Ir me quiero
Lieder und Romanzen der spanischen Juden
LP LITERA 8 65 440
Covertext:
Während Literatur und Geschichte der Juden Osteuropas (Aschkenasim) in den letzten Jahren durch zahlreiche Publikationen, mehr jedoch noch durch das gesungene Jiddische Lied, in gewissem Maße populär gemacht wurden, ist der westeuropäische (sephardische) Kulturkreis weitgehend unbekannt geblieben. Die Gründe hierfür mögen historischer, geographischer und nicht zuletzt sprachlicher Natur sein. Das Spaniolische ist – im Gegensatz zum Ladino, der ausgestorbenen Sprache liturgischer Gesänge – Alltagsidiom der, heute nur noch nach Zehntausenden zählenden, vor allem in Griechenland, Holland, der Türkei, Bulgarien, Spanien und Portugal beheimateten Sephardim. Es läßt sich am ehesten als ein, durchaus verständliches, konservatives Spanien bezeichnen, das, ähnlich dem Jiddischen, durch hebräische und aramäische Vokabeln und Fügungen, sowie solche des entsprechenden Gastlandes bereichert wurde. So bizarr und farbenprächtig wie die Sprache ist auch das vielgestaltige Liedschaffen. Neben traditionellen religiösen Texten begegnen uns zarte und schwermütige Liebeslieder, die vor unseren Augen sonnenüberstrahlte Olivenhaine, orientalische Paläste und – immer wieder – das Meer erstehen lassen. Wir treffen auf Strophen, die in ihrer intensiven, magischen Bilderwelt auf das Geburtsland der mittelalterlichen jüdischen Mystik verweisen, auf frivole, scherzhafte und spöttische Verse und schließlich auf Romanzen, die in ihrer Thematik der christlichen Wiedereroberung der, von arabischen Stämmen besetzten, Pyrenäenhalbinsel verbunden sind. Gerade Letzteres wirkt bei der zwanglosen Art, in der Volkslieder gemeinhin entstehen, entlehnt werden und sich gegeseitig befruchten, natürlich. Für den Historiker jedoch erregt es zumindest Befremden, war doch die Geschichte der Juden und Araber auf der Iberischen Halbinsel nicht nur in ihrer Blütezeit, sondern auch in den Zeiten der Verfolgung auf das engste miteinander verflochten. So erscheint die Identifikation eines jüdischen Spielmanns mit dem christlichen Ritter der Ballade, der, das Schwert in der Hand, aus dem Kreuzzug gegen die Ungläubigen zurückkehrt, schwer vorstellbar. Aber die Volkspoesie geht oft ihre eigenen Wege. Die gnadenlose Hetzjagd auf sephardische Juden stand der auf ihre Brüder in Osteuropa in nichts nach. In der an den Faschismus gemahnenden Infamie der Peiniger, dem Versuch, das schließlich gemordete oder vertriebene Volk zuvor noch zu entzweien und die Gruppierungen gegeneinander auszuspielen, übertraf sie diese wohl noch. Marranen – Synonym gewordenes Schimpfwort für unter dem Druck der Verhältnisse oder aus Karrieregründen zum Christentum konvertierter Juden – wurden in ihrer Entrissenheit als Neu- also Noch-nicht-Christen (die Inquisition machte diesen feinen Unterschied im Feuer der Scheiterhaufen deutlich) und Nicht-mehr-Juden häufig zu Verrätern an den früheren Glaubensgefährten. Insbesondere nach Erscheinen der vom Heiligen Tribunal verbreiteten 37 Artikel, in denen aus den unsinnigsten Anzeichen ein Rückfall ins Judentum abgeleitet wurde, mehrten sich Fälle, da fanatisierte Kinder ihre Eltern dem Henker überantworteten.
Diese Vorkommnisse, von den Chronisten nur beiläufig erwähnt, fallen zu Recht der Vergessenheit anheim, Im Gedächtnis bleiben wird, wann immer man der sephardischen Juden gedenkt, deren Unbeugsamkeit und gegenseitige Hilfe in Notzeiten, ihre menschliche Größe im Angesicht der Tyrannei, der erst mit dem Märtyrertod endende Versuch, das Unbegreifliche zu verstehen. Und es waren auch Sepharden, hinter denen sich die Tore von Auschwitz schlossen …
Das Trio Jalda Rebling (voc.), Hans-Werner Apel (guit., lute) und Stefan Maaß (guit., lute) arbeitet seit 1981 zusammen und trat mit überzeugend gestalteten literarisch-musikalischen Programmen jüdischer Thematik hervor, die von eigenwilligen Neuinterpretationen bekannter jiddischer Lieder über traditionelle Festgesänge bis hin zu Proben uralter hebräischer Synagogalmusik reichen. Später wandten sich die drei Interpreten verstärkt der Aufführung judenspanischer Lieder und Romanzen zu. Nach jahrelanger Beschäftigung mit diesen, durch kunstvolle Poesie und aus christlich-arabischer Tonkunst schöpfender Melodik außerordentlich reizvollen Zeugnissen mittelalterlicher Liedkultur entstand ein, durch gediegene Arrangements und lyrische Zwischentexte bestechendes Programm, das sich dramaturgisch an der wechselvollen Geschichte der 1492 von der Iberischen Halbinsel vertriebenen Sepharden orientiert und eine sensible Einführung in den überreichen, noch viel zu wenig erschlossenen, Kulturkreis der westeuropäischen Juden vermittelt.
Für die Schallplattenaufnahme komplettierte sich die Gruppe mit Martin Spranger (perc.), einem in Frankreich lebenden ausgezeichneten Kenner und Interpreten außereuropäischer, besonders iranischer, ägyptisch-arabischer und afrikanischer Rhythmik, dargeboten auf Originalinstrumenten (einer iranischen und einer arabischen Handtrommel, arabischen Tambourins, einer westafrikanischen Tanztrommel und einem aus fünf solcher Trommeln zusammengesetzten pentatonischen Rhythmusinstrument).
Am verhängnisvollen Neumondstage des Tamuz 5151 (1391) richtete Gott die Bogen des Feindes gegen die große Gemeinde Sevilla, die sechs- oder siebentausend Familien zählte. Man steckte die Tore in Brand und richtete ein großes Blutbad an; doch viele nahmen die Taufe an, manche gaben ihre Frauen und Kinder den Christen preis, die Straßen der Juden waren verödet. Viele starben für die Heiligung des göttlichen Namens, viele wurden dem heiligen Bunde untreu.
Von da an verbreitete sich das Feuer und verzehrte die Großen der heiligen Gemeinde Cordova. Auch dort nahmen viele die Taufe an; und din Gemeinde war vernichtet. Am 17. Tamuz, dem Gedenktage so vieler Leiden und großen Jammers, ergoß sich der Zorn Gottes über die heilige Stadt, von der Thora und Gotteswort ausging, über Toledo; man mordete in Gottes Heiligtum Priester und Prophet. Dort heiligten öffentlich den Namen Gottes die Rabbiner, die frommen und musterhaften Nachkommen des sel. R. Ascher, sie und ihre Kinder und ihre Schüler; aber auch viele, die ihr Leben preiszugeben nicht den Mut hatten, nahmen die Taufe an.
Außer über diese brach das Unglück noch über siebenzig Gemeinden aus der Umgebung herein, wir aber stehen noch Tag und Nacht in banger Erwartung des Kommenden …

Sendeschreiben des Don Chisdai Crescas, Rabbiner zu Saragossa, an die Gemeinden von Avignon
November 1391


Auch haben wir erfahren, daß man die Juden der Missetat anklagt, sie hätten die Brunnen vergiftet und mischten in ihr Osterbrot Menschenblut, da dieses aber den Juden mit Unrecht vorgeworfen wird, so verbieten wir allen Christen und den vorgenannten geistlichen und weltlichen Predigern, daß sie die Christen gegen die Juden in Bewegung setzen sollen; wer dagegen handelt, verfällt den Bannsprüchen der heiligen Kirchen … Wir wollen, daß ein jeglicher Christenmensch mit den Juden in leutseliger Weise (humana mensuetudine) verkehre und ihnen an ihrer Person, Habe, ihrem Gute keinen Frevel, Trübsal oder Leid zufüge …

Bulle des Papstes Martin V. Rom, 13. März 1422


In Unseren Königreichen gibt es nicht wenig Judaisierende … Wir haben dafür gesorgt, daß die Inquisition eingeführt werde, die nun zwölf Jahre in Tätigkeit ist und viele Schuldige der gerechten Strafe zugeführt hat … Nach dem von der Inquisition Uns erstatteten Bericht unterliegt es keinem Zweifel, daß der Verkehr der Christen mit den Juden den allergrößten Schaden stiftet … Dies hatte die Unterwühlung und Erniedrigung des katholischen Glaubens zur unausbleiblichen Folge … Wir haben daher den Entschluß gefaßt, alle Juden beiderlei Geschlechts für immer aus den Grenzen Unseres Reiches zu weisen.

Edikt des Fernando de Aragon, König von Spanien
Granada, 31. März 1492

(deutschsprachige Zitate nach A. Sulzbach und V. Marcu)
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Improvisation (Lautenduo)
Ir me quiero I
Morena me llaman
La serena
Scalerica del oro
Durme, durme
Die Parabel von den zwei Edelsteinen
Una matica de ruda
Triste estava el Rey David
Ir me quiero II



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Aus Aufzeichnungen von Esriel Carlebach
Lavava y suspirava
Por alli paso un cavallero
Das Niesen, ein Märchen aus Konstantinopel
Cuando el Rey Nimrod
aus Aufzeichnungen von Esriel Carlebach
Ir me quiero III


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Gesang, Sprecherin: Jalda Rebling

Begleitung: Hans-Werner Apel und Stephan Maaß (Laute) und Martin Spranger (Percussion)
Alle Melodien sind Volksgut, desgleichen die Parabel und das Märchen.
Zwischen den Romanzen und Liedern neun Texte zur Geschichte der Sepharden.
Für die Zwischentexte, die Übertragung der spanischen Texte ins Deutsche und die Programmgestaltung zeichnet Andrej Jendrusch
Komposition der „Improvisation“: Hans-Werner Apel, Stephan Maaß
Arrangements aller Romanzen und Lieder: Hans-Werner Apel, Stephan Maaß, Martin Spranger.
Hersteller der Lauten: Stephen Murphy, Frank Krüger.
Die Verwendung der Texte von Esriel Carlebach erfolgt mit freundl. Genehmigung der Erben.

Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Schnitt: Rita Seddig
Aufgenommen 1988