Geliebter Lügner

nach den Briefe von Mrs. Stella Patrick Campbell und
George Bernard Shaw

LP LITERA 8 60 111
Covertext:
Ein Briefwechsel eroberte sich in den letzten Jahren die Bühnen in aller Welt. 1952, zwei Jahre nach George Bernard Shaws Tod, war die Korrespondenz zwischen G. B. S. und seiner langjährigen Freundin, der Schauspielerin Stella Patrick Campbell, erschienen. Jerome Kilty verarbeitete diesen Briefwechsel zu einem Dialogstück, einem Zwei-Personen-Stück, das zu einem bemerkenswerten Theatererfolg wurde. Es widerlegte den weit verbreiteten Glauben, das Publikum sei im Zeitalter des Fernsehens so von visuellen Reizen abhängig, daß es sich nicht mehr eineinhalb Stunden lang nur vom gelesenen bzw. gesprochenen Wort faszinieren lassen würde. Shaw ist in diesem Stück nicht zum erstenmal Gegenstand des Theaters, aber wohl noch nie war die Authentizität dessen, was die Bühnengestalt Shaw sagt, so groß wie hier. Die Bearbeitung des Briefwechsels, die im wesentlichen auf eine Auswahl und Verdichtung hinauslief, behielt den Reiz Shawscher Ironie und Selbstironie. Und hier, in der Tatsache, daß wir mit Worten Shaws konfrontiert werden, liegt sicher eine wesentliche Wurzel für den Theatererfolg. Kilty kennzeichnete seine Aufgabe so: „Als ich für das heutige Publikum die wichtigsten Ereignisse des privaten und öffentlichen Lebens der beiden Helden heraushob, war es meine Hauptsorge, den Geist dieses Briefwechsels zu bewahren und damit das Wesen der beiden Persönlichkeiten.“

Über genau vier Jahrzehnte erstreckte sich der Briefwechsel zwischen dem großen irischen Dramatiker und Publizisten George Bernard Shaw und der englischen „Bühnenfürstin“ Stella Patrick Campbell. 1897 hatte sich der Musik- und Kunstkritiker Shaw mit dem Schauspiel „Der Teufelsschüler“ auf dem Theater durchgesetzt. Nach dem geringen Anklang, den Jahre zuvor seine Romane gefunden batten, begann sich jetzt – wenn auch sehr zögernd – der literarische Erfolg einzustellen. 1899 begegnete Shaw – in seinem 43. Lebensjahr – der 34jährigen Stella.

Aus dieser Zeit liegen die ersten Briefe vor. 1911 hatte Shaw seine Komödie „Pygmalion“ beendet. Die weibliche Hauptrolle, die Rolle des Blumenmädchens Eliza, hatte er für Stella geschrieben. Das hatte offenbar sehr praktische Gründe. Bei der Organisationsform des englischen Theaters bestimmten die Stars weitgehend das Gesicht der Bühnen. Der Erfolg eines neuen Werkes hing wesentlich von der Besetzung der Hauptgestalt ab. Und Stella, die „lebensvollste Schauspielerin ihrer Zeit“, bildete solch einen „Erfolgsfaktor“. Erst 1914, drei Jahre nach der Uraufführung, findet die englische Premiere von „Pygmalion“ statt, – mit Stella als Elia. Der Briefwechsel spiegelt verhältnismäßig umfassend diese Zeit der gemeinsamen Vorbereitung der Pygmalion-Inszenierung wider, in den Jahren 1912/13 hatte Shaws Beziehung zu Stella – wie Biographen berichten – „alle Zeichen eines passionierten Verliebtseins“. Seit 1898 war Shaw mit Charlotte Frances Payne-Townshend verheiratet. Shaws tiefe Empfindungen für Stella blieben auf Charlotte nicht ohne Wirkung; denn sie erregten „nicht zu Unrecht Charlottes heftige Eifersucht“. Und dennoch gefährdete diese Beziehung die festgegründete Ehe keineswegs. Für Shaw war seine Frau Kameradin, Mitarbeiterin, Kritikerin. In einem Brief an Frank Harris äußert Shaw über seine Ehe: „Erst als ich über vierzig war, verdiente ich genug, um zu heiraten, ohne den Schein zu erwecken, daß ich des Geldes wegen heiratete ... Als Mann und Frau entdeckten wir eine neue Beziehung, an der das Sexuelle keinen Anteil hatte. Sie endete für uns beide die alten Galanterien, Flirts und Liebeleien. Und auch von diesen hinterließen diejenigen, die nie zur Erfüllung gelangt waren, die dauerndsten und freundlichsten Erinnerungen.“

Aus der künstlerischen Zusammenarbeit mit Stella erwuchs dann die lebenslange Freundschaft, an deren Ende, 1939, Shaw ein weltberühmter Dramatiker ist, Stella eine fast vergessene, vereinsamte, in relativ ärmlichen Verhältnissen lebende Schauspielerin. 1940 starb Stella, 75 Jahre alt, in Peau/Südfrankreich. ihrer englischen Freundin gelang es, die Briefe noch vor dem Einmarsch deutscher Truppen nach England in Sicherheit zu bringen.

Der Briefwechsel ist mehr als nur das reizvolle Dokument einer großen Freundschaft, – aber auch einer Leidenschaft, die immer wieder durch das Korrektiv der Ironie und Selbstironie verdeckt oder verdrängt wird, – mehr als der oft heitere, komische, oft auch nachdenklich stimmende Dialog. Er ist zugleich ein Stück Autobiographie, das zugleich erkennen läßt, in welch starkem Grade das Bühnenwerk Shaws selbst autobiographisch ist. So hat Shaw im „Kaiser von Amerika“ – in den Dialogen der Orinthia und Magnus’ – auch Erinnerungen an seine Beziehung zu Stella Gestalt werden lassen, nicht gerade zur Freude Stella Campbells.

Und letztlich ist der Briefwechsel ein Zeitdokument, das sowohl einige Jahrzehnte Theatergeschichte als auch politische Geschichte spiegelt. Es verwundert sicher nicht, daß der engagierte Künstler Shaw in diesen sehr persönlichen Briefen auch über die politischen Tendenzen seiner Zeit reflektiert. Selbst in der Bühnenfassung wird das noch deutlich, wenngleich natürlich der „Mann der Öffentlichkeit“ nur peripher erscheint. Vor Ausbruch des 1. Weltkrieges warnte der Sozialist Shaw in zahlreichen Artikeln vor einem drohenden Krieg, den er als Ergebnis der kapitalistischen Wirtschaftsweise kommen sah. So schreibt er u. a.: „Wir müssen uns ernsthaft mit dem Problem beschäftigen, die Karte Europas neu zu zeichnen und seine politischen Verfassungen so zu reformieren, daß diese abscheuliche und greuliche Schande, ein Krieg in Europa, so leicht nicht wieder vorkommen kann.“ Ähnliche Bemerkungen finden sich auch im Briefwechsel.

Freilich sollten wir nicht vergessen, wenn wir mit großem Vergnügen den Streitereien zwischen G. B. S. und Stella lauschen, daß Shaws Bedeutung als Gesellschaftskritiker hier notwendigerweise fast ausgeklammert ist, die Totalität seiner Persönlichkeit natürlich nicht voll erfaßt werden kann. Priestley hat Shaw einmal treffend den großen Zerstörer genannt, den Führer des Aufräumungskommandos zur Beseitigung viktorianischen Gerümpels. Er war mehr: Er war der geistvolle Kritiker der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, der mit den Mitteln der Kunst ihre lebensgefährdenden Widersprüche enthüllte. Mochten seine eigenen sozial-reformerischen Theorien auch selbst widersprüchlich sein – Shaw glaubte dennoch an einen sozialistischen Weg der Menschheit. Nach seinem Besuch in der Sowjetunion, 1931, schrieb er im Hinblick auf das sowjetische Volk: „Wenn Sie ihr Experiment bis zum endgültigen Triumph durchführen, und ich weiß, daß Sie das tun werden, so werden wir im Westen, die wir den Sozialismus nur nebenbei betreiben, in ihre Fußstapfen treten müssen, ob wir wollen oder nicht.“

Manfred Haiduk
Sprecher: Elisabeth Bergner, O. E. Hasse

nach George Bernard Shaw und Stella Patrick Campbell
Bearbeitung: Jerome Kilty