Pablo Neruda
Ich geh an die Tür, Dornen zu empfangen
Eine Collage
LP LITERA 8 65 378
Covertext:
„In unserem unruhigen und zerklüfteten Leben tritt manchmal ein Mensch auf, der wie ein Bürge lichterer, klarer Zukunft erscheint. Er vereint in sich zu einer kompakten Einheit die Fähigkeiten, die man sonst höchstens getrennt und verkapselt in vereinzelten Menschen findet. Neruda ist gleichzeitig klug und gütig, er ist voll Spottlust, aber nie zynisch, er liebt das Leben und ist bereit, es hinzugeben, wenn es verlangt wird. Kein Wunder, daß seine Mitmenschen sich um drängen, wie die Hungrigen um einen gedeckten Tisch oder die Frierenden um einen warmen Ofen …
Als Madrid bombardiert war, bewirtete er als Konsul von Chile zusammen mit seiner Frau Delia die republikanischen Gäste. Es war chilenischer Wein und republikanisches Brot, es war das Brot der Freundschaft und der Wein der Solidarität. Als er Spanien verlassen mußte, da wurde sein Abschied quer durch Westeuropa ein unerschöpfliches Hilfswerk für alle Flüchtlinge. Er ging als Konsul nach Mexiko. Kaum war das Dach über seinem Kopf, da wurde sein Heim ein kleiner Kosmos aus Steinen, Korallen und Schmetterlingen, aus Büchern und Bildern und Göttern aus Holz und Terrakotta, als hätten sie sich wie seine Gedichte durch seine Einbildungskraft verwirklicht. Und dieser Kosmos, heiter und farbig, wurde so sehr ein Heim für die Heimatlosen, ein Ruhepunkt für die Ruhelosen, daß keiner der Gäste recht ahnt, wie schon beim Errichten der Mauern der Hausherr auf Abbruch eingestellt war.
Denn Pablo Neruda zog es heim. Er hatte einen großen Teil seines Lebens als Staatsbeamter in vielen Ländern verbracht, in Indien und in Holland, in Spanien und in Frankreich und in Mexiko. Er, der den fremden Völkern so nahe wie möglich gekommen war, er sehnte sich, seinem eigenem Volk so nahe wie möglich zu kommen, in seiner künstlerischen und seiner politischen Arbeit … Neruda sehnte sich nach seinem Volk und seiner Landschaft.

Anna Seghers (1949)


„Zum erstenmal las ich Gedichte von ihm vor etwa fünfunddreißig Jahren … Neruda war schon berühmt, aber kaum außerhalb der spanischsprechenden Welt … Nach dem Krieg begegneten wir einander an vielen Orten, er lud mich in sein Haus ein, manchmal wohnte er in dem meinen.
Ich bin hier, um zu bezeugen, was Tausende bezeugen könnten: daß dieser großartige, dieser einzigartige Verfasser dunkler, rätselhafter und durchaus verständlicher Verse, Sohn eines Eisenbahners, Diplomat, Illegaler, Flüchtling, Parlamentsmitglied, ein Mann mit einer Vorliebe für seltene, einfache und raffinierte Dinge, seinen Ursprüngen treu blieb. Er war ein Mann des Volkes. In einem seiner Gedichte legt er den Arm um die Hüfte dieser langen schmalen Küste, die Chile heißt. Er blieb immer bei den armen Leuten.

Ihr werdet nicht immer in diesen Lumpen gehen,
ihr werdet nicht mehr diese Tage haben ohne Brot,
ihr werdet sein, als wäret ihr wirklich des Vaterlands Kinder.
Von nun an wollen wir die Schönheit miteinander teilen.

Um diese Verse zu widerlegen, wird ein Volk massakriert und stirbt sein Dichter mit ihm. Aber mögen sie soviele Bücher verbrennen wie sie wollen, sie werden nicht imstande sein, dies auszulöschen:

So war es. Und so wird es sein. Auf kalkige
Bergketten und an die Ränder
des Rauchs, in den Betrieben
ist an die Wand eine Botschaft geschrieben,
und nur das Volk kann sie lesen.
Ihre transparenten Lettern erwuchsen
aus Schweiß und Schweigen.

Sie zerstörten sein blaues Haus, das voll war von Kristallen und Muscheln, und ließen den Toten zwischen den Ruinen. Dennoch bedeutet der Gedanke an Nerudas Tod für mich Trost, denn ich kann sehen, wie Neruda sterbend Demütigung und Gemeinheit entkam.

Kehre zurück, vertriebener Friede, gerecht
verteiltes Brot, du Morgenröte, Zauber
irdischer Liebe, gegründet
auf den vier Winden des Planeten.

Denken wir nach über das, was wir Pablo Nerudas Gedächtnis schulden und auf welche Weise wir einem armen und stolzen Volk helfen können, Freiheit und Würde wiederzugewinnen“

Stephan Hermlin (1973)


„Da in Wahrheit das Volk die Geschichte macht, da es in Wahrheit auf die Natur einwirkt, obwohl es ihre Früchte nicht empfängt, und da es in Wahrheit das Wort Schmerz und das Wort Befreiung schreibt, kann sich der Dichter nicht darauf beschränken, diese Botschaft insofern anzunehmen, daß er das Brot mit dem Volk teilt, daß er sich dessen Standpunkt zu eigen macht; es öffnen sich ihm auch die geheimen Fenster des Natürlichen, und eine Welt von Vögeln überbringt ihm Botschaften … An der Küste Chiles – sagt uns Neruda – ist es gut, zu wissen, daß auch künftig Vögel Briefe bringen und sie von Keller zu Keller, vom Bergwerk zum Ackerfeld, in die Fabrik, von der Schule in die Stadtrandsiedlung trage, Briefe, die das Volk abschickt und empfängt, Briefe, die die Usurpatoren nicht lesen können, weil sie trotz all ihrer Macht für die Realität blind und taub und stumm sind, und es ist gut, zu wissen, daß eben jetzt das nächste Kapital des ,Großen Gesangs‘ geschaffen wird. Neruda konnte es nicht mehr vorlegen, aber er schreibt – auch wenn es heißt, er sei gestorben – tief im Innern unseres Schweigens und unseres Blutes weiter.“

Ariel Dorfman (1976)


„Bei keinem anderen Dichter der Weltliteratur, den ich kenne, bin ich so sehr versucht, die Poesie als eine besondere sprachliche Aktivität eines dichterischen Ideals aufzunehmen, wie bei Pablo Neruda … Die Wurzel wird symbolisch als Ausdruck der Männlichkeit empfunden, bleibt für den Beischlaf gerüstet. Versunken in die Kontemplation der Erde, geschlagen in den Bannkreis von Werden und Vergehen, geschult an allen Tönen und Farben des Universums, an Weltoffenheit, Weisheit und Fabulierfreude, ist Nerudas Phantasie mir Beispiel eines lebensnotwendigen Aufenthalts auf Erden; letztendlich auch Vorbild für Mut und Ruf zum Kampf für dieses Dasein … Zu Neruda gelangte ich auf Umwegen, die sich als abenteuerlich erwiesen; er wurde mir nicht empfohlen, wie sich auch alle Anstrengungen, ihn schulpraktisch zu nutzen und ihn zur Pflichtlektüre zu machen, als untauglich erwiesen. Wir sollten uns beeilen, auf unserem von zwiespältigen Volkstümlichkelten überzogenen Kontinent die Dichtung des großen und tapferen Chilenen als Bestandsaufnahme des Herkömmlichen im Außergewöhnlichen zu entdecken. Sie ermöglicht Wohlbefinden in der Weltanschauung, verlangt zugleich aber risikovolle Unsicherheit und die Ausdauer menschlicher Faszination. Im technischen Zeitalter vollzieht sich in Nerudas Dichtung auch ein Zuwachs an Vertrauen zu allem Menschlichen und Natürlichen … Ich glaube ganz bestimmt, daß man Pablo Neruda nicht lesen kann, ohne selbst zu dem Blatt zu werden, das da treibt und zur Erde zurückkehrt; daß man, ihn begreifend über jene Löffel verfügt, die für die Unendlichkeit reichen. Er entwirft dem Maß seinen Maßstab, dem Gegenstand seine Gegenständlichkeit und gesteht der Natur nicht bedenkenlos zu, daß sie immer recht hat; schließt aber auch nicht aus, daß im Umgang mit ihr der Irrtum auf Seiten der Menschen liegen kann … und ich erkenne immer wieder, daß meine Begegnung mit Nerudas Dichtung für mich lebensnotwendig ist …“

Walter Werner (1981)
Sprecher: Kurt Böwe

Manuskript: Hans Bräunlich/Leni López
Komposition und musikalische Leitung: Jürgen Ecke
Jürgen Ecke (syn, p)
Manfred Hering (as)
Klaus Koch (b)
Hermann Naehring (perc, dr)
Manfred Rupp (Synthesizer-Programmierung, syn)
Otto Rühlemann (pan-fl)
Zitat aus „Der Messias“
von Georg Friedrich Händel,
elektronisch bearbeitet.
Künstlerische Mitarbeit: Leni López
Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Schnitt: Bärbel Hintze
Regie: Fritz Göhler

Neruda-Originalrechte mit freundlicher Genehmigung von
Carmen Balcells, Agencia Literaria, Barcelona.
Der Collage liegen folgende Werkausgaben zugrunde:

EXTRAVAGANZENBREVIER
Nachdichtung: Erich und Katja Arendt
© Verlag Volk und Welt, Berlin.

MEMORIAL VON ISLA NEGRA
Nachdichtung: Erich Arendt
© Verlag Volk und Welt

ELEMENTARE ODEN
Nachdichtung: Erich Arendt
© Verlag Volk und Welt

DICHTUNGEN
Nachdichtung: Erich Arendt/
Gerda Schattenberg-Rincón
© Verlag Volk und Welt

AUFENTHALT AUF ERDEN UND FRÜHE GEDICHTE
Nachdichtung: Erich Arendt;
Stephan Hermlin
© Verlag Volk und Welt

ICH BEKENNE, ICH HABE GELEBT
Übersetzung: Curt Meyer-Clason
© Hermann Luchterhand Verlag
Neuwied und Darmstadt
Erschienen bei Volk und Welt

DENN, GEBOREN ZU WERDEN
Übersetzung: Anneliese Botond
© Hermann Luchterhand Verlag
Erschienen bei Volk und Welt

LETZTE GEDICHTE
Nachdichtung: Fritz Vogelsang
© Hermann Luchterhand Verlag

DICHTUNGEN 1919–1965
Nachdichtung: Erich Arendt
© Hermann Luchterhand Verlag

Quellennachweis zum Taschentext:
Anna Seghers, Über Kunst und Wirklichkeit,
Akademie-Verlag, Berlin, 1971

Stephan Hermlin, Äußerungen 1944–1982,
Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, 1983

Ariel Dorfmann (in der deutschen
Übersetzung von Jochen Martin),
Odipus zwischen den Bäumen,
Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, 1982

Walter Werner, Die glücklichen Verwandlungen
(Rundfunkvortrag, veröffentlicht in
Das unbestechliche Gedächtnis,
Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1984)