In eigener Lache
20 Jahre Berliner Kabarett am Bahnhof Friedrichstraße

LP LITERA 8 65 216
Covertext:
Otto Stark
Als er einst als junger Schauspieleleve in Untermiete stundenlang Sprechübungen folgenden sinnigen Inhalts machte: „Trotz träufelnder Tranen, trägem Trumtrum, trauter Trommeln ...“ usw., kam seine alte Wirtin ins Zimmer geschlurft und fragte: „Ottolein – davon willst Du später mal leben ...?“ Nun, er hat’s „damit“ weit gebracht, denn er ist der Chef der Distel und als solcher sehr vielseitig: Er ist nicht nur Direktor, Regisseur und Kabarettist, mitunter ist er auch Chef-Fahrer (immer dann, wenn der alte Kraftfahrer gekündigt hat und ein neuer noch nicht irgendwo abgeworben werden konnte). Von Geburt und Gemüt ist Stark Wiener und hat’s deshalb nicht leicht unter uns Preußen. Mitunter haben’s auch wir Preußen nicht leicht unter der Wiener Vorherrschaft. Zeitweilig war er auch Engländer (als Emigrant) und Sachse (als Mitglied des Dresdener Staatstheaters und Begründer des Kabaretts „Die Herkuleskeule“). Seit 1960 ist er Kabarettist und seit 1968 Direktor der Distel. Seine Lieblingsrollen: König Lear, Hamlet, Karl Eduard von Schnitzler und Rolf Herricht. Otto Stark ist Vertreter der harten politischen Satire – aber so, daß man’s nicht merkt. Seine Devise: „Was man nicht mehr sagen kann – wird gesungen. Was gesungen immer noch zu hart klingt – wird vertanzt.“

Ilse Maybrid
ist die „Miss Bewog“ der Distel – immer energiegeladen und voll Hochspannung, verausgabt sie sich zu jeder Vorstellung mit jedem Gramm ihrer 86 Pfund. Sie widerspricht auf Proben mitunter ihrem Mann Otto Stark. Aber ihr Mann widerspricht nie ihr. Womit die Familienverhältnisse geklärt wären. In ihrer Freizeit kümmert sie sich um Mann, Kind, Mutter, Tante und die pensionierte Distel-Maus, die eigentlich ein Hamster ist und auf den Namen „Emma“ hört (oder nicht hört) Außerdem kümmert sie sich um das Büro und sorgt dafür daß es neue Gardinen und Tassen kriegt. Sie hat sämtliche Illustrierten und Modejournale der DDR abonniert und ist trotzdem schick angezogen.

Karl-Heinz Oppel
Er spielt meist die Intellektuellen, weil er so aussieht, und die Berufserotiker, weil er ... naja, mit dem griechischrömischen Profil, teils Udo – teils Curd Jürgen ... (tiefer Seufzer!) Karl-Heinz ist siebenund ... zig, glaubt aber, er sähe aus wie sechsund ... zig. Sein leichter, aber gekonnter S-Fehler ist keine kabarettistische Masche, sondern echte, unverfälschte Naturbegabung. Um sie der Nachwelt zu erhalten, macht er viel Synchron. Karl-Heinz könnte auch, wenn er wollte, unter Karajan Beethovens Klavierkonzerte und so zum Besten geben. Da er die aber zu wenig lustig findet, ist ihm Kabarett doch lieber. Sportlich ist er völlig inaktiv. Dafür ist sein Hund Boxer.

Hanna Donner
Wenn in der S-Bahn zwischen Friedrichstraße und Schöneweide ein herrenloser Knirps herumliegt, dann gehört er Hanna Donner. Wenn Sie um Auskunft nach irgendeiner Straße fragen und man schickt Sie links um die Ecke, und die Straße lag dann rechts um die Ecke – aber in einem ganz anderen Stadtbezirk – dann hat Hanna Donner die Auskunft erteilt. Wenn jemand vor einem Hochhaus steht und ausruft: „Ist das aber eine entzückende Hundehütte“ dann ist es Hanna, die ihre Brille vergessen hat. Im übrigen ist sie natur-rothaarig und hat den berühmten sächsischen Charme, der mitunter in Dialekt ausartet und deshalb schon manche schwache Szene gerettet hat, Die große bisher ungelöste Frage ihres Lebens: „Wo gibt es ,gangbare‘ Schuhe in Größe 35?“ Im Hinblick auf die zur Zeit angebotenen Importe in den Größen für germanische Heldenweiber überlegt sie, ob sie barfuß vor dem Roten Rathaus demonstrieren soll. Ihr Hobby: Lesen, lesen und nochmals lesen. Und mit Helmut Hellmann Eierkuchen backen.

Heinz Draehn
heißt mit bürgerlichen Namen eigentlich Kuddel Daddeldu und ist der Distel-Seemann vom Dienst, weil er in Rostock geboren ist und früher wirklich einmal Seemann und Hafenarbeiter war. Trotz seines Vaterländischen Verdienstordens und seiner Figur ist er Trabantfahrer. Er ist temperamentvoll wie eine Selters, die man vor dem Gebrauch geschüttelt hat, und beschimpft im Straßenverkehr alle Autofahrer, die schneller fahren als er, mit Kraftausdrücken, die sogar wir nur unter leichtem Erröten hören können. Da er Distel-Parteisekretär ist, glaubt er, er müsse auch im Straßenverkehr das Tempo bestimmen (und das im Trabant!). Im Kofferraum befindet sich ständig sein Kuddel-Kostüm um im Falle von Rot an der Kreuzung schnell im nächsten Kulturhaus eine Kuddel-Mucke machen zu können. Heinz ist ein glühender Agitator für den Sozialismus. Wenn man „unser“ Wetter als Sauwetter bezeichnet, dann antwortet er: „Glaubst Du, ,drüben‘ ist es besser?!“ Vor so viel Dialektik hätte selbst Karl Marx kapitoliert.

Lutz Stückrath
ist gelernter Schlosser, Ehrenmitglied der Jungen Pioniere und Antiquitätenliebhaber. Er besitzt einen Barocktisch von 1928 für 300 Mark, der mindestens 40 Mark wert ist. Deshalb hat er auch noch kein Auto und kann in den wichtigsten Dingen des Lebens, als da sind, welche Werkstatt muß man mit wieviel schmieren, um neue Scheinwerfer zu bekommen, nicht mitreden. Er eignet sich hervorragend zum Mitnehmen beim Einkaufen. Wenn er seine große Inkognito-Sonnenbrille aufsetzt, mit der er erst recht wie Lutz Stückrath aussieht, rückt jede Verkäuferin sogar im tiefsten Winter Schnittblumen heraus. Auf der Distel-Bühne verwischt er spielend den Eindruck, den er im „Kessel Buntes“ leider machen muß.

Hannelore Erle
Während in den 50er Jahren alles glühend vor Begeisterung volkstanzte, mußte sie aus der Reihe tanzen und Ballettunterricht nehmen. Sie tanzte nicht nur einen Sommer, sondern sich gleich durch Kindheit und Jugend, von Magdeburg bis zum Friedrichstadt-Palast. In Berlin machte sie die Schauspielprüfung und mußte auch im neuen, Beruf gleich wieder aus der Rolle fallen. Während ihre Berufskolleginnen sozialistischen Sturm und Drang mit Bau-auf-Bau-auf-Dramatik spielten (Liebe geht nur über Normerfüllung und so), schmiß sie sich auf das Fach „Salondame“. Mit diesem Oppositionsgeist mußte sie gesetzmäßig im Kabarett landen. Privat ist sie in der Fernseh-Schwank-Familie Richter-Reinick gelandet, mit der sie ein Kind und einen Hund hat. Mit ihrem Mann spielt sie Schach, immer nur Schach, und davon ist sie als Dame mitunter ganz matt.

Brigitte Krause
Als sie in ihren DEFA-Anfängen die lebensprallen und tugendreichen FDJ-lerinnen verkörperte, die stets das zukunftsweisende Lächeln auf und die rechte Losung im Munde trugen, ahnte niemand, daß sie einmal in den Niederungen des Kabaretts landen würde. Vor kurzem erhielt sie gar wegen Unterschlagung und Erpressung 6 Jahre – allerdings nur in der Fernsehserie „Der Staatsanwalt hat das Wort“. Brigitte ist der Schrecken jedes Requisiteurs. In einem Familienblack von 1-2 Minuten Länge müssen mindestens ein 24-teiliges Kaffeeservice, ein Bügelbrett mit elektrisch angeschlossenem Bügeleisen, eine Waschmaschine mit Trockenschleuder und 3 Geranientöpfe mitspielen, womit sie unermüdlich herumfuhrwerkt. Sie ist begeisterte Moskwitsch-Fahrerin. Wenn sie 50 km/h fahren darf, fährt sie nie über 60 und nennt diese „schlappe 40“. (Anmerkung für die Verkehrspolizei: Wir haben natürlich, wie immer, maßlos übertrieben. Es muß heißen: Wenn sie 30 fahren darf, fährt sie nie über 60 und ... siehe oben.)

Helmut Hellmann
lernte Werkzeugdreher, war Schaltmechaniker und hatte später 120 Frauen am Fließband zu bändigen („Der kann Weiber haben!“). Auch sonst gibt es nichts, was Helmut nicht kann: Nägel in Wände schlagen, kaputte Lampen reparieren, Eierkuchen backen, Russisch sprechen, aussehen wie Ponesky, singen wie Rebroff, fluchen wie Draehn. Als er nach langjähriger Spielzeit im Armeekabarett „Die Kneifzange“ freiwillig zur Distel überwechselte, drohte uns die Armee mit dem Einmarsch ihrer Truppen. Der Konflikt konnte jedoch rechtzeitig während einer feuchtfröhlichen Premierenfeier beigelegt werden.

Gustav Müller
muß immer die Direktoren spielen, weil er so bedeutend aussieht, und alle westlichen Wohlstandsonkels, weil ihm die wohlständische Figur und ein rheinländischer Dialekt eigen sind. Den Dialekt hat er aus der BRD mitgebracht, wo er bis 1950 zu Hause war. Die Figur ist ein reines Produkt der DDR. Beides koexistiert friedlich mit- und ineinander. Er verfügt über einen Tenor von 93 Phon, der jeden Caruso und jede Dampframme von der Bühne gefetzt hätte, und wir werden bei seinem „Belcanto“ den Verdacht nicht los, daß er früher mal zur Operette wollte. Gesanglich ist er in der Dister total unterfordert. Man möchte ihn mal als „Lohengrin“ sterben sehen. Gustav stand schon im 1. Distelprogramm auf der Bühne, und man kann sagen: „Der Gustav war immer dabei!“

Inge Ristock
Daß sie richtiggehend Dramaturgie studiert hat und trotzdem Dramaturgin wurde – und sogar blieb, macht sie zu einer der originellsten und rätselhaftesten Erscheinungen unseres kulturellen Lebens. Ihre Aufgabe als Distel-Dramaturgin ist sowohl eine jammervolle als auch eine doppelte. Der erste Teil ihrer Aufgabe besteht darin, 4 Monate vor der Premiere zu jammern: „Wir kriegen das Programm nie voll!“ Der zweite Teil ihrer Aufgabe besteht darin, 2 Monate vor der Premiere zu jammern: „Wir haben viel zu viel Texte! Was sollen wir bloß rausschmeißen? Um sich als einzige Frau unter den ganzen Autorenmannen behaupten zu können, stärkt sie ständig ihr Selbstbewußtsein mit der stolzen Erinnerung daran, daß einer ihrer Vorfahren anno 1741 auf einem Marktplatz in Sachsen als Pferdedieb gehängt wurde. Auch mit ihr kann man Pferde stehlen, aber noch lieber stiehlt sie die Zeit der Autoren, indem sie denen deren Texte so lange erklärt, bis sie selber nicht mehr wissen, was sie da geschrieben haben.

Joachim Wiemer
bearbeitet das Klavier, die Noten und alle Gewerkschaftsangelegenheiten; er ist also der BGeller und „Kantor“ des Distel-Hammerorchesters *) mit Werner Bähr (g, f), Walter lllinger (b) und Herbert Clarus (dr).
Die Kabarettisten sind seit Jahren der Ansicht, die Musik sei zu laut. Die Musiker sind seit Jahren der Ansicht, die Kabarettisten seien zu leise. So legen beide Seiten ihren Standpunkt dar, ohne daß die Leninsche Frage „Wer-wen“ bisher entschieden werden konnte. Wenn man ihm ins Handwerk redet, sagt er: Kinder, das versteht ihr nicht, Musik ist Mathematik.“ Deshalb muß man bei ihm auch mit manchem rechnen, z. B., daß ein Titel von Uve Schikora klingt, als hätte ihn Walter Kollo geschrieben.
*) Druckfehler: heißt natürlich Kammerorchester
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In eigener Lache
Text: Hans Rascher
Komposition; Siegfried Schäfer
fast alle

Kuddeldaddeldu
Text: Hans Krause
Heinz Draehn

Jugendweihe
Text: Inge Ristock
Hannelore Erle, Gustav Müller, Lutz Stückrath

... Und was macht man nach dem Abitur?
Text: Inge Ristock
Brigitte Krause, Ilse Maybrid, Heinz Draehn,
Gustav Müller, Karl Heinz Oppel, Lutz Stückrath


Scheiden tut weh
Text: Achim Fröhlich
Ilse Maybrid, Helmut Hellmann

Da hat vor 20 Jahren ...
Text: Lutz Stückrath-Ensemble
Komposition: Wolfgang Lesser


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Chilenisches Stricklied
Text: Peter Ensikat
Hanna Donner

Alles Deutsche
Text: Jochen Petersdorf
Heinz Draehn, Otto Stark

Kritik und Selbstkritik
Text: Kurt Witt
Hanna Donner, Hannelore Erle, Ilse Maybrid,
Helmut Hellmann, Karl Heinz Oppel, Otto Stark


Was ist Dramaturgie ?
Text: Klaus Boedeker, Inge Ristock
Brigitte Krause, Otto Stark

Ständchen
Text: Kurt Bartsch
alle

Finale
Text: Hans Rascher
alle

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Ausschnitte aus dem Distel-Programm
„In eigener Lache“
Regie: Volkmar Neumann, Wolfgang E. Struck, Robert Trösch
Dramaturgie: Inge Ristock
Musikalische Leitung: Joachim Wiemer
Klavier: Joachim Wiemer
Gitarre: Werner Bohr
Baß: Walter Illinger
Schlagzeug : Herbert Clarus
Darsteller: Hanna Donner, Hannelore Erle, Brigitte Krause, Ilse Maybrid, Heinz Draehn, Helmut Hellmann, Gustav Müller, Karl Heinz Oppel, Otto Stark, Lutz Stückrath

Tonregie: Karl Hans Rockstedt

(Veranstaltungsmitschnitte vom 11. u. 12. 9. 1974)