Ich, Bertolt Brecht
Gedichte, Balladen, Loblieder

von Bertolt Brecht
LP LITERA 8 60 187
Covertext:
Brecht über Kunst, Politik und Gesellschaft
Nach meiner Meinung ist es sicher, daß der Sozialismus, und zwar der revolutionäre, das Gesicht unseres Landes noch zu unseren Lebzeiten verändern wird. Unser Leben wird mit Kämpfen gerade dieser Art ausgefüllt werden.
1926

Thesen für proletarische Literatur
Kämpfe, indem du schreibst! Zeige, daß du kämpfst! Kräftiger Realismus! Die Realität ist auf deiner Seite, sei du auf ihrer! Laß das Leben sprechen! Vergewaltige es nicht! Wisse, daß es die Bürgerlichen nicht sprechen lassen! Du aber darfst es. Du mußt es. Such dir die Punkte aus, wo die Realität weggelogen, weggeschoben, weggeschminkt wird. Kratze die Schminke an! Widersprich, statt zu monologisieren! Erwecke Widerspruch! Deine Argumente sind der lebendige praktische und praktizierte Mensch und sein Leben, wie es ist. Sei unerschrocken, es gilt die Wahrheit! Wenn du recht hast mit deinen Folgerungen und Vorschlägen, dann, dann mußt du den Widerspruch der Realität vertragen können, die Schwierigkeiten in ihrer furchtbaren Gesamtheit erforschen, sie in aller Öffentlichkeit behandeln. Tue alles, um die Sache deiner Klasse vorwärtszubringen, die die Sache der ganzen Menschheit ist, aber laß nichts aus, weil es zu deinen Folgerungen, Vorschlägen und – Hoffnungen nicht paßt, verzichte lieber auf eine solche Folgerung in einem speziellen Fall als auf eine Wahrheit; aber auch in diesem Fall bestehe darauf, daß die Schwierigkeit, die du in ihrer ganzen Furchtbarkeit zeigst, überwunden wird. Nicht du allein kämpfst, auch dein Leser kämpft mit dir, wenn du ihn zum Kampf begeisterst. Nicht du allein findest Lösungen, auch er findet solche.
Um 1940

Das Formale eher geringgeschätzt
Da ich auf meinem Gebiete ein Neuerer bin, schreien immer wieder einige, ich sei ein Formalist. Sie finden die alten Formen nicht in meinen Arbeiten, schlimmer, sie finden neue, und da meinen sie, es sind die Formen, die mich interessieren. Aber ich habe herausgefunden, daß ich das Formale ehergering schätze. Ich habe die alten Formen der Lyrik, der Erzählung, der Dramatik und des Theaters zu verschiedenen Zeiten studiert und sie nur aufgegeben, wenn sie dem, was ich sagen wollte, im Weg standen. Beinahe auf jedem Feld habe ich konventionell begonnen. In der Lyrik habe ich mit Liedern zur Gitarre angefangen und die Verse zugleich mit der Musik entworfen. Die Ballade war eine uralte Form, und zu meiner Zeit schrieb niemand mehr Balladen, der etwas auf sich hielt. Später bin ich in der Lyrik zu anderen Formen übergegangen, weniger alten, aber ich bin mitunter zurückgekehrt und habe sogar Kopien alter Meister gemacht, Villon und Kipling übertragen. Der Song, der nach dem Krieg wie ein Volkslied der großen Städte auf diesen Kontinent kam, hatte, als ich mich seiner bediente, schon eine konventionelle Form. Ich ging aus von dieser und durchbrach sie später. Aber die Massenlieder enthalten formale Elemente dieser faulen, gefühlsseligen und eitlen Form. Ich schrieb dann reimlose Verse mit unregelmäßigen Rhythmen. Ich glaube, ich wandte sie zuerst im Drama an.
Jedoch gibt es ein paar Gedichte aus der Hauspostillenzeit, die Elemente dazu zeigen, die Psalmen, die ich zur Gitarre sang. Sonett und Epigramm übernahm ich als Formen, wie sie waren. Eigentlich benutzte ich nur die mir zu gekünstelt erscheinenden Formen der antiken Lyrik nicht.
1938

Wir müssen nicht nur Spiegel sein
„Denken wir immer daran, die Entpersönlichung ist ein Zeichen der Kraft. Wir müssen den Gegenstand in uns aufnehmen, er muß in uns kreisen und wieder aus uns herausgehen, ohne daß man diese wunderbare Verwandlung begreifen kann. Unser Herz darf nur die Herzen der anderen fühlen. Wir müssen Spiegel sein, die die Wahrheit außer uns reflektieren.“
Flaubert

Wir müssen nicht nur Spiegel sein, welche die Wahrheit außer uns reflektieren. Wenn wir den Gegenstand in uns aufgenommen haben, muß etwas von uns dazukommen, bevor er wieder aus uns herausgeht, nämlich Kritik, gute und schlechte, welche der Gegenstand vom Standpunkt der Gesellschaft aus erfahren muß. So daß, was aus uns herausgeht, durchaus Persönliches enthält, freilich von der zwiespältigen Art, die dadurch entsteht, daß wir uns auf den Standpunkt der Gesellschaft stellen.
50er Jahre

Wir sollten nicht mehr lange so schreiben, daß man zwar unsern Standpunkt, den sozialistischen, erkennt, aber nicht gezwungen ist, sich dafür und dagegen zu entscheiden.

Es handelt sich nicht darum, „den Dichter kennen zu lernen“, sondern die Welt und jene, mit denen zusammen er sie zu genießen und zu verändern sucht. 1950

Wenn wir uns die neue Welt künstlerisch und praktisch aneignen wollen, müssen wir neue Kunstmittel schaffen und die alten umbauen. Die Kunstmittel Kleists, Goethes und Schillers müssen heute studiert werden, sie reichen aber nicht mehr aus, wenn wir das Neue darstellen wollen. Den unaufhörlichen Experimenten der revolutionären Partei, die unser Land umgestalten und neugestalten, müssen Experimente der Kunst entsprechen, kühn wie diese und notwendig wie diese. Experimente ablehnen, heißt, sich mit dem Erreichten begnügen, das heißt zurückbleiben.

Wir schreiben unter neuen Bedingungen. Die sozialistische und realistische Schreibweise, die wir als Sozialisten und Realisten für unsere neuen Leser, Erbauer einer neuen Welt, entwickeln, kann, wie wir sahen, für den großen Kampf in vielfacher Weise dichterisch ausgebaut werden, nach meiner Meinung besonders durch das Studium der materialistischen Dialektik und das Studium der Weisheit des Volkes. Bauen wir doch unseren Staat nicht für die Statistik, sondern für die Geschichte, und was sind Staaten ohne die Weisheit des Volkes!
1956

Das ganze Leben kämpfen die Menschen im Kapitalismus um ihre Existenz – gegeneinander. Die Eltern kämpfen um die Kinder, die Kinder um das Erbe, der kleine Händler kämpft um seinen Laden mit dem andern kleinen Händler, und alle kämpfen sie mit dem großen Händler. Der Bauer kämpft mit dem Städter, die Schüler kämpfen mit dem Lehrer, das Volk kämpft mit den Behörden, die Fabriken kämpfen mit den Banken, die Konzerne kämpfen mit den Konzernen: Wie sollten da am Ende nicht die Völker mit den Völkern kämpfen!
Die Völker, die sich eine sozialistische Wirtschaft erkämpft haben, haben eine wunderbare Position bezogen, was den Frieden betrifft. Die Impulse der Menschen werden friedlich. Der Kampf aller gegen alle verwandelt sich in den Kampf aller für alle. Wer der Gesellschaft nützt, nützt sich selbst. Wer sich selbst nützt, nützt der Gesellschaft. Gut haben es die Nützlichen, nicht mehr die Schädlichen. Der Fortschritt hört auf, ein Vorsprung zu sein, und die Erkenntnisse werden niemandem mehr verheimlicht, sondern allen zugänglich gemacht. Die neuen Erfindungen können mit Freude und Hoffnung empfangen werden, anstatt mit Entsetzen und Furcht.
Der Friedenswunsch der einfachen Menschen allüberall ist tief. In den intellektuellen Berufen kämpfen viele, auch in kapitalistischen Staaten, mit verschiedenen Graden des Wissens für den Frieden. Aber es sind die Arbeiter und Bauern in ihren eigenen Staaten und in den Staaten des Kapitalismus, auf denen unsere beste Hoffnung für Frieden beruht.
1955

Texte: Bertolt Brecht
Über Lyrik Schriften zur Literatur und Kunst
Schriften zur Politik und Gesellschaft
Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1964, 1966, 1968
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Auf einen chinesischen Theewurzellöwen (1951)
HilmarThate

Von der Freundlichkeit der Welt (um 1920)
Musik: Hanns Eisler
Ernst Busch

Gegenlied zu ,Von der Freundlichkeit der Welt‘ (um 1955)
Ernst Busch

Vom armen B.B. (1922)
Helene Weigel

Von den verführten Mädchen (1920)
Musik: BertoltBrecht
Ernst Busch

Ballade von der Hanna Cash (1921)
Musik: Hans-Dieter Hosalla
Hilmar Thate

O Falladah, die du hangest! (1919)
(Ein Pferd klagt an)
Musik: Hanns Eisler
Ernst Busch

Wiegenlieder einer proletarischen Mutter (1932)
Als ich dich gebar
Als ich dich in meinem Leib trug
Ich hab dich ausgetragen
Mein Sohn, was immer auch aus dir werde
Musik: Hanns Eisler
Gisela May

Deutschland (1933)
Helene Weigel

Das Lied vom SA-Mann (1931)
Musik: Hanns Eisler
Ernst Busch

Besuch bei den verbannten Dichtern (1935)
Ekkehard Schall


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Deutsches Miserere (1943)
Musik: Hanns Eisler
Hilmar Thate

Das Lied von der Moldau (1943)
Musik: Hanns Eisler
Gisela May

An die Nachgeborenen (1938)
Helene Weigel

Lied für alle, die verzagen wollen (1931)
(Im Gefängnis zu singen)
Musik: Hanns Eisler
Hilmar Thate

Lob des Zweifels (um 1938)
Ekkehard Schall

Lob des Revolutionärs (1931)
Musik: Hanns Eisler
Hilmar Thate

An meine Landsleute (1949)
Helene Weigel

Zukunftslied (1948)
Musik: Paul Dessau
Hilmar Thate

Lob des Kommunismus (1931)
Musik: Hanns Eisler
Gisela May

Das Brot des Volkes (um 1953)
Ekkehard Schall

Solidaritätslied (1931)
Musik: Hanns Eisler
Ernst Busch

Wahrnehmung (1949)
Hilmar Thate

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von Bertolt Brecht
Vertont von Brecht, Dessau, Eisler, Hosalla
Ausgewählt und zusammengestellt von Joachim Tenschert

Für diese Schallplatte wurden Aufnahmen verwendet, die in den letzten Jahren bei ETERNA und LITERA, VEB DEUTSCHE SCHALLPLATTEN BERLIN DDR, erschienen sind.

ERNST BUSCH hat seine Lieder 1965 aufgenommen, für „Das Lied vom SA-Mann“ ist eine historische Aufnahme verwendet worden. Musikalische Begleitung Adolf Fritz Guhl und unter seiner Leitung eine Instrumentalgruppe, der Rundfunk-Chor Berlin und das Rundfunk-Sinfonie-Orchester Berlin; Gitarre Werner Pauli.

GISELA MAY hat die Lieder Hanns Eislers unter Anleitung des Komponisten gearbeitet; sie wurden 1966 aufgenommen. Musikalische Leitung Henry Krtschil; Klavier Walter Olbertz, Siegfried Stöckigt. „Lob des Kommunismus“ wurde 1961 aufgenommen; musikalische Begleitung eine Instrumentalgruppe unter Adolf Fritz Guhl.

Die Aufnahmen von HELENE WEIGEL stammen aus dem Jahre 1963; das Gedicht „An meine Landsleute“ gehört zu einer Reihe von historischen Aufnahmen, die unter der Regie von Bertolt Brecht entstanden sind.

Die Aufnahmen von EKKEHARD SCHALL enstanden 1966, die von HILMAR THATE 1968 unter der Regie von Manfred Wekwerth und Joachim Tenschert. Musikalische Leitung Hans-Dieter Hosalla; Klavier Henry Krischil, Karl-Heinz Nehring; das Orchester des Berliner Ensembles.