Heine – Eine Auswahl

LP LITERA 8 65 203
Covertext:
Es gibt den ewigen Kieg zwischen denen, die auf der Welt sind, um aus ihr möglichst viel herauszuschlagen, und jenen, die aus ihr etwas Besseres für alle Menschen machen wollen.

Shaw


Wer den gesellschaftlichen Mechanismus durchschaut und sich nicht anpaßt, hat schlecht leben unter Herrschenden. Heine erging es so. Er war der früheste Dichter, der die klassische deutsche Philosophie als aufklärende Vorbereitung zu einer bürgerlichen Revolution ansah und sich danach verhielt. Mit allen lag er in Fehde, Klerus, Aristokratie, bourgeoise Cliquen hatte er gegen sich und er entzweite sich auch mit den Radikalen. Unterdes lebte er von winzigen Einnahmen und sah seine Texte durch die deutsche Zensur verballhornt. Blieb zeitlebens der Unbehauste, schrieb Werk nach Werk, zehrte seine Kräfte auf im Kampf gegen herrschendes Unrecht. 1831 ließ er sich in Paris nieder, der ,grandiosen Stadt, wo alle Tage ein Stück Weltgeschichte tragiert wird‘. An Varnhagen van Ense einmal die Zeilen: ,Während ich in einem wilden Menschenmeere ertrinke, verbrenne ich durch meine eigene Natur … obendrein bestehe ich jetzt ganz aus Phosphor.‘ 1843 freundete er sich mit Marx an, der Atta Troll entstand, im Jahr darauf Doktrin, Weberlied, Wintermärchen, 1845 verschlimmerte sich seine Krankheit, und während der letzten acht Jahre seines Lebens war er an die Matratzengruft gefesselt, hellwaches Hirn in einem verfallenen Körper. Noch vom Siechbett aus setzte er Wahrheit durch.
Er schuf also unter schwierigsten Bedingungen und war dennoch ein lachender Revolutionär, zugewandt der Natur, den Kindern, den Frauen, der Liebe. Wie Voltaire lächelte er die Reaktion in ihre eigene Hölle, wie Lessing rückte er Tatbestände in die richtige Optik, sehr analytisch; wie Forster lieh er forschender Prosa eine anmutige Sprache wie Lichtenberg nahm er Verhalten unter die Lupe. Und war verletzlich wie Jakob Lenz. In der Polemik führte er eine scharfe Klinge. Leistete sich, etwa ab Ende der Goetheschen Kunstperiode, allerlei Sprachlockerung. Karl Kraus, wachsam gegen alle Verderbnis der Sprache und ihr präzisester Kenner, hatte starke Einwände gegen die frühe Lyrik im ,Buch der Lieder‘, sprach von ,skandiertem Journalismus‘ und dem Abgleiten ins Feuilleton, das Spätere, auf Heine weisend, sich gestatteten. Heinrich Mann sieht in ihm das vorweggenommene Beispiel des modernen Menschen: ,Aus seinen großen Schmerzen machte er nicht nur kleine Lieder. Er machte daraus auch Erkenntnisse, die noch nicht üblich waren, und Rufe einer Menschenstimme, die wie aus unserer Mitte kommt.‘
Die Texte wurden so aneinandergereiht, daß die Untermelodie des Verlaufs den Weg Heines mitzeichnet. Uns schien interessant, nicht nur zu zeigen wie Heine ist, sondern: Heine wie er wird.
Gedichte sind autonome Gebilde, scharf abgegrenzte Werke, sehr essenzhaft, da auf geringem Raum alles gesagt sein muß. Sie informieren nicht nur über Ansichten, sondern auch über Bauweisen. Was poetisch – das heißt: mach-artlich – Mängel aufwies, schied aus. Und vermieden wurden auch solche, die nicht viel mehr hinter sich haben, als rhetorische Zugstücke zu sein. Ebenso Versgebilde, bei deren Anhören wir mehr vom Liedduktus ihrer berühmten Vertonung beeinträchtigt werden. Jede Liedgruppe sollte möglichst durch ihr gelungenstes Gedicht anwesend sein.
Am Anfang steht eines, das die Essenzen von Heines Jugendlyrik aufsummiert. Ihm folgen – als Belege – sechs dieser zarten, fast noch gestammelten, aber immer leidenschaftlichen Gedichte. In den frühen Arbeiten reagiert Heine sensibel auf ihm zugefügtes Unrecht. Sehnsucht, unerwiderte Liebe und seine Erfahrung mit Philisterwelt sind die Themen. Mit ,teurer Freund, was soll es nützen‘ setzt in unserer Auswahl eine zweite Phase ein. Er trennt selbstkritisch das bisher Geschriebene, erkannt als Nabelschau, Lyreln ins Blaue, mit Weh, Pubertät und Träne-ums-Ich, rückschauhaft ab gegen das, was nun kommen soll: eingreifendes Denken, auf die sozialen Ereignisse gerichtet.
Die 2. Plattenseite enthält Texte, die zeigen, wie gerade diese Sensibilität gesellschaftlich produktiv wird, indem er klar und scharf auf andern zugefügtes Unrecht reagiert. Mit dem ganzen Repertoire an Dichtungstechnica, Vokabular, Geschichtsblick und feinster Witterung für aufkommende Klassenfragen. Er hat sich ,mit Verstand aller Torheit entledigt‘. Sensibilität als unabdingbares psychisches Material des Revolutionärs.
Alle Beiträge sind auffaßbar als Exkurse zu Heine, gewonnen aus seinem eigenen Werk. Fast immer ist bei ihm Reisebild. Selber bewegt, wirft er im Vorbei einen panoramischen Blick auf die Geschehnisse.

Heine wurde einer der größten Liedanreger seines Jahrhunderts. Es waren vor allem die frühen Gedichte, die sich die Komponisten hernahmen. Gebilde, aus denen Sehnsucht, Tristesse, Reflexion über unerwiderte Liebe sprach. Die berühmten, zum Kern der Dichtweise vordringenden Vertonungen durch Schumann, diese ausschöpfenden, von eindringendem Verstehen sprechenden Kunstlieder, ließen wir beiseite, da es auf dem Weltmarkt mehrere interpretatorisch unübertreffbare LP-Produktionen davon gibt. Wie wäre es mit Neuem?
Eislers ,Verfehlte Liebe‘ greift 8 Zeilen aus dem Gedicht ,Unterwelt‘ auf. Der Dialektiker hat mit sicherem Gespür genau diese Konstellation ausgefunden. Und was im Raum des Kommas an Bedeutung steht, wird durch seine Komposition erst erkennbar. Er bringt Innewohnendes nach außen, durch feinsinnige Gestikulation. Schönheit herrscht hier als Genauigkeit. Das praktische Einlösen einer fundierten Theorie: Musik nimmt mit ihren Mitteln Stellung zum Thema. Wie da jedes Wort in all seinen Bezügen hörbar bleibt, ja erst kenntlich wird!
Neu sind vier Kompositionen Georg Katzers, entstanden für diese Auswahl. Die Idee war, unübliche Genres auszuwählen, um unverbrauchte Klänge zu begünstigen. Kurze gestische, möglichst reimlose Gebilde, Prosazitate aus den ungekannten Fragmenten, lustbetonte Aphorismen und ein schlagharter Hymnus, der nur durch häufige Abnutzung schon gelitten hat, sollten durch Komposition in eine haltbarere Sprache übertragen werden.
Ein Stück ist ,Invention‘ benannt. Wie eine Parabel zu lesen, Tierfabel, Menschenverhalten zeigend. Der flüchtige Moment wird zum Verweilen gebracht. ,Das ist eine weiße Möwe‘ – Gedicht aus ,Seraphine‘ – die erlesene Metapher, von Katzer kongenial in Klangbau umgesetzt. Die 5 Aphorismen – Gipfelworte, gewonnen aus der Kunst des Beobachtens – ein bisher musikalisch unübliches Gebilde, ganz sachlich heiter, doch aufgeladen mit Hintergrund. Und der Hymnus, hier auch als Klangbau. Katzer setzt immer gediegene feine Strukturen und zeigt ein Lotvermögen ganz enormer Art. Diese 4 neuen Gesänge zu Heine werden gewiß ihren Weg machen. Neue Musiksprache übersetzt uns Heutigen die alten Texte.
Der revolutionäre Demokrat Heine – selber bitternisgetränkt – handhabte eine leichte Weise des Schreibens, verbreitete Kenntnisse über die Gesellschaft in der unterhaltsamsten Form, immer wechselnd zwischen den Temperamenten Cancan und Barcarole, wie jener andere Rheinländer in Paris: Offenbach.
Unsere Auswahl enthält Belege aus Heine, zu diesem hin. Sie soll Vergnügen bereiten, zum Denken anregen. Schafft sie es gar, den Appetit zu wecken, so daß dieser oder jener Band wieder in die Hand gelangt, Verse neu gelesen werden, etwa Seegespenst oder Sklavenschiff, der Romanzero, überhaupt späte Lyrik oder die erhellende Prosa dieses Mannes, die beschwingt ist und aus hauchfeinem Gewebe der Sprache – umso besser.
Unter seinen Aphorismen findet man auch diesen: Auffenberg habe ich nicht gelesen – ich denke: er ist ungefähr wie Arlincourt, den ich auch nicht gelesen habe.

W.
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Mir träumte einst
Fred Düren

Erklärung
Peter Reusse

Mir träumte von einem Königskind
Jürgen Holtz

Es stehen unbeweglich
Jürgen Holtz

Krönung
Peter Reusse

Diane
Peter Reusse

Die schlanke Wasserlilie
Jürgen Holtz

Eisler: Verfehlte Liebe
Trexler / Olbertz

Teurer Freund
Jürgen Holtz

Nun ist es Zeit
Jürgen Holtz

Aus der Harzreise
Horst Preusker

Katzer: Invention (aus den Fragmenten)
Trexler / Olbertz

Aus ,Der Rabbi von Bacharach‘
Herwart Grosse

Fragen
Fred Düren

Katzer: Das ist eine weiße Möwe
Trexler / Olbertz


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Doktrin
Fred Düren

Aus ,Über den Adel‘
Herwart Grosse

Maria Antoinette
Jürgen Holtz

Katzer: 5 Aphorismen
Trexler / Olbertz

Caput IV aus ,Deutschland – ein Wintermärchen‘
Herwart Grosse

Die schlesischen Weber
Jürgen Holtz

Katzer: Hymnus
Trexler / Olbertz

Enfant perdu
Fred Düren

Rückschau
Jürgen Holtz

Mein Tag war heiter
Fred Düren

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Roswitha Trexler, Mezzo-Sopran
Walter Olbertz, Klavier
Komposition: Hanns Eisler, Georg Katzer
Auswahl und Regie: Siegfried Wittlich
Musikregie: Reimar Bluth
Tonregie: Karl Hans Rockstedt