Haul the Bowline
Shanties, Gedichte und Berichte

LP LITERA 8 65 104
Covertext:
Fünf Jahrhunderte dauerte der Segelschiffe große Zeit. Europäische Seeleute befuhren die Weltmeere, den Bug nach Westen gerichtet, entdeckten Amerika, fanden neue Seewege nach Afrika und Asien, nachdem zuvor 1487 portugiesische Seeleute den langgesuchten Seeweg nach Indien um das Kap der Guten Hoffnung gefunden hatten. Die Geschichte nennt die Namen der Kapitäne des großen maritimen Abenteuers: Christoph Kolumbus, John Cabot, Vasco da Gama, Pedro Alvarez Cabral und die erste Weltumseglung des Ferdinand Magellan, eines Portugiesen in spanischen Diensten, dessen Schiffe, besetzt mit einer Mannschaft kühner Männer, nach Überquerung des Stillen Ozeans 1521 die Philippinen entdecken und die über den Indischen Ozean entlang der afrikanischen Westküste nach Spanien zurückkehren.
In den von ihnen unternommenen Reisen und Entdeckungen versuchen die Menschen im Ringen mit der Natur zwar ihre Träume zu verwirklichen indem sie Meere und Länder erforschen, gleichwohl verstanden sich die „Herren der See“ als Eroberer von Weltreichen, und bald war der Besitz von Gewürzinseln wichtiger denn die Verwirklichung eines Menschheitstraumes.
Überliefert sind uns die Namen der Admirale und Kapitäne, die in den Jahrhunderten darauf die Seemacht für die Nationen sichern und Kolonialbesitz vergrößern halfen, wir wissen vom Aufstieg und Untergang berühmt-berüchtigter Kaperkapitäne, auch von jenen, die dem ehrlichen Seehandel zwischen den Völkern sich verpflichtet fühlten oder mit mutigen Taten zur wissenschaftlichen Erforschung des Erdplaneten beitrugen.
Wir kennen einige der Genies, die am Zeichenbrett eine Architectura Navalis Mercatoria entwarfen, Henrik of Chapman zum Beispiel, und wir kennen auch die Schiffbauer, die nach ihren Plänen bauten und die Künstler, die diese Schiffe prächtig schmückten, denn „nichts ist eindrucksvoller, nichts festigt die Majestät eines Königs mehr, als wenn seine Schiffe den erlesensten Schmuck tragen, den man je auf hoher See erblickte“: da sind die Karavellen, mit denen Kolumbus Amerika entdeckte, berühmt die „Katalonische Nao“, die „Golden Hind“ unter dem Kommando von Francis Drake, die Galeonen, der Dreimaster „Nya Vassan“, seitdem als „Vasa“ bekannt, die Fleuten, die Fregatten und Konvoischiffe, die Bark, der Schoner und das Vollschiff. Wer aber hat aufgezeichnet die Nöte und Entbehrungen, das Leben und die Arbeit auf den Schiffen, die die Welt eroberten, wer kennt die Namen der Seeleute, ohne die es jene stolzen und kühnen Taten nie gegeben hätte.
Was uns von ihnen überliefert wurde sind Lieder, Shanties, die die Seeleute bei der Arbeit sangen, einer Arbeit unvorstellbar hart und schwer. Sie sangen im gleichmäßigen, sich wiederholenden Rhythmus von den Entbehrungen auf den langen und gefährlichen Fahrten über die Ozeane, von den rücksichtslosen Methoden, mit denen Kapitäne ihre Mannschaften auffüllten und beherrschten, aber auch vom Haß der Matrosen und ihrem Widerspruch gegen solche Kapitäne und Steuerleute. Und natürlich von der Sehnsucht nach der Heimat, nach dem Hafen und nach dem Mädchen:
Dies alles Ausdruck des Lebens und des Denkens und Fühlens der Matrosen jener Zeit:
An die Gangspill, an die Schoten, in die Wanten jeder Mann, und wir singen unser Shanty, und wir hieven mächtig an. In die Takelung geentert, holen wir die Segel ein mittendrin im Sturmgetöse, Jungs, holt ein, wir segeln heim.
Und immer standen Texte und Melodien in unmittelbarer Beziehung zur Arbeit: Der Shantyman, Vorsänger im eigentlichen Sinne, und die Mannschaft, antwortend im Chor, sie beide erzählten und kommentierten wirklich erlebte oder erfundene Geschichten, phantasievoll ausgeschmückt, übten sich in der Kunst der Improvisation, gaben mit dem zumeist gleichbleibenden Refrain den Takt für die Arbeit an: Da ist der Imperativ „Sailing“ mit der sentimentalen Schlußzeile „die Heimat bleibt ein Stern, der sicher lenkt“ oder jenes international wohl bekannteste englische Seemannslied „Rolling home“, kein Shanty zwar, weil es eben nicht einen seemännischen Arbeitsgang begleitete, wohl aber ein Lied, das immer dann erklang, wenn der Anker für die Heimfahrt gelichtet wurde; „Haul the Bowline“ ist Arbeitsgesang in seiner kürzesten und zugleich ursprünglichsten Form; „Rando Ray“, dessen Abstammung aus dem Gesang der Neger am Mississippi unverkennbar und nachweisbar ist. Wir erfahren von der kleinen „Ane Madam“, die ein Kind hatte, aber dazu keinen Mann, ein norwegisches Lied auf die Melodie „Blow The Man Down“, einem speziellen „Schlachtruf“ der Matrosen von den atlantischen Paket-Schiffslinien. „Blow“ hatte die Bedeutung von schlagen, mit der Faust niederschlagen: Der Erste Steuermann hieß der Blower, das heißt Schläger er war der Roheste und Stärkste, der die Mannschaft mit brutaler Gewalt beherrschte; schließlich die Versionen „De Runner von Hamborg“, das beliebteste deutsche Shanty, und „Dar weer enmol een oolen Kassen, een Klipper namens ’Magelhan’“, in Anlehnung an „Rolling home“ um 1880 von dem deutschen Seemann Robert Hildebrandt verfaßt. Sie alle sind Volkslieder, kräftig und derb; und wenn sie auch nicht mehr typisch sind für die Welt des Seemanns von heute, die nun von einem anderen Rhythmus geprägt und bestimmt wird, so bleiben sie doch Zeugnisse einer Lebenswelt, die nicht nur Klage und Kritik kannte, sondern eine zum Teil kaum nachvollziehbare Ungerechtigkeit auf den Totenschiffen verschiedenster Provenienz ausmerzen wollte. Auch dem Bericht von Kolumbus, den Versen von Hans Bötticher alias Joachim Ringelnatz und Wolfgang Borchert, literarisch geformten und zumeist auch höchst vergnüglichen Texten, ist charakteristisch, daß in ihnen von der Verlockung und dem Abenteuer die Rede ist, von einer Welt, die Männer von Format hervorbrachte und bringt, von einem Leben mit gewaltigen Möglichkeiten: Die Lieder, Gedichte, Erzählungen, Romane und Selbstzeugnisse künden von einem heroischen Wagemut, der sich paarte mit großer Hilfsbereitschaft; nüchterne Wirklichkeit und seemännische Phantasie sind in ihnen ebenso zu finden wie die grenzenlose Weite der Meere.

Konrad Reich (1969)
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Prolog
Rolling home


Vater Ozean
von Pablo Neruda
(aus „Ode an das Meer“)

Sailing
Aus dem Logbuch des Christoph Kolumbus
The Banks of Sacramento



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Haul the Bowline
Rando Ray
Ane Madam


Hafenkneipe
von Joachim Ringelnatz
(aus „Überall ist Wunderland“)

De Runner von Hamborg

Abschied
von Wolfgang Borchert

Magelhan
Ich setze mich nieder und schreib ’nen Gesang
Das Mädchen und der Matrose


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Gesang, Sprecher: Hilmar Thate

Auswahl der Texte: Konrad Reich
Musikalische Bearbeitung: Hans-Dieter Hosalla

Instrumentalsolisten des Berliner Ensembles und
der Komischen Oper Berlin
Leitung: Hans-Dieter Hosalla

Regie: Joachim Herz
Tonregie: Rolf-Dieter Gandert