saal des Künstlerhauses in der Bellevuestraße und wagte am 23. Januar 1901 dort die erste Aufführung.
Die Schwierigkeit, einen Namen für das Unternehmen zu finden, wurde mit Goethes Behauptung beseitigt, der sei „Schall und Rauch“. Das Publikum kam, zahlte und jubelte, Morgenstern konnte finanziell geholfen werden und die Idee, weiterzumachen, lag auf der Hand.
Nach mehreren Vorstellungen in der Bellevuestraße im Frühjahr 1901, die den Erfolg bestätigten, etablierte sich das Kabarett „Schall und Rauch“ ab Oktober 1901 in einem Saal des Viktoria-Hotels Unter den Linden, Ecke Friedrichstraße, in den ein Parkett mit vierhundert Sitzen und eine Bühne eingebaut worden waren.
Max Reinhardt, Luise Dumont, Berthold Field, Friedrich Kayßler und Richard Vallentin waren die führenden Köpfe des neuen kabarettistischen Unternehmens; nach dem Ausscheiden aus dem Ensemble des Deutschen Theaters Ende 1901, übernahm Reinhardt auch offiziell dessen Leitung. Gertrud Eysoldt, Else Heims, Josef Kainz, Eduard von Winterstein u. a. gehörten bald zu den Gästen; neben Schauspielern wirkten Musiker wie der Geigenvirtuose Haly und der Klavierhumorist Woldemar Sacks mit. Als Conferenciers traten regelmäßig Max Reinhardt, Friedrich Kayßler und Martin Zickel in Pierrotkostümen auf. Die Eröffnungsvorstellung im eigenen Haus am 9. Oktober 1901 soll ein Durchfall gewesen sein; dann aber begeisterte sich auch hier das Publikum an den eigentlichen „Knüllern“ des Ensembles, den im Frühjahr 1901 entstandenen parodistischen Szenen aus dem Theaterleben. In ihnen traten neben den genannten Schauspielern die beliebten Charakterkomiker Viktor Arnold, Richard Leopold und Hans Waßmann als Gäste auf. Die erfolgreichste dieser Parodien nun stammte von Max Reinhardt: „Don Carlos um die Jahrhundertwende“, eigentlich eine „Tetralogie“. Denn in „Karle, eine Diebeskomödie“, einer Parodie nach Gerhart Hauptmann, legte sich Reinhardt mit dem Naturalismus an: „Carleas und Elisande, eine Gobelinesque in fünf Verschleierungen von Ysidore Mysterlinck“ machte den zeitfernen Symbolismus Maurice Maeterlincks lächerlich, in einer dritten Version erschienen Schillers Helden gar als „Künstler“ in einem Tingeltangel, so der Marquis Posa als Kraftmensch Marco Posini.
Der unumstrittene Höhepunkt aber war „Carlos auf der Schmiere“ mit „Siegfried Schwachkowsky vom Kurtheater zu Goch a. d. Goche als Gast“ in der Rolle des Carlos. Hier war es, wie in den anderen „Versionen“, nicht auf eine Parodie Schillers, ja nicht einmal so sehr auf eine Parodie des Provinztheaters ahgeschen. Vielmehr zielte der lächerlich schwülstige Stil dieser Szene direkt auf den Hoftheaterpomp des Königlichen Schauspielhauses am Gendarmenmarkt in Berlin, „Schall und Rauch“ fast gegenüber gelegen.
Die kulturell-aktuelle Frechheit dieses „Parodietheaters“ wird deutlicher im Zusammenhang mit den sogenannten „Serenissimus- und Kindermann-Szenen“, die regelmäßig improvisiert wurden. Anläßlich eines Gastspiels im Deutschen Theater, am 22. Mai 1901, ließ man in der Proszeniumsloge einen taperigen Duodezfürsten mit seinem Hofmarschall auftauchen und dumme Bemerkungen über die gespielten Szenen und das Theater von sich geben; zuerst in Verbindung mit einer „moralisch gereinigten“ Fassung der „Weber“ von Gerhart Hauptmann, angeblich hergestellt vom Hofmarschall Kindermann zum Geburtstag von Serenissimus. Da war alles in gemütvollen Kitsch verwandelt, so daß die Szene mit einem Hoch auf den staatserhaltenden Fabrikanten Dreißiger und mit einer Hymne auf den „hohen Gast“ enden konnte, worauf Serenissimus auf der Bühne an die Schauspieler Orden verteilte und die Damen huldvoll tätschelte.
Natürlich war das, in versteckter Form, ein satirischer Angriff auf Wilhelm II., sein preußisch-borniertes Verständnis von Theater und Drama, aber auch auf Künstlerkollegen, die diesen Stil mitmachten. Mit Geschick improvisierten die Schauspieler Viktor Arnold als Serenissimus und Gustav Beaurepaire als Kindermann an der strengen Zensur vorbei; als z. B. am 14. November 1901 die Serenissimus-Szene prophylaktisch verboten wurde, verwandelte man die öffentliche Veranstaltung in eine geschlossene und es entstand wieder „ein recht glücklicher Abend unter Mitwirkung einer hohen Zensurbehörde“ (Berliner Tageblatt, 23. 5. 1901).
Die Parodie auf das Theater, so auch in Szenen wie „Das Regiekollegium“ und „Diarrhoesteis des Persiflegeles – Durchfallstragödie in mehreren Aktionen“, war die Stärke des „Schalll und Rauch“-Ensembles und auch des zeitweiligen Autors Max Reinhardt. Freilich erreichte sie nur einen „eingeweihten“ Zuschauerkreis, zu ihrem wirklichen Verständnis mußte man Schiller und besonders die zeitgenössische Literatur und das Theater kennen.
Schon im Lauf der ersten (und einzigen) Saison von „Schall und Rauch“ erschöpften sich die kabarettistischen Ideen und das Interesse des auf Neuigkeiten hungrigen Publikums. Rheinhardt steuerte immer deutlicher zum Theater zurück. Das wurde durch die Aufführung von Einaktern (z. B. August Strindbergs) deutlich, die die „Schall und Rauch“-Abende zu beherrschen begannen.
Mit dem Anfang der Spielzeit 1902/03 erhielt das Etablissement an der Lindenecke auch einen neuen Namen und hieß fortan „Kleines Theater“. Mit einem Ensemble, das im Kern aus den schon in „Schall und Rauch“ aufgetretenen Schauspielern bestand und mit abendfüllenden Stücken begann Max Reinhardt hier seine ruhmvolle Laufbahn als Theaterleiter. 1902/03 entstanden wichtige Inszenierungen von Strindbergs „Rausch“, Wildes „Salome“ und Gorkis „Nachtasyl“ (inszeniert von Richard Vallentin).
„Schall und Rauch“, das parodierende Cabaret, war also das „Sprungbrettl“ des berühmten deutschen Regisseurs und Intendanten. In seiner Gedenkrede auf Max Reinhardt (1944) hat Thomas Mann daran erinnert: „Am Anfang der Wiedergeburt des Theaters aus dem Geiste des Theaters stand die Parodie. Wir jungen Leute in München, Mitglieder eines akademisch-dramatischen Vereins, denen die Reinhardt-Leute ihre Don-Carlos-Parodie vorspielten, lachten Tränen.“ Nicht zuletzt in der parodistischen Auseinandersetzung mit Richtungen des zeitgenössischen Theaters formte Reinhardt seine eigene ldee vom Theater, die er im „Kleinen Theater“ und im „Neuen Theater“ und ab 1905 als Intendant des „Deutschen Theaters“, verwirklichen konnte.

Alexander Weigel
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DON CARLOS AUF DER SCHMIERE

König Philipp: Theo Lingen
Elisabeth - Gemahlin: Erni Mangold
Carlos - Kronprinz: Ullrich Haupt
Marquis Posa: Heinz Reincke
Der Grande vom Dienst: Benno Gellenbeck
Die Stimme der Kritik: Kurt A. Jung


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MAX REINHARDT: JUBILÄUMSREDE
(anläßlich seiner 25jährigen Tätigkeit als Direktor des Deutschen Theaters, Berlin)
Originalaufnahme von 1930

Sprecher: Max Reinhardt

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DAS REGIEKOLLEGIUM
(Stimmungsbild von einer Theaterprobe)

Souffleuse: Erni Mangold
Direktor: Theo Lingen
Regisseur: Heinz Reincke
Schauspieler: Kurt A. Jung
Inspizient: Benno Gellenbeck
Dichter: Ullrich Haupt

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Theaterparodien von Max Reinahrdt aus dem Eröffnungsprogramm des Cabarets „Schall und Rauch“ 1901
Schallplattenfassung der Parodien: Werner Burkhardt und Hans Günter

Zwischenmusiken arrangiert und gespielt von Nils Sustrate
Übernahme von TELDEC Schallplatten GmbH, Hamburg/BRD