Gedichte und Balladen

von Friedrich Schiller

LP LITERA 8 60 053
Covertext:
Friedrich Schiller (1759–1805) hat neben seinen Dramen, den Erzählungen, den ästhetischen und historischen Schriften auch ein vielgestaltiges lyrisches Werk geschaffen. Mit seiner Natur- und Gedankenlyrik, den Xenien und Balladen erweiterte er das poetische Empfindungs- und Ausdrucksvermögen, bereicherte er, wie Wilhelm von Humboldt einmal schrieb, die lyrische Dichtkunst um neue Seiten. In einem seiner ersten Briefe an Goethe gab Schiller, nachdem er Goethes geistige und künstlerische Eigenart einzuschätzen gesucht hatte, folgende Selbstbeurteilung: „Mein Verstand wirkt eigentlich mehr symbolisierend, und so schwebe ich als eine Zwitterort zwischen dem Begriff und der Anschauung, zwischen der Regel und der Empfindung, zwischen dem technischen Kopf und dem Genie. Dies ist es, was mir, besonders in frühern Jahren, sowohl auf dem Felde der Spekulation als der Dichtkunst ein ziemlich linkisches Ansehen gegeben; denn gewöhnlich übereilte mich der Poet, wo ich philosophieren sollte, und der philosophische Geist, wo ich dichten wollte. Noch jetzt begegnet es mir häufig genug, daß die Einbildungskraft meine Abstraktionen und der kalte Verstand meine Dichtung stört“. (Schiller an Goethe, 31. August 1794.) Diese Selbstbeobachtung bestätigt sich am augenfälligsten bei den großen philosophischen Gedichten, wie „Das Ideal und das Leben“, „Die Künstler“ und „Die Götter Griechenlands“. Und doch zeigt sich bei näherer Betrachtung, daß die „symbolisierende“ Wirkung auch von den Gedichten ausgeht, die von einem einzelnen Ereignis erzählen und mitunter sogar spielerisch und tändelnd nur ein Stimmungsbild zu geben scheinen. Der „philosophische Geist“ übereilt Schiller nahezu bei jedem Gedicht. Aber gerade diese Ideen, selbst wenn sie nur angedeutet werden, versetzen den Hörer bzw. Leser in jenen Zustand des Nachdenkens, fordern ihn zum Weiterdenken auf, beleben Phantasie, Geist und Gefühl, so wie es der Dichter gewünscht haben mag.

Unsere Auswahl enthält Gedichte und Balladen, die zu den schönsten und volkstümlichsten des Dichters zählen. In die kleine Sammlung konnten dabei einige Gedichte Schillers aufgenommen werden, die von der bürgerlichen Literaturgeschichtsschreibung und Pädagogik aus dem Kreis der vorgeblich populären Gedichte ausgeschlossen warden waren und darum bisher zu Unrecht wenig beachtet wurden. – „Die Macht des Gesanges“ (1795) ist gleichsam von programmatischer Bedeutung für das lyrische Werk des Dichters. Schiller hatte sich in den Jahren 1789 bis 1795 vorwiegend mit Geschichte, Philosophie und Ästhetik beschäftigt. Dieser Hymnus auf die Freude an der Schönheit der Poesie, auf die Macht des Dichterwortes über Denken und Fühlen der Menschen, dieses Bekenntnis zur Wahrheit, die die Natur ihm gab, ist zugleich ein Abgesang an die „kalten Regeln“ der Theorie, denen Schiller all die Jahre über gefolgt war. Das blutvolle Leben und sein Abbild, die Dichtung, treten wieder in ihre Rechte. – „Morgenphantasie“, später „Der Flüchtling“ überschrieben, ist eines der ganz wenigen Gedichte, die persönliches Erleben andeuten. Zwar war Schiller 1781 noch in Stuttgart, doch fühlte er sich in seiner Heimat unter der Knute des Herzogs als ein Fremder, der einer ungewissen Zukunft entgegensieht. In aller Unmittelbarkeit empfindet Schiller die Schönheiten der Natur. – „Der Pilgrim“ (1803) und „Sehnsucht“ (1802) zeigen den Dichter noch immer als den Wanderer ins Ungewisse. Das Schicksal des Einzelnen in seiner Zeit und Umwelt erscheint ihm unbestimmt. Die Ideale des Dichters haben sich im Leben noch nicht erfüllt. Dennoch bleiben die Ideale „das schöne Wunderland“, eine utopisch unbestimmte Hoffnung auf die Zukunft, in der alle Sehnsucht erfüllt und verwirklicht werden wird. Beide Gedichte, in einer elegischen Stimmung gehalten, sind von schlichtem, volksliedhaftem Ausdruck. – Der Vierzeiler „Die schönste Erscheinung“ (1796) zeugt von Schillers Menschenkenntnis und Lebensweisheit. – Friedrich Schiller konnte, zumal wenn er von Krankheiten nicht gepeinigt wurde, sehr fröhlich sein. So gehörte er Goethes „Mittwochskränzchen“ an, einer Vereinigung von sieben Paaren, die sich 1801 und 1802 gesellig zusammenfanden. Für einen dieser heiteren Abende schrieb Schiller das „Punschlied“ (1802). – Wie das Schöne auf die einfachen Menschen zu wirken vermag, wird in den schlichten Versen „Das Mädchen aus der Fremde“ (1796) erzählt, wobei wie in vielen volksliedhaften Gedichten der soziale Hintergrund angedeutet wird. „Der Jüngling am Bache“ (1803) und „Die Erwartung“ (1799) beschließen die Gruppe der Gedichte. Sie zeugen davon, daß sich bis in die letzten Lebensjahre des Dichters in seinem Werk diese für ihn so eigentümliche Verbindung von Spiel, Ernst und tiefer Bedeutung erhielt. Die Ballade ist eine literarische Mischform, denn sie vereinigt lyrische, epische und dramatische Elemente. Die meisten Balladen der Klassiker entstanden durch äußere Veranlassung. So brauchte Schiller für die „Musenalmanache“, die er alljährlich herausgab, ständig neue Werke. 1797 beschlossen Schiller und Goethe, den Almanach „für das Jahr 1798“ mit Balladen zu füllen. Die Themen entnahmen sie zumeist den Sagen der Antike und des Mittelalters. Die Grundgedanken jedoch, die Bezeichnung von Gut und Böse, das Urteil und die Lehre entsprechen ihren bürgerlich-humanistischen Anschauungen. Zu den Beiträgen Schillers für den „Balladen-Almanach“ gehören „Der Ring des Polykrates“, „Der Taucher“ und „Die Kraniche des Ibykus“. Schiller hat den Ausgang seines dramatischen Berichts vom griechischen König Polykrates, dem Tyrannen von Samos, nur angedeutet. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot hat überliefert, daß Polykrates im Jahre 522 v. u. Z. nach Persien gelockt und dort ans Kreuz geschlagen wurde. Auch die Ballade „Der Taucher“ ist typisch für Schiller: Der Hörer bzw. Leser ist kein passiver Beobachter der Vorgänge, sondern fest in das dramatische Geschehen einbezogen, indem ihn der Dichter das Urteil über den tyrannischen König und den kühnen Untertanen selbst treffen läßt. – Im persönlichen Leben wie in seinen Dichtungen zeigte Schiller Unversöhnlichkeit und Unduldsamkeit gegenüber dem Unrecht. Die Ballade „Die Kraniche des Ibykus“ erhält ihre starke Wirkung aus diesem Lebensprinzip sowie durch das gewaltige Panorama der Festspiele in Korinth, das die Handlung umgibt. Mittel der Sage und Bilder der Wirklichkeit, der Chor der Rachegeister (Erinnyen) und die Macht der Volksmassen werden aufgeboten, um Wahrheit und Recht zum Siege zu verhelfen. – Die Idee der Freundschaft, die Schiller besonders liebte und in seinen Dramen (z. B. „Don Carlos“) und in seinen lyrischen Werken wiederholt gestaltet hat, bestimmt den Grundgehalt der „Bürgschaft“ (1798; Erstdruck: „Musenalmanach für das Jahr 1799“).

So verschieden die Gedichte und Balladen nach Inhalt und Form im einzelnen sind, sie alle sind poetische Gestalt der bürgerlich-humanistischen Ideen und Ideale ihres Schöpfers Friedrich Schiller. Goethe sagte am 30. März 1824 zu Eckermann: „Der Deutsche verlangt einen gewissen Ernst, eine gewisse Größe der Gesinnung, eine gewisse Fülle des Innern, weshalb denn auch Schiller von allen so hoch gehalten wird.“

Siegfried Seidel
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Die Macht des Gesanges

Morgenphantasie (Der Flüchtling)

Der Pilgrim

Sehnsucht

Die schönste Erscheinung

Die Begegnung

Punschlied

Das Mädchen aus der Fremde

Der Jüngling am Bache

Die Erwartung

Der Ring des Polykrates



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Der Taucher

Die Kraniche des Ibykus

Die Bürgschaft


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Sprecher: Otto Mellies

Für die Schallplatte zusammengestellt von Dr. Siegfried Seidel
Regie: Theodor Popp