Herr Puntila und sein Knecht Matti

von Bertolt Brecht
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Pauken und Trompeten


von George Farquhar in der Bearbeitung des Berliner Ensembles (Bertolt Brecht, Benno Besson,
Elisabeth Hauptmann)

LP LITERA 8 60 103
Covertext:
„Herr Puntila und sein Knecht Matti“, ein Volksstück, wurde 1940 in Finnland nach den Erzählungen und einem Stückentwurf von Hello Wuolijoki geschrieben, 1948 am Züricher Schauspielhaus uraufgeführt. Die Aufführung des Berliner Ensembles hatte ihre Premiere am 8. November 1949. Regie führten Bertolt Brecht und Erich Engel. Diese Inszenierung liegt unserer Aufnahme aus dem Jahre 1957 zugrunde.

Die Fabel
Herr Puntila ist ein merkwürdiger Mann. In gewisser Hinsicht ist er anders als andere Gutsbesitzer. Er ist sogar ein Mensch, nämlich wenn er besoffen ist. In nüchternem Zustand ist er wie jeder andere Ausbeuter.
Herr Puntila hat auch eine Tochter. Sie heißt Eva. Und er plant, sie mit einem Attache zu verloben. Eva allerdings macht eines Tages die merkwürdige Entdeckung, daß Matti, der Chauffeur ihres Vaters, auch ein Mann ist.
Herr Puntila ist wieder einmal besoffen und braust mit seinem Auto durch die Landschaft. Er ist von der Morgenstimmung im Dorf Kurgela so begeistert, daß er sich gleich viermal verlobt, und zwar mit dem Apothekerfräulein, dem Kuhmädchen, der Telefonistin und der Branntweinemma. Anschließend lädt er sie alle vier auf den Sonntag zum Verlobungsschmaus nach Puntila ein.
Auf Puntila wird die Verlobung des Gutsfräuleins mit dem Attache vorbereitet. Die Mägde putzen, scheuern und backen, kurz, bereiten alles vor zum Empfang der vornehmen Gäste. Dabei flüstern sie sich heimlich zu, daß das Gutsfräulein mit dem Chauffeur Matti in der Badehütte war.
Am Abend vor dem großen Verlobungsfest erscheint Eva bei Matti in der Gutsküche, um mit ihm Krebse zu fangen. Matti aber meint, daß auch ein Chauffeur einmal Feierabend haben muß und lehnt dieses Ansinnen rundweg ab.
Der Sonntag der großen Verlobung bricht an. Die vier Frauen aus Kurgela erscheinen in ihrem Sonntagsstaat, um an dem Fest teilzunehmen. Aber Herr Puntila ist jetzt nüchtern. Er denkt nicht daran, sein Versprechen einzulösen und jagt sie grob vom Hof.
Die Frauen von Kurgela gehen den 9 km langen Weg wieder nach Hause zurück. Sie sind sehr erbittert. Eine stellt dabei fest, daß sie ihr letztes Paar Schuhe durchgelaufen hat.
Bei dem großen Festmahl, auf dem Puntila wieder viel getrunken hat und also anfängt, ein Mensch zu werden, fällt ihm plötzlich auf, daß der Attache ein Mitgiftjäger und Schmarotzer ist. Er jagt ihn mit Fußtritten aus seinem Haus. Nunmehr will er seinen Chauffeur Matti bewegen, sich mit seiner Tochter Eva zu verloben. Matti aber verzichtet und lehnt diesen ehrenvollen Antrag dankend ab.
Wieder nüchtern, entläßt Puntila seinen Chauffeur und beginnt, seinen Alkohol zu vernichten, indem er ihn trinkt. Matti muß mit Puntilas Möbeln den Hatelma-Berg bauen. Puntila besteigt ihn und zeigt Matti die Schönheit der finnischen Landschaft.
Matti wartet nicht die Nüchternheit seines Herrn ab. Er geht vom Hof.

Zur Musik
Die „Ballade vom Förster und der Gräfin“ wurde auf die Melodie einer alten schottischen Ballade geschrieben; „Das Pflaumenlied“ auf eine Volksmelodie.
„Das Puntilalied“ ist von Paul Dessau komponiert. Die Darstellerin der Köchin Laina kommt während der Umbauten mit einem Akkordeonspieler und einem Gitarristen vor den Vorhang und singt nach der jeweiligen Szene die ihr entsprechende Strophe. Dabei absolviert sie Verrichtungen zur Vorbereitung der großen Verlobung wie Bodenfegen, Staubwischen, Teigrühren, Schneeschlagen, Kuchenformeinfetten, Gläserputzen, Kaffeemahlen, Tellertrocknen.

Bertolt Brecht

„Das Puntilalied“, das Brecht für die Berliner Aufführung schrieb, gab mir Gelegenheit, eine leichte, ansprechende Musik zu finden. Ich gab ihr etwas vom Charakter slawischer Volkslieder, da sie tänzerisch sein sollte und unsere östlichen Nachbarn den Tanz von jeher weit mehr als wir pflegen und ihren Tänzen harmonische und rhythmische Feinheiten eher zugänglich sind als unseren. Eine Strophenkomposition hätte bei den acht gleichgebauten Texten zu Gleichförmigkeit geführt. So benutzte ich die Variationsform. Die Gesangsstimme erfährt nur geringe Abänderungen. Die Abänderungen spielen sich in den Instrumenten ab. Zwei sind es, die die ganze Musik bestreiten: Das Akkordeon und die Gitarre. Polyrhythmik und Durchgangsnoten bringen kleine Schärfen mit sich; sie erhöhen hier nicht nur den Reiz der Ausübung, sondern sind dramaturgisch für das Stück unumgänglich.

Paul Dessau


Die Komödie des Iren George Farquhar (1677–1707) wurde unter ihrem Originaltitel „The Recruiting Officer“ (Der Werbeoffizier) anno 1706 im Londoner Drury Lane Theatre zum ersten Male gespielt. Am Berliner Ensemble brachte Benno Besson die Bearbeitung des Stücks am 19. September 1955 zur Aufführung; sie gehörte zum Repertoire der Gastspiele in München, London, Moskau und Leningrad. Die Aufnahme aus dem Jahre 1957 basiert auf dieser Inszenierung.

Die Fabel
Die Handlung führt uns ins England des Jahres 1776, in die Zeit der Kolonialkriege gegen die junge amerikanische Demokratie. Werber König Georgs II., auf der Jagd nach Rekruten, die Ihrer Majestät überseeische Besitzungen „verteidigen“ sollen, kommen auch in das Städtchen Shrewsbury am Severn. Was sich dann in der Komödie an turbulenten Ereignissen begibt, hat Lothar Creutz als Theaterkritiker der „Weltbühne“ folgenderweise beschrieben:

Der Sergeant Barras Kite, obwohl mit allen Hunden gehetzt, hat in Shrewsbury und Umgebung als Heldenklau kaum nennenswerte Erfolge. Die Söhne Englands entgegnen seinen militärischen Verheißungen immer wieder mit kleinmütigen Bedenken, ja mit verstockter Ablehnung; denn es hat sich herumgesprochen, daß die Grenadiere des Guten Königs George in Amerika wie die Fliegen getötet werden. Auch wirkt sich der Anblick von Kriegerwitwen und Invaliden sehr abkühlend auf die Begeisterung der jungen Männer aus. Nur die Honoratioren der Stadt verfolgen die Rekrutierungsaktionen mit Sympathie und Interesse. Mr. Worthy zum Beispiel, der Schuhfabrikant, würde herzlich gern die Stiefel für eine Kompanie Grenadiere liefern; und auch Mr. Balance, der Friedensrichter, weiß, was Shrewsbury dem Vaterland schuldig ist. Von dem Eintreffen Captain Plumes erhofft er sich einen starken Auftrieb der Werbeaktionen in der Stadt; aber seine Tochter Victoria schickt er vorsichtshalber aufs Land, weil er sich von dem Eintreffen Captain Plumes unter anderem auch einen starken Auftrieb des Liebeslebens von Shrewsbury verspricht. Und was das letztere betrifft, irrt er auch keineswegs. Captain Plume widmet sich unmittelbar nach seiner Ankunft energisch den liebeshungrigen Töchtern der Gegend; aber Victoria Balance, die er sich bereits vorgemerkt hatte, ist leider verreist. Allerdings schickt sie ihm durch einen sonderbaren jungen Herrn, der sich Wilful nennt, allerlei läppische Briefchen, die indessen den durchaus nicht platonisch veranlagten Plume nur erbittern. Des weiteren erbittert ihn jener Mr. Wilful, der sich trotz offenkundig geringer Eignung für den Offiziersberuf ein Fähnrichspatent andrehen läßt, mit allerlei moralischen Ermahnungen; ja dieser Fähnrich Wilful, der sichtlich noch nicht einmal trocken hinter den Ohren ist, mischt sich unverschämterweise in die kleinen Liebesaffären des Captains. Als verhinderter Schürzenjäger und Empfänger zärtlicher Briefchen kommt sich Captain Plume nachgerade schon so lächerlich vor wie sein empfindsamer Freund Worthy, der nun schon monatelang von der spröden Melinda Moorhill, einer Freundin der Victoria Balance, an der Nase herumgeführt wird. Es ist nämlich Worthys Pech gewesen, daß Melinda eine kleine Erbschaft gemacht hat und seither an der Position einer bezahlten Mätresse weniger interessiert ist als an der Stellung einer Ehegattin; und als nun Worthy auf Anraten Captain Plumes den Kaltblütigen spielt, bringt ihn Melinda ihrerseits durch eine vorgetäuschte Neigung für den eisenfresserischen Captain Brazen, einen Mitgiftjäger von Beruf, beinahe zur Verzweiflung. Inzwischen ist es auch mit Sergeant Kites Rekrutenwerbung so gut wie nicht vorwärts gegangen. Ganze elf Mann waren einfältig genug, das Handgeld des Königs zu nehmen; und aus Amerika kommen schlechte Nachrichten. Da entschließt sich Richter Balance zum Äußersten. Mittels einer Razzia in den Schenken und Bordellen von Shrewsbury füllt er das Gefängnis, um das derweise ausgehobene Gesindel in die Armee verfrachten zu lassen. Aber siehe da: in den Schenken und Bordellen werden weit mehr Gentlemen – wie der Bankier Mr. Smuggler aus London, wie Fähnrich Wilful und Captain Plume – angetroffen; und so muß denn Mr. Balance die Zwangsrekrutierung anordnen. Aber nicht mehr Captain Plume wird an der Spitze der Kriegsunwilligen von Shrewsbury ins Feld rücken. Denn jener Fähnrich Wilful, der sich fortgesetzt so lästig in die Privatangelegenheiten des Captains eingemischt hat, war natürlich niemand anders als die verkleidete Victoria Balance, deren zielstrebige Werbung um den Captain ihres Herzens denn auch den ersehnten Erfolg hat, als ihr Vater dem unerwünschten Schwiegersohn widerstrebend eine nennenswerte Rente zusichert. So kommt am Ende in den oberen Schichten alles unter einen Hut; gerührt erhebt man die Champagnergläser auf das Gute Alte England, für das man in dem Guten Alten Shrewsbury immer eine Kompanie Grenadiere übrig hat, wenn das Geschäft es befiehlt; und Simpkins, der senile Butler, vergießt eine Freudenträne.

Zitat aus der -Pauken und Trompeten-Rezension vom 12. 10. 1955 mit freundlicher Genehmigung des Verlags der „Weltbühne“ Berlin.
Nachdruck der Anmerkungen zur „Puntila“-Musik aus „Schriften zum Theater“ und „Theaterarbeit“ mit freundlicher Genehmigung des Aufbau-Verlags Berlin und Weimar und des Henschelverlags Kunst und Gesellschaft Berlin.
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HERR PUNTILA UND SEIN KNECHT MATTI

Prolog
Regine Lutz

Das Puntilalied 1.-3. Strophe
Annemarie Hase

Das Leben des Kuhmädchens
Regine Lutz

Das Pflaumenlied
Therese Giehse, Annemarie Schlaebitz, Betty Loewen, Elsa Grube-Deister, Helga Raumer

Das Puntilalied 4.-6. Strophe
Annemarie Hase, Annemarie Schlaebitz

Zwei finnische Erzählungen
Therese Giehse

Das Puntilalied 8. Strophe
Annemarie Hase

Die Ballade vom Förster und der schönen Gräfin
Friedrich Gnass

Die Besteigung des Hatelma-Berges
Puntila: Leonard Steckel
Matti: Erwin Geschonneck

Epilog
Erwin Geschonneck

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Sprecher: Fred Düren

von Bertolt Brecht
Musik: Paul Dessau
Lieder und Szenen aus der Aufführung des Berliner Ensembles

Akkordeon, Heinz Wachter
Gitarre, Erich Bürger
Schlagzeug, Fritz Reuter
Musikalische Leitung: Paul Dessau


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PAUKEN UND TROMPETEN

Prolog
Norbert Christian

Lied der Melinda
Annemarie Schlaebitz

Lied der Victoria
Regine Lutz

Abschiedslied
Lothar Bellag, Elsa Grube-Deister

Lied von der Ausnahme
Friedrich Gnass

Lied der Kompanie
Fred Düren, Regine Lutz

Rekrutenlied
Erich Franz, Gerd Biewer, Fred Düren,
Lothar Bellag, Norbert Christian


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Sprecher: Peter Kalisch

Pauken und Trompeten
von George Farquhar
in der Bearbeitung des Berliner Ensembles (Bertolt Brecht, Benno Besson, Elisabeth Hauptmann)
Musik: Rudolf Wagner-Regeny
Lieder und Szenen aus der Aufführung des Berliner Ensembles

Mitglieder des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters Berlin
Klavier, Felix Schröder
Musikalische Leitung: Rudolf Wagner-Regeny