Im Banne einer blassen Stunde
LP LITERA 8 65 153
Covertext:
Im Banne einer blassen Stunde. Eine vergnügliche Reise nach Trivialien. Ob wir uns die von Gisela Mag vorgetragene Moritat der Friederike Kempner vom traurigen Los des alten Invaliden anhören, ob wir uns mit Fred Düren und Elsa Grube-Deister in die Schweizer Bergwelt der „Mimili“ des Heinrich Clauren oder in ein Künstleratelier begeben, wie es sich Hedwig Courths-Mahler vorstellte; ob wir uns von Wolf Kaiser zu Athalarichs Kahnfahrt mit Kamilla (Felix Dahn) einladen lassen oder mit Ruth Glöss auf den Spuren der Felicitas Rose und ihres Heideschulmeisters Uwe Karsten wandern; jedesmal finden wir uns in die bunt übertünchte Kulissenwelt des Kitsches versetzt.

Nichts als Schablonen und Klischees gibt es in dieser Literatur. Dazu ein ständiger Uberschwang an geborgten Gefühlen, manchmal lyrisch, säuselnd, manchmal mit edel-biederem Pathos einherschreitend. Diese Literatur täuscht eine Scheinwelt vor und nährt Illusionen über eine angebliche „soziale Harmonie“ in der Klassengesellschaft.

Warum nun unser Ausflug in das Reich der Courths-Mahler, ihrer Ahnen und ihrer Enkel? Einmal des Spaßes wegen. Humor gibt es zwar in dieser Literatur nicht, aber dafür häufig ungewollte Komik. Wir können gelassen auf die Courths-Mahler und ihre literarische Sippschaft zurückblicken und haben dabei gut lachen. Zwar blüht auch auf unserer Literaturwiese noch so manche Papierblume, aber der Serienproduktion von Kitsch ist bei uns der soziale Boden entzogen. Das macht den Rückblick doppelt vergnüglich.

Zum anderen: aus dieser Literatur läßt sich auch etwas lernen. Brecht, der sich sehr für unsere Schullesebucher interessierte, schrieb einmal: „Im Lehrplan fehlen die abschreckenden Beispiele. Weder politische noch geschmackliche Urteile können gebildet werden nur am Guten. Weshalb nicht Tolstoischer Prosa Ganghofersche gegenüberstellen? Wo bleibt der ,Trompeter an der Katzbach‘ als Beispiel von Chauvinismus.“

Dieser Gedanke gilt, abgewandelt, auch für unser Unternehmen. Hier haben wir schlechte Beispiele, die zur Förderung guter Sitten zur Bildung politischer und geschmacklicher Urteile beitragen können. So möge diese Reise nach Trivialien, zu der Hans-Dieter Hosalla eine reizend-aufreizende Musik schrieb und Kurt Tucholsky ein paar passende Worte sagt, sowohl Vergnügen bereiten als auch Erkenntnis bieten. Was eigentlich kann man mehr erwarten?

Günther Cwojdrak
Sprecher: Ruth Glöss, Elsa Grube-Deister, Gisela May, Regine Toelg, Fred Düren, Wolf Kaiser, Dieter Knaup

Gesang: Gisela May, Fred Düren

Ausgewählte Beiträge von Heinrich Clauren, Hedwig Courths-Mahler, Felix Dahn, Nataly von Eschstruth, Friederike Kempner, Marie Nathusius, Felicitas Rose, Kurt Tucholsky, Ernst von Wildenbruch, Karl Zettel

Ausgewählt und zusammengestellt von Günther Cwojdrak

Musik: Hans-Dieter Hosalla
Instrumentalgruppe
Leitung: Hans-Dieter Hosalla
Regie: Renate Thormelen