Iphigenie auf Tauris

von Johann Wolfgang Goethe

LP LITERA 8 65 186
Covertext:
Auszüge aus dem Textheft der Schaltplatten-Gesamtaufnahme
„Iphigenie auf Tauris“ in der Inszenierung des Deutschen Theaters ist die letzte vollendete Regiearbeit Wolfgang Langhoffs. Er gehörte zu jenen Künstlerpersönlichkeiten, die die sozialistische Theaterkunst der DDR auf eine Höhe der künstlerischen Meisterschaft führten, welche im In- und Ausland Aufsehen erregte. Im Zentrum seines künstlerischen Wirkens standen neben bedeutenden Inszenierungen von Stücken der revolutionären zeitgenössischen Dramatik die Versuche, wesentliche Werke des klassischen Erbes neu zu entdecken. Für alle diese Versuche war charakteristisch, daß Langhoff konsequent vom Standpunkt des bewußten Mitgestalters der großen sozialen Umwälzungen in der DDR ausging und seine Inszenierungen als kämpferische Beiträge zur ideologischen Klassenauseinandersetzung auffaßte. Dieser Ausgangspunkt machte seine Klassikerinszenierungen fast ausnahmslos zu Theaterereignissen von hohem Rang.

… Es kann kein Zufall sein, daß Langhoff sich nun erst (1963) einem der kompliziertesten Werke der Klassik zuwandte, der „Iphigenie auf Tauris“, einer der reinsten Ausformungen des klassischen Ideals und ein Stück, in dem der Schwerpunkt des dramatischen Geschehens auf der inneren Handlung liegt. Zwei Voraussetzungen waren entstanden, die diesen Versuch ermöglichten: Die historischen Erfahrungen der Aufbaujahre und des Friedenskampfes waren so umfassend in das Bewußtsein der Zeitgenossen eingegangen, daß der humanistische Gehalt des Stückes stärker als je vorher als Anregung für die Beantwortung eigener Lebensfragen verstanden werden konnte. Zugleich hatte Langhoff im Ensemble des Deutschen Theaters eine Gruppe von Schauspielern herangebildet, die über die erforderlichen Ausdrucksmittel verfügten, um die Schwierigkeiten einer Interpretation der „Iphigenie“ für das Heute des Jahres 1963 zu meistern. Nur mit diesen Voraussetzungen konnte Langhoff das Wagnis einer „Iphigenie“-Interpretation eingehen, in der die Schönheit der Sprache mit der Schönheit vernunftgemäßen menschlichen Denkens verschmolz. Er betonte in seiner Inszenierung das Antizipatorische, das als Botschaft des Humanisten Goethe zu uns herüberreicht und wert ist – unbeschadet seiner zeitbedingten idealistischen Begrenzungen –, im realen Humanismus unserer Gesellschaft aufgehoben zu werden …

Dr. Fritz Rödel


Auf den jungen Goethe machten Herders Humanitätsideale einen tiefen bleibenden Eindruck, wofür die „Iphigenie auf Tauris“ das schönste Zeugnis ablegt. Im 15. Buch seiner „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ sagt Herder, der ein tief gottgläubiger Mensch war:
„Die Gottheit hilft uns nur durch unsern Fleiß, durch unsern Verstand, durch unsere Kräfte. Als sie die Erde und alle venunftslosen Geschöpfe derselben geschaffen hatte, formte sie den Menschen und sprach zu ihm: ,Sei mein Bild, ein Gott auf Erden, herrsche und walte! Was du aus deiner
Natur Edles und Vortreffliches zu schaffen vermagst, bringe hervor! Ich darf dir nicht durch Wunder beistehen, da ich dein menschliches Schicksal in deine menschliche Hand legt; aber alle meine heiligen, ewigen Gesetze der Natur werden dir helfen!‘“

… Goethe schafft in der „Iphigenie“ für seine Menschen einen ganz irdischen Aktionsraum, worin für die Götter, die im antiken Drama persönlich auftreten und eingreifen, kein Platz mehr ist. Apoll und Diana werden zwar noch genannt, und – wie bei Euripides – fahren Orest und Pylades auf Apolls Geheiß nach Taurien, aber die Handlungen der goetheschen Gestalten bleiben im menschlichen Bezirk, bleiben vernunftbetonte, warmherzige Handlungen von Menschen für Menschen. An die Stelle göttlicher Willkür, die die Menschen zur unmenschlichen Tat zwingt, tritt das Gesetz, das sich der Mensch nur selber zu geben vermag.

… Goethes „Iphigenie“ ist keine Nachschöpfung der „Iphigenie“ des Euripides, der sein Werk einst als Spiegelung der Strömungen seiner Zeit geschaffen hat, sondern eine Neuschöpfung, die eine gewisse Grundform beibehält, sie aber mit ganz neuem Inhalt füllt, mit Gedanken, Wünschen und Zielen, die Goethe und seine Zeit bewegten und die weit in die Zukunft weisen, bis hinein in unsere Gegenwart und gar noch darüber hinaus.

Das Geschehen auf Tauris wird zu einem Gleichnis: Iphigeniens Entscheidungen zeigen eine humanistische Alternative zur ganzen bisherigen Menschheitsgeschichte. Sie enthalten die Forderung nach einer neuen, wahrhaft menschenwürdigen Ordnung.
… Wichtig für die Konzeption unserer Inszenierung durch Wolfgang Langhoff und das beteiligte Kollektiv war, daß wir es mit einem irdischen, einem menschlichen Konflikt zu tun hatten, der folglich auch nur menschlich, durch menschliche Vernunft und Humanität gelöst werden kann und gelöst wird. Wolfgang Langhoff und seine Mitarbeiter erkannten in Goethes „Iphigenie auf Tauris“ die Möglichkeit das klassische Schauspiel auch als ein Zeitstück unserer Epoche zu spielen. Die Aktualität der in ihm enthaltenen Ideen, Gedanken, Haltungen, Entscheidungen und zu lösenden Widersprüche erschien uns erstaunlich groß. So ging Wolfgang Langhoff von Anfang an davon aus, mit ihm ein großangelegtes Nachkriegsstück zu inszenieren, in dem – wie in unserer Zeit – das Elend und die Greuel des Krieges noch gefährlich genug nachwirken. Goethes Ziele in der „Iphigenie“ – das Bekenntnis zur rückhaltlosen Wahrheit, die Abkehr von Lug und Trug, von Gewalttat und Barbarei, der Wunsch nach allgemeinem Gastrecht, also der Freundschaft aller Völker untereinander, das alles sind für uns nahe und vertraute Gedanken und Ziele. Mit der Untat des Orest schließt die dunkle Epoche der Geschichte des Tantalidengeschlechts – von Goethe stellvertretend für das Menschengeschlecht gesehen – ab; mit Orests Heilung und dem Ja des Thoas zum Freundschaftsbund beginnt die neue, lichte Zeit Der neue Mensch tritt uns beispielgebend entgegen in der Gestalt der Goetheschen Iphigenie.

Kurt Seeger
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1. Akt, 1. Auftritt:
Monolog der Iphigenie
Iphigenie:
Heraus in Eure Schatten, rege Wipfel des alten, heil’gen, dichtbelaubten Hains …

Auszüge aus dem 1. Akt:
1. Akt, 2. Auftritt: Iphigenie. Arkas
Arkas:
Du hast hier nichts getan seit deiner Ankunft? … bis:
Erleicht’r ihm, was er dir zu sagen denkt

1. Akt, 3. Auftritt: Iphigenie. Thoas
Iphigenie: Vom alten Bande löst ungern sich die Zunge los …
bis:
Ich bin es selbst, bin Iphigene …
der Göttin Eigentum, die mit dir spricht.

1. Akt, 4. Auftritt: Monolog der Iphigenie
Iphigenie:
Du hast Wolken, gnädige Retterin …

Überblick über die Handlung des 2. Aktes

Auszüge aus dem 3. Akt:
3. Akt, 1. Auftritt: Iphigenie. Orest

Orest:
Ich kann nicht leiden, daß du große Seele mit einem falschen Wort betrogen werdest …
bis:
Iphigenie:
O laßt das lang erwartete noch kaum gedachte Glück nicht … eitel mir und dreifach schmerzlicher vorübergehn.

3. Akt, 1. Auftritt: Iphigenie. Orest
Iphigenie: Fasse dich, Bruder, und erkenne die Gefundne! …
bis:
… Wo bist du, Pylades! Wo find’ ich deine Hilfe, teurer Mann?

3. Akt, 3. Auftritt: Orest. Iphigenie. Pylades
Orest:
Seid ihr auch schon herabgekommen? …
bis:
Pylades:
Es bedarf hier schnellen Rat und Schluß.


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Auszüge aus dem 4. Akt:
4. Akt, 1. Auftritt: Iphigenie
Iphigenie:
Ach! ich sehe wohl, ich muß mich leiten lassen wie ein Kind …
bis:
… und sie kehrt, ein losgedrückter Pfeil, zurück und trifft den Schützen.

4. Akt, 2. Auftritt: Iphigenie
Iphigenie:
Der älteste dieser Männer trägt die Schuld des nahverwandten Blutes …
bis:
… Es störe niemand unsern stillen Zug!

4. Akt, 3. Auftritt: Monolog der Iphigenie
Iphigenie:
Von dieses Mannes Rede fühl’ ich mir …

4. Akt, 4. Auftritt: Iphigenie. Pylades
Pylades:
Der deinen Bruder schlachtet, dem entfliehst du …
bis:
… aus deiner heil’gen Hand der Rettung schönes Siegel zu empfangen.

4. Akt, 5. Auftritt: Monolog der Iphigenie
Iphigenie:
Ich muß ihm folgen, denn die Meinigen seh’ ich in dringender Gefahr …

Auszüge aus dem 5. Akt:
5. Akt, 3. Auftritt: Iphigenie. Thoas

Iphigenie:
Hat denn zur unerhörten Tat der Mann allein das Recht …
bis:
… Bedenke nicht; gewähre, wie du’s fühlst.

5. Akt, 6. Auftritt: Iphigenie. Thoas
Iphigenie:
Mitnichten! Dieses blutigen Beweises bedarf es nicht, o König! …
bis:
Thoas:
Lebt wohl!

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Iphigenie: Inge Keller
Thoas – König der Taurier: Herwart Grosse
Orest: Horst Drinda
Pylades: Otto Mellies
Arkas: Ernst Kahler
Sprecher der Zwischentexte: Ernst Kahler

von Johann Wolfgang Goethe
Inszenierung des Deutschen Theaters, Berlin
Regie: Wolfgang Langhoff
Schallplattenregie: Kurt Seeger, Wolfram Krempel
Tonregie: Karl-Hans Rockstedt
aufgenommen: Sommer 1972
Auszüge aus der Gesamtaufnahme

Die erläuternden Texte ergeben zusammen mit den Auszügen eine vollständige Wiedergabe des Handlungsablaufes.