Huckleberry Finn

von Mark Twain

LP LITERA 8 60 099
Covertext:
Lieber Tom!
Da staunste, was? Das hättste nicht von mir gedacht, daß ich mal ganz freiwillig einen Brief an Dich schreib? Ich hab mirs auch nicht träumen lassen. Aber seit Du weg bist von hier, hamses beinahe geschafft! mich zu ’nem anständigen Menschen zu machen. Anfangs bin ich ja noch ’n paar mal ausgekratzt, aber ohne Dich machts keinen Spaß mehr. Und so wohn ich jetzt in ’nem Haus und schlaf in ’nem richtigen Bett, und das Hemd und die Hose, die ich anhab, sind auch ganz sauber. Kurz, ich führ mich ordentlich auf. (Was nicht ganz leicht istl wie Du zugeben wirst.) In die Schule braucht ich aber nicht mehr zu gehn. Sie haben eingesehn, daß meine Beine zu lang geworden sind, um sie noch unter die Bank zu kriegen. Aber lernen mußt ich. Das wollt der Richter Thatcher so. Zuerst hab ichs ja nicht einsehn wollen, aber allmählich merkt ich, daß ichs aushalten würde. Manchmal macht mirs sogar schon Spaß. Und was glaubste: Ich les jetzt schon eine ganze Seite ohne steckenzubleiben und schreib so, daß ichs nachher selber lesen kann. Das Einmaleins weiß ich sogar schon weiter als sechs mal sieben ist fünfunddreißig. Aber aus Mathematik mach ich mir noch immer nichts.

Denkste eigentlich manchmal noch an mich? Neulich war ich bei Jim. Da haben wir von den alten Zeiten gesprochen und von Dir. Ich mußt so lachen, als wir daran dachten, wie wir beide, Du und ich, Jim befreit haben. Gott, war das lustig, wie all die Tiere nach Jims Musik losschwärmten und um ihn rumtanzten! Weißtes noch? Und wie wir an Onkel Silas die annunühmen Briefe geschrieben haben! Ich hab noch nie ’ne Familie gesehn, die so aufgeregt war wie die Phelps. Dann haben wir an unsre Fahrt mit dem Floß gedacht und an den letzten König von Frankreich und den Herzog Bridgewater, die beiden Halunken. Und auch an die Mary Jane hab ich denken müssen. (Vielleicht haste sie schon mal getroffen? Sie hat rote Haare und wohnt in Sheffield in England.) Gott, war das damals ’ne Aufregung mit dem Geld von dem verstorbenen Peter Wilks!

Wie wir nun so dasaßen und erzählten, da meinte Jim auf einmal, ich würd ziemlich viel flunkern. Ich hab noch niemand gesehn, der nicht ab und zu mal gelogen hat, außer Tante Polly – Deine Tante Polly mein ich – oder der Witwe Douglas oder Mary Jane. Verstehste, daß es mich da wurmt wenn einem ’n paar Flunkereien vorgehalten werden?

Und wie ich so vor mich hinbrüte, da kommt mir plötzlich eine ldee. Wegen der schreib ich Dir, denn vielleicht kannste mir helfen.

Weißte, was ’n Phonograph ist?

Ich weiß es allerdings auch nicht ganz genau aber ich hab gehört, daß das ’n Ding ist, dem man was erzählen kann, und das Ding, es heißt wie gesagt Phonograph, erzählt es einem dann ganz genau Wort für Wort noch einmal. Der Mann, der es erfunden hat, ist ein Landsmann von uns und soll Edison oder so ähnlich heißen. Vielleicht isses auch bloß ’ne Flunkerei, was sehr schade wäre. Nun zu meiner ldee. Wie wärs, wenn wir den Mann mit seinem Phonographen mal besuchten. Du müßtet bloß rauskriegen, obs stimmt mit seiner Erfindung und wo er wohnt. Wir gehn dann zu ihm hin und sagen ihm, daß wir was Wichtiges für seinen Phonographen zum Wiedererzählen haben, und dann erzählen wir dem Ding alle unsere Abenteuer und nehmen es mit zu uns nach Haus. Wenn Jim dann, noch mal behauptet, daß ich flunkere, dann lassen wir einfach den Phonographen reden, und wenn der flunkert, dann können wir ja nichts dafür. Nun, was meinste dazu?

Mehr hab ich nicht zu schreiben, und ich bin auch sehr froh darüber. Denn wenn ich gewußt hätt, was es für ’ne Mühe macht, ’n Brief zu schreiben, dann hätt ich so was gar nicht erst angefangen.
Ich wills auch sobald nicht wieder tun.

Viele Grüße von Deinem
Huck Finn

P. S. Alle lassen herzlich grüßen. Besonders Richter Thatcher, Jim, Tante Polly, Sid und der Mississippi.

Nochmal P. S. Erkundige Dich unbedingt wegen des Phonographs und schreib mir bald!!! Ich kanns ja selber lesen.

Dein Huck
Erzähler: Gerry Wolff
Huckleberry Finn: Wolfgang Ostberg
Jim: Dieter Wien
Tom Sawyer: Hans-Edgar Stecher
Witwe Douglas: Ruth Kommerell
Vater Finn: Willi Narloch
Herzog: Hans-Joachim Hanisch
König: Heinz Scholz
Frau: Helga Raumer
John: Fritz Decho
Parker: Joachim Tomaschewsky
junger Mann: Horst Torka
Dr. Robinson: Horst Preusker
Mary Jane: Waltraud Kramm
Thomas: Harald Popig
Mrs. Phelps: Lotte Löbinger
Mr. Phelps: Walter Richter-Reinick
Doktor: Kurt Böwe
Männerstimmen: Alexander Leuschen, Fritz Mohr,
Peter Höffner, Ernst Hempel, Georg Helge


von Mark Twain
Schallplattenbearbeitung: Dieter Scharfenberg

Musik: Dieter Rumstieg
Gitarre: Dieter Rumstig

Regieassistenz: Manfred Täubert
Regie: Theodor Papp