Gustaf Gründgens
Ausschnitte aus den Filmen „Tanz auf dem Vulkan“
und „Friedemann Bach“

LP LITERA 8 60 068
Covertext:
Die Bedeutung, die Gustaf Gründgens für das deutsche Theater und auch für den Film hatte, sein Erfolg und Aufstieg, sind kaum ohne sein Talent zu begreifen, Leidenschaften mit Sachlichkeit zu sehen und Kompliziertes unkompliziert zu behandeln. Es faszinierten seine Kunst, als Schauspieler und Regisseur das Spiel kühl berechnend in der Hand zu behalten und seine Fähigkeit, als Theaterleiter Menschen klug zu führen. Seiner auseinanderstrebenden, vielfältigen Begabung gab er in den strengen Maßstäben der Kunst einen Mittelpunkt, wie sie für den jungen Schauspieler Gründgens in der Schule des Düsseldorfer Schauspielhauses durch Louise Dumont aufgestellt waren.

Ein so ungewöhnlich talentierter, ruheloser und phantasiebegabter Schauspieler wie Gustaf Gründgens wollte sich nicht auf ein Rollenfach oder auf eine Bühnengattung festlegen. Er versuchte, sich Schauspiel und Operette sowie Kabarett untertan zu machen, aber er verlor sich dabei nicht, da er sich und sein Talent immer wieder den Forderungen der Kunst unterordnete. Er tat das mit einer Konsequenz, die ihn später befähigte zu bekennen: „… Wir sind über die Fragwürdigkeit schauspielerischen Ruhms und schauspielerischer Unsterblichkeit 1933 schon einmal erschreckend belehrt worden, und auch ich habe darin meine persönlichsten Erfahrungen. Und es wird auch nicht mehr der einzelne Schauspieler sein, der das Gesicht des Theaters zu bestimmen imstande ist, sondern es wird immer das Ensemble der Schauspieler sein, das dem Theater das Gesicht gibt.“

Der Beginn seiner Laufbahn als Schauspieler begünstigte den späteren Weg Gründgens’. In Halberstadt und Kiel hatte er in bunter Folge meist völlig entgegengesetzte Rollen zu spielen; und dann stand er an den Hamburger Kammerspielen – einem kühnen, avantgardistischen Theater – mit Viktor de Kowa und Paul Kemp auf der Bühne. Hier fand er den ersten Kontakt mit dem modernen Drama, hier konnte er sein Talent weit entfalten, und hier begann Gründgens auch, zum erstenmal Regie zu führen.

Dennoch – Gustaf Gründgens suchte immer noch sein eigenes Fach, als er bereits nach Berlin kam. Ein gefährlicher Boden für den ehrgeizigen, begabten Gründgens, verwirrend für sein Talent, denn die Buntheit der Berliner Bühnen schmeichelten einmal seiner Neigung zur Klassik, zum anderen seinem Hang zur Moderne sowie auch zu den literarischen Zwischenstufen einer Satire oder auch eines nur konstruierten Reißers.

Gründgens gastierte nun von einem Theater zum anderen. Er spielte in der Kommandantenstraße, führte am Schiffbauerdamm Regie, stand unter Max Reinhardt auf der Bühne des Deutschen Theaters und wechselte zum Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Und Gründgens wurde schließlich zu einem gesellschaftskritischen Darsteller, der die Sphäre des Mimischen sprengend, zwischen Vernunft und Phantasie, Bekennen und Ironie, Intelligenz und Instinkt nachtwandlerisch sicher balancierte und den Zuschauer in seinen Bann zog.

Mit dem Ende der zwanziger Jahre wurde das entlarvende Zeitstück zugunsten des glatten Konversationsstückes immer mehr zurückgedrängt. Aber Gründgens brauchte als Künstler die Widersprüche und nicht die Glätte des Fracktheaters, er brauchte die Spannungen als Element, das ihn erst atmen ließ. Er griff zur Selbsthilfe und entdeckte von da an in sich den Theaterleiter. Dreifach fähig, dreifach begabt und einflußreich, nutzte Gründgens seine Möglichkeiten. Und nun brillierte er in allen Rollengattungen, schillernd und doch in jedem Wort beherrscht, getragen von einem Elan, der ihn immer weiter nach vorn stieß bis zum Artistischen. Gründgens war es jetzt, der Technik und Phantasie, Organisation und Improvisation, Geist und Nerv, Härte und Elastizität in einer seltenen Einheit verband und sich nie im Spielerischen verlor, da er jede Nuance seines Spiels, jedes Element der Grundmelodie seines Stückes einordnete und es so souverän in der Hand behielt.

Gustaf Gründgens – Schauspieler, Regisseur und Generalintendant – gehört für immer der Geschichte des Theaters an.

Rudolf Böhm
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Ausschnitte aus dem Film „Tanz auf dem Vulkan“


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Ausschnitte aus dem Film „Friedemann Bach“

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Darsteller: Gustaf Gründgens
Sprecherin der Zwischentexte: Renate Thormelen

Für die Schallplatte ausgewählt und kommentiert von Rudolf Böhm