Herhören – Hier spricht
Georg Richard Hackenberger!


von W. K. Schweickert

LP LITERA 8 60 143
Covertext:
Bedenkt man, daß W. K. Schweickert diesen Monolog des Georg Richard Hackenberger bereits im Jahre 1951 schrieb, ist man überrascht von der bestechenden Aktualität und fasziniert von der psychologischen Dichte und politischen Brisanz der Geschichte. 1947 von seiner Frau in eine Heilanstalt eingewiesen, will Hackenberger wissen, ob sein Geisteszustand tatsächlich fragwürdig ist. Über mehr als zwanzig Jahre ist die Aktualität des Monologs ungebrochen. Er könnte heute von einem der tausende Hackenberger gesprochen sein, die in der Zwischenzeit alles taten, ihre Vergangenheit in die Wirklichkeit der Bundesrepublik Deutschland zu integrieren. Hackenberger hatte Macht in jenem Staat der Nazis, und seine Kumpane haben heute die Macht in diesem Staat der Neonazis. Die Lebendigkeit der Geschichte Georg Richard Hackenbergers ist Verdienst des Autors Schweickert, der mit dieser Figur und in diesem Charakter Wesen und Macht des Faschismus in seinen kleinen und mittleren Werkzeugen sichtbar macht. Die überzeugende Aussagekraft der Geschichte Hackenbergers ist zugleich das Verdienst eines unvergeßlichen Künstlers: des Schauspielers Willi A. Kleinau.
In diesem Monolog Hackenbergers offenbart sich die Gestaltungskraft Willi A. Kleinaus. Man kann sich seiner Stimme nicht entziehen, ihrer Plastizität, ihrer Modulationsfähigkeit, diesem Reichtum an Variabilität. Kleinau enthüllt durch seine Gestaltung die Psyche dieses Faschisten – den Schauplatz und die Umstände, unter denen das geschieht, das Geschehen, das Bild liefert er fast nebenbei. Aus der Spannung zwischen anscheinend Nebensächlichem und Wesentlichem entwickelt er eine Biografie, die für diese Typen repräsentativ und zugleich unverwechselbar individuell ist. Man hört nicht nur den flüsternden, schreienden, schmeichelnden, tobenden und dienernden Hackenberger, man sieht ihn vor sich – in seiner Zelle, unbelehrbar, gewillt, das verlorene Spiel von neuem zu beginnen.
Willi A.Kleinau, am 12. November 1907 geboren, wollte schon sehr früh zum Theater. Er hatte Paul Wegner auf der Bühne gesehen, als er kaum fünfzehn Jahre alt war; ein Erlebnis, das sich ihm tief einprägte. Über das Studium der Theaterwissenschaft kam er schließlich zur Bühne – in Düsseldorf, wo sein schauspielerischer Lehrmeister Scharoff war, ein Schüler Stanislawskis vom Moskauer Künstlertheater. Danach spielte Kleinau an den Theatern von Meiningen, Potsdam und Wuppertal und nach dem zweiten Weltkrieg zunächst in Bremen und Hamburg, von wo ihn Brecht nach Berlin holte. Er hatte ihn in einer Aufführung – übrigens der deutschen Erstaufführung – seines Stückes „Herr Puritila und sein Knecht Matti“ gesehen, in der Kleinau den Puntila spielte. Lange Jahre gehörte Kleinau dann zum Ensemble des Deutschen Theaters in Berlin, wo er seine Gestaltungskraft in zahlreichen bedeutenden Rollen entfalten konnte: er spielte den Faust in Langhoffs Inszenierung, den Stadthauptmann in Gogols „Revisor“, den komödiantischen Rülp in Shakespeares „Was ihr wollt“. Unvergeßlich bleibt aber vor allem sein Jegor Bulytschow in Gorkis gleichnamigem Stück und sein Othello. Kaum zu zählen sind die Rollen, die er in DEFA-Filmen übernahm, so u. a. in „Die blauen Schwerter“, im „Rat der Götter“, in „Die Unsichtbaren“, in „Kein Hüsung“, „Das Fräulein von Scuderi“ – große und kleine Rollen. Aber wie groß und wie klein eine Rolle auch war – Kleinau gab immer sein Bestes, um eine Gestalt in ihrer ganzen Vielfalt lebendig werden zu lassen. Und wenn es seine Bühnen- und Filmverpflichtungen erlaubten, dann lieh er ausländischen Kollegen in Filmen, die hier synchronisiert wurden seine Stimme oder er wirkte mit in Hörspielproduktionen. Seine schauspielerische Fähigkeit schien unbegrenzt – unbegrenzt, bis ihn ein Autounfall am Morgen des 18. Oktober 1957 mitten aus der Arbeit, mitten aus dem Leben riß.
Willi A. Kleinau ist nun schon mehr als zehn Jahre nicht mehr unter uns. Aber seine Stimme lebt, lebt in den zahllosen Gestalten, die er in Film und Funk verkörperte. Wie hoch seine schöpferische Kraft geschätzt wurde, macht die zweimalige Auszeichnung mit dem Nationalpreis unseres Staates sinnfällig. Und wird durch die Worte deutlich, die der erste Präsident unseres Staates – Wilhelm Pieck nach Kleinaus Tod sprach: „Willi A. Kleinau hat durch seine hervorragenden realistischen Charakterdartellugen am Deutschen Theater und im Film wesentlich dazu beigetragen, die Beziehungen der werktätigen deutschen Menschen zur darstellenden Kunst zu festigen.“
„Hier spricht Georg Richard Hackenberger“ – Hier entlarvt Kleinau den Faschisten Hackenberger – kraft seiner Stimme und kraft seiner Überzeugung. Diese Kunst eines großen Schauspielers ermöglicht uns Einsichten und Erkenntnisse von hoher Aktualität. Denn noch hat das Brecht-Wort über den Faschismus Gültigkeit: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

D. S.
Sprecher: Willi A. Kleinau

Musikalische Bearbeitung: Hans-Dieter Hosalla