Inge Keller
Porträt einer Schauspielerin

LP LITERA 8 60 262
Covertext:
Große Schauspieler kann man sich in zahlreichen, voneinander völlig verschiedenen profilierten Rollen vorstellen; minder bedeutende dagegen nur in einer bestimmten, ihrem „Typ“ entsprechenden Richtung. Inge Keller ist eine große Schauspielerin. Wählt man aus der Fülle des Vorstellbaren für eine Porträtplatte aus, so ist die gebotene Beschränkung auf das Wesentliche, für die Darstellerin am meisten Charakteristische, sehr schwer.

Der Ausdruck „Star“ erhielt in unserem Sprachgebrauch – man denkt da an das bürgerliche Startheater und an Schlimmeres – längst einen negativen Akzent. Aber funktioniert unser Theater wirklich ohne „Stars“? Ist es nur ein Theater von Ensembledarstellern? Kennt es keine Protagonisten, keine herausragenden Schauspielerpersönlichkeiten mehr? Die Praxis lehrt das Gegenteil. Sie zeigt uns, daß Ensemblekunst und herausragende Einzelleistungen auf vielfältige Weise einander bedingen. Inge Keller hat das durch ihre Arbeit eindrucksvoll bewiesen. Immer war sie Teil eines der Inszenierungsidee verpflichteten Ensembles und zugleich die große Einzelne und Besondere, deren Kunst zu den bleibenden Erinnerungen ungezählter Theaterabende gehört – Was ist nun das Herausragende, was der besondere Reiz dieser Schauspielerin?

Sie ist erzogen und ausgebildet bei den großen Regisseuren des bürgerlichen Theaters (Kortner, Noelte, Barlog u. a.) und mußte sich als junge Schauspielerin im bürgerlichen Theaterbetrieb durchsetzen, was mehr als sonst überall bedeutet: äußerste Selbstdisziplin und Härte mit sich, schnelles Auffassen und eigenständiges Umsetzen in prägnante künstlerische Form; schnelles Finden seines ausgestellten schauspielerischen Ichs, seiner eigenen Persönlichkeit in der Rolle. Sie lernte bei ihrem großen Lehrmeister Wolfgang Langhoff und anderen bedeutenden Regisseuren des sozialistischen Theaters wie Wolfgang Heinz und Benno Besson die Dialektik zwischen der Stückfigur und dem ganzen Stück zu erkennen und konzeptionelle Haltungen für die Figur aus dem Ganzen her zu entwickeln.

Das Besondere also?

Inge Keller mißt und wertet ihre Rollengestalten an ihrer eigenen ausgeprägten und sehr sensiblen Menschlichkeit; sie gibt dieser in den verschiedenartigsten Rollen reichen, sinnlich unmittelbaren Ausdruck. Ihr Unglück: eine Rolle an der wenig auszuloten ist, die im Klischee stecken bleibt und mit der sich keine innere Korrespondenz herstellt. Oder eine Rolle, deren Ausloten und sinnenhaftes Erschließen zu Ergebnissen führt, die einer vorgegebenen Regiekonzeption zuwiderlaufen. Inge Keller „macht“ nicht gern etwas einfach so, wie es verlangt wird, sie stellt den Anspruch auf schöpferische Mitarbeit und vermag ihn zu behaupten. Hinter ihrer Kreativität steht das ganze konfliktreiche Leben einer reifen Frau; in sie gehen reiche Kunsterfahrungen ein, zu der sich lebhafte schauspielerische Phantasie, ein wacher, kritischer Verstand, ein ausgeprägter Geschmack und ein Gespräch für die Besonderheit jeder szenischen Situation gesellen. Sinnenhaftes Erschließen – das bedeutet auch eine selten in dieser lockeren Selbstverständlichkeit anzutreffende Übereinstimmung von sprachlichem und körperlichem Ausdruck. Jedes Wort, jede Geste, jeder Gang, jeder Bewegungsablauf erscheint wie bewußt geformt und macht durch die Formgebung auf etwas Besonderes, Kostbares aufmerksam. Dennoch sind die Formen nicht mühsam gesucht und einstudiert, sie unterliegen auch keineswegs ständigen bewußten Kontrolle, sie entstehen organisch im fortschreitenden Prozeß der geistigen Aneignung der Rolle und reflektieren das Einbringen der eigenen Persönlichkeit in die Rollengestalt. Nimmt man nur die Sprachkunst, so könnte man sagen (und die vorliegende Platte kann nur Beispiele – sicher auch unerwartete – dafür liefern), daß Inge Keller heute in der Lage ist, sich jeder große Frauenfigur der Weltliteratur zu nähern und ihr Leben zu geben.

Was gehört auf eine Porträtplatte? Sie hätte Auszüge aus Rollen wiedergeben können, die die Schauspielerin auf der Bühne gespielt hat, einen repräsentativen Ausschnitt sozusagen. Diese hier bietet mehr: eine Auswahl von Frauengestalten, die einen Hinweis auf die potentiellen Möglichkeiten der Darstellerin geben; also auch solche, die sie nicht auf der Bühne oder im Fernsehen interpretiert hat. Und auch schon gespielte Rollen mußten neu erarbeitet werden – teils des zeitlichen und damit geistigen Abstandes wegen, teils, um wesentliche Aussagen aus dem körperlichen Ausdruck in den Sprachgestus zu übertragen.

Das war harte Arbeit. Das Besondere daran: Es war fröhliche, genußvolle Arbeit – mit Inge Kellers Worten ausgedrückt: Es war eine glückliche Zeit. Es gab selbstverständliche gegenseitige Achtung, gegenseitiges Vertrauen und Zutrauen, eine gleiche Zielstellung. Es gab wirkliche Partnerschaft, d. h. niemand wollte, wie heute hier und da in Mode gekommen, nur sich selbst verwirklichen – etwa gar auf Kosten des anderen – sondern alle wollten gemeinsam ein Vorhaben verwirklichen, und nur in der Lösung dieser zweifellos anspruchsvollen und schwierigen Aufgabe auch sich selbst. So wurde viel gestritten, aber nur um der gemeinsamen Sache wegen; es gab keinen Autoritätskampf, kein Bedeutungsgehabe. Jeder hörte dem anderen aufmerksam zu und vermied es sorgfältig den Partner zu verunsichern. Letztlich entschied stets das Probieren, das praktische Arbeitsergebnis. Und oft wurde es von Inge Keller im nächsten Aufnahmetermin wieder infrage gestellt, denn sie weiß daß sie das einmal Konservierte dann, wenn es zur schwarzen Scheibe geworden ist, nicht mehr korrigieren kann. Anders als in ihrem geliebten Theater, wo jede Vorstellung eine Korrektur, eine Steigerung möglich macht. Sie gehört zu denen, die mit der Arbeit leben, die von ihr getragen werden, die sich nicht vertrösten lassen und sich nur mit dem Bestmöglichen zufrieden geben wollen.
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Frederico Garcia Lorca
Rosenlied
aus „Dons Rosita bleibt ledig“
Deutsch von Enrique Beck
Verlag Reiss AG Basel

Johann Wolfgang von Goethe
Monolog der Iphigenie
aus „Iphigenie auf Tauris“, 1. Akt

Matthias Braun
Auftritt der Kassanda
aus „Die Troerinnen“ nach Euripides
Henschelverlag für Kunst und Gesellschaft, Berlin

Heinrich von Kleist
Krugerzählung der Marthe Rull
aus „Der zerbrochene Krug“

Gerhart Hauptmann
Auftritt der Sidonie Knobbe
aus „Die Ratten“, 3. Akt
Verlag Felix Bloch-Erben, Berlin W.


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Nazim Hikmet
Brief aus Istanbul
Deutsch von Stefan Hermlin
Aufbauverlag, Berlin und Weimar

Georg Büchner
Erzählung der Marion
aus „Dantons Tod“, 1. Akt

Friedrich von Schiller
Monolog der Elisabeth
aus „Maria Stuart“, IV. Akt

William Shakespeare
Letzter Auftritt der Katharina
aus „Der Widerspenstigen Zähmung“
Übersetzung: Schlegel, Tieck

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Sprecherin: Inge Keller

Regie: Jürgen Schmidt
Dramaturgische Mitarbeit: Ingrid Seyfarth

Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Aufgenommen 1978