Irkutsker Geschichte
(Querschnitt)

von Alexej Arbusow
LP LITERA 8 60 026
Covertext:
„Ohne Liebe kann man nicht leben“, mit diesem Satz beginnt die „Irkutsker Geschichte“. Er umreißt das Grundproblem des Stückes.
Welche Frage stellt der Dramatiker Arbusow sich und uns, dem Publikum? Es ist die uralte Frage nach dem Sinn des menschlichen Lebens. Ihre Beantwortung ist das untrügliche Agens für die Daseinsberechtigung einer Gesellschaftsordnung. Junge, aufstrebende soziale Gemeinschaften geben dem Menschen eine Perspektive, sein Leben ist sinnvoll, ist schön. Eine überlebte Gesellschaft aber hat dem Menschen nichts mehr zu sagen. Da ist kein Ziel, sein Dasein keine Notwendigkeit mehr. Er ist in Dunkelheit geworfen, umgeben von Bösem und getrieben von animalischen Instinkten.
So verstanden, stellt Arbusow die Frage nach dem ethischen Sinn menschlichen Lebens in der kommunistischen Zukunft. Er gibt die schönste und inhaltsschwerste Antwort. Er sagt: Es ist die Liebe. Es ist die Liebe zwischen Mann und Frau, die Liebe zu den Kindern, die Liebe zum tätigen Menschen überhaupt und seiner glückhaften Gemeinschaft, der erhabensten Schöpfung die die Erde gebar in den Jahrmillionen ihrer Geschichte.
Valja, Viktor und Sergej erleben wir in einem entscheidenden Abschnitt ihres Daseins. Alle drei sind aufgewachsen in der sozialistischen Gesellschaft des Sowjetstaates. In ihre Existenz bricht die Liebe ein mit elementarer Wucht und wird zum Prüfstein ihres Wesens.
Ziellos läßt sich Valja treiben. Sie arbeitet, um ihr Leben zu fristen. Es ist ihr gleich, was sie tut; an nichts hat sie eigentlich Interesse. In ihrer Freizeit amüsiert sie sich mal mit diesem, mal mit jenem Mann. Derzeit ist Viktor ihr Freund. Sie nennen ihr Zusammensein Liebe, aber sie bleiben unerfüllt voneinander. Valja preist provozierend ihr Leben als das einzig richtige, ohne selbst überzeugt zu sein. Sie empfindet ihre Einsamkeit, ohne einen Ausweg zu sehen. So trifft sie auf Sergej.
Sergej, der selbst durch manche Prüfung hindurchging, der erleben mußte, wie seine Ehe scheiterte, da seine Frau und er einander nichts mehr zu sagen hatten, mußte um seinen Standpunkt in der Welt kämpfen.
Er hat den Sieg davongetragen und weiß, daß es das Ziel des Menschen sein muß, für eine Sache zu leben, die größer ist als er selbst, die alle Menschen umfaßt – für den Aufbau einer neuen Gesellschaft. Seine Ansichten und sein Wesen, das der Beweis für das ist, was er sagt, erregen in Valja Gedanken und Gefühle, die sie noch nicht kennt. Seitdem Sergej mit ihr nach dem Kino auf der Bank gesessen hat, seitdem er ihr Briefe schreibt, glaubt sie, daß es das gibt, woran sie bisher zweifelte, die große Liebe. Sergej steht vor einer schweren Entscheidung. Soll er die geliebte Frau seinem Freund Viktor entreißen? Woher nimmt er das Recht? Er glaubt, es zu haben, denn er sieht, die Beziehung zwischen Valja und Viktor ist eine beiläufige, eine zufällige ohne innere Verpflichtung füreinander. Valja, die spürt, wie sehr sie ihr Leben bisher vergeudete, ist von Viktors innerer Gleichgültigkeit tief gekränkt. Sie spürt, daß sie ihn nicht liebt. So findet sie zu Sergej, der sie die ersten Schritte ins neue Leben lehren wird und sie den Inhalt ihres Daseins finden läßt.
Viktor aber trifft Valjas Entscheidung als furchtbarer Schlag. Er, der von sich so überzeugt war, er, dem die „Weiber nachliefen“, ist in seinem Selbstgefühl erschüttert. Er spürt jetzt, daß er noch nie genau gewußt hat, wohin er eigentlich gehört und daß Valja trotz ihrer scheinbaren Oberflächlichkeit ein wertvoller Mensch ist, an dem er sich vergangen hat, und nun plötzlich wächst auch in ihm eine tiefe Liebe für dieses Mädchen. Aber er hat den entscheidenden Augenblick verpaßt. Er weiß nicht, wie er seine Beziehung zu Valja und Sergej, dessen Handeln er nicht begreifen kann, ordnen soll.
Nur kurz ist das glückliche und erfüllte Zusammenleben der jungen Eheleute. Valja wird Mutter, und kurz darauf sieht sie sich von dem geliebten Mann verlassen. Ein grausamer Zufall reißt ihn ihr von der Seite. Sergej ertrinkt beim Baden, als er zwei Kinder vor dem nassen Tod rettet. All das, was an neuen Gedanken und neuem Verhalten sich in Valja entwickelt hat, wird nun erschüttert. Sie ist betäubt von dem Schicksalsschlag, der sie traf, und versucht krampfhaft, ihr einstiges Glück zurückzugewinnen, wenn sie mit Sergejs Bild in ihren einsamen Stunden spricht.
Sergejs Brigade – sie arbeitet auf einem Schreitbagger beim Bau des Wasserkraftwerkes von Bratsk – fühlt sich verantwortlich für Valja. Sergej war einer ihrer Besten, und sie haben die Auseinandersetzungen zwischen Viktor und Sergej miterlebt und mit entschieden. So wollen sie nun auch Valja aus ihrer Lethargie reißen. Gegen den Widerstand Viktors bieten sie ihr Geld an, damit sie nicht auch noch mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Viktors Einspruch wird von der Brigade falsch aufgefaßt. Aber Viktor selbst ist in der bitteren Zeit seines Verzichts auf Valja und der inneren Einkehr ihr so nahe gekommen und hat sich in ihr Leben vertieft, daß er spürt, die Behebung äußerer Schwierigkeiten kann Valja nicht zum Leben in die Gemeinschaft zurückführen. Hier zeigt sich der große ethische Tiefgang von Arbusows Werk, Er beweist, daß das Glück der Menschen sich nicht erfüllt, wenn materielle Sorgen beseitigt werden. Es gibt mehr, es gibt Höheres! Das Höchste aber ist die sinnvolle schöpferische Arbeit für die sozialistische Gesellschaft, und so reift die entscheidende Auseinandersetzung heran, in der zwischen der Brigade, Viktor und Valja diese Dinge ausgesprochen werden. Schließlich versteht auch Valja, die Mauer ihres Schmerzes zu überwinden und begreift, daß Viktors Vorschlag, ihr kein Geld zu geben, sondern eine sinnvolle Arbeit, nicht aus Haß oder Mißgunst, sondern aus tiefer und echter Liebe kommt. Sie geht auf den Bagger, und nun erst hat sich Sergejs Vermächtnis erfüllt; und Valja ist in die Gemeinschaft der sozialistischen Gesellschaft aufgenommen.

Christoph Hamm


Alexej Nikolajewitsch Arbusow wurde am 26. Mai 1908 in Moskau geboren. Er schloß 1928 sein Schauspielstudium, das er 1924 in Leningrad begonnen hatte, ab. Er war tätig als Schauspieler und Regisseur, leitete ein Agitationstheater und wurde 1933 Dramaturg des ersten ständigen Kolchostheaters im Dongebiet. 1938 gründete er das „Moskauer Studio“, das in den Kriegsjahren an der Front wirkte. Diese praktischen Theatererfahrungen erweiterte und befruchtete er durch praktische Kenntnisse des gesellschaftlichen Fortschritts, in dem er in der Produktion arbeitete, zum Beispiel 1931 als Kohlenhäuer im Donbaß.
Sein schriftstellerischer Weg begann 1930 mit dem Theaterstück „Die Klasse“. Es folgten eine große Zahl weiterer Werke, von denen ins Deutsche übersetzt und aufgeführt wurden: „Tanja“ (1938), „Stadt in der Morgenröte“ (1940). „Verschlungene Wege“ (1954) und „Irkutsker Geschichte“ (1959). Mit „Irkutsker Geschichte“ hat Alexej Arbusow zweifellos die vorläufige Höhe seines Schaffens erreicht. Das Stück ist in der Sowjetunion und in den Volksdemokratien viel gespielt worden und Gegenstand reger Diskussionen. Die Aufführungen in der Deutschen Demokratischen Republik, insbesondere die Aufführung in Leipzig, zeichnen sich dadurch aus, daß sie vor allem in der Arbeiterklasse direkt in den Kampf um ein neues und sozialistisches Brigadeleben eingriffen und sichtbare Früchte trugen.
Valja: Christa Gottschalk
Viktor: Achim Schmidtchen
Sergej: Hans-Joachim Hegewald
Serdjuk: Fred Kötteritzsch
Rodik: Wolfgang Dehler
Alexej: Heinz Gothe
Eine Krankenschwester: Annemarie Collin

von Alexej Arbusow
Schallplattenbearbeitung: Christoph Hamm

Zwischenmusiken: Siegfried Tiefensee
Sonja-Vera Korch, Sopran
Ernst Rentner, Akkordeon
Mitglieder des Berliner Rundfunk-Sinfonie-Orchesters
Leitung: Siegfried Tiefensee

Regie: Karl Kayser